I. Der verlorene Sohn. K. P. 452. 225-227. Katal. 443-446. H.
0,051-0,054 m. Br. 0,087-0,09 m. Bleigüsse. Nach den Stichen H. S.
Behams. B. 31-34.
1) Abschied. Aufschrift in erhabenen großen lateinischen Lettern:
Pater da mihi porcionem substancia quæ ad me redit.
2) Das Gastmahl. Bezeichnet: L+D. Aufschrift: Dissipavit substanciam
suam vivendo luxuriose. Luce. XV.
3) Der Sauhirt. Aufschrift: Cupiebat implere ventrem suum de
siliquis. Luce. XV. (Tafel II).
4) Rückkehr. Aufschrift: Filius meus mortuus erat, et revixit,
perierat, et inventus est. Luce. XV.
Abschied (1) und Rückkehr (4) Collektion Spitzer Bd. IV, S. 149 Nr. 34
und 83, Bronze, mit Rand, ohne Aufschriften. -- Gastmahl (2) und
Rückkehr (4) Kunstgewerbemuseum in Berlin, Bleigüsse. Nagler, Monogr.
IV, S. 332 Nr. 1015 ist (nach Mitteilung des Herrn Geheimrats Lessing)
dahin zu berichtigen, daß »Die Rückkehr« das Monogramm L+D nicht hat. --
Ein Gipsabguß der »Rückkehr«, der auf keine der genannten Plaketten
zurückgeht, befindet sich im germanischen Museum, es läßt sich aber
leider nicht feststellen, von welchem Original er genommen ist. Es
scheint ein Buchsrelief zu sein.
[Illustration]
II. Evas Schöpfung. K. P. 447. Katal. 451. Durchm. 0,043 m. Bleiguß.
Verkleinerte Nachbildung des Stiches von Aldegrever B. 1.
III. Sündenfall. K. P. 854. Katal. 452. Durchm. 0,043 m. Bleiguß.
Verkleinerte Nachbildung des Stiches von Aldegrever B. 2.
IV. Adam und Eva. K. P. 448. Katalog 453. Durchm. 0,043 m. Bleiguß.
Verkleinerte Nachbildung des Stiches von Aldegrever B. 6. (Tafel II.)
Die Darstellungen II-IV sind wahrscheinlich auf Brettsteine
zurückzuführen. Während der Korrektur des vorliegenden Aufsatzes hatte
Herr Direktor Bösch die Güte, mich auf einen, soeben von ihm für das
Museum angekauften Brettstein von Leonhard Danner aufmerksam zu machen.
Der Stein (Durchm. O,045 m.) bietet sich dar als »Empfehlungskarte« in
modernstem Sinne. Die Vorderseite zeigt in der Mitte eine Tanne
(Anspielung auf den Namen Danner), umrahmt von einem Blätterkranze. Die
Umschrift (in großen, erhabenen lateinischen Buchstaben) lautet:
»Leinhart Daner zv Nvrenberg.« Auf der Rückseite befindet sich,
ebenfalls von einem Blätterkranze eingefaßt, ein Hobel und unter ihm
zwei kreuzweis übereinander liegende Schrauben. Umschrift: »Schreiner
vnd Schravfenmacher.« Der Brettstein ist gepreßt, wir haben es also mit
einem fabrikmäßig hergestellten Gegenstande zu thun, der wahrscheinlich
dutzendweise gefertigt und auf den Markt gebracht wurde, so daß er für
das künstlerische Können Danners keinen Beweis liefern, die Hypothese
also, daß das Monogramm L. D. auf der Plakette mit »Leonhard Danner«
aufzulösen sei, nicht unterstützen kann.
Zeigten die Werke der Meister, die wir bisher betrachtet haben, eine
bestimmte technische und stilistische Verwandtschaft, die man als Schule
Flötners bezeichnen könnte, so mögen jetzt zwei Plakettenserien folgern,
deren Schöpfer eine selbständigere, originellere Stellung einnehmen.
Die Plaketten des einen Meisters, der den besten deutschen aus der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an die Seite gestellt werden muß,
sind mit Ausnahme einiger Körperteile der Hauptfiguren in ziemlich
flachem Relief gehalten, sodaß schon aus diesem Grunde der Hintergrund
weniger energisch hervortritt und das Augenmerk ungeteilt an die im
Vordergrunde zur Darstellung gebrachte Scene gefesselt bleibt. Die Bäume
zeigen eine völlig andere Technik, als die Flötnerschen. Sie sind
weniger plastisch, sondern breit, malerisch behandelt. Die Wolken werden
nur schwach, oft durch Spiralen, angedeutet. Vorzüglich aber ist die
Darstellung der schlanken, eleganten Personen mit ihren lebhaften und
graziösen Bewegungen. Die nackten Körper sind ausgezeichnet modelliert,
bei den bekleideten liegt die antike Tracht so eng an, daß man ebenfalls
jede Muskel und jede Linie des Fleisches erkennen kann. Die Arbeiten
erinnern an die besseren Schnitte Virgil Solis. Diesem Meister weise ich
folgende Plaketten unserer Sammlung zu:
1) Hirschjagd. K. P. 897. Katal. 532. Br. 0,113 m., H. 0,05 m.
Bleiguß. Tafel II.
Links Hirsch von drei Hunden angefallen, deren einen er aufspießt.
Von rechts reitet ein Jäger an in antikem Kostüme, in der Linken
den Jagdspeer schwingend. Rechts im Hintergrunde enteilt nach
rechts eine Hindin, in der Mitte ein Jäger mit Horn und Lanze,
nach links laufend. Der Schwanz des einen Hundes links ragt über
den Rand hinaus.
2) Löwenjagd. K. P. 896. Katal. 533. Br. 0,118 m., H. 0,051 m.
Bleiguß.
Rechts wird ein Löwe von vier Hunden angegriffen. Einer liegt
bereits überwunden unter ihm. In seinem Genick sitzt ein Pfeil.
Von links kommt ein mit antikem Helm bedeckter, sonst nackter
Reiter angesprengt, von einem Tuche umwallt, in der Rechten einen
Säbel haltend. Neben dem Gaul läuft ein Hund. Mitten im Hintergrunde
nach rechts eilend ein Jäger mit gespanntem Bogen.
3) Vulkan, Amor Pfeile schmiedend. K. P. 864. Katal. 592. Oval.
Br. 0,085 m., H. 0,107 m. Bleiguß.
Links, vor der Esse, sitzt Vulkan, hält in der Rechten in Lendenhöhe
den Hammer, in der Linken einen Pfeil, der auf dem Ambos
aufliegt. Rechts Venus, stehend, nackt, mit der Linken ein Tuch
auf der Brust haltend, die Rechte gegen Vulkan vorgestreckt. An
ihr rechtes Bein lehnt sich der nackte Amor, der in der Rechten
den Bogen trägt. Links im Vordergrunde am Boden ein Helm, rechts
am Ambos ein Hammer. Hintergrund: Flußlandschaft, Brücke, Berge,
Bäume, antike und ruinenhafte Architektur.
Die Plakette ist beschnitten. Das Original, Bronze, ist viereckig.
S. »Beschreibung der Bildwerke der christlichen Epoche.« Berlin
1888. (Königl. Museen zu Berlin) S. 238, Nr. 1071. Abb. Taf.
XLVIII. Molinier, Les Plaqu. No. 599.
4) Aktäon. K. P. 869. Katal. 578. Oval. Br. 0,107 m., H. 0,077 m.
Bleiguß. Tafel II.
Diana, die sich mit drei Nymphen links im grottenartigen Bade
befindet, besprengt mit ihrer Rechten, während die Linke ein Laken
vor die Scham hält, Aktäon mit Wasser. Sein Haupt ist bereits in
einen Hirschkopf verwandelt. Er sucht nach rechts zu enteilen. In
der Linken trägt er einen Jagdspeer, rechts und links von ihm je
ein Jagdhund. Den linken führt er an der Leine.
5) Umarmung. K. P. 865. Katal. 591. Oval. Br. 0,09 m., H. 0,12 m
Bleiguß.
Auf den Knieen eines nackten, nach rechts gewandten, sitzenden,
vollbärtigen Mannes sitzt ein ebenfalls nacktes Weib mit
emporgezogenem rechtem Knie, das er küßt und umarmt. Sie stützt
ihre Linke auf sein linkes Knie. Über beiden schwebt der
Liebesgott, der sie mit Blumen bestreut. Links im Vordergrunde
zwei Gefäße.
Ich habe bereits auf den erhöhten Einfluß der Litteratur auf die
bildende Kunst im 16. Jahrhundert hingewiesen. Waren es im Mittelalter
vornehmlich biblische Geschichten und Heiligenlegenden, welche die
Phantasie des Künstlers beschäftigten, so wagen sich seit dem Ende des
15. Jahrhunderts auch die weltlichen Darstellungen immer dreister
hervor, bis sie innerhalb weniger Jahrzehnte die ersteren an Zahl weit
überflügeln. Andererseits werden auch viele der biblischen Stoffe in
einer Weise profaniert, daß man sie von den weltlichen Dingen nicht mehr
scheiden darf. Es ist unnötig, auf die allgemein bekannten Gründe dieser
Erscheinung nochmals hinzuweisen. Die Emblemata, die ovidischen und
livischen Figuren etc., die bewußt für den Künstler und besonders den
Kunsthandwerker geschaffen waren, hatte ich angeführt. Daneben aber
existiert noch eine außerordentlich reichhaltige Anekdoten- und
Schwanklitteratur, die sich der weitesten Verbreitung erfreute und
häufig dem Künstler als Born diente, aus dem er schöpfte. Dazu gehören
beispielsweise die Erzählungen, die, bereits im Mittelalter
handschriftlich in den sogenannten »Gesta Romanorum« niedergelegt, im
15. Jahrhundert in lateinischer und deutscher Ausgabe erschienen, dann
»Buch der Beispiele der alten Weisen«, Boccaccios Decamerone, Pauli,
Schimpf und Ernst, Kirchhoff, Wendunmuth etc. etc. bis auf Samuel
Meiger, der in seinem »Nucleus Historiarum« 1598 eine systematisch
geordnete Zusammenstellung dieser »Geschichten« anstrebte. Manche dieser
Anekdoten, die früher sicherlich zum größten Teil ganz allgemein bekannt
waren, die also jeder Künstler auch, ohne befürchten zu müssen, daß er
nicht verstanden werde, benutzen konnte, haben sich bis heute im
Bewußtsein des Volkes erhalten, die große Mehrzahl aber ist ihm im Laufe
der Zeit entschwunden. Daß man auch in Gelehrtenkreisen nicht immer
diesem Anekdotenschatze die nötige Aufmerksamkeit schenkt, davon legen
die oft sehr wunderlichen Erklärungen von Bildwerken der Renaissance
Zeugnis ab. Als typisches Beispiel in dieser Beziehung kann die
Collektion Spitzer gelten. Es ist ja allerdings nicht immer leicht,
selbst wenn man die Geschichten kennt, die richtige Deutung zu finden,
da der Stoff ein sehr umfangreicher ist, die Überlieferungen oft von
einander abweichen und der Künstler bisweilen sich nicht streng an die
schriftliche Überlieferung hält. Umsomehr wäre es eine verdienstliche
Arbeit, das ganze Material einmal zu ordnen, eine Art Realencyklopädie
auf diesem Gebiete anzulegen, zumal dieselbe auch einen wesentlichen
Beitrag zur Erkenntnis der geistigen Interessen jener Zeit liefern
würde. Ich berühre hier diesen Gegenstand, weil eine Anzahl von
Plaketten eines Meisters mir vorliegen, deren einzelne völlig falsche
Erklärung gefunden haben.
1) Der ungerechte Richter. K. P. 250. Katal. 574. Br. 0,065 m., H.
0,024 m. Bleiguß.
Links über einem Stuhle, hinter dem ein nackter Krieger mit Helm
und Lanze steht, liegt die Haut des ungerechten Richters. Rechts
davon der König in antiker Tracht, auf die Haut deutend. Neben
ihm der Sohn des Geschundenen. Des weiteren vier Personen, von
denen drei bewaffnet sind. Rechts ein rundbogiger Eingang.
Die Darstellung ist im Katalog der Originalskulpturen irrtümlich
erklärt als: »der des Kopfes beraubte Sohn vor dem Schatzhause.«
In »Collektion Spitzer« Bd. III, S. 15, Nr. 29 aber findet sich
folgende treffliche Deutung: »Plusieurs personnages vêtus à
l'antique regardant une sorte d'armure complète, composée d'une
peau de lion posée sur un trône.« In Wirklichkeit haben wir es
mit einer Erzählung zu thun, die sich in »Gesta Romanorum« ed.
Österley S. 324, cap. 29, findet: »Erat quidam imperator, qui
statuit pro lege, quod sub pena gravi quilibet judex recte
judicaret, et si contrarium faceret nullo modo misericordiam
inveniret. Accidit casus, quod quidam judex muneribus corruptus
falsum judicium dedit. Imperator cum hoc andisset, servis suis
precepit, ut eum excoriarent. Et sic factum est. Pellem ejus in
loco, ubi judex sedere deberet, posuit ad significandum, quod
ille judex cogitaret, quod amplius falsum judicium non daret. Rex
vero filium judicis defuncti judicem constituit dicens ei:
Sedebris super pellem patris tui, ut judices populum meum. Si
vero aliquis affert tibi donum ut declines a via recta, ad pellem
patris tui respicias, ne tibi hoc idem contingat«.
2) Blendung (Zaleucus). K. P. 252. Katal. 576. Br. 0,065 m., H.
0,024 m. Bleiguß.
[Illustration]
Links sitzt ein bärtiger Mann, rechts ein bartloser, beide
nackt. Jedem wird von einem nackten Schergen ein Auge
ausgestochen. In der Mitte vier Personen in antikem
Kostüme.
Der Darstellung liegt folgende Erzählung (Gesta Roman., ed.
Österley, S. 347, Cap. 50) zu Grunde: »Refert Valerius, quod
Zelongus consul edidit pro lege, quod, si quis virginem
defloraret, utrumque oculum amitteret. Accidit, quod filius ejus
filiam unicam cujusdam vidue defloravit. Mater hec audiens
imperatori occurrens ait: O domine, legem quam fecisti, impleri
faciatis. Ecce unicus filius vester unicam filiam meam rapuit et
vi oppressit. Rex hoc audiens commota sunt omnia viscera ejus et
precepit, ut duo oculi filii sui eruerentur. Dixerunt Satrape
domino: Tantum unicum filium habes, qui est heres tuus. Toto
imperio esset dampnum, si filius tuus oculos amittat. At ille:
Nonne vobis constat, quod ego legem edidi? Obprobrium esset michi
frangere, quod semel firmiter statui. Sed quia filius meus est
primus, qui contra legem fecit, primus erit, qui penitencie
subjacebit. Sapientes dixerunt: Domine, propter deum rogamus vos,
ut filio vestro parcatis. Ille vero precibus devictus ait:
Carissimi, ex quo ita est, audite me! Oculi mei sunt oculi filii
mei et e converso. Dextrum oculum meum eruatis et sinistrum
oculum fillii mei! Tunc lex est impleta. Et sic factum est, unde
omnes prudenciam regis et justiciam laudabunt«.
3) Der Richter tödtet seinen Neffen. (Graf Archambeau). K. P. 251.
Katal. 575. Br. 0,065 m., H. 0,024 m. Bleiguß.
[Illustration]
Links auf einem Bette sitzt ein nackten bärtiger Mann, der in
der emporgehobenen Rechten den gezückten Dolch hält. Mit
der Linken zieht er eine nackte, von rückwärts gesehene
Gestalt über sein Lager. Rechts vier Männer.
Derselbe Gegenstand in andrer Behandlung bei Aldegrever, B. 73.
Pauli, Schimpf und Ernst, ed. Österley, S. 93 (CXXIX): »Man liszt
von einem Edelman, der was ein amptman ein richter in einer stat,
der niemans vbersah, vnd was nach gottes gerechtikeit hiesch, dem
gieng er nach. Vnd vff ein zeit ward er kranck, da er also an dem
bet lag, da hert er ein dochter ein junckfraw schreien. Er fragt
seinen diener einen, der da für gieng warumb die dochter also
geschruwen hat, er wolt es wissen. Der knecht sprach, euwer
veder, euwers bruders sun hat mit ir geschimpfft. Tc. Der edelman
verstunt es wol, vnd nam ein brotmesser, vnd legt es vnter das
Küssen, vf ein mal erblickt er in, da er für die kamer anhin
gieng, er rufft im vnd hiesz in zu im kumen, vnd er kam zu im,
vnd er truckt in an sein brust vnd stach im das messer zu dem
rucken hinyn in das herz, vnd stach in zudot, vnd stiesz in von
im, vnd hiesz in vergraben«.
4) Söhne, die auf die Leiche des Vaters schießen. K. P. 248. Katal.
572. Br. 0,065 m., II. 0,024 m. Bleiguß.
Links an einen Baum gebunden die von einem Laken verhüllte Leiche
eines bärtigen Mannes. Ein Pfeil steckt in der Gegend des
Herzens. Neben ihm, dem Hintergrunde zu, eine Tragbahre. In der
Mitte die drei Söhne. Zwei, bärtig, stehen, mit Bögen bewehrt. Der
dritte, bartlos, kniet vor dem rechts sitzenden Richter, der in der
Rechten ein Scepter trägt. Im Hintergrunde die Ruinen einer Burg.
Die Darstellung ist so bekannt und künstlerisch so oft verwertet
(cf. z. B. Weltmann, Holbein S. 140, Mummenhoff, Das Rathaus in
Nürnberg S. 336, v. Térey, die Handzeichnungen des Hans Baldung
I, 45), daß der Hinweis auf die Gesta Romanorum in der
angeführten Ausgabe S. 342 f. und S. 719, 45 genügen mag. In
Collect. Spitzer, Bd. III, S. 15, Nr. 29 ist allerdings die Deutung
trotzdem falsch.
5) Ein Vater verurteilt seine Tochter. (S. Barbara?) K. P. 249.
Katal. 573. Br. 0,065 m., H. 0,024 m. Bleiguß.
Links sitzt ein nackter bärtiger Mann mit abgewandtem Haupte, in
der vorgestreckten Linken das Scepter haltend. Rechts von ihm
eine bekleidete Frau und ein bärtiger Mann in antikem Kostüm, der
mit der Rechten auf den Richter zeigt. Ein anderer Mann in antiker
Kleidung hat seine Linke auf die Schulter der Frau gelegt und hält
in der emporgehobenen Rechten das gezückte Schwert. Weiter rechts
drei Krieger, die aus einem Thore kommen.
Ob wir es wirklich mit der Geschichte der h. Barbara (vergl. den
Holzschnitt von Aldegrever, Nagler, Monogr. I, S. 293, Nr. 32) zu
thun haben, mag dahin gestellt bleiben. Die Auswahl ist in diesem
Falle eine zu große, um eine sichere Entscheidung zu erlauben.
6) Mucius Scävola. K. P. 247. Katal. 571. Br. 0,065 m., H. 0,024 m.
Bleiguß.
Links auf dem Throne sitzt Porsenna, in der Rechten das Scepter
haltend. Vor ihm auf rundem Postament das Kohlenbecken, aus dem
die Flamme schlägt, und in das Scävola seine rechte Hand hält.
Hinter ihm ein, rechts von ihm drei bewaffnete Krieger. Alle
Personen in antiker Tracht.
Bleiguß in Kassel.
Drei der zuletzt beschriebenen Plaketten (1, 2 u. 4) befinden sich auf
einem Pokale, der im Besitze Spitzers war und »Collektion Spitzer« Bd.
III, S. 15, Nr. 29, folgendermaßen beschrieben ist: »(Argent doré) Le
vase se compose d'une partie cylindrique reposant sur deux disques
aplatis ornés de mascarons d'hommes et de femmes, entourés de
cartouches, séparés par des godrons sur l'un desquels est gravé un
dragon héraldique levant une épée, accompagné des lettres B. L. Sur la
partie cylindrique sont représentées en bas-reliefs fondus et ciselés,
séparés par des termes, trois scènes appartenant à une même suite (folgt
die Beschreibung der Plaketten). Le pied, en balustre, est orné de
mascarons en forme de termes. Sur la platte, deux figures de fleuves et
deux sources couchées, appuyées sur des urnes; sur le bord, des
arabesques gravées.
Le couvercle est orné sur le bord d'un rang d'oves au-dessus duquel est
gravée l'inscription suivante: CAVETE AVTEM VOBIS § NE GRAVENTVR CORDA §
VESTRA CRAPVLA. Au-dessus de cette inscription se déroule une frise
représentant de petits génies jouant sur les flots et des monstres
marins. Au-dessus d'une seconde frise est un sujet deux fois répété: un
homme et une femme s'embrassant, accompagnés de deux amours. Une
figurine d'enfant nu, tenant un écusson, termine le couvercle et forme
le bouton. Sur l'écusson, sommé d'une mitre, d'une crosse et d'une épée,
on voit un trèfle accompagné de deux étoiles en chef (Wappen des Bistums
Sitten). Enfin à l'interieur du couvercle est rapportée une plaquette
repoussée, représentant la Trinité. Sur le bord sont gravées les
initiales L+L. Hauteur: 0,260 m.«
Der Pokal trägt zwei Marken, deren eine einen senkrecht in zwei Felder
geteilten Schild zeigt, von denen das linke zwei Sterne übereinander
hat. Die andere Marke bildet ein schlüsselartiger, nach unten
halbmondförmig auslaufender Gegenstand. In dem halbmondförmigen Teile
befindet sich ein Stern. Der außerordentlichen Liebenswürdigkeit des
Herrn Professor Dr. Marc Rosenberg verdanke ich die Erklärung der ersten
Marke: sie ist das Beschauzeichen von Sitten. Gleichzeitig aber
übersandte mir Herr Professor R., wofür ich auch an dieser Stelle ihm
meinen verbindlichsten Dank sage, Beschreibung und Abbildung eines
anderen Pokales desselben Sittener Meisters, der, in Genf zur
Ausstellung gebracht, eine feste Datierung giebt und im Verein mit dem
Spitzerschen das hervorragende Können des Meisters darthut. (Ich erfülle
gern die Pflicht, das liberale Entgegenkommen der Genfer
Ausstellungskommission in dieser Sache dankend hervorzuheben.) R.
urteilt über den Pokal: »Auf der Ausstellung in Genf das beste
Renaissance-Becherchen«.
Die Beschreibung aus dem Katalog Nr. 2130 lautet: »Coupe sur pied à
couvercle, en argent repoussé, ciselé et doré; sur la coupe le massacre
des Innocents, des mascarons et des amours; sur le couvercle, surmonté
d'un amour tenant un écu aux armes de la famille de Graffenried,
l'insription HOC SECVLVM EST IOCANTIS FORTVNÆ LVDVS. M. D. LXII., à
l'interieur du couvercle les armes accolées et émaillées des familles de
Graffenried et Michel dite Schwertschwendi. Poinçon de Sion, marque
indéterminée. 1562.
»Cette coupe appartenait à Nicolas de Graffenried, Gouverneur d'Aigle et
banneret de la ville de Berne (1530-1580)«.
Beide Pokale zeigen in ihrem Aufbau große Ähnlichkeit, nur daß der
senkrechte, cylindrische Teil der cupa bei dem Graffenried'schen im
Verhältnis zum Gesamtmaß höher ist, während bei dem Spitzer'schen der
Schaft freier und schlanker emporstrebt. Der den Deckel abschließende
Putto ist bei beiden Stücken derselbe. Die Darstellung des
Bethlehemitischen Kindermordes zeigt in der einfachen, äußerst
geschickten Komposition, in den muskulösen, beweglichen Figuren eine so
augenscheinliche innere Verwandtschaft mit den Plakettendarstellungen,
daß ich in weiterer Berücksichtigung der in jeder Beziehung künstlerisch
vollendeten Durchführung der beiden Pokale nicht im Zweifel bin, daß wir
in dem Sittener Meister auch den Urheber der Plaketten zu sehen haben,
daß er nicht etwa nach fremden Mustern gearbeitet hat. Hoffentlich
gelingt es der Lokalforschung, auch den Namen dieses bedeutenden
Künstlers festzustellen, der, 1560 in Sitten arbeitend, von Italien
stark beeinflußt ist, seine Ausbildung aber zweifellos deutschen,
vielleicht Straßburger Meistern, verdankt.
Über den Vorbesitzer unsrer Plaketten giebt Nr. 2, »Blendung«
interessanten Aufschluß. Auf der Rückseite nämlich hat Kinderhand Linien
zum »Rechnen auf der Linie« gezogen und in die Spacien Rechenpfennige
mit Hilfe des Zirkels eingetragen. Außerdem aber sind Schreibversuche
gemacht, die uns den Namen des jugendlichen Autors verraten. Oben lesen
wir die Buchstaben des Alphabets von h--m, unten »all mechtiger«, in der
Mitte aber »carollus perckmann«. Die Schrift gehört der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts an. Dieser Karl Perckmann ist, da die Plaketten
später in den Hallerschen Besitz kamen, also wohl auch vorher
in Nürnberg waren, sicherlich ein Mitglied der Nürnberger
Goldschmiedefamilie gleichen Namens, aus der zwei Meister bekannt sind:
Andreas Berckmann 1651, und Johann B. 1691.
_Nürnberg._
Dr. _F. Fuhse_.
Das Nürnberger Münz-Kabinet des Freiherrn Joh. Christ. Sigm. von
Kress.
Zu der Zeit, als Hubert Goltzius der Kupferstecher und Antiquar aus
Amsterdam seine Reisen in Europa machte, um für seine merkwürdige
Veröffentlichung der alten Kaiserbildnisse nach den Münzbildern Stoff zu
sammeln, gab es bereits -- wenn wir wenigstens Goltzens Angaben
vertrauen dürfen -- über 900 Münz- und Medaillenkabinete, die den Besuch
lohnten. Allerdings handelte es sich bei den meisten vornehmlich um
Antikes, um römische Kaisermünzen, wie sie der Niederländer ja auch
hauptsächlich für seine Kupfer verwendete. In Deutschland war es
Kaiser Max, von dessen persönlichen Verhandlungen mit seinen
Münzstempelschneidern uns noch manches erhalten ist, der das erste
Münzkabinet, das zu Wien, begründete.
In Nürnberg war der Sammeleifer schon zu Dürers Zeit in dessen
Freundeskreis erwacht: Wilibald Pirkheimers Stolz war zwar in erster
Linie seine Büchersammlung, für die ihm befreundete Humanisten aus allen
Städten Europas die neuen Erscheinungen besorgten; aber seine Münzen und
Kunstschätze wurden nicht minder bewundert und in den Briefen seiner
Freunde mit großem Lob genannt. Da der Gelehrte ohne männliche
Nachkommenschaft starb, kamen seine Schätze in den Besitz der Familie
Imhof und bildeten für seinen Enkel, den berühmtesten Kunstsammler des
16. Jahrh. in Nürnberg, für Wilibald Imhof, den Grundstock zu seiner
reichen Kunstkammer. Aber Wilibalds Freund und Günstling war Hans
Hofmann, der erste und auch der begabteste unter jenen berüchtigten
Malern, die es sich zum Berufe machten, Dürers Gemälde und Zeichnungen
zu fälschen. Aus der Freude am Sammeln ward ein immer mehr bedenklicher
und gewissenloser Kunsthandel, den die Familie Imhof mehrere
Menschenalter hindurch weiterbetrieb und über den ihr »Geheimbüchlein«
auf der Nürnberger Stadtbibliothek recht merkwürdige Aufschlüsse giebt.
Wirklich gute Stücke enthielt die Kunstkammer damals gewiß keine mehr;
denn als anno 1630 dem feinsinnigen Verehrer Albrecht Dürers, dem
Kurfürsten Maximilian »auf sein inständiges Anhalten die Hauptstücke der
Sammlung präsentiert worden waren, hat er dazu gar keine Lust getragen,
auch viel unter denselben nicht für Originalien erkennen wollen, sondern
sie alle zurückgegeben und gar kein Gebot darauf legen lassen«. Daß die
Imhofsche Kunstkammer, die bald darauf in ihren unberühmten Resten nach
Wien und Amsterdam verkauft ward, außer den antiken römischen auch eine
größere Sammlung von mittelalterlichen Münzen enthalten habe, ist
nirgends gesagt und auch wenig wahrscheinlich[322].
Daß es dagegen im Beginn des folgenden, des 18. Jahrhunderts, an
Interesse für die mittelalterliche Münzkunde in der alten Reichsstadt
nicht fehlte, das beweist das Erscheinen der ersten numismatischen
Zeitschrift der historischen Münzbelustigungen, die sich 35 Jahre lang
am Leben erhielten und erst anno 1764 eingingen. Am Ende des
Jahrhunderts ist es wieder einer aus der alten ehrbaren Familie der
Imhof, den wir als hervorragenden Münzkenner und Besitzer einer
außerordentlich reichhaltigen Sammlung von Nürnberger Münz- und
Medaillenprägungen finden: Es war sein eigenes Kabinet, das Christoph
Andreas IV. Imhof in den Jahren 1780-1782 in zwei starken Quartbänden
»mit vieler Mühe so vollständig als möglich in wenig jahren
zusammengetragen und sodann auf das Genaueste beschrieben herausgab.
Eine Sammlung von dieser Vollständigkeit und dieser systematischen
Anlage in wenigen Jahren zusammenzubringen, war damals gewiß weit mehr
noch als heute ein Ding der Unmöglichkeit; aber da der Besitzer in
seiner Veröffentlichung selbst keine Angaben über die Geschichte seiner
einzigartigen Sammlung macht, so müssen wir uns bescheiden bei der
Thatsache, daß wenigstens von der alten Imhofischen Kunstkammer nichts
mehr bis auf diese Zeit im Besitz der Familie geblieben sein kann.
[Fußnote 322: Über die Geschichte der Imhofschen Kunstkammer haben in
ihren Dürerbiographien Haller u. Thausing eingehend gehandelt.]
Der Sammler hatte sich weise beschränkt, nicht mit dem grauen Altertum
begonnen und die entlegensten Länder mit herangezogen in sein
Sammelgebiet; so gab er seinem Münzkabinet einen für die Wissenschaft um
so höheren Wert, je näher er der systematischen Vollständigkeit in
seinem immer noch weiten, alle Nürnberger Reichsstädtischen
Münzprägungen umfassenden Rahmen kam. Zum Glück ist uns der größte Teil
dieses unvergleichlichen Schatzes von Sammler- und Forscherfleiß
erhalten geblieben und nunmehr nach jahrzehntelangen Verhandlungen und
Erwägungen so wohl verwahrt und doch so leicht zugänglich untergebracht
worden, daß man wohl annehmen darf, die Sammlung habe den Abschluß ihrer
merkwürdigen Geschichte erreicht und werde für alle Zukunft da
verbleiben, wo sie jetzt sich befindet, im germanischen Museum.
Der anno 1818 im 89. Lebensjahre verschiedene Staatsrat Johann Christoph
Sigmund von Kreß hatte das Imhofsche Kabinet, soweit es noch beisammen
war, an sich gebracht und hinterließ es seinen Erben als eine
unveräußerliche Familienstiftung zum Studium der nürnbergischen
Münzkunde. Der Erblasser, der übrigens in seinen späteren Jahren
ziemlich vereinsamt lebte, hatte den Wert seiner Sammlung auf 2600 fl.
geschätzt und dazu noch 200 fl. gestiftet, aus deren Zinsen
gelegentliche Ergänzungen vorgenommen werden sollten. Nun fand sich aber
unter seinen Erben niemand, der die nötigen Geldmittel und die nötige
Mühe aufwenden wollte, welche eine Aufstellung und Versicherung des
Kabinets im Sinne des Verstorbenen verlangt hätten; so kam es nach
vielen Mahnbriefen der Ansbachischen Regierung endlich 1821 dazu, daß
der Senator Joachim Freiherr von Haller im Namen der Erben die ganze
Stiftung selbst an Stelle der Kaution der Stadt übergab mit einer
weitschweifigen und umständlichen Begründung, daß ein Privatmann nie so
viel Zeit, Geld und mühsames Studium an die Sammlung wenden könnte, als
nötig wäre, um sie wirklich nutzbar zu machen. »Will er nicht in der
nächsten besten Reisebeschreibung andern zum Abscheu und Exempel als ein
ungefälliger Mann aufgestellt werden, so heißt es da, so darf er wie
einer vor dem Guckkasten vor seinem Münzkasten sitzen, um jeden Fremden,
der vielleicht kaum 24 Stunden in der Stadt verweilt, in solchen
hineinsehen zu lassen.«
Am 27. August 1823 erfolgte denn auch endlich die Übergabe des in dessen
von Haller selbst neu geordneten Kabinets an die Stadt. Aber dieser war
mit dem Geschenk auch wenig gedient: weder der Bibliothekar noch sonst
einer von den Beamten mochte die Verantwortung und die Sorge für den
gefährlichen Schatz übernehmen, für dessen Aufstellung überdies nirgends
ein geeigneter Raum vorhanden war. Man wandte sich daher bald wiederum
an die Kreßischen Erben, bald an die mittelfränkische Kreisregierung in
Ansbach, um von dem lästigen Geschenk befreit zu werden; aber ohne allen
Erfolg zogen sich die Verhandlungen hin, bis im Dezember 1857 aus dem
Kreise des Gemeinde-Kollegiums dem Magistrat der Antrag vorgelegt wurde,
die ganze Sammlung dem wenige Jahre zuvor gegründeten germanischen
Museum zur Aufstellung zu übergeben. Aber erst nach langen Verhandlungen
und nach dem der Magistrat, »um endlich einmal von diesem Kabinet
befreit zu werden« auch auf die Kaution verzichtet hatte, geschah im
März 1866 die Übergabe der ganzen Sammlung von 2547 Stücken nach
damaliger Schätzung im Werte von 3190 fl. an das Museum[323].
Aber auch hier hat das Kreßische Münz-Kabinet noch manche Sorge gemacht,
bis endlich nach 30 Jahren auch der letzte Wunsch des Stifters erfüllt
und die Sammlung allgemein zugänglich gemacht werden konnte.
Münzsammlungen dem Publikum zugänglich zu machen, ist eine schwierige
Aufgabe; meist hält man sie wohl verschlossen in einem Kassenschrank,
der sich sehr selten nur für einen Fremden öffnet, und legt einige
Beispiele, denn mehr erlaubt in der Regel der Raum nicht, in Glaskästen
auf; so ist aber ein Betrachten der ganzen Münze samt der Rückseite für
den Sachverständigen unmöglich. Deshalb kam der als Nürnberger
Numismatiker bekannte Großhändler Joh. Chr. Stahl vor wenigen Jahren auf
die Idee einer neuen Aufstellungsweise, welche die Münze aus nächster
Nähe und von beiden Seiten sehen läßt, ohne sie doch dem Beschauer in
die Hände zu geben. Die Kassenschrankfabrik von Hermann hat den Schrank
mit seinem scharfsinnig erdachten Mechanismus ausgeführt, der es
gestattet, die nahezu 1600 Münzen des Kreßischen Kabinets mit einem
Raumaufwand von wenig mehr als zwei Kubikmeter zur Aufstellung zu
bringen. Auf 48 ungefähr quadratischen Holztafeln liegen die Münzen in
chronologischer Folge nach der Regierungszeit der Kaiser, mit deren
Bilde die Reichsstadt so oft prägte, angeordnet so, daß in die 5 mm.
starke Holztafel ein Ausschnitt entsprechend der Größe jeder Münze
gemacht und in diesem die Münze durch drei Klammern aus Zelluloid
sozusagen à jour gefaßt wurde. Die einzelnen Tafeln sind durch eine
Kette so verbunden, daß sie der Reihe nach mittels Kurbeldrehung
heraufgehoben werden können bis dicht unter die Glasscheibe, welche in
der Tischplatte des Kastens eingelassen ist; ein eigener Mechanismus
bewirkt dazu noch, daß jede Tablette beim Weiterdrehen der Kurbel sich
wendet und von der Rückseite zu sehen ist. Es ist begreiflich, daß für
eine in sich so gut wie abgeschlossene Sammlung wie das Kreßische
Münz-Kabinet, die keiner namhaften Ergänzungen mehr bedarf, eine
derartige Aufstellung die best mögliche Lösung gewährt. Die Münzen
erscheinen dem Beschauer in wohlgeordneter unveränderlicher Folge, in
nächster Nähe zu sehen, und bedürfen anderseits doch nicht beständiger
Überwachung.
[Fußnote 323: Die hier mitgeteilten Thatsachen verdanke ich der Güte des
Herrn Joh. Ch. Stahl, der sie aus dem weitschichtigen Aktenmaterial
auszog.]
Über die Bestände der Sammlung, die nun endlich dem Wunsche des Stifters
gemäß aufgestellt sind, eingehend zu berichten, ist hier unmöglich. Es
sei nur auf eine gerade dem heutigen Stande der numismatischen Forschung
besonders empfindliche Lücke hingewiesen, die der im übrigen, namentlich
an Prägungen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts erstaunlichen
Vollständigkeit wenig entspricht. Einmal hat Andreas Imhof in seiner
Sammelthätigkeit bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts die Scheidemünze zu
gunsten der prachtvollen Goldprägungen dieser Zeit sehr vernachläßigt
und dann hat er alle diejenigen Stücke unberücksichtigt gelassen, die zu
der höchst interessanten Entstehungsgeschichte der städtischen Münze aus
der alten Reichsmünzstätte, zu dem Wechsel des Münzrechts und zu den
Münzkonventionen des XIV. Jahrhunderts aufklärende Beiträge bilden
könnten. Immerhin sind das Lücken, welche durch die Hauptsammlung des
Museums ausgeglichen werden können, und zum Teil schon ausgeglichen
sind, so daß in absehbarer Zeit die Prägungen der Nürnberger Münze von
ihren ersten Anfängen bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1806 in
möglichster Vollständigkeit dem Forscher zur Benützung stehen werden.
_Nürnberg._
_K. Sch._
Friesische Häuser auf den Halligen.
Es war einer der Lieblingspläne des verstorbenen Direktors v. Essenwein,
nach Analogie der sogen. altdeutschen Zimmer unseres Museums auch ein
friesisches Wohngemach nebst Küche in unseren Sammlungen einzurichten,
wobei er wahrscheinlich an Muster aus West- oder Ostfriesland gedacht
hat. Ein allzufrüher Tod hat ihn an der Ausführung dieses Vorsatzes
gehindert, aber sein Gedanke wirkte wie ein Vermächtnis fort und wird
unter der gegenwärtigen Direktion seine Vollendung finden, wenn auch
nunmehr infolge mannigfacher Umstände den Besuchern des Museums das
interessante Innere eines nordfriesischen, speziell eines Hallighauses
vorzuführen beabsichtigt ist. Wertvolle und charakteristische
Ausstattungsstücke dafür wurden bereits vor 3 Jahren von dem
Unterzeichneten, in diesem Jahre von Herrn Direktor Bösch an Ort und
Stelle erworben. Es dürfte daher an der Zeit sein, den Lesern unserer
»Mitteilungen« die Beschreibung eines Hallighauses zu gewähren, wie sie
im Wesentlichen bereits in meiner Monographie »die Halligen der
Nordsee«, Stuttgart 1892, und im Maiheft der illustrierten
naturwissensch. Monatsschrift »Himmel und Erde«, Berlin Jahrg. 1895, in
meinem Aufsatz »Halligbilder« enthalten ist.
[Illustration: Fig. 1.]
1) Diele.
2) Wohnräume.
3) Wandbetten.
4) Durchgänge.
5) Küche.
6) Herd mit Backofen.
7) Speisekammer.
8) Kellertreppe.
9) Dittenschacht.
10) Bodentreppe.
11) Stallräume.
12) Schornstein.
13) Gerätkammer.
14) Einlegeröfen.
15) Wandschrank.
Die wissenschaftliche Fachlitteratur über das friesische Haus ist
einerseits nicht sehr umfangreich, andrerseits auch lückenhaft, indem
sie die Gebäude auf den schleswig'schen Utlanden und speziell auf den
ganz eigentümlichen Halligen nur dürftig behandelt. Lasius in seiner
kleinen Monographie »das friesische Bauernhaus«, Straßburg 1885, und
Allmers in seinem Marschenbuch beschäftigen sich nur mit dem
ost-westfriesischen Bauernhaus der _Marschen_, wie auch die von Henning
in seiner bekannten Arbeit »das deutsche Haus«, Straßburg 1882, benutzte
Litteratur erkennen läßt, daß selbst diesem Autor nach seinen Quellen
und nach eigener Kenntnis das Hallighaus unbekannt geblieben war, was
bei der früheren Abgeschlossenheit dieser Inseln vom allgemeinen Verkehr
nicht zu verwundern ist. 1891 erschien dann zwar das Buch von
Hansen-Jensen über die nordfriesischen Inseln, doch ist darin der kurze
Abschnitt über die Halligen ohne jeden Wert. Henning weist übrigens die
Gebäude der Inseln im 5. Kapitel der anglo-dänischen Bauart zu und
meint, man finde auf den Werften der Inseln und der Halligen Gebäude,
die in quadratischer Form unter einem gemeinsamen Dache mehrere
Wirtschaftsgebäude umfassen, ähnlich dem Eiderstetter Heuberge. Da diese
Auffassung geeignet ist, eine irrige Vorstellung von den Ansiedlungen
auf den Halligen zu erwecken, so habe ich sie bereits in dem Aufsatz
»Halligbilder« zu widerlegen versucht, wie ich auch hier bei der
Bedeutung des Henning'schen Buches nicht versäumen will, sie als
unzutreffend zu bezeichnen. Nur die kleine Hallig Süderoog besitzt ein
quadratisches, sehr großes Haus (das einzige auf der Insel), dessen 4
Flügel einen kleinen, offenen Hof umschließen, so daß also auch in
diesem Ausnahmefalle die Gebäude nicht unter einem Dache vereinigt sind.
