Da sieht meine schon ein bißl würdiger aus, dachte sich der Herr Baurat
und sah stolz auf seinen geschmückten Bauch herab, auf dessen Mitte die
anerkannt schöne und übliche Amethystberlocke baumelte.
„Können Sie mir vielleicht einen Gulden umwechseln?“ fragte das Gigerl
den zweiten alten Herrn. „Ich muß nämlich dem Kofferträger noch schnell
ein Trinkgeld hinauswerfen.“
Der Herr Oberinspektor fischte zögernd sein großes Portemonnaie mit dem
schweigsamen Messingmaul hervor und machte ein Gesicht, wie wenn ihn
jemand um tausend Gulden angepumpt hätte. —
Beim Öffnen fielen viele Münzen heraus, unter ihnen — o weh — auch der
Milchzahn der kleinen Mizzi; — die des kleinen Franzl und des Max waren
— Gott sei Dank — im inneren Fach. —
Es ging aber nichts verloren, denn der junge Herr hatte Glück im Suchen
und gute Augen. —
Eine ältliche Dame blieb im Wagenkorridor stehen. — Der Herr Baurat
grüßte verbindlich durch die offene Tür.
„Bitt’ Sie, wer ist das?“ fragte der Oberinspektor neugierig.
„Die — die kennen Sie nicht? Das ist doch die Frau Syrovatka, die, was
die Witwe ist nach dem gottseligen Oberlandesgerichtsrat. — Sie wohnt
jetzt nach seinem Tode wieder bei ihrer Familie — Sie wissen doch: Die
Müllerischen von der obern Neustadt. — Ihren Papagei hat sie, hör’ ich,
aber weggeben müssen, damit er nicht zu viel ausplaudert vor den jungen
Mädchen und so. — Na, sie wird ihn ja nicht zu sehr vermissen — sie
und ihre Schwestern haben doch alles. — Bitt’ Sie was, denn die, die
haben’s gut — das sind — das sind ...“
„Verdammte Spießbürger“, ergänzte doppelsinnig das Gigerl, schob das
Kinn vor und zerrte mit dem Zeigefinger ungeduldig an dem Rande seines
Stehkragens. —
Eine peinliche Stille entstand — der Baurat schwieg, der Oberinspektor
spuckte verlegen zwischen seine Stiefel, und der vorlaute junge Mann
sah etwas gedrückt zum Fenster hinaus, an dem die vorüberfliegenden
Telegraphendrähte sich hoben und senkten.
Selbst der Zug schien den allgemeinen Druck mitzuspüren und schlug,
wie um der bedenklichen Stimmung ein Ende zu bereiten, ein geradezu
rasendes Tempo ein. —
Verfluchtes Gerumpel! — Die Waggons schleuderten und rasselten, die
Fensterscheiben klirrten. —
Bald befanden sich die beiden Alten wieder auf den breiten Bahnen der
üblichen Bürgergespräche. —
Verstehen konnte man freilich nichts, denn das Rasseln war schauderhaft.
Nur hie und da tauchten ein paar abgerissene Sätze an die Oberfläche:
„Ich wäre natürlich gar nicht gefahren, wenn ich gewußt hätt’, daß
das Barometer gefallen ist, — der Maxl, — Quarta — Kunstgeschichte
— Griechisch, — unglaublich, mit was sich der Bub alles den Kopf
einnimmt.“ —
„Na, meine Tochter erst — nächsten Monat wird sie zwanzig —
prachtvolles rotes Haar — hundsmager und hat immer so alberne
Redensarten: den ganzen Tag hört man: ‚Tut sich, macht sich, Prinzeß‘
—, ganz sinnlos — das kommt von den dummen modernen Romanen —
Maeterlinck — Gehirnerweichung — polizeilich verbieten.“ — — —
Den jungen Mann mußte offenbar eine tiefe Sorge plötzlich überfallen
haben, denn er hatte an den Gesprächen nicht den geringsten Anteil
mehr genommen, vielmehr aufmerