In der goldgelb tapezierten Stube trennte kein Wall von Reifröcken mehr
zwei Glückliche.
In der seligen Ruhe, die über beide kam, als sie sich endlich Geliebter
und Geliebte nennen durften, lachte dann Dorette in seinen Armen sehr
leise.
„O du Schönste, du!“ rief er und küßte sie. „Beginnst du schon wieder
mich zu verspotten?“
„Ei freilick,“ lächelte sie. „Denn diesmal 'ast du vergeß' zu
wieder'olen dein' Pointe.“
Der Salon der Frau
von Vermillon,
oder:
Das Register.
Diese Blätter bilden einen Teil der Memoiren, welche die
Gesellschaftsdame der Admiralin Madame Reinezabelle de Vermillon
hinterlassen hat. Es geht aus diesen Blättern hervor, daß Madame
de Vermillon eine Freundin brauchte, die den Ruf guter Moral mit
christlicher Duldung vereinigte und das Französische nicht weitgehend
genug verstand, um allerfeinste Anspielungen, verdeckte Bitten, Zusagen
und Versprechungen zu durchschauen. Demoiselle Babette Strüntzel aus
Straßburg scheint all diesen Anforderungen entsprochen zu haben. Sie
schreibt:
„Meine liebe Frau Admiralin war beständig Strohwitwe. Warum nur?
Admiral Graf Vermillon, der in Marseille Hafenkommandant war,
hätte sich Urlaub genug verschaffen können, um nach dem allgemein
begehrten Paris zu kommen. Jedoch er kam nur selten. War er bei
Hofe übel angeschrieben? Weiß Gott! Er muß ein prächtiger Mann von
großer Keuschheit gewesen sein, denn man hörte keineswegs von ihm
jene Geschichten, durch welche die Herren des _ancien régime_ in den
Verdacht der Frivolität geraten sind. Im Gegenteil. Er fühlte sich
nur wohl in der übermütigen Gesellschaft seiner jüngsten Kameraden und
wurde von den Kadetten zur See geradezu angebetet.
Ich wünschte sehr, von Madame Reinezabelle de Vermillon erzählen zu
können, wie auch sie nur in Gesellschaft junger Mädchen ihr Glück
gesucht hätte. Aber nein. Madame vermied weiblichen Umgang -- bis auf
den meinen -- nach Möglichkeit, und lud ihre hübschen Freundinnen nur
ein, wenn sie, wie ich erst jetzt einsehe, sich von einer allzulange
währenden Freundschaft eines ihrer liebenswürdigen Herren Gäste zu
befreien wünschte.
Wenn man undankbar aus treuen Diensten entlassen wird, so ist das, wie
wenn man sich fortab einer schärferen Brillennummer bediente. Man sieht
trotz der Milde eines guten Christen bedeutend mehr. Interessant.
Ach, wie ich in Madames Salon eintrat? Wären doch die Zeiten noch da!
Wahrlich, es war lasterhaft, aber man benahm sich gut. Herr Phébus de
Lagival las ein Novellchen aus dem Nachlaß von Crébillon fils in einem
Manuskript vor, dessen Abdruck der tugendhafte König verboten hatte.
Wir schämten uns sehr, Madame und ich. Das heißt, Madame benützte
ihren Fächer, um dahinter vergnügt zu sein, und ich den meinen, um
zu verdecken, daß ich nicht zu erröten vermochte, weil ich die zarte
Sprache noch nicht gänzlich beherrschte.
Jedoch lernte ich dabei die Feinheit mehrdeutigen Ausdruckes ein wenig
kennen und fürchten.
Am Schlusse jener Erzählung stand Madame in reizender Empörung auf. Sie
liebte es, ihr lichtblondes Haar nur leise zu pudern, so daß Gold und
Silber im Scheine des Kronleuchters übereinander rieselten, als sie das
helle Antlitz weit, weit weg nach seitwärts und nach hinten bog: sehr
ablehnend, aber lächelnd.
„Es ist gänzlich unmöglich, die Verlegenheit einer Dame, die einer
Erzählung zuhört, ärger zu steigern,“ rief sie aus. „Und es ist ebenso
unmöglich, ihre gerechte Entrüstung darüber besser in Lachreiz zu
verwandeln. Herr Crébillon fils hatte wenig Moral. Das vergäbe ich ihm
ja, gestattete jedoch nicht, daß man solche Dinge vor mir lesen dürfte.
Aber daß er uns dabei noch zum Lachen bringt, ist unverzeihlich, ist
empörend, ist .... Er war eben einzig, dieser jüngere Crébillon. Keiner
macht ihm das nach!“
„O, doch, Madame,“ lächelte Herr Phébus de Lavigal.
„Und wer, wenn ich Sie um das Recht der Anfrage bitten darf?“
„Ich.“
„Schämen Sie sich. Nicht wegen des Stils. Wegen Ihrer Vermessenheit, so
reizend sein zu wollen!“
„Und wenn ich wette?“
„Dann hielte ich diese Wette.“
„Was wollten Sie opfern?“ fragte Herr Phébus in jener leisen Art von
Liebe, die damals bei der guten Gesellschaft gangbar war und von der
man nie recht wußte, ob es nicht bloß leise Freundschaft war.
Madame neigte in tiefem Nachdenken die hohe Frisur über das
hellblühende Antlitz und prüfte ihn unter den halbverdeckenden
Augenlidern. Ich fürchte heute zu erraten, was sie Herrn Phébus
antworten wollte. Aber Herr Obolon, der Hausarzt, rief dazwischen:
„Ein Diner!“
„Und ich will nach dem Herrn Chevalier ein Souper verdienen,“ rief der
Marquis Armand Blancheron, ein Freigeist von größter Ruchlosigkeit der
Gedanken, der es nur seiner großen Delikatesse und Liebenswürdigkeit
gegen mich verdankte, daß ich ihn nicht haßte.
„Ah, auch Sie wollen mit Crébillon fils in Rivalität treten?“
„Für ein Souper, gern.“
„Gut. Meldet sich noch jemand?“
Wirklich! Es meldete sich ein geistlicher Herr. Der Abbé
Lecocq-Choisel. Er verkaufte allerdings seine geistliche Würde nur
gegen ein Diner =und= ein Souper.
„Das wird reizend,“ lächelte meine schöne Herrin. „Wann wollen Sie mir
Ihren mißlungenen Versuch bringen, Herr von Lavigal?“
„Wenn es eine Novelle sein darf, in drei Tagen.“
„Ah! Ei! In drei Tagen! Sie müssen mit dem Geiste solcher Dinge sehr
stark gesegnet sein, Herr von Lavigal. Auf Wiedersehen also in drei
Tagen, meine Herren! Bringen Sie Ihre Freunde mit.“
Es war eine liebenswürdige, intime Gesellschaft, die sich
verabschiedete; alle freuten sich sehr.
Selbst ich freute mich halb und halb. Zur anderen Hälfte war mir bange.
Bange, wie ich mich benehmen sollte. Und bange um das Heil meiner
Seele; wirklich.
* * * * *
Es war reizend anzusehen, wie meine Gräfin ihre Wette verlor, und
sie verlor sie an alle drei Herren. Denn jeder brachte es zustande,
nichtsnutziger zu schreiben, als das von Herrn von Crébillon fils
in die Schreibtischlade gelegte und nachher vom König unterdrückte
Werk war. Die Vorlesung des Herrn von Lagival verlief derart, daß die
Frau Admiralin ehrlich rot wurde und dennoch vor innerlichem Lachen
zitterte, wie ein Bäumchen, an dem die Säge frißt. Sie schenkte dem
Sieger des Abends für kurze Zeit ihre Freundschaft. Aber Herr von
Lagival war zu sehr geistreicher Plauderer, als daß meine hübsche,
ränkevolle Dame längere Zeit an den einsamen Stunden Gefallen
gefunden hätte, zu denen sie seinen Besuch erlaubte. „Er schwätzt
auch da,“ sagte sie zu mir; „denken Sie, liebe Freundin, er ist auch
da geistreich. Es heißt doch sonst stets: Vor das Publikum gehört die
Theorie, vor die Tatsachen aber -- -- -- Kurz und gut, Herr von Lagival
weiß seine Verdienste nicht zu placieren.“
Ich verstehe heute noch nicht genau, was sie damit meinte.
Zur Vorlesung des Freigeistes Armand Marquis Blancheron ward Madame des
Eucareilles geladen, die von einer süßen, ich möchte sagen, zum Himmel
singenden, jedoch tief und schüchtern zur Erde geneigten Schönheit war.
Madame des Eucareilles war mutig genug, mit ihrem Gebetbüchlein zu
erscheinen. Sie hatte mir gesagt: „Wird's zu arg, so lese ich hier
drinnen weiter und das Lachen einer Hölle soll mich nicht stören,
ewige Harmonien zu hören, während die anderen sich am Tand eines
leichtverwesbaren Frühlings ergötzen.“
Mein Gott, es wurde so arg, daß Madame des Eucareilles ihr Gebetbuch
vergaß, das ich ihr am nächsten Tage bringen mußte; es wurde so arg,
daß Herr von Lagival sie nach Hause begleitete, und daß mir am nächsten
Tage die Demütigung widerfuhr, das Brevier ihrer Zofe einhändigen zu
müssen, weil die des Eucareilles noch nicht in der Lage war, mir ihre
Stirn zu zeigen -- und mir in die Augen zu sehen.
Wenn ich nicht behaupte, daß Madame Reinezabelle an Blancheron mehr
verlor als ein Souper, so hat dies seinen Grund in der einzigen Tugend
dieses entsetzlichen Freigeistes: er scheute sich zwar nicht, mit
dem, was wir alle glauben und hoffen, der Religion, zu verfahren, wie
mit dem Tabak, den ein Pächter in seine Pfeife stopft, um Rauchringel
damit zu blasen, aber -- Herrn von Blancheron meine ich -- er schonte
in jeder Weise die Unantastbarkeit einer Tugend (ich habe es an mir
selbst erlebt) und begnügte sich bloß damit, in seiner heiteren Weise
der Gegenstand des beständigen Entsetzens aller Damen zu werden. So
wenigstens kannte ich ihn. Oder sollte ich hier verblendet gewesen
sein?
Schade um ihn. Er wurde guillotiniert, noch ehe er daran dachte, sich
zu bekehren, während Herr Phébus emigrierte und selbst in Deutschland
bei lebendigem Leibe als nichtsnutzig verharrte -- bis in sein hohes
Alter.
Madame sprach seit jener Vorlesung lange Zeit nicht mehr über Herrn von
Blancheron. Er schien für sie ausgetilgt zu sein; hoffentlich! Erst an
dem Abende, als der Herr Abbé Pierre Lecocq-Choisel den dritten Preis
für leichtsinnige Lektüre gewann, erst dann sagte sie: „Finden Sie
nicht, daß dieser Blancheron bloß ein helles Blech hinter dem Lichte
ist? Einer, der schlimmer aussehen möchte, als er zu sein vermag? Sehen
Sie: dieser Geistliche Lecocq, der ist das Gegenstück. Er sieht aus wie
eine feierliche Wachskerze. Er ist es sicherlich, und er ruft dennoch
beständig: Ich bin Unschlitt; nicht mehr als Unschlitt, glauben Sie
mir, meine Damen! Es ist doch der Gipfelpunkt der Duckmäuserei, den
Duckmäuser so vollkommen zu verstecken! Dahinter müßte man kommen.“
Seine Würden Lecocq hatte sich wahrhaftiglich ein wenig anders
benommen, als es seinem Stande zukam. Mit gespreizten Beinen saß er an
jenem Abende nach seiner Vorlesung da und kanzelte die Herren Phébus
und Armand ab, den Kopf ziemlich kahl, die Perücke in der Hand um den
Zeigefinger kreiselnd.
Er bewies ihnen, daß man derlei Dinge in zwei verschiedenen Zeitläuften
schriebe; vor und nach der schönsten Lebenszeit. Seine beiden Vorgänger
hätten die platonische Liebe zur Zweideutigkeit schon wieder, wie die
Veilchen im Herbste abermals blühen. Das Gelöbnis der Enthaltsamkeit
aber sichere ewigen Frühling.
Es wurde stark widersprochen, und an diesem Abend benützte die für
Herrn von Blancheron geladene Dame, die kleine Caçolles, den Fächer
sehr eifrig. Aber nur weil sie allzu heftig lachen mußte und ihr ein
Backenzähnchen fehlte.
Immerhin erreichte der Abbé, daß Madame Reinezabelle sich für ihn eine
Zeitlang interessierte.
Aber es war damals die Soutane keineswegs modern. Die Bemühungen der
Herren Rousseau, Voltaire und Diderot hatten bewirkt, daß man in jenen
Jahren die Philosophie über alles andere stellte, was sonst in den
Salons Geltung genoß, und wahrlich, es muß eine vorzügliche Philosophie
gewesen sein, die sich ihren Weg über die dicksten Teppiche und in die
ersten Salons der damaligen Zeit zu erobern vermochte! Kein deutscher
Philosoph erreichte je Salonfähigkeit. Man bedenke!
Die Herren Rousseau, Voltaire und Diderot waren nun aber schon
gestorben und vergessen, und zu unserer Zeit galt in Paris und mehr
noch in Versailles Herr Jacques Lagratte für den erfolgreichsten
Philosophen auf sämtlichen, in Betracht kommenden Teppichen von
Frankreich.
Madame Reinezabelle hatte sich's unendliche Mühe kosten lassen, den
vor Berühmtheit leuchtenden Herrn an sich zu bringen. Endlich aber
vermochte sie ihn zu sich einzuladen, und ich sehe heute noch den
kostbar abgewogenen Hofknix, mit dem Madame ihn ehrte, als er eintrat.
Sie war wegen dieser Art, sich zu verneigen, berühmt: als die einzige
nach ihrer Lehrerin, der Marschallin von Luxembourg, in Betracht
kommende Dame, und sie hatte diesen Knix dem Zeitgeiste angepaßt,
erneuert und verfeinert. Ich hatte leider nicht Gelegenheit, ein
solches Kunstwerk bei Hofe mitanzusehen, aber man versicherte mir
von allen Seiten, daß Herr Jacques Lagratte sich des vollendetsten
Komplimentes rühmen dürfte, daß Madame je knixte -- die erlauchte
Familie von Frankreich mit eingerechnet.
Und ich gehe an die Schilderung dieses Ereignisses.
Es brannten hiezu sechshundert Wachskerzen in dem Empfangszimmer
Madames, und über dreißig Herren waren versammelt, nebst einem kleinen
Dutzend Damen, die Madame diesmal als Freundinnen eingeladen hatte,
um Zeugen zu sein, daß Herr Lagratte in Fleisch und Blut ihren Salon
beträte.
Herr Lagratte kam von allen Gästen zuletzt, aber er kam genau zu jener
Zeit, da sich die Spannung der Gesellschaft so hoch gesteigert hatte,
daß in den Herzen der Damen die erste, kleine schadenfrohe Hoffnung
aufzischelte, er würde überhaupt nicht kommen. Diese richtige Erwägung
der Minute seines Auftrittes allein würde hinreichen, die Größe seiner
Philosophie zu beweisen.
Als die Türen aufflogen und die Diener schrien: „Jacques Lagratte“ --
denn er hatte sich überall streng das Monsieur verboten -- da zwang
es uns allen die Herzen zur Kehle empor. Nur Madames schöne Augen
strahlten in sanftester Heiterkeit gegen die Türe, durch die ein
mittelgroßer, vorgeneigter, sehr magerer und etwas an sich gehaltener
Herr eintrat, dessen Haar eine leichte Unordnung bewies und ein wenig
an den Schläfen flatterte; es war nur schwach gepudert. Das Antlitz
war unsagbar schmal und bestand eigentlich, außer einer großen Nase
und den prächtig grauen, groß und festblickenden Augen, nur aus zwei
senkrechten Falten, die zu beiden Seiten von Nase und Mund bis unter
das Kinn spannten.
Es lief ein Schauer durch die Gesellschaft. „Er ist ganz, wie Friedrich
der Große aussah,“ hieß es.
Da trat ihm Madame entgegen. Auf eine Entfernung von ihm, daß sie sich
kaum die Fingerspitzen zu reichen vermocht hätten, blieb sie stehen,
die Augen demütig und anmutreich gesenkt. Sie bog die Knie, so daß sie
fast um die Höhe ihrer golden und silbrig schimmernden Frisur kleiner
wurde, und hielt leise ihren Reifrock mit den Handspitzen berührt. Im
Augenblick danach griff sie mit dem rechten Füßchen langsam nach hinten
aus und zog so ihre ganze junge Pracht leise rücklings mit sich fort,
indem sie jetzt dem Gelehrten unendlich bescheiden und schmachtend in
die Augen blickte, während sie sich wieder aufrichtete.
Herr Lagratte war ein ganzer Philosoph. Er wußte so viel Grazie,
guten Ton und Feinheit nicht anders zu schätzen, als indem er
Fassungslosigkeit spielte. Ich glaube, er verliebte sich in diesem
Augenblick in sie, als sie sich vor ihm mit solch olympischem
Kompliment verneigte.
Madame stellte ihn sofort der Gesellschaft vor. „Ah, meine Freunde,“
sagte sie, „was werden Sie von mir denken! In meiner Freude vergaß ich
den Namen, den der kleinste Küchenjunge von Paris kennt. Wie soll ich
ihn nennen? Unser Philosoph, unsere Girandole, mein Kronleuchter? Nein.
Die Sonne dieses Erdballs, heute eingefangen, um unserem Salon allein
zu leuchten.“
Nun muß ich weiter berichten. Herr Lagratte war sicherlich ein großer
Philosoph, da sich ihm sonst die Salons nicht geöffnet hätten -- aber
er war selbst für die damalige Zeit etwas stark modern ... sagen wir
einfach atheistisch.
