AN GIOVANNI SIMONE DI LODOVICO BUONARROTI IN FLORENZ.

_Rom_, [Juli 1508].

Giovan Simone! -- Man sagt, dass durch Wohltaten der Gute gebessert, der

Böse aber nur noch schlimmer gemacht wird. Ich habe schon seit Jahren

versucht, Dich durch gutes Wort und gute Tat zu einem rechtschaffenen und

friedlichen Zusammenleben mit Deinem Vater und uns zu bringen, doch Du

wirst immer schlimmer. Ich sage nicht, dass Du schlecht seist; aber Du

führst Dich in einer Weise auf, die weder mir noch den andern gefällt. Ich

könnte Dir eine lange Rede über Dein Betragen halten, allein es würden

nutzlose Worte bleiben, wie alles, was ich Dir bisher gesagt habe. Ich will

Dir darum kurz erklären, dass Du nichts in der Welt Dein eigen nennst.

Lebensunterhalt gebe ich Dir seit geraumer Zeit, und auch das Reisegeld

hast Du von mir erhalten. Um Gottes willen und weil ich glaubte, Du seiest

mein Bruder wie die andern, habe ich Dir all das geschenkt. Jetzt aber

weiss ich, dass Du mein Bruder nicht bist, denn wärest Du es, so würdest Du

meinem Vater nicht drohen. Du bist vielmehr ein Tier, und als Tier werde

ich Dich auch behandeln! Das lass Dir gesagt sein: Wer sieht, wie sein

Vater bedroht oder geschlagen wird, hat die Pflicht, sein Leben für ihn

einzusetzen, und damit genug! Ich wiederhole Dir, dass Du nichts besitzest,

was Dir gehörte, und dass ich bei der ersten schlimmen Nachricht über Dich

auf dem schnellsten Wege nach Florenz komme. Dann will ich Dich über Deinen

Irrtum aufklären und Dich lehren, Dein Gut zu vergeuden und die Häuser und

Grundstücke, die Du nicht durch Arbeit erworben hast, zu Grund zu richten.

Du bist nicht, wo Du zu sein glaubst! Wenn ich hinkomme, will ich Dir die

Augen öffnen, dass Du heisse Tränen weinen und erkennen sollst, auf welchem

Grund Dein Hochmut steht.

Ich wiederhole Dir: Wenn Du ein rechtschaffenes Leben führen und Deinen

Vater achten und ehren willst, so werde ich Dir wie den anderen helfen und

Euch bald eine schöne Werkstatt bauen lassen. Tust Du das aber nicht, dann

werde ich kommen und die Sache in einer Weise ordnen, dass Du ganz klar

einsehen sollst, was Du bist und was Du hast und es nie mehr vergessen

sollst. Das sei's. Wo es an Worten fehlt, werde ich mit Taten sprechen.

Michelangelo.

Ich kann es nicht über mich bringen; ich muss Dir noch einige Zeilen

schreiben. Seit zwölf Jahren gehe ich bettelnd durch ganz Italien, dulde

jede Schmach, ertrage jede Entbehrung, reibe meinen Körper auf in jederlei

Anstrengung, setze mein Leben jeder Gefahr aus, nur um meiner Familie zu

helfen; und dass nun, da ich sie ein wenig in die Höhe gebracht habe, Du es

sein sollst, der in _einer_ Stunde all das zerstört und vernichtet, was ich

in so vielen Jahren harter Arbeit gebaut habe, beim Leib des Heilandes, das

will ich nicht erleben! Mit zehntausend Deinesgleichen will ich fertig

werden, wenn es sein muss! Und nun sei gut, und bring' nicht einen Menschen

auf, der wirklich andere Sorgen im Kopf hat.

3.

Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini · 第 131 / 231 题