ergebenster Diener
Jean Ch. de Landry.“
Und der Chevalier rüstete sich von neuem zur Abreise nach Paris,
indem er sich bei seinen Gästen entschuldigte, die neue Mode der
Menschenrechte dort zu studieren. Er versprach, sie mitzubringen. Er
bat seine Gäste, sich bis dahin gut zu unterhalten, und empfahl Glycère
inzwischen der Zärtlichkeit seines jungen Freundes „_'ans ioeurgue_“,
wie sämtliche Damen den Thüringer nannten, da sie den Namen Hirschbach
nicht aussprechen konnten.
* * * * *
Herr von Landry kam nicht mehr zurück. Man hatte ihn in Paris erkannt,
als einen der Mitwisser der Halsbandgeschichte in der Wohnung seiner
Frau eingefangen, und tat ihm der König nichts, so köpften ihn die
Jakobiner.
Er aber lächelte.
Es hieß, die Liebe zu seiner Gattin hätte ihn nach Paris getrieben, und
der Name Landry war der Zukunft gerettet.
In Patmos wartete man vergebens auf den Bringer origineller Neuheiten.
Statt seiner kamen unversehens die Bauern. Die brachten noch ganz
andere Überraschungen mit sich, als der delikate Chevalier.
Es geschah solches mitten in einem Schäferspiel, das die verwaisten
Gäste arrangiert hatten, am Abend eines schönen Septembertages, nachdem
soeben für dreihundert Taler bengalisches Licht verbrannt war.
Das Stück spielte im Freien, im Blumenparterre vor dem Schlosse, und
von der Terrasse sah die übrige Gesellschaft zu.
Dorette gab sehr überzeugend eine Prinzessin, die Perlenstaat
und Seidenrobe ablegt, um ihrem Schäfer in die Blumengefilde der
schuldlosen Natur zu folgen, wie es in den hübschen Versen hieß.
Der Herr von Bareilles gab den Schäfer wie aus Zucker und Biskuit.
Hans Georg spielte den bösen Jägersmann, der des Schäfers Hündlein
erschossen hatte und die süßen Tauben des Myrtenhaines bedrohte.
Heloise hinwiderum hatte diesen Jägersmann zärtlich zu zähmen.
In der dichtverhangenen Laube, wo sich Dorette zum zweiten Akt als
Bauernmädchen umkleiden sollte, ertappte sie den Hans Georg, der eben
zwei Pistolen aus dem Dickicht hervorzog und zu sich steckte.
„Haben Sie denn mit Ihrer Flinte noch nicht genug?“
„Leider nein,“ sagte ihr Freund wortkarg und ernst. „Wir werden bald
ein etwas wahrheitsgetreueres Spiel durchzumachen haben.“
Vom Schlosse her drang unbestimmter Lärm. Es war, als trampelten
zahlreiche Menschen durch die Korridore.
„Sie wollen sich doch nicht schießen!?“ schrie Dorette.
„Still,“ herrschte der Thüringer.
Im Schlosse wurden erregte Stimmen laut, dann Hilferufe.
Die Darsteller des Schäferspieles, die der Terrasse näher standen,
scharten sich zu einem Klumpen und schrien ihren Zuschauern Warnungen
hinauf. Aber als ob sich die wunderlich verschnittenen Bux- und
Taxusgetüme plötzlich in lebende Wesen verwandelt hätten, sprangen
aus dem Dunkel des Parks Hunderte von brüllenden Bauern auf die kleine
Gruppe los. Dorette sah, wie der Vicomte von Bareilles nach einem Degen
lief, jedoch nur, um ihn mit elegantem Achselzucken einem Lümmel zu
überreichen, der dies Zeichen ritterlicher Ergebung mit einer immensen
Maulschelle beantwortete.
Zwei ältere Herren und jener geistvolle Junge, der Tacitus und Anakreon
kannte, waren die einzigen, die sich in elegante Fechterstellung
warfen; aber im Nu waren ihre Degen zerknickt, und Prügelei und Roheit
wären bis zum Totschlag angewachsen, wenn nicht über einen dieser
Bauern, die im Parterre die Schauspieltruppe mißhandelten, starke
Angst gekommen wäre, daß ihre tapferen Freunde, die das Schloß erstürmt
hatten, ihnen alle schönen Dinge wegplünderten.
Er schrie: „Halt, halt! Die andern sind schon drin und stehlen uns
alles vor dem Maul weg!“ Seine Kumpane brüllten laut auf vor Zorn
und Angst, und nur einige verzweifelte Schlaumeier trieben die ganze
Adelsgesellschaft: Damen, Herren mit ritterlicher Verteidigung und
Herren mit ritterlicher Übergabe, wie eine Herde Schafe hinweg, um ein
erfreuliches Lösegeld von ihnen zu erpressen. Sie wußten, diese Leute
hatten mehr Geld bei ihren Bankiers als in den Strümpfen verwahrt.
