Während die deutschen Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande in den
letzten Jahren vielfache Behandlung erfahren haben, ist den Reisen
deutscher Wallfahrer nach Santiago de Compostella, dem »Jerusalem des
Occidents«, bisher nicht die gleiche Beachtung zu Teil geworden. Über
jene sind wir durch die Schriften von Röhricht, Meisner, Kamann u. a.
gut unterrichtet, für diese fehlt zur Zeit noch eine zusammenfassende
Monographie und ist auch das Material bisher nur ungenügend bekannt
geworden. Und doch lassen sich aus diesen Reisen nicht minder
willkommene Aufschlüsse nicht allein über geographische und kulturelle
Verhältnisse, sondern hin und wieder auch in kunstgeschichtlicher
Hinsicht gewinnen. Als eine der für ein so umfassendes Thema
unerläßlichen Vorarbeiten zu dienen, ist der Zweck der folgenden
Blätter. Die Reisebeschreibung, um deren Veröffentlichung es sich dabei
vornehmlich handelt, stammt allerdings bereits aus der Periode des
Übergangs vom Mittelalter zur neuen Zeit, steht aber der Sinnesart ihres
Verfassers Sebald Örtel nach noch ganz auf dem Boden der alten Zeit und
bietet überdies so mancherlei Interessantes von der oben angedeuteten
Art, daß ein diplomatisch getreuer Abdruck des bisher ganz unbekannt
gebliebenen Diariums nicht ungerechtfertigt erschien, zumal es aus jener
Zeit nur wenige gleich ausführliche und genaue deutsche
Reisebeschreibungen durch die Schweiz, Frankreich, Spanien und Portugal
geben wird.
Bevor ich indessen zur Mitteilung dieses Tagebuches selbst übergehe, sei
es gestattet, einige Bemerkungen über deutsche Heiligtumsfahrten nach
Santiago de Compostella im Mittelalter überhaupt vorauszuschicken.
Obgleich schon früh von solchen berichtet wird[101], sind uns doch
ausführlichere Reisebeschreibungen erst aus dem 15. Jahrhundert
erhalten. Es hängt das ohne Zweifel zusammen mit dem größeren Gewicht,
das seit dieser Zeit dem Sammeln von Reliquien der Heiligen beigelegt
wurde und dem regen Interesse, das sich noch bis tief ins 16.
Jahrhundert hinein überall dafür kund that. Zu der religiösen Verehrung
gesellte sich die eben in jener Zeit erwachende Lust am Sammeln als
solchem. Die Menschen von damals empfanden diesen Überresten gegenüber
etwa die gleiche Pietät, wie sie heutzutage noch bei den
Autographensammlern gegenüber ihren Schriftstücken besteht, oder von den
Museen der verschiedensten Art durch sorgsame Aufbewahrung von Andenken
an historische Persönlichkeiten, an Helden des Schwertes oder des
Geistes, mit Recht genährt wird. Ja, man wird sogar behaupten dürfen,
daß man die großen Sammlungen von »Heiligtümern«, wie sie zu Anfang des
16. Jahrhunderts bestanden und auch in Abbildungen ihrer bedeutendsten
Stücke publiziert wurden[102], in gewissem Sinne geradezu als Vorläufer
unserer heutigen Museen betrachten kann. Daß sich das Interesse eben der
Gebildeten seitdem auch in katholischen Ländern in solchem Maße von den
Gegenständen der Sakralgeschichte auf die der Profangeschichte
zurückgezogen hat, dafür können wir eine Erklärung nur in dem so sehr
veränderten Zeitgeiste finden.
Die Aufzählung von Reliquien, die man zu sehen bekam, spielt denn auch
in allen diesen Reisebeschreibungen des 15. Jahrhunderts, soweit sie
sich überhaupt auf Einzelheiten einlassen, eine große Rolle.
1428 pilgerte der Nürnberger Peter Rieter nach Santiago, um von dort aus
über Monteserrato nach Rom zu reisen. Er hat darüber eine kurze
Aufzeichnung hinterlassen, die uns in Abschriften erhalten ist[103].
1436 folgte ihm ein anderer Nürnberger Patrizier, Georg Pfintzing. Wie
Peter Rieter hat auch er außerdem eine Pilgerfahrt ins heilige Land
unternommen. Diese wurde von ihm ausführlich beschrieben; der Reise nach
»Sant Jobs« dagegen, auf der er sieben Wochen abwesend war, erwähnt er
nur mit wenigen Worten[104]. Weit ausführlicher ist ohne Zweifel die
Reisebeschreibung eines Augsburgers, von 1439-40, die sich in einer
Handschrift des Brittischen Museums erhalten hat, über die aber meines
Wissens nähere Angaben bisher nicht gemacht worden sind[105].
