AN MESSER BENEDETTO VARCHI.

_Rom_, [1549].

Messer Benedetto! -- Damit Ihr sehet, dass ich Euer Büchlein wirklich

empfangen habe, will ich auf die Frage, die darin gestellt wird, einiges

antworten, wenn auch bescheiden und als Laie. Ich meine, die Malerei sei um

so höher zu achten, je mehr sie sich der Plastik nähert, und diese um so

geringer, je mehr sie der Malerei nahekommt. So schien mir auch stets, als

sei die Skulptur die Leuchte der Malerei und zwischen jener und dieser der

gleiche Unterschied, wie zwischen Sonne und Mond. Seitdem ich aber Euer

Büchlein gelesen habe, in dem Ihr auseinandersetzt, dass, philosophisch

betrachtet, beide Künste das gleiche Ziel haben, beide das Gleiche sind,

bin ich anderer Meinung geworden und sage so: Wenn nicht ein grösserer

Aufwand von Überlegung und Mühe, grössere Schwierigkeiten und Anstrengungen

dem Werke auch grösseren Adel verleihen, dann sind Malerei und Skulptur ein

Ding. Und damit sie auch als solches anerkannt würden, dürfte kein Maler

die Bildhauerei weniger als die Malerei betreiben, und ebenso müsste jeder

Bildhauer in gleichem Masse Maler wie Bildhauer sein. Ich verstehe unter

Skulptur die Kunst, die durch Wegnehmen geübt wird, während die, die durch

Auflegen arbeitet, Malerei ist. Dann sollte man es aber auch kurz machen

und beide Künste, Skulptur und Malerei, weil sie doch durch die gleiche

Intelligenz geübt werden, einen rechtschaffenen Frieden schliessen und das

viele Disputieren sein lassen, denn das kostet mehr Zeit, als die Bildwerke

selbst zu machen. Versteht aber der, der die Malerei edler nannte als die

Skulptur, alle Dinge, worüber er schreibt, so gut wie dies, so hätte meine

Magd seine Schriften wohl besser geschrieben. Unendlich viele nie

ausgesprochene Dinge liessen sich noch über dergleichen Künste sagen; aber,

wie ich bemerkte, das würde viel Zeit erfordern, und ich habe nur wenig,

denn ich bin nicht nur alt, sondern stehe schon fast im Grabe. Darum bitte

ich Euch, haltet mich für entschuldigt. Euch aber empfehle ich mich und

danke Euch nach bestem Können für die allzugrosse Ehre, die Ihr mir

erweiset, und die mir nicht zukommt.

Euer Michelangelo Buonarroti.

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Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini · 第 152 / 231 题