Inzwischen half Georg der fassungslosen Dorette sehr tatkräftig beim
Umkleiden.
„Schnell in die Bauernkleider,“ rief er; und weil der Reifrock nicht
sofort von den Hüften seiner Dame glitt, half er mit dem Hirschfänger
nach. Sein ganzer Haß gegen das Gezücht der Reifröcke, deren sechs
ihm so lange Zeit das Glück versperrt hatten, erwachte. Knack und ach,
krachte das Fischbein, und umsonst schrie die weinende Dorette in Zorn
und Weh über ihr Prachtstück. Sie mußte in ein Elsässerinnenkostüm
hinein, und Hans Georg riß sie eilig mit sich.
Sie hastete und stolperte. Da verwies er ihr mit derben Worten ihre
lächerlichen Stöckelschuhe. Mitten in der Halbnacht des Parks knirschte
sein Hirschfänger durch die hohen Absätze, hob ein paar Lederschichten
ab, und als die grobe Schusterarbeit geschehen war, konnte Dorette
laufen wie eine vernünftige Frau, die sich sehr fürchtet.
Sie wollte den Weg nach Straßburg einschlagen, aber Herr Georg zog sie
etwas gewaltsam nach dem einsamen Bergwald.
„Die Bauern sind nicht so dumm wie Sie,“ rief er zornig. „Die bewachen
alle Wege nach den nächsten Garnisonen, damit sie hier ungestört
stehlen und sengen können.“
Ein seltsames, rötliches Licht überzog den Himmel über den Bäumen des
Waldes, und da diese bräunliche Dämmerung Dorette zu sehen gestattete,
gewann sie ihre Fassung wieder. Sie fiel aus ihrem Schreck in großen,
ehrlichen Zorn.
„Herr, mein Herr,“ rief sie ihren eiligen Begleiter an. „Laufen Sie
nicht so. Sie sind davongelaufen, Sie allein, während die andern als
Edelleute fochten oder sich als Edelleute ergaben.“
„-- aber nicht als solche behandelt wurden,“ lachte er.
„Sie sind davongelaufen, Sie waren grob gegen eine Dame, ja Sie haben
sich an meiner Krinoline und meinen Stöckelschuhen vergriffen. Wie,
mein Herr, vermögen Sie diese Handlungsweise zu rechtfertigen?“
„Ei, das war Natur,“ lachte Georg, der sich oben im Walde sicher wußte.
„Natur, Natur, Sie Ungezogener,“ rief Dorette. „Beleidigen Sie nicht
diesen erhabenen Namen.“
„Madame, noch ein paar Schritte bis zu jener Lichtung,“ bat Georg,
„und nun, da wir auf der Höhe sind, bitte: sehen Sie dort unten die
Bescherung an!“
Dorette erstarrte. Über den Nachthimmel krochen die roten Brandwolken
eilig dahin, und als Dorette den Aussichtspunkt erreichte, sah sie
das Schloß unter gierigen, grellen Flammen stehen. Düster ragten
noch die Dachbalken in die blendende, bewegliche Zackenkrone über dem
Gemäuer hinein, und aus zahlreichen Fenstern brachen die wahnsinnig
emporstrebenden Feuerfahnen.
Bis zu ihnen aber drang das Jubelgebrüll und das Gekreisch von
Tausenden entfesselter Bauern und Weiber. Sie füllten das ganze
Blumenparterre so dicht, in so zusammengedrängter Menge, daß Dorette
zuerst glaubte, der ungeheure Raum vor dem Schlosse sei mit rosa
Mohnblumen bepflanzt, bis sie erkannte, daß die zahllosen leuchtenden
Halbkugeln Menschengesichter waren, die alle in die Glut starrten, wie
in ein Weltenschauspiel.
So oft ein Dachsparren fiel, ging das ferne Gebrüll unten los, als
würde ein Schotterkarren ausgeleert.
Georg lachte grimmig: „Da haben Sie die Natur, die plötzlich erwacht
und auf ihre beiden Füße gesprungen ist. Da unten!
„Sie haben gewußt, daß diese Natur den Krieg, die Krankheit, den
Haß und das Feuer, daß sie den Molch, die Otter, den Tiger und den
Mörder schuf. Sie haben gewußt, daß die Menschen Schnaps brennen und
im Schmutz leben. Sie sind im Wagen gesessen und fuhren an Häusern
vorbei, deren Elend zum Himmel stank, und an den Betrunkenen des
Straßengrabens, und Sie haben mit den Tugenden gerechnet? Sie?