[Fußnote 101: In Rossels Urkundenbuch von Eberbach 1, 114. 141 werden
Wallfahrten aus dem Rheingau nach St. Jakob schon aus dem Jahre 1203
erwähnt (vgl. Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins XVI, 1864,
S. 490); nach dem Lübecker Urkundenbuch III, 199 ff. wurde 1354
bestimmt, daß die Mörder des Knappen Marquard von Westensee zur Buße je
einen Pilger nach Aachen, Rom, Santiago und Jerusalem schicken sollten.
(Vergl. Röhricht und Meisner, Deutsche Pilgerreisen nach dem heiligen
Lande, Berlin 1880, S. 486).]
[Fußnote 102: Das Haller Heiligtumsbuch, das Wittenberger
Heiligtumsbuch, Einzelblatt mit den Abbildungen der Heiligtümer, die in
St. Ulrich und Afra zu Augsburg aufbewahrt wurden, etc. Auch von den
Heiligtümern in St. Sernin zu Toulouse muß es solche Abbildungen gegeben
haben, wie aus der Reisebeschreibung Örtels (»_.. vnd sonst viel
Heilthumbs, als ich auff ein Zettel gedruckt hab_«) hervorgeht. Ob noch
Exemplare davon existieren, vermag ich nicht zu sagen.]
[Fußnote 103: Vgl. Röhricht und Meisner, a. a. O. S. 476. Eine Abschrift
auch in dem sogen. schwarzen Rieterbuch der Nürnberger Stadtbibliothek
Bl. 393a. Die Aufzeichnung umfaßt nur wenige Sätze. Der Schluß lautet
nach der Nürnberger Handschrift: »_vnd thet das In einer gutten maynung
mein Nachkommen Andacht zu haben dy heylige stett zu besuchen ob sie
gott ermant er hett es aber gelobt zw thun._« --]
Peter Rieter hatte am Schluß seiner kurzen Aufzeichnung betont, daß er
seine Pilgerreisen nach den heiligen Stätten auch zur Nacheiferung für
seine Nachkommen unternommen habe[106]. Seine Mahnung fiel in dem Herzen
seines Sohnes Sebald Rieter auf fruchtbaren Boden. Er ist nach Rom, St.
Jakob und zum heiligen Grab gepilgert. Die Wallfahrt nach Santiago und
zum Cap Finisterre unternahm er in Gemeinschaft mit einigen andern
Pilgern im Todesjahre seines Vaters (1462), reich mit Empfehlungsbriefen
(»fuderprieff«) ausgestattet, die den Wallfahrern eine freundliche, ja
ehrenvolle Aufnahme bei den Königen von Spanien und Frankreich und der
Herzogin von Savoyen sicherten. Herolde geleiteten sie durch die von
Kriegsunruhen aufgeregten Gebiete. Im Ganzen bietet auch Sebald Rieters
Reisebeschreibung[107] obgleich erheblich ausführlicher als die des
Vaters, nicht eben viel des Interessanten und auch die Reiseroute ist
nur in großen Zügen angegeben, nicht im Einzelnen beschrieben.
Von ungleich größerer Bedeutung sind die Beschreibungen, die uns von der
Ritter-, Hof- und Pilgerreise des böhmischen Herrn Leo von Rozmital
(1465-1467) erhalten geblieben sind, eine lateinische von einem
unbekannten Verfasser und eine deutsche von dem Nürnberger Patrizier
Gabriel Tetzel, der im Gefolge Leos an dessen Fahrt durch die Abendlande
teilgenommen hatte[108]. Die Genauigkeit in der Angabe der Stationen
läßt freilich auch hier hin und wieder zu wünschen übrig. Die Reiseroute
stimmt auf große Strecken mit derjenigen Sebald Örtels überein[109].
Mit Übergehung der Reisen des St. Galler Bürgers Daniel Kauffmann (vor
1491)[110] und des Dominikaners Felix Fabri (vor 1492)[111] ist dann
weiterhin vor allem zu nennen die Pilgerfahrt des niederrheinischen
Ritters Arnold von Harff (1496-1499), die von ihm selbst ausführlich
beschrieben und uns in mehreren Handschriften erhalten ist[112]. Sie hat
in der Anlage und in der genauen Angabe der Meilen von Station zu
Station so manche Ähnlichkeit mit dem hier zu veröffentlichenden
Reisetagebuch des Sebald Örtel, daß man wohl der Ansicht zuneigen
könnte, Örtel habe eine Handschrift der Reisebeschreibung des Ritters
von Harff gekannt. Inhaltlich jedoch bieten beide Beschreibungen nur
geringe Berührungspunkte, wie sich denn auch die von Arnold von Harff
eingehaltene Reiseroute nur für wenige größere Strecken annähernd mit
derjenigen Sebald Örtels deckt[113].
[Fußnote 104: Röhricht und Meisner a. a. O., S. 66 u. 95.]
[Fußnote 105: Papierhandschrift 14326, wahrscheinlich Autograph; vgl. G.
Waitz im Neuen Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche
Geschichtskunde IV (1879) S. 350.]
[Fußnote 106: S. oben Anm. 3.]
[Fußnote 107: Ebenfalls im sogen. schwarzen Rieterbuch der Nürnberger
Stadtbibliothek 395 ff. Vgl. auch Röhricht und Meisner, a. a. O. S. 484
f.]
[Fußnote 108: Herausgegeben von J. A. Schmeller im 7. Bande der
Bibliothek des Stuttgarter litterarischen Vereins (1844).]
[Fußnote 109: Sie deckt sich damit ziemlich genau in folgenden
Abschnitten: Dax bis Tolosa; Santiago bis Ponte de Lima;
Porto--Coimbra--Thomar; Evora--Badajoz--Guadalupe--Talavera de la Reina;
Madrid--Zaragoza--Fraga; Igualada--Barcelona--Perpignan--Narbonne;
Avignon.]
[Fußnote 110: Erwähnt von Dietrich von Schachten, bei Röhricht und
Meisner S. 224.]
[Fußnote 111: Vgl. Röhricht und Meisner S. 279 ff.]
1506 unternahm der Breslauer Peter Rindfleisch, der schon zehn Jahre
zuvor nach Jerusalem gepilgert und dort zum Ritter des heiligen Grabes
geschlagen worden war, von Antwerpen aus eine neue Wallfahrt nach
Santiago, wo er den Herzog Heinrich von Sachsen mit seinen Begleitern,
von Colditz und Hans Roch, antraf[114]. Seine Beschreibung dieser
Reise[115] kann sich an Bedeutung weder mit der des Ritters Arnold von
Harff, noch mit der Sebald Örtels messen. Mit der letzteren deckt sie
sich, was die innegehaltene Route betrifft, für die Strecke von Bayonne
bis Santiago.
Wir wissen noch von manchen anderen Fahrten deutscher Pilger nach St.
Jacob de Compostella aus dem Mittelalter und dem beginnenden 16.
Jahrhundert[116], können es aber für unseren Zweck bei den oben
angeführten wichtigsten derselben, von denen zumeist noch eine
Beschreibung vorhanden ist, bewenden lassen.
* * * * *
Wie an den Pilgerfahrten nach dem heiligen Lande sind auch, wie wir
gesehen haben, an den Reisen nach Santiago de Compostella Nürnberger in
hervorragender Weise beteiligt gewesen, und einer alten Nürnberger
Familie, die zu den Ehrbaren gerechnet wird, gehörte auch der Schreiber
unseres Reisetagebuches an. Sebald Örtel, dessen Bildnis wir dieser
Abhandlung beigeben[117], war als dritter von sieben Söhnen Sigmund
Örtels und seiner Frau Margaretha, einer Tochter des Philipp Groß, 1494
geboren. Außer den Brüdern, unter denen ihm der im Diarium mehrfach
genannte Florentius im Alter am nächsten stand, hatte er, wie aus einem
Örtelschen Geschlechterbuch[118] hervorgeht, noch acht Schwestern. Die
Örtel sollen namentlich einen »starken Handel mit Berkwercken getrieben«
haben[119] und müssen früh zu ansehnlichem Reichtum gelangt sein. Auch
Sebalds Vater, Sigmund (+ 1525), war sehr vermögend, er besaß zu Ausgang
des 15. Jahrhunderts ein Haus in der Kotgasse, je ein weiteres in der
Derrergasse, Bindergasse und unteren Schmiedgasse, sowie ein Gut zu
Galgenhof, das er eben im Geburtsjahr Sebalds, 1494, von der Gerhaus
Kohler gekauft hatte[120]. Über Sebald Örtel selbst erfahren wir nicht
eben viel. Während einige seiner Brüder (Andreas, Florentius, Sigmund)
in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts verschiedene städtische Ämter
bekleidet haben[121], wird ein Gleiches von ihm nicht berichtet.