Schon als das Eis, von Künstlerhand zur Gestalt des Liebesgottes
formiert, kam, war er dabei, niemand Geringeren als den lieben Gott auf
die niedlichste Art aus der Welt fort zu beweisen, und am Zerfließen
der vergänglichen Creme demonstrierte er die Unsterblichkeit der Seele.
„Hier, meine Verehrtesten,“ rief er aus und deutete auf seine
Eisschale, „hier sehen Sie das Bild des Lebens ins Negative übersetzt.
Ja, übrigens, was ist negativ? Was positiv? Dem Eisbären ist die Kälte
das Positive.
„Dieses Eis war noch vor kurzem Formung; es stellte Amor dar. Es
war Leben, so lange es Eis war. Ja, was ist Eis? Was ist Leben? Ein
beliebig angepaßter Temperaturgrad der Natur, energisch genug, um
einen Körper, das heißt, eine Körperschaft zusammenzuhalten. Laßt
einen Zephyr wehen -- der notwendige Grad entflieht, und die Teile
sagen sich auseinanderfließend genau so Adieu, wie hier bei diesem
weiland reizenden, zu Eiscreme verkrusteten Amor, den mir unsere
liebliche Wirtin zugedacht hatte und über dessen Kälte mich nur seine
Vergänglichkeit zu trösten vermag.
Zu rechter Zeit genießen, das ist alles; -- die Temperatur
wahrzunehmen, das ist die Aufgabe.“
So bewies der berühmte Herr Lagratte seine Philosophie, die lächelnden,
großen, klar grauen Augen auf Madame gerichtet, die Stimme von hoch
herab, als käme sie von Gottes Thron, und die Eisschale in der Hand.
Man sagte allgemein, daß der Grad seiner Neigung zu Frau Reinezabelle
von Vermillon ein hoher gewesen sein müßte, da er schon seit langem
nicht mehr so hinreißende und reizvolle Beweise auf den Teppich
gebracht hätte.
Immerhin: die Ewigkeit siegt stets; auch über ihre geistvollsten
Leugner. Das Verhältnis Madames zu dem Philosophen war nicht von langer
Dauer. „Ähnlich wie es das Verhältnis der Völker zu den Philosophien zu
sein pflegt,“ sagte sein Nachfolger, ein exakter Chemiker.
Ich entsinne mich nicht mehr genau der Jahreszahlen, aber mir ist,
als sei jener unwiderlegbare Chemiker zur Zeit aufgetaucht, als
der Graf von Cagliostro hier seine Wunder wirkte: kurz vor der
Halsbandgeschichte der Königin. Auch wir hatten solch eine kleine
Halsbandgeschichte mit ihm, mit Herrn Theophil Bouffler nämlich.
Man wußte damals nicht, ob der Diamant schmelzbar sei. Nun war es
Madames Lieblingswunsch, die vierundzwanzig mittelgroßen Rauten
ihres Halsschmucks zu einem großen Stein ineinander zu schmelzen und
einen Brillanten daraus zu schleifen, der dann, wie Herr Bouffler
versicherte, das Vierundzwanzigfache des Halsbandpreises zum Quadrat
erhoben, wert sein würde.
Nun weiß ich nicht: mißlang das Experiment wirklich oder hatten später
die bösen Zungen recht, die behaupteten, Herr Theophil Bouffler hätte
die Diamanten in Wechsel auf die Bank von London umgeschmolzen -- kurz,
Herr Bouffler stürzte eines Tages in größter Aufregung zu Madame und
schrie sie an: „Das Halsband verflüchtigte sich!“
„Wer! Wo! Wie?“
„Das Halsband! Zu Feuer! Zu magnetischer Luft!“
„Mein Halsband! Mein schönes Halsband?“
„Denken Sie sich, Madame: Was die Wissenschaft bisher noch gar nicht
ahnte: daß der Diamant nicht schmelzbar wäre, das habe ich, ich
entdeckt. Flüchtig ist er! Flüchtig! Haben Sie einen Brillantbouton?
Geben Sie her. Begeben wir uns in unser Laboratorium.“
In dem kleinen Zimmer, das Madame dem Chemiker eingerichtet hatte,
bewies Bouffler der unglücklichen Reinezabelle, daß der Diamant unter
dem Brennspiegel vollständig verlodere. Herr Bouffler wollte in seinem
Experimenteifer auch noch Madames andern Ohrknopf verbrennen, aber sie
weinte sehr und gab ihn nicht mehr her.
„Trösten Sie sich, Verehrte,“ sagte ihr der Chemiker. „Ihr Halsband
ist ebensogut dem Äther zugeschwebt, wie es etwa der Seele Ihres Herrn
Gemahls oder der meinen in jedem Augenblick ähnlich widerfahren kann.
Das sind Erscheinungen dieser armseligen Zeitlichkeit ...“
„Armselig?“ rief die schwergeprüfte Reinezabelle. „Es kostete
zehntausend Franks!“
„... aber Sie haben sich die Ewigkeit damit erkauft -- Madame,“ fuhr
Bouffler unbeirrt fort. „Ich werde der Akademie der Wissenschaften
berichten, daß ich durch Ihre Munifizenz die weltbewegende Entdeckung
machen und den Beweis erbringen konnte, daß der Diamant verbrennlich
ist, und ich werde vorschlagen, daß man diese seltene und kostbare Art
der Verflüchtigung für ewige Zeiten ‚vermillionisieren’ nennen solle.“
Meine gütige, junge Herrin lächelte schon wieder ein wenig.
„Sie haben recht,“ sagte sie. „‚Reinezabellisieren’ klänge lange nicht
so gut.“
* * * * *
Freilich fiel uns nachher ein, daß Herr Bouffler wiederholt die
Taktlosigkeit begangen hatte, unsere Herrin um ein Darlehen zu bitten,
um dessen Rückerstattung er sich niemals bekümmert hatte. Nun, wer Geld
braucht, kann auch Diamanten brauchen, schlossen wir. Aber es war zu
spät. Herr Bouffler und vielleicht auch das Halsband waren schon in
England.
* * * * *
Dennoch versuchte Madame es noch einmal mit der Wissenschaft. Denn,
Gott hat es angesehen: Als die Lebenskundigen und die Herren von Esprit
und die Freigeister ihre Walze in den Salons abgespielt hatten, als
selbst der Zynismus nicht mehr verfing und die Philosophie all ihre
Prismen verspiegelt hatte, da hielt sich die Wissenschaft merkwürdig
lange Zeit fest in den Gemütern, und wer modern sein wollte, mußte
wenigstens in den Volkswirtschaften irgendwie werkgeübt sein. Sogar der
König feilte und schlosserte. Es war zwar keine Wissenschaft, aber was
ähnliches.
Nun kam Madame mit Maitre Pierre Savonnard zusammen, und endlich fand
es sich, daß sie mit einem Manne etwas Besseres gemeinsam hatte als den
Geschlechtsunterschied. Denn die Freude am Experimentieren, die meine
schöne Gräfin zum Chemiker gedrängt hatte, verriet damals schon die
Neugierde eines Kindes. Und dieselbe kindliche Begierde zur Forschung,
ja ich möchte sagen, dieselbe Kinderei des ganzen Wesens, trieb unseren
guten Doktor an. Es war rührend zu sehen, wie diese beiden Leute,
meine Herrin, klar und schön wie eine Lilie, und der lebhafte Doktor,
stark, ansehnlich und frisch, diese Leute, die so leicht Geliebter und
Geliebte sein hätten können, sich nur als Kinder fanden.
Ach und wie glücklich waren sie dabei! Alles, was sie als große Leute
tun gelernt hatten, vergaßen sie aneinander und lebten wie Kameraden
von neun Jahren, denen vom Leben noch nichts anderes gehört -- als die
ganze Welt, mit Ausnahme ihrer Unruhe. Wie steckten sie die Köpfe über
ihrem Mikroskop -- nein: über ihrem Spielzeug, zusammen und riefen mich
zu sich hin! Die, die dachten nicht daran, sich zu küssen! Aber sie
liebten sich viel längere Zeit, als Madame mit den fünf anderen Herren
verloren hatte, die ich seit meinem Dienstantritte kommen und gehen zu
sehen die Ehre gehabt hatte. Pierre war ein Kind wie sie; das war es.
Wer weiß, wie lange und wohin sich dieses wahrhaft paradiesische
Verhältnis fortgespielt hätte, wenn nicht so ein Idealist vom Beginn
der Neunzigerjahre hinzugetreten wäre.
Robert Ducrac kam und griff erst Madames vorvergangenen, aber noch
immer berühmten Freund Lagratte an. Es waren gewaltige Lufthiebe,
die er tat, aber sie freuten uns sehr, weil er auf einen Abgetanen
eifersüchtig war; also auf einen Unbesieglichen.