Die wenigen Angaben, die Haupt in Bd. I seiner »Bau- und Kunstdenkmäler
der Provinz Schleswig-Holstein« pg. 436 bringt, beruhen zwar auf
persönlicher Kenntnisnahme, sind aber gar zu knapp bemessen und bedürfen
deshalb der Erweiterung. Lütgens behandelt in seinem Werk »Kurzgefaßte
Charakteristik der Bauernwirtschaften in den Herzogtümern Schleswig und
Holstein«, 1847, pg. 16 und Tafel 36 und 37 die westfriesischen Inseln,
aber mit Ausschluß der Halligen, und nur bei R. Mejborg, »nordiske
Böndergaarde« finde ich in Band 1, Slesvig, 1892, eine zutreffende
Schilderung der Halligen, der ich auch bezüglich der Häuser beizustimmen
vermag; erhöht wird der Wert dieses Werkes durch gute Illustrationen.
[Illustration: Fig. 2.]
1) Diele.
2) Wohnräume.
3) Wandbetten.
4) Wandschrank.
5) Küche.
6) Kellertreppe.
7) Speisekammer.
8) Bodentreppe.
9 u. 11) Stallräume.
10) Brunnenraum.
12) Düngerrinne.
13) Herd.
14) Schornstein.
15) Einlegeröfen.
16) Dittenschacht.
Die Halligen und die heutigen Inseln Nordstrand und Pellworm sind die
Überbleibsel der alten Strandinger Marschlandschaft nördlich vom
Heverstrom. Nachdem von Zeit zu Zeit durch verheerende Sturmfluten
einzelne Teile von ihr losgelöst waren und als Halligen weiter
existierten, vollendete sich das Schicksal des Nordstrandes in der
schrecklichen Katastrophe des Jahres 1634. Nur die beiden großen
Fragmente Nordstrand und Pellworm erhielten nach derselben neue
Seedeiche, die übrigen blieben abermals als niedrige Halligen den
weiteren Verwüstungen preisgegeben, die mit elementarer Gewalt
wiederholt im 18. Jahrhundert und zum letzten Male im Jahre 1825 über
sie hereinbrachen. Die Folge davon war, daß eine Anzahl von ihnen
überhaupt spurlos verschwunden, auf den übrigen aber alte Häuser nicht
mehr erhalten sind. Man wird mit Sicherheit annehmen dürfen, daß sie vor
ihrer Isolierung dieselben Gebäude trugen, wie die benachbarten
Festlandsmarschen und wie die genannten beiden Inseln, dann aber
bedingte die Veränderung des Wirtschaftssystems und die Notwendigkeit
des engen Zusammenbauens auf mühsam errichteten Werften eine andere
Bauart, die im allgemeinen wohl an der alten Überlieferung festhielt,
aber den Bedürfnissen einer Hirten- und Schifferbevölkerung und den
physischen Bedingungen einer oft grandios furchtbaren Natur angepaßt
werden mußte. Neuere wie ältere Hallighäuser -- und kaum eins ist hinter
das Jahr 1717 mit seiner Sturmflut unseligen Andenkens zurückzudatieren
-- weisen daher einen übereinstimmenden Typus auf[324]. Sie sind
sämtlich mit ihrer Front nach der Südseite gerichtet, woselbst sich auch
der Eingang manchmal unter einem aus dem Rohrdache hervorspringenden
Giebel befindet. Durch die horizontal zweiflüglige Thür betritt man die
mäßig breite Diele, von der rechts und links Thüren in die meist
niedrigen Wohnzimmer führen. Daß die bestausgestattete Stube Pesel und
das gewöhnliche Wohngemach Dönse genannt wird, ist hinlänglich bekannt,
eine bestimmte Norm aber für die Lage dieser Räumlichkeiten, ob links
oder rechts von der Diele, ist nicht befolgt worden, sie richtete sich
in jedem Falle nach dem Gutdünken des Erbauers. Stets ist das Hallighaus
gleich dem fränkischen in erster Linie Wohnhaus; wie dort nimmt die
darin untergebrachte Viehstallung nur etwa einen Vierteil des
Gesamtraumes ein, selten eine Hälfte, vielmehr wird bei reichem
Viehstande lieber ein Flügel angebaut, mitunter vertritt den Flügel
sogar ein selbständiges Stallgebäude. Vergleicht man die hier und meiner
erwähnten Monographie beigegebenen Grundrisse von Hallighäusern mit
demjenigen des fränkischen Hauses bei Meitzen, »das deutsche Haus«,
Berlin 1882, auf Tafel I, Fig. 2, in welchem i und k die Lage der Ställe
bezeichnen, so ergiebt sich unzweifelhaft eine Ähnlichkeit im Prinzip
der inneren Raumausnützung, andrerseits aber auch mit der
Wohnungsabteilung des friesischen Hauses bei Lasius, Fig. 6, wie ja das
friesische Haus in den Wohnräumen dem fränkischen, in den
Wirtschaftsräumen dem sächsischen Hause näher steht. Die Halligfriesen,
die nach der Einbuße des Deichschutzes ihrer Ländereien lediglich auf
Viehzucht und Schiffahrt angewiesen waren, mithin keiner Scheunen,
Pferdeställe und Gerätschuppen bedurften, scheinen von jeher doppelten
Werth auf bequeme, geräumige Wohnungen gelegt zu haben, denn nur in sehr
kleinen Häusern, welche die Minderzahl bilden, begnügt man sich mit
Pesel und Dönse, in den größeren Häusern findet man außer dem Pesel zwei
Wohnzimmer nach der Südseite, ja in den wohlhabendsten sogar zwei
Staats- und zwei Wohnstuben. Die Wände zwischen ihnen und der Diele sind
fast ausnahmslos gemauert, 1½ Stein stark, die Trennung der Zimmer unter
sich erfolgt dagegen häufig durch Bretterwände, wo aber Mauern diesen
Dienst verrichten, sind Wandnischen in ihnen angebracht mit Glasthüren,
hinter denen allerhand Ziergerät aus Messing, Porzellan und Silber sowie
Andenken an ferne Länder und Meere aufbewahrt werden. Die festen Wände
sind mit kleinen quadratischen Kacheln belegt, in den Häusern aus der
guten alten Zeit von Delfter Fayence, in den neueren aus minderwertigem
Material, das aus Hamburg bezogen wird. Auf weißem Grunde enthalten die
Kacheln blaue eingebrannte Bildchen mit den mannigfaltigsten
Darstellungen: Schiffe, Brunnen, Vögel und andere Thiere, Jagdbilder,
Landschaften und Stoffe aus der heiligen Schrift in reicher Abwechslung;
daß die modernen Wandkacheln häufig weiß und braun gehalten sind, sei
nebenbei erwähnt, jedenfalls übertreffen die echten alten die neueren an
Schönheit der Farbe und Glasur. In vielen Zimmern, besonders auf Hooge
und Langeneß-Nordmarsch, heben sich aus diesem bunten Wechsel
aneinandergereihter Einzelbildchen Kompositionen von Schiffen heraus,
zusammengesetzt aus 5 × 5 Kacheln, die nach einer Originalvorlage auf
besondere Bestellung gebrannt wurden; sie bilden Andenken für Kapitäne
an die Schiffe, welche sie im Dienste fremder Rheder geführt haben. Eine
solche Inschrift lautet beispielsweise:
Ao. 1750
Handelaar
gefoerd doer Skipper
Barend Frederik Hansen
voor
De Heer John Notemann.