„Da unten, da! In Brand und Rauch, in Schnapsdunst und Mordlust, da ist
die enthüllte Natur!“
Der junge Deutsche war fast begeistert; er war mehr erhoben und von
trunkener Erkenntnisfreude erfüllt als zornig.
Der armen Dorette aber graute entsetzlich. Sie hatte stets nur
Schäferspiele gelesen, Shakespeare verachtet, und nun bat sie
fassungslos: „Mein Lieber, schweigen Sie! Retten Sie mich, mein
Teurer!“
Da mußte die arme Dorette auf weitem Umwege gegen Bergzabern durch
die Waldnacht hasten, und dennoch stießen sie am nächsten Fahrweg auf
entgegendrohendes Geschrei, auf Fackeln, auf einen Posten der Bauern;
denn in der Nähe brannte schon wieder ein Schloß.
„Halt! Ein Förster? Ein Herrenhund? Erschlagt ihn!“
Knüttel, Spieße und Sensen fegten auf sie los, aber da blieb der junge
Deutsche stehen, legte die Büchse an, und vor dem herausknallenden
Feuerstrahl schlug der schwerste von den rohen Burschen gewaltig auf
den Rücken hin, mit hoch empor schnellenden Beinen. Aufschreiend flohen
die Bauern, denn tödliche Gegenwehr waren sie von den verweichlichten
Herrschaften nicht gewohnt, und Dorette stand wie gelähmt in der
Finsternis. Aber vor ihre geblendeten Augen war noch immer Strahl,
Knall und Fall gebrannt, und das Überschlagen eines hinschmetternden
Menschenleibes unter strampelnden Beinen. In der Nähe lag jetzt ein
Toter.
„Nun haben Sie auch noch gemordet,“ sagte sie müd.
„Alles zu rechter Zeit,“ atmete er auf. „Was wollen Sie, Madame: der
Tod im Kampf? -- Natur!“
„Ach, das ist eine abscheuliche Pointe, Ihre Natur. Wir werden sie nun
selbst mitmachen; wir werden sterben hier im Walde.“
„Was fällt Ihnen ein, ich mag nicht,“ rief er und zog sie mit sich.
Gegen Morgen war sie so müde, daß er sie im Dickicht schlafen ließ,
indes er sich entfernte. Schon mit dem grauenden Tage kam er zurück,
weckte sie und bot ihr Milch, Brot und Eier. Freilich mußte sie die
letzteren roh austrinken.
„Natur!“ sagte er lachend.
„Woher haben Sie das?“ fragte sie, als sie satt war.
„Gestohlen.“
„Gott behüte mich!“ Sie saß voll Abscheu auf der Erde.
„Natur!“ sagte er und zuckte die Achseln.
Den ganzen Tag mußte sie mausestill sein, sich ängstigen und
langweilen. Ein Glück, daß er sie zum Schlafen nötigte. Ohne Umstände
zu machen, streckte er sich neben sie aus und schlief ihr ein Stück
vor, wie ein Bauer. Da legte auch sie sich weinend ins Gras, schlief
ein, und er erhob sich und wachte.
In der zweiten Nacht durchquerten sie die Ebene bei Hagenau und
erreichten den Rhein gegenüber von Rastatt. Diesmal hatte er gewagt,
in Sesenheim ein wenig warme Kost für sich und die arme Flüchtige zu
bestellen; den Tag über verbrachten sie in den Auen des Rheins, wo
Dorette bis zur Verzweiflung von den Stechmücken litt.
In der Nacht verübte dann Johann Georg seinen letzten Diebstahl. Er
band einen Fischernachen los, zwang Dorette in das am Boden mit Wasser
gefüllte Fahrzeug, stieß ab und biß sich zäh und langsam durch die
ziehenden schluchzenden, eilig drängenden Wellen hindurch.
Dorette schwindelte vor Schwäche, Angst und Kälte. Sie war beleidigt,
mißhandelt und gequält worden. Das sollte eine romantische Rettung
sein? Nichts als widrige Kleinigkeiten: Hunger, Staub, Schweiß,
schlechte Nahrung, Müdigkeit, Grobheiten, Stechmücken, nasse Schuhe,
schmutzige Hände! Das einzige Artige war, daß er ihr am zweiten Tag im
Felde scherzend das Haar in Zöpfe geflochten hatte; solche hatte sie
noch nie getragen und so hatte sie ein bißchen gelacht, aber nur ein
Augenblicklein lang. Dann hatte sie über die Sonne gescholten, die ihr
den Teint verbrannte.
Und bei jeder Unritterlichkeit, bei Müdigkeit, Hunger, harten Eiern
und schimmlichem Räucherfleisch, bei den Stechmücken, dem Schweiß,
den nassen Schuhen und dem Schmutz an Händen und Haar hatte er gesagt:
„Natur!“