Unmittelbar nach der Rückkehr von seiner weiten Reise hat er sich am 11.
Februar 1522 mit der Tochter des Hans von Ploben und der Barbara
Hallerin, Anna von Ploben, vermählt, die ihm drei Söhne gebar,
Christoff, Abraham und Paulus[122]. 1552 ist Sebald Örtel 58 Jahre alt
gestorben.
[Fußnote 112: Herausgegeben von Dr. E. von Groote. Köln, 1860.]
[Fußnote 113: Toulouse. Von Burgos über Leon nach Santiago; und von
Burgos bis Bayonne.]
[Fußnote 114: Vgl. Röhricht und Meisner, S. 316 und 345 ff.]
[Fußnote 115: s. ebenda.]
[Fußnote 116: So von der des Thomas Voglin 1503 (vgl. Zeitschrift für
die Geschichte des Oberrheins XVI. 1864, S. 490), Heinrich und Hans
Peters aus Ilsenburg, zwischen 1481 und 1516 (vgl. Urkundenbuch des
Klosters Ilsenburg, bearbeitet von Jacobs, Halle 1877, Nr. 452) u. a.
m.]
[Fußnote 117: Nach einer Radierung (P. 947 der Porträtsammlung des
Germanischen Museums), die allerdings nicht gleichzeitig ist, sondern
etwa aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts stammt, aber, wie man
aus der Tracht, insbesondere aus der Kopfbedeckung schließen darf, auf
ein gleichzeitiges Bildnis zurückgeht und daher wohl auf
Porträtähnlichkeit Anspruch machen kann.]
[Fußnote 118: Hs. 7057 der Bibliothek des Germanischen Museums, Bl. 13
u. 16.]
[Illustration]
Was nun sein Reisetagbuch betrifft, so liegen uns in der Handschrift 420
(kl. 8) der im Germanischen Museum deponierten Merkelschen Sammlung,
zwar kaum die Notizen vor, die er sich auf der Reise selbst gemacht
haben mag -- dem widerspricht die Gleichmäßigkeit und Sauberkeit der
Schrift -- ohne Zweifel aber haben wir es mit einer fast gleichzeitigen,
wahrscheinlich von Sebald Örtel selbst bald nach seiner Rückkehr
unternommenen Abschrift oder Bearbeitung seiner Reiseaufzeichnungen zu
thun. Das so entstandene Werkchen umfaßt 2¾ Bogen oder 22 Blätter und
ist auf starkem, nur leider etwas schlecht geleimtem und daher die Tinte
durchlassendem Papier geschrieben.
[Fußnote 119: Nach der Topographia Reipublicae norimbergensis, Hs. 7178
der Bibliothek des Museums, S. 706.]
[Fußnote 120: Nach dem sog. Libri litterarum der Nürnberger
Stadtbibliothek Bd. 3. fol. 51 (1484); 9, 101 (1492); 11, 133 (1496);
13, 152 (1496) und 12, 40 (1494).]
[Fußnote 121: Topographia S. 707.]
[Fußnote 122: Nach dem Örtelschen Geschlechterbuch S. 16.]
Interessant ist es, zu beobachten, was den Nürnberger Kaufmannssohn auf
seiner Reise vor Allem interessiert. Unternommen wurde sie, wie aus den
Eingangsworten hervorgeht, in erster Linie als eine Pilgerfahrt nach
Santiago und die Aufzählung kirchlich bedeutsamer Stätten, die besucht,
die Beschreibung der Reliquien, die besehen und fromm verehrt wurden,
nimmt einen breiten Raum in der Erzählung ein. Auch unterläßt Sebald
Örtel es nie, getreulich zu berichten, wo er Messe hat lesen lassen, ein
Almosen »in den Stock« gelegt hat u. s. f. Daneben aber verrät sich der
Zeitgenosse und nähere Landsmann so vieler großer Künstler, eines Dürer
und Peter Vischer, deutlich in dem Eindruck, den hervorragende
Kunstwerke auf ihn machen, in der ausführlichen Schilderung, die er
beispielsweise der berühmten Chorbühne in der nicht minder berühmten
Kathedrale der heiligen Cäcilia in Albi widmet. Aus seinen Notizen wird
vielleicht Manches für die lokale Kunstgeschichte zu entnehmen sein,
doch muß ich die Verwertung des Tagebuchs nach dieser Richtung hin
besseren Kennern der mittelalterlichen Kunst in Frankreich und Spanien
überlassen.
Auch sonst bekundet Örtel in seinem Tagebuch einen offenen Blick
namentlich auf praktischem Gebiete und ein vielseitiges Interesse. Wie
von vornherein ein Nebenzweck seiner Reise der gewesen war, seinen in
Lyon weilenden Bruder Florentius zu besuchen und später die Rückreise
von Lyon aus mit ihm gemeinsam zu machen -- dieser Plan hat auch seine
Marschroute wesentlich beeinflußt -- so verkehrt er außer zu Lyon, auch
in Lissabon, Saragossa und anderen Orten mit den dort anwesenden
Deutschen und läßt es sich manchen Dukaten kosten, was alles
gewissenhaft verzeichnet wird. Ebenso genau wird über die bezahlten
Zollgebühren Buch geführt. In Zürich zeigen ihm die Züricher Herren ihr
Zeughaus, ebenso besieht er sich das königliche, reich ausgestattete
Zeughaus in Lissabon; in St. Juan de Luz, Lissabon und Marseille werden
die großen Schiffe, in letzterer Stadt auch die Docks in Augenschein
genommen -- Dinge, die den künftigen Handelsherrn, den vornehmen
Städter, besonders interessieren mußten. Daneben aber versäumt er auch
nicht bei St. Galmier des dort aus der Erde quellenden, »wie Wein
schmeckenden« doppeltkohlensauren Wassers, oder der heißen Quellen von
Dax Erwähnung zu thun, oder für die kleine spanische Stadt Tolosa sich
voll Verwunderung anzumerken, daß alle Straßen mit Steinen gepflastert
seien. Derartige kleine Bemerkungen, die zum Teil ein willkommenes
Streiflicht auf die damaligen Verhältnisse fallen lassen, finden sich in
dem Tagebuch noch manche, wie man aus der Lektüre desselben entnehmen
mag.
Nur von der Natur und ihren Schönheiten, die ihm doch im südlichen
Frankreich, in Spanien und Portugal auf Schritt und Tritt entgegen
getreten sein müssen, findet sich in dem ganzen Büchlein auch nicht ein
Sterbenswort. Als die Reisenden, d. h. Örtel und sein Diener, im
herrlichen Barcelona ankommen, heißt es nur: »Da ließen wir unsere Pferd
beschlagen und unsere Stiefel flicken, kostet mich 6 Real, und blieben
den Christabend und den Tag auch da und besahen viele Ding«. Auch in
dieser Teilnahmlosigkeit gegen die ihn umgebende Natur zeigt sich der
Verfasser noch durchaus als ein Kind des Mittelalters. Weiteren Kreisen
das lange nach innen gekehrte oder nur auf die Bedürfnisse des täglichen
Lebens gerichtete Auge auch wieder für die Reize der Natur geöffnet und
empfänglich gemacht zu haben, ist wesentlich ein Verdienst der Kunst,
insbesondere der Renaissancekunst, und gewiß keines ihrer geringsten.
Aber freilich: diese Entwicklung vollzog sich nur ganz allmälich und bei
dem Einen später als bei dem Andern. Unser Sebald Örtel scheint 1521 von
ihr noch so gut wie unberührt gewesen zu sein.
Bei dem Abdruck des Diariums, das ich nunmehr buchstabengetreu folgen
lasse, glaubte ich auch die nach Schluß des eigentlichen Tagebuches noch
hinzugefügten verschiedenen Marschrouten in gleicher Weise unverkürzt
wiedergeben zu sollen; einmal weil unser Abdruck auch für den Forscher
die Handschrift völlig zu ersetzen bezweckt, dann weil gerade auch diese
Verzeichnisse noch manches Wissenswerte enthalten und die in denselben
erscheinenden Ortsnamen nicht selten die oft sehr korrupte Schreibung
des Tagebuches zu erklären geeignet sind.[123] Die heutigen Namen der
Orte sind, soweit es nötig schien und soweit sie aus den mir zur
Verfügung stehenden Landkarten und Reisebüchern zu ermitteln waren, in
den Anmerkungen hinzugefügt; Abkürzungen wurden in der Regel aufgelöst.
II.
Das Reisetagebuch des Sebald Örtel.