Sehen Sie, wiederum: Nun gut, mag das nur ein Traum gewesen sein! Aber
die Empfindung der Liebe dieser unschuldigen, schönen Menschen zu mir
ist für alle Zeiten in mir geblieben, und ich fühle, daß ihre Liebe sich
auch jetzt auf mich fernher von ihnen ergießt. Ich sah sie selbst, ich
lernte sie kennen und ich liebte sie und litt für sie später. Oh, ich
begriff sofort, sogar damals, daß ich sie in vielem überhaupt nicht
würde verstehen können, es schien mir als zeitgenössischem russischem
Fortschrittler und garstigem Petersburger unbegreiflich, warum sie, die
so viel wußten, nicht unsere Wissenschaft hatten? Doch sah ich bald ein,
daß ihr Wissen durch andere Erkenntnisse genährt wurde, als das Wissen
auf unserer Erde, und daß ihre Bestrebungen gleichfalls ganz anderer Art
waren. Sie wünschten sich nichts; sie waren ruhig und zufrieden, sie
rangen nicht nach der Erkenntnis des Lebens so, wie wir es tun, denn ihr
Leben war vollkommen ausgefüllt. Doch war ihr Wissen ein tieferes und
höheres, als das unserer Wissenschaft; denn unsere Wissenschaft versucht
das Leben zu erklären, will es selbst ergründen, um die Menschen zu
lehren, wie sie leben sollen; sie aber wußten schon, wie sie zu leben
hatten, und das begriff ich, aber ihr Wissen konnte ich nicht begreifen.
Sie wiesen auf ihre Bäume hin, ich aber konnte diese Größe der Liebe,
mit der sie sie betrachteten, nicht nachfühlen: als ob die Bäume
Menschen wie sie gewesen wären. Und wissen Sie, vielleicht täusche ich
mich nicht, wenn ich sage, daß sie auch mit ihnen sprachen! Ja, sie
kannten deren Sprache und ich bin überzeugt, daß die Bäume sie
verstanden. Und so sahen sie auch auf die ganze übrige Naturwelt, auch
auf die Tiere, die friedlich bei ihnen lebten, sie nicht angriffen,
sondern liebten, da sie durch ihre Liebe besiegt waren. Sie deuteten auf
die Sterne, und sprachen zu mir etwas, das ich nicht begreifen konnte,
doch bin ich überzeugt, daß sie durch irgend etwas mit den Sternen des
Himmels in Verbindung standen, nicht nur durch den Gedanken, sondern
noch auf eine andere Weise. Oh, diese Menschen trachteten nicht danach,
daß ich sie verstand, sie liebten mich auch so schon, doch dafür wußte
ich, daß sie auch mich niemals verstehen würden, und darum erzählte ich
ihnen auch nichts von unserer Erde. Ich küßte nur in ihrer Gegenwart die
Erde, die sie bewohnten, und vergötterte sie selbst, und sie sahen es
und ließen es wortlos geschehn, ohne sich deswegen zu schämen, daß ich
sie liebte, weil sie so viel liebten. Sie litten nicht für mich, wenn
ich tränenüberströmt zuweilen ihre Füße küßte, da ich ja wußte, welch
eine Liebe sie mir dafür entgegenbrachten. Zuweilen fragte ich mich
verwundert: wie konnten sie nur einen Menschen wie mich kein einziges
Mal beleidigen, und wie kam es nur, daß sie in mir kein einziges Mal das
Gefühl der Eifersucht oder des Neides hervorriefen? Oftmals fragte ich
mich, wie ich, solch ein Prahlhans und Lügner, ihnen nicht von meinen
Erkenntnissen einiges mitteilte, von denen sie natürlich keine Ahnung
hatten, um sie in Erstaunen zu setzen oder auch nur aus Liebe zu ihnen?
– Sie waren mutwillig und fröhlich wie Kinder. Sie wandelten durch ihre
prachtvollen Haine und auf den blumigen Wiesen umher, sie sangen schöne
Lieder, sie nährten sich von den Früchten ihrer Bäume und der Milch der
sie liebenden Tiere. Für ihre Nahrung und Kleidung mühten sie sich nur
wenig. Es gab bei ihnen Liebe und sie gebaren Kinder, doch niemals
gewahrte ich bei ihnen Ausbrüche jener _grausamen_ Wollust, die fast
alle Menschen auf unserer Erde überkommt, alle und jeden, und die der
einzige Ursprung fast aller Sünden unserer Menschheit ist. Sie freuten
sich mit den Neugeborenen als neuer Teilhaber ihrer Seligkeit. Es gab
weder Streit noch Eifersucht unter ihnen, und sie wußten nicht einmal,
was das war. Ihre Kinder waren die Kinder aller, denn alle bildeten sie
eine einzige Familie. Sie hatten fast überhaupt keine Krankheiten,
obgleich sie doch starben; aber ihre Greise schieden so sanft hin, als
ob sie einschliefen, umringt von den sie liebenden Menschen, segnend,
lächelnd und von ihnen mit klaren, heiteren Blicken begleitet. Niemals
sah ich Trauer oder Tränen bei einem Sterbebett, nur eine bis zur
Verzücktheit, bis zu einer ruhigen, geklärten Begeisterung gesteigerte
Liebe. Man hätte glauben können, daß sie mit ihren Toten sogar noch nach
dem Tode in Verbindung standen, und daß ihr Erdenleben nicht durch den
Tod unterbrochen wurde. Sie begriffen mich kaum, als ich sie nach dem
ewigen Leben fragte, doch waren sie augenscheinlich dermaßen fest von
ihm überzeugt, daß für sie überhaupt kein Zweifel mehr darüber bestehen
konnte. Sie hatten keine Tempel, aber es war bei ihnen so ein lebendiges
Einssein mit dem All; sie hatten keinen Glauben, dafür aber das
überzeugte Wissen, daß dann, wenn ihre irdische Freude die Grenze der
irdischen Natur erreicht haben würde, für sie, für die Lebenden wie für
die Verstorbenen, eine noch größere Berührung mit dem All eintreten
müßte. Freudig erwarteten sie diesen Augenblick, doch sehnten sie sich
weder nach ihm, noch litten sie um ihn, sie hatten ihn gleichsam schon
als Vorgefühl in ihren Herzen, und dieses Vorgefühl teilten sie einander
mit. Des Abends vor dem Schlafengehn liebten sie es, in harmonischen
Chören zu singen. In diesen Abendgesängen gaben sie die Gefühle wieder,
die der vergangene Tag ihnen gebracht hatte, und sie lobten und priesen
ihn und verabschiedeten sich von ihm. Sie priesen die Natur, die Erde,
das Meer, die Wälder. Sie dichteten Lieder über einander und lobten
sich, wie Kinder sich loben; es waren einfache Lieder, doch sie ergossen
sich aus dem Herzen und gingen zu Herzen. Und nicht nur in Liedern, nein
im ganzen Leben taten sie nichts anderes, als sich lieben. Das war
geradezu eine gegenseitige Verliebtheit, eine große, allgemeine
Verliebtheit. Einige aber ihrer Lieder, die triumphierend und begeistert
klangen, konnte ich fast überhaupt nicht verstehn. Obgleich ich die
Worte begriff, konnte ich doch nicht ihre ganze Bedeutung erfassen. Sie
waren meinem Verstande unzugänglich, nur mein Herz durchdrangen sie
immer mehr und mehr, ohne daß ich mir von dem Vorgang hätte Rechenschaft
ablegen können. Ich sagte ihnen oftmals, daß ich das alles schon früher
vorausgeahnt hatte, daß die Ahnung dieser ganzen Seligkeit, dieses
freudigen Preisens sich in mir schon auf unserer Erde in ohnmächtiger
Sehnsucht, die sich mitunter bis zu übergroßem Leid gesteigert, geäußert
hatte; daß ich sie alle geahnt hatte in den Träumen meines Herzens und
in den Gedanken meiner Sinne, daß ich auf unserer Erde gar manches Mal
die untergehende Sonne nicht ohne Tränen hatte ansehn können ... Daß in
meinem Haß auf die Menschen unserer Erde immer Leid gewesen war: warum
konnte ich sie nicht hassen, wenn ich sie doch nicht liebte, warum
konnte ich ihnen nicht verzeihen, war doch in meiner Liebe zu ihnen
Leid, warum konnte ich sie nicht hassend lieben? Sie hörten mir zu und
ich sah, daß sie sich das nicht vorstellen konnten, was ich sprach, aber
es tat mir nicht leid, daß ich ihnen davon gesprochen hatte: ich wußte,
daß sie die ganze Macht meiner Sehnsucht nach denen, die ich verlassen
hatte, begriffen. Ja, wenn ich ihren klaren, liebedurchdrungenen Blick
auf mir ruhen fühlte, wenn ich fühlte, daß unter ihnen auch mein Herz so
unschuldig und rein wurde, wie ihre Herzen, so tat es mir weiter nicht
leid, daß ich sie nicht verstehen konnte. Vor lauter Fühlen der
Lebensfülle verging mir der Atem, und schweigend betete ich sie an.
Oh, alle lachen mir jetzt ins Gesicht und versichern mir, daß man so
etwas nicht sehen könnte, wie ich es jetzt wiedergebe, daß ich in meinem
Traum bloß ein einziges Gefühl empfunden hätte, eines, das mein eigenes
Herz geschaffen, diese Einzelheiten aber später, nachdem ich aufgewacht,
hinzugedacht hätte. Und als ich ihnen gestand, daß es vielleicht in der
Tat so gewesen ist – Gott, welch ein Gelächter sie da anstimmten, welch
eine Heiterkeit meine Worte hervorriefen! Oh, natürlich war ich nur von
dem Gefühl des Traumes beherrscht, und nur dieses eine Gefühl allein
blieb in meinem blutigwunden Herzen zurück. Dafür aber waren die
wirklichen Bilder und Gestalten meines Traumes, d. h. diejenigen, welche
ich gerade in der Stunde meines Traumes sah, in solch einer Harmonie
abgeschlossen, so vollendet, dermaßen bezaubernd, berauschend und schön,
daß ich, als ich erwacht war, selbstverständlich nicht fähig war, sie in
unseren schwachen Worten lebendig werden zu lassen, so daß sie in meinem
Bewußtsein natürlich erbleichen, zergehen mußten und somit war ich
vielleicht wirklich gezwungen, unbewußt später die Einzelheiten zu
erdichten, wobei ich sie bestimmt entstellt haben werde, bei meinem
leidenschaftlichen Wunsch, das große Gefühl doch wenigstens irgendwie
wiederzugeben. Darum aber – warum soll man mir nicht glauben, daß alles
wirklich so war? Vielleicht war es noch tausendmal besser, heller,
schöner, als ich es schildere? Mag es auch ein Traum gewesen sein, aber
all das konnte doch nicht _nicht_ sein. Wissen Sie, ich werde Ihnen ein
Geheimnis sagen: das ganze war vielleicht überhaupt kein Traum! Denn
hier geschah etwas Derartiges, etwas bis zu solch einem Entsetzen
Wahres, daß es einem ja gar nicht hätte träumen können, _nur_ träumen!
Mag der Traum auch mein Herz erweckt haben, aber wie konnte denn mein
Herz allein jene furchtbare Wahrheit erwecken, die ich dann später sah?
Wie hätte ich sie denn allein ausdenken oder mein Herz allein es sich
erträumen können? Wär’s möglich, daß mein kleinliches Herz und mein
flacher, launischer Verstand sich zu solch einer Offenbarung der
Wahrheit emporschwingen könnten! Oh, urteilt doch selbst: bis jetzt hab
ich’s verschwiegen – aber jetzt will ich die ganze Wahrheit sagen. Es
endete damit, daß ich ... sie alle verdarb!