„Darf es für einen Philosophen, der das Leid der Welt durchschaut, das
Ereignis seiner Tage bilden, im Kreise von Modeleuten zu regieren und
jeden Abend anderswo zum Speisen eingeladen zu sein? Herr Lagratte wird
mir antworten, er erzöge Menschen. Was für Menschen, wenn ich bitten
darf? Sie sind auf alles neugierig und zu nichts herangebildet. Sie
kümmern sich gar nicht um unsere Gedanken: Sie leben in den Tag hinein
und reden nicht der Philosophie zuliebe, sondern philosophieren, um zu
plaudern.“
„Aber man lebt doch, um zu plaudern; nicht?“ fragte ihn Reinezabelle.
„Sie verdienen nicht, um besserer Dinge willen zu leben,“ schrie sie
Ducrac mit seinem dicken Gesichte an. Er war ein großer Idealist,
aber kurz, fest, rot, fett und heftig. Er war böse wie ein Luchs, war
gefährlich und stets zum Zuschlagen gespannt, wie ein Tellereisen,
liebte niemand als sich selber, und das nicht einmal genügend, daß
er seine Hände und Haare in Ordnung gehalten hätte. Er ging seit
der Erstürmung der Bastille in langen Hosen, nannte Madame und mich
Bürgerin und war entsetzlich grob.
Aber was tun? Vor einem Jahre noch mußte jeder Salon von Geltung
seinen Hausphilosophen haben, nun waren die Republikaner Sensation,
und wer nicht lächerlich oder gar gefährdet sein wollte, hielt große
Stücke auf einen Hausrevolutionär. Der unsere war sehr unangenehm zu
ertragen, denn es hatte ihn, wie alle unsere Gäste, die Neigung zu
Frau Reinezabelle ergriffen. Was aber bei den anderen infolge bester
Erziehung oder großer Kühle der Gemütsart ein leichtes Spielchen war,
wurde bei ihm gleich zur Sache der Republik, und als Madame nicht
augenblicklich der Stimme der Natur folgen wollte, wie er ihr zumutete,
ward er auf Herrn Savonnard wolfsböse.
Zu allem Unglück ertappte er den armen Pierre mit Reinezabelle in dem
Augenblick, als er ihren schönen Amazonenpapagei, der eingegangen
war, mit ihr sezierte, nachdem er dessen Ende auf das innigste mit
ihr betrauert hatte. Madame glaubte, er sei an gebrochenem Herzen
gestorben, weil seit einigen Monaten der allgemeine Umgangston lauter
und kreischender geworden sei, als seine eigenen Stimmmittel ihm
nachzuahmen gestatteten.
Pierre legte mit dem Skalpell das kleine Herz des Vogels bloß und löste
es heraus. Er zeigte ihr, daß dieses leidenschaftliche Geschöpf nur
drei Herzkammern gehabt habe, während der Mensch deren vier besäße.
Als nun meine schöne Herrin bei der Erwähnung dieses kleinen,
unvollkommenen Herzens zu weinen begann, weil es sie an ihr eigenes
erinnerte, und Savonnard ihr wie ein guter Kamerad tröstend den Arm
über den Rücken legte, trat Ducrac unangemeldet ein. Er hatte mich im
Nebenzimmer einfach an die Wand gerannt, sah die beiden zornerfüllt an
und schrie: „Bürger Savonnard, Sie konspirieren mit dem Adel!“
Dann drehte er sich um und fuhr polternd ab wie ein Schotterkarren.
Madame lachte sehr und Savonnard auch. „Nun sind wir kompromittiert,“
rief sie fröhlich, und er schmunzelte: „Ja, wirklich, das hätte ich mir
wahrhaftig nicht träumen lassen!“
So harmlos nahmen sie es; aber mir bangte, denn ich hatte vom
Blutdurste Ducracs schon üble Dinge gehört.
Um diese Zeit, als die französische Tagesliteratur sich in
unglaublicher Weise verschlechtert hatte, brachte ich Reinezabelle
endlich dazu, auch einmal einen der deutschen Dichter zu lesen, von
denen sie eine sehr geringe Meinung hatte. Ich hatte schon vor über
einem Jahrzehnt den „Werther“ in der Sprache meiner Straßburger Heimat
gelesen, und er lag mindestens ebenso lange in einer vortrefflichen
Übersetzung vor. Ich hatte diesen Band wiederholt meiner schönen jungen
Frau Admiral auf das Taburett neben das Sofa gelegt, aber sie hatte ihn
gar nicht aufgeschlagen.
