_Rom_, den 23. Februar 1556.
Messer Giorgio, mein lieber Freund! -- Das Schreiben kommt mich schwer an,
aber um Euch zu antworten, will ich einiges sagen. Ihr wisst, dass Urbino
gestorben ist. Durch seinen Tod hat Gott mir eine grosse Gnade gegeben,
aber ich habe sie mit einem teuren Gut und mit unendlichem Schmerz bezahlen
müssen. Die Gnade war die, dass er, der während seines Lebens mich am Leben
hielt, durch seinen Tod mich sterben lehrte. Und nun sehe ich dem Tode
nicht mehr mit Widerwillen, sondern mit Sehnsucht entgegen. Ich habe ihn
sechsundzwanzig Jahre bei mir gehabt und ihn für ganz wahrhaftig und treu
befunden; und nun, da ich ihn reich gemacht hatte und hoffte, er werde der
Stab meines Alters sein, ist er mir entschwunden, und ich habe keine
Hoffnung mehr als die, ihn im Himmel wiederzusehen. Für diese aber hat uns
Gott seinen seligen Tod Bürge sein lassen. Nun schmerzt es mich nicht mehr,
dass ich sterben muss, sondern dass er mich mit so viel Leiden in dieser
treulosen Welt lebend zurückliess, denn der grössere Teil von mir ist mit
ihm gegangen, und mir ist nur ein tiefes Elend geblieben. Ich bitte Euch
inständig, entschuldigt mich, wenn es Euch keine Mühe macht, bei Messer
Benvenuto, dass ich ihm noch nicht auf seinen Brief antwortete. Ich bin so
in diesen traurigen Gedanken versunken, dass ich nicht schreiben kann.
Empfehlt mich ihm, und ich empfehle mich Euch.
Euer Michelangelo.
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