Um die Kompositionen herum läuft gleichfalls aus Kacheln zusammengesetzt
eine Art Rahmen von Putten- und Rankenarabesken, wie auch zuweilen die
Thürrahmen von Bordüren gleicher Art oder von zusammengesetzten Säulen
und Tieren eingefaßt sind. Bestehen die Scheidewände aus Brettern, so
fehlen natürlich die Kacheln und an ihre Stelle tritt wie bei Thüren und
Fenstern der Anstrich von weißer Ölfarbe, in den ältesten Häusern eine
Bemalung der Wände mit Pflanzenornamenten in blauer, weißer und roter
Farbe.
[Illustration: Fig. 3.]
1) Diele.
2) Wohnräume.
3) Wandbetten.
4) Brunnen.
5) Küche.
6) Kellertreppe.
7) Herd.
8) Einlegeröfen.
9) Speisekammer.
10) Bodentreppe.
11 u. 12) Viehverschläge.
13) Schafstall.
14) Düngerrinne.
15) Futterkrippen.
16) Deckenstützen.
[Fußnote 324: Derselben Ansicht ist Mejborg, der den Gebäuden
holländischen Charakter zuspricht: De gamle og de ny er omtrent ens;
Indretningen er naesten overalt den samme, og saavel det indre som det
ydre Udseende retter sig efter den hollandske Mode, der gör sig
gaeldende fra Fanö til Helgoland (pg. 71).]
Wo die Art der Wände und die Größe der Zimmer es erforderlich macht,
ruht die Decke auf Balkendurchzügen; darüber liegen die dicht gefugten
Bretter, auf denen unmittelbar zugleich die Vorräte des Bodens
aufgestapelt sind. In älteren Häusern sind Decken und Durchzüge farbig
gestrichen[325], in den späteren wieder weiß. Es scheint, daß in der
Glanzzeit des Halligwohlstandes etwa in der ersten Hälfte des 18.
Jahrhunderts, wo die männliche Bevölkerung im Dienste von Hamburger,
Bremer, Flensburger u. a. Rhederfirmen dem noch sehr einträglichen
Walfisch- und Robbenfang im Polarmeer nachging, die Freude an Farben
lebhaft gewesen sei; sie hat sich auch auf den Schmuck des Hausgerätes
erstreckt, wie wir in einer späteren Mitteilung sehen werden. Mit dem
langsamen Versiegen dieser Quelle sehr reichen Verdienstes und der
rapiden Abnahme des Halliglandes, der Wirtschaftsstellen und der
Einwohner trat Nüchternheit an die Stelle frohen Lebensgenusses, und
heut schwinden rasch die letzten Reste des schmuckreichen alten
Besitzes, um für den Erlös dringendere Bedürfnisse befriedigen zu
helfen.
In Häusern des Festlandes und auf größeren Inseln, die bei gleichen
wirtschaftlichen Bedingungen auch eine den Hallighäusern ganz ähnliche
Einrichtung zeigen, fand ich wiederholt in der Wohnstube die große
Eckbank des fränkischen Hauses von ganz derselben Art, wie sie Henning
auf S. 10 durchaus zutreffend beschreibt; sie kommt auch auf den
Halligen vor, wo man indessen die zum Sitzen bequemeren Stühle
bevorzugt. Praktisch für gewöhnlich nicht sehr große Zimmer sind die
Tische am Wandpfeiler zwischen den Fenstern: in unbenutztem Zustande
haben sie eine sehr schmale, etwa 1 m lange Platte, von der nach beiden
Seiten Klappen bis nahe an die Diele herabhängen. Zur Stütze der
letzteren dienen im Bedarfsfalle entweder aus dem Tischkasten
herausziehbare Arme oder eine sinnreiche Vorkehrung: jedes Brett der
Langwand des Tischkastens ist vertikal bis zur Mitte seiner ganzen Länge
durchgeschnitten, so daß es also bis dorthin aus 2 Brettchen von der
halben Stärke der übrigen Kastenwände besteht. Das äußere Brettchen läßt
sich in Scharnieren vom Mittelpunkt des ganzen Brettes aus drehen und
mit ihm die Hälfte eines ebenfalls vertikal durchschnittenen
Tischbeines, in welches das drehbare Brettchen am oberen Ende
eingelassen ist. Werden also beide Klappen aufgeschlagen, so ruht der
Tisch auf 2 vollen und 4 geteilten Beinen und seine frühere Länge
entspricht nun seiner Breite.
[Fußnote 325: Vergl. die Abbildung der Deckenmalerei des »Königshauses«
auf Hooge bei Mejborg, pg. 75.]
Vielbeschrieben sind die den Schiffskojen ganz ähnlichen Wandbetten in
tiefen Nischen mit Raum für 2 Personen. Am Tage sind sie durch Vorhänge
geschlossen, von denen das germanische Museum ein altes Muster mit der
Opferung Isaaks besitzt, oder durch Bretterthüren, die früher bemalt zu
werden pflegten. Über den Thüren fehlen jetzt die alten sinnigen
Sprüche, die noch das vorige Jahrhundert anzubringen liebte in der
Weise, wie Jessen das bei Haupt, Bd. I pg. 435 dargestellt hat. Wie das
Kojenbett kein bewegliches Gestell bildet, sondern organisch mit den
Schiffswänden verwachsen ist, so auch das friesische Wandbett, dessen
Kasten sich nahezu in Tischhöhe über der Stubendiele befindet. Da
während des Tages die Thüren oder die Vorhänge geschlossen sind, so
übersieht zwar der Besucher, daß er eigentlich in einem Schlafzimmer
empfangen wird, dafür aber ist die Lüftung der Nischen eine sehr
mangelhafte. Wandbetten findet man sowohl im Pesel wie in der Dönse, in
größeren Häusern jedoch bleibt eins oder das andere Zimmer frei davon,
weil die nach Norden gelegenen Hinterstuben und Kammern genügende
Lokalitäten dafür bieten. Wie übrigens der Friese im allgemeinen sehr
überlegt und genau ist im Ausdruck, so entspricht es ganz besonders der
Ausdrucksweise einer Schiffer- und Inselbevölkerung, nicht von Vorder-
und Hinterzimmern zu sprechen, sondern die Lage der Räume geographisch
zu bezeichnen; man hat also Norder- und Süder-Stuben oder andere »bi
Osten« und »bi Westen«.
Bemerkenswerth sind sodann die eisernen Einlegeröfen. Sie bestehen aus
eisernen Kästen in der Form eines Parallelepipedons, dessen eine
Schmalseite in die Wand nach dem Inneren des Hauses eingelassen ist. Die
drei freien Seitenwände weisen in Flachrelief vorzugsweise Scenen aus
der biblischen Geschichte auf, sehr oft mit der Jahreszahl, von denen
die älteste, welche ich auf den Halligen las, 1593 lautete. Diese Zahl
entspricht natürlich nicht mehr zugleich dem Alter des betreffenden
Hauses, denn Sturmfluten vermögen wohl Gebäude zu zertrümmern und ihre
schwimmbaren Bestandteile fortzuführen, die schweren Eisenöfen dagegen
blieben auf den Werften zurück und fanden im Neubau wieder Verwendung.
Nicht ganz 1 m. in das Zimmer hineinragend, ruht hier der Ofenkasten auf
2 eisernen Füßen, und auf den Ecken darüber zieren ihn blankgeputzte
Messingkugeln. Geheizt werden die Öfen vom Herd aus, indem durch eine
Öffnung in der Wand glimmende Ditten hineingelegt werden, andere Öfen,
die vom Herd aus nicht erreichbar sind, haben ihre eigene
Heizvorrichtung mit eigenem Schornstein. Unter dem Ofen bemerkt man in
jedem Hause Blechbüchsen mit wohlschmeckendem Buttergebäck, womit man
Gäste zu bewirten pflegt. Verschwunden dagegen ist aus den meisten
Häusern der messingne »Stülp«, der in der Form einer mitten
durchgeschnittenen länglichen Wanne bestimmt war, unter ihm Speisen auf
der Oberplatte des Ofens warm zu halten. Von ganz einfachen, glatten
Exemplaren fortschreitend gab es solche mit mannigfach wechselnden ein-
bis mehrreihigen Bandornamenten, von welchen letzteren wir ein
treffliches Muster erworben haben.
Am Ende der Diele, also der gewöhnlichen Orientierung entsprechend nach
Norden liegt die Küche mit großem, gemauertem, offenem Herde unter einem
mächtigen Rauchfang. An der rechten und linken Seite der Plattform sind
Züge für die beiden Feuerungsstellen eingemauert, darüber feste Roste
für das Brennmaterial und bewegliche Roste, auf denen die Töpfe stehen.