Damals nun sollte Madame einen Ball besuchen, der um 10 Uhr abends
begann. Durch die einfachere Tracht jener Saison wurde sie um eine
halbe Stunde früher fertig und langweilte sich nun, während ihr Wagen
unten erst aus der Remise gezogen und hergerichtet wurde.
Da entdeckte sie den „Werther“, setzte sich zum Licht und begann zu
lesen.
Der Kutscher ließ melden, es sei angeschirrt. Sie sagte: „Gleich,
gleich!“ und las weiter.
Die Pferde standen und scharrten, der Portier brummte, der Kutscher
schlief auf dem Sitze ein, sie oben hatte alles vergessen. Ball und
Wagen, Bediente und mich, die ich mit meiner Stickerei hinter ihr
saß und nichts hörte als ihren jähen, schnellen Atem, das hastige
Herumreißen der gelesenen Blätter und immer wieder das leichte
Aufschlagen einer Träne auf das Papier. Es klang, wie wenn der Föhnwind
mit einzelnen verirrten Regentropfen gegen ein Fenster tippt.
Und zwei- oder dreimal hörte ich sie ganz leise und innerlich
schluchzen, wobei die liebe Stimme so hoch und rein dahinzog wie der
Ton einer Geige.
Gegen Mitternacht ließ sie den Wagen abschirren. Sie las weiter bis
2 oder 3 Uhr; bis zur letzten Seite und war dann so erregt, blaß und
unglücklich, und doch so beseligt und schön, daß ich mich wunderte,
warum noch kein Mann um dieser Frau willen gestorben sei.
„Ach,“ sagte sie mir unter Tränen. „Ich habe ja bis heute niemals
gewußt, was Liebe ist! O könnte ich leiden um der Liebe willen! O
gebenedeiter Monsieur Werther, o beneidenswerte Lotte! Seliges Unheil!
Wie geheiligt ich bin! Sagen Sie doch: Wie sieht dieser Monsieur Goethe
aus? Was erzählt man sich von ihm?“
Seit jener Nacht wünschte Madame dringlichst, einmal in ihrem Leben
eine wirkliche Liebe zu erleiden.
* * * * *
Und es kam, wie sie wünschte.
Unter ihre Gäste hatten sich in jener Zeit viele jüngere Leute
gefunden, die ihre Augen sicherlich nicht zu der schönen Herrin des
Salons zu erheben wagten. Es waren beflissene und ehrgeizige Menschen,
die bei dem einflußreichen Bekanntenkreise Madames Gelegenheit zu
einer erfolgreichen Karriere zu finden gedachten. Zu diesen Leuten
gehörte auch ein junger Artillerieleutnant, der eine recht armselige
Uniform trug; ein Mensch mit gelbem, magerem Gesicht, wirren Haaren und
wirren Reden, die er, stets aufgeregt, in einem nicht sehr gewählten
Französisch von stark italienischer Aussprache hervorstieß.
Da sein Taufname ungemein fremdartig war und durch die korsische
Aussprache noch viel lächerlicher klang, so nannte ihn die stets
lachlustige Reinezabelle nie anders als mit diesem Namen: Leutnant
Naboulione.
Der arme Teufel war wegen eigenmächtiger Entfernung aus der Armeeliste
gestrichen worden, besaß nicht mehr als seine Uniform und lebte von
den Soupers, zu denen man ihn einlud und die er eifrig besuchte. Er war
erst seit kurzem in Paris und wünschte sehr, ein wenig in die Höhe zu
kommen.
Ducrac, um dessen Freundschaft er sich neben jener des jüngeren
Robespierre eifrig bewarb, versicherte mir: „Glauben Sie nur nicht,
daß Leutnant Naboulione, für dessen Armut und Originalität sich
die sentimentale Reinezabelle so sehr interessiert, um ihretwillen
diesen Salon besucht. Ihr Mann, der Admiral, ist Hafenkommandant von
Marseille, und der verabschiedete Leutnant benötigt dort dringend eine
Stelle. Verweigert sie ihm, und er wirft euch seinen Hut ins Gesicht
und geht anderswohin. Sagen Sie das der Bürgerin.“
Ich tat es; Reinezabelle lachte sehr und sagte:
„Nun ist Ducrac auch auf Naboulione eifersüchtig. Ich muß mir den doch
genauer ansehen.“ Und sie begann den gelben, ungeschliffenen Knirps mit
dem zerrauften Haar zu bevorzugen, was diesem nur selbstverständlich
schien. Er wurde nicht sehr viel wärmer, außer wenn er Madame von dem
Glück erzählte, das ein Oberst der Artillerie in Marseille genösse.