14. G. p. 325-328. -- Fragment einer Dichtung in Stanzen. Nach Frey würde
dieser Teil in die Jahre 1536-40 fallen, während die Stanzengruppe, in
denen der Dichter das Landleben preist und die übrigen Laster geisselt
(G. p. 317-24), aus seinen letzten Jahren (1556) stammen, also zwei
selbständige Dichtungen vorliegen würden. -- Andere Deutungen für die
Gestalten der Dichtung: der Gigant der Stolz, das Weib die Grausamkeit,
oder Habsucht, oder der Geiz. Dazu Frey (a.a.O. 350): "All diese
Interpretationen sind individueller Art und unverbindlich. Es muss
gesagt werden, dass, so real Michelangelo diese Bilder ausgeführt hat,
so unbestimmt ist gleichwohl für uns ihre Bedeutung gelassen, wohl weil
auch dem Dichter während des Schöpfungsprozesses immer neue Gedanken,
Vergleiche und Züge in den Sinn kamen, die die ursprüngliche Richtung
abänderten. Gleichwohl lassen sich meiner Überzeugung nach doch
Michelangelos Intentionen ahnen und deuten, wenn man, was durchaus
nötig ist, mit den Stanzen das Sonett gegen die Pistojesen (G. p. 160)
vereint. Dort die Pistojesen, die al ciel nemici, invidiosi, superbi;
Söhne Kains hiessen sie, weil sie im Bruderkampfe sich gegenseitig
totschlugen. Hier trägt das Weib das Kainszeichen; freut es sich und
wächst del mal d'altrui, und die Pistojesen sind del danno loro amici.
Wie zur Zeit Dantes Neri und Bianchi in Pistoja sich zerfleischten, so
wieder zur Zeit der Revolution in Florenz. Und dann die Ermordung des
Herzogs Alessandro (1537). Die città intera, die der Gigant mit dem
Fusse deckt, wäre Pistoja, die montagne die dortigen Apenninen, die
vielfach den Parteien ricovero boten wie dem Weibe le gran rocche.
Besonders im Frühjahr 1537 waren die Wirren in Pistoja gross. ... Man
könnte annehmen, dass [Giovanni da Pistoja] ... ausführlich von allen
diesen Ereignissen Michelangelo unterhalten habe, und Schmerz und Zorn
über das Gehörte hätten ihn zu Dichtungen veranlasst, die wohl niemals
abgesandt worden sind."
15. G. p. 5-21, No. 2, 3, 4, 7, 8, 12, 18, 20, 23, 31, 38, Epitaphien,
1544. -- Im Jahre 1544 starb in Rom Cecchino (Francesco) de Zanobi
Bracci im Alter von 15 Jahren. Er war Riccios Neffe und wurde von
diesem zärtlich geliebt. Seit 1534 lebte er als verbannter Florentiner
in Rom, wegen seiner Schönheit allgemein bewundert. Sein Tod war für
Riccio ein herber Verlust. Die Freunde, unter ihnen auch Michelangelo,
bemühten sich, ihn zu trösten, und zu diesen Versuchen zählen auch die
ersten dieser Vierzeiler. Die Abfassung der Gedichte war anfangs
lebendig mit der Erinnerung an Cecchino verknüpft, löste sich aber bald
davon los, und das Grab des Freundes wurde zum Ort, an dem der Dichter
in stets neuen Beziehungen und knappster Fassung eigenartige Gedanken
über Leben und Tod aussprach. Riccio ermunterte den Freund durch Bitten
und Geschenke, durch Besprechung und Kritik zur Fortsetzung, und so
entstand im Laufe des Jahres 1544 eine Reihe von 48 vierzeiligen
Grabschriften. Kurze scherzhafte Bemerkungen unter den
Gedichtmanuskripten, die Michelangelo dem Freunde zusandte, zeigen, wie
sehr ihm dieser zusetzte. So zum Epitaph