Zwischen den Zügen liegt im Herdbau der Backofen, nur mit einem
Holzdeckel an seiner Zugangsöffnung verschlossen, und vor ihm in dem
gepflasterten Küchenboden bemerkt man einen zweiten Holzdeckel über
einer Vertiefung, in welcher die Hausfrau die Füße einstellt, während
sie beim Backen vor dem niedrigen Ofen auf der Diele sitzt. Oft ragt
neben dem Herd ein viereckiger Schacht durch die Decke nach dem Boden
empor, wo das Brennmaterial aufbewahrt wird, die Ditten; durch denselben
werden sie herabgeworfen und vermittelst eines Thürchens daraus
hervorgeholt. Neben der Küche finden wir eine Speisekammer und die
Norderstube oder eine Kammer mit Wandbett, unter einem dieser Räume den
Keller, nach der anderen Seite der nördlichen Hälfte die Ställe, soweit
sie nicht wie in Figur 8 und 9 der »Halligen der Nordsee« in besonderen
Anbauten untergebracht sind. In unserem Grundriß 2 überrascht in der
Stallabteilung ein besonderer Brunnenraum mit einer Erdsoodencisterne
zum Auffangen des Regenwassers für das Vieh. Das sind vereinzelte
Anlagen, sowohl die aus Ziegeln gemauerten wie die Soodencisternen
liegen sonst außerhalb des Hauses, diese mit dem Trinkwasser für die
Menschen »in vestibulo domus«, wie schon Plinius berichtet, d. h. in dem
gehegten Raume vor dem Hause, der jetzt von wohlgepflegten Gärtchen
eingenommen zu werden pflegt, jene mit dem Trinkwasser für das Vieh auf
der Nordseite.
Über dem ganzen Hause ruht das mächtige Dach, das einen einzigen,
ungeteilten Bodenraum umschließt. Die Balkenlage stützt sich teils auf
das Gemäuer des Wohngeschosses, teils auf die starken eichenen Ständer,
die tief in den Werfthügel eingelassen und an den 4 Ecken in die
Hausmauer eingeschlossen sind. Die Ständer haben den oft genug
thatsächlich erfüllten Zweck, den Dachboden als den wichtigsten Teil des
Hauses in Zeiten der Gefahr zu tragen, wenn die Mauern und Wände durch
die Wucht hochgespannter Sturmfluten eingedrückt waren; denn in solchen
Zeiten retten sich die Bewohner mit ihren Schafen auf den Boden als
ihren einzigen Zufluchtsort. Das kräftige Gespärr wird gestützt durch
einen Firstrahmen mit Kehlbalken und Firstsäulen, denn das auf
dichtgereihten Latten ruhende Rohrschaubendach hat den Druck von häufig
genug orkanartigen Stürmen auszuhalten. Wo ein Haus mit den Giebeln an
Nachbarhäuser stößt, ist es mit einem einfachen Satteldach gedeckt, wo
es freisteht, mit einem Walmdach, dessen Walme entweder ganze oder
Krüppelwalme sind. Nicht mehr so regelmäßig wie früher ragt auf den
Halligen ein Giebel aus dem Dache über der Eingangsthür hervor, wie er
sonst charakteristisch ist für das friesische Haus auch auf den
Utlanden.
Den größten Teil des Bodens nehmen festgestopft bis unter die
Rohrschauben die Heuvorräte ein, der einzige Ernteertrag, den die
Halligen bei ihren zu jeder Jahreszeit vorkommenden Überschwemmungen
liefern können. Das Heu wird so fest eingelegt, daß es das Dachgerüst
stützen hilft und zum Gebrauch mit scharfen Spaten abgestochen wird. Der
übrige Theil des Bodens beherbergt Kisten und Kasten und vor allem
Wintervorräte für den Haushalt, die im Herbst von Husum und Wyk auf Föhr
für mehrere Monate beschafft werden müssen, weil mit Beginn der
Eisbildung auf den Watten die Halligen so gut wie von jedem Außenverkehr
abgeschnitten sind.
Das Innere eines Hallighauses in seiner ganzen Behaglichkeit hat in
letzter Zeit Jacob Alberts in mehreren Ölgemälden dargestellt; seine
Studien und ausgeführten Bilder waren 1894 der Gegenstand einer
besonderen Ausstellung in Kiel, seit welcher sich sein bekanntestes
Bild, der Königspesel auf Hooge, im Museum daselbst befindet. Das erste
Heft des Jahrganges 1895 der »Graphischen Künste«, hat vortreffliche
Reproduktionen seiner Arbeiten gebracht, auf die hiermit hingewiesen
sein möge. In einem späteren Aufsatz sollen die wichtigsten Stücke der
bisher erworbenen inneren Ausstattung besprochen und in Abbildungen
vorgeführt werden. Vielleicht tragen diese Anregungen dazu bei, dem
Museum in seinen Bemühungen um die Aufstellung eines friesischen Zimmers
nebst Küche materielle Unterstützung zu verschaffen, deren es bei der
raschen Verschleppung der letzten alten Ausstattungsstücke in die Häuser
vermögender Sammler und bei der Kostspieligkeit des Erwerbes wie des
Transportes dringend bedarf. Was im Privatbesitz sich ziemlich zwecklos
verbirgt, würde im germanischen Museum den Tausenden von Besuchern aus
allen Teilen Deutschlands zur Freude und Belehrung zugänglich sein.
_Nürnberg._
Dr. _Eugen Traeger_.
Dürer.
Kleine Mitteilungen.
Nach Lochner's Darlegungen im Korrespondenten von und für Deutschland,
1858, Nr. 421, nimmt man allgemein an, daß der Schwiegervater des
älteren Albrecht Dürer Hieronymus Holper geheißen habe, und nicht
Haller, obgleich alle uns erhaltenen Abschriften der Familienchronik die
letztere Lesart aufweisen. Es ist nicht zu leugnen, daß Lochners
Hypothese große Wahrscheinlichkeit für sich hat, andererseits aber nicht
zu vergessen, daß zwingende Beweiskraft dem von ihm beigebrachten
Material nicht innewohnt, daß sehr wohl ein tückischer Zufall hier sein
Spiel getrieben haben kann. Es liegt mir fern, diese an sich
nebensächliche Frage zum Gegenstande einer eingehenden Untersuchung zu
machen, sondern ich möchte nur einiges Material über die
Verwandtschaftsverhältnisse von Dürers Schwiegereltern beibringen, die
zu allerhand Vermutungen Anlaß geben. Hans Frey, Dürers Schwiegervater,
war vermählt mit Anna, Tochter Wilhelm Rumels und dessen Ehefrau
Kunigund, geb. Hallerin oder Münzmeisterin von Bamberg, Schwester von
Anton Haller, Genannten und Richter zu Wöhrd. Die Familie Frey war also
zweifellos mit einer Nebenlinie der Haller verwandt. Ist das gleiche
auch mit Dürer der Fall, dann erscheint die immerhin auffallende
Thatsache, daß der begüterte und angesehene Hans Frey sich für seine
Tochter um den jungen Malergesellen bewirbt, in ganz anderem Lichte: die
Familien waren bereits durch verwandtschaftliche Bande mit einander
verknüpft und es herrschte demgemäß ein vertrautes Verhältnis zwischen
ihnen, das einen solchen Schritt erklärt. -- Gehörte auch Johann Haller
aus Rothenburg o. d. T., der Schüler Kobergers, der 1491 das Bürgerrecht
in Krakau erwarb und dort eine Druckerei gründete, zu dieser
Verwandtschaft? Hat er vielleicht Dürers, des jungen Verwandten,
Wanderschaft beeinflußt, so daß Burckhardt mit seiner Annahme von Dürers
Aufenthalt in Krakau Recht hätte?
* * * * *
Der Entwurf zur Widmung der Befestigungslehre (Dürers schriftlicher
Nachlaß S. 201) befindet sich noch auf dem städtischen Archiv zu
Nürnberg (D. 394-397) und stammt, wie Campe richtig angibt, von
Pirkheimer.
* * * * *
Die Abschriften der Heller-Briefe, die sich zur Zeit der Herausgabe von
Dürer's schriftlichen Nachlaß (S. 43) nicht auffinden ließen, befinden
sich nicht mehr auf der Hof- und Staatsbibliothek in München, sondern
nach Mitteilung des Herrn Konservators Bayersdorffer im kgl.
Kupferstichkabinett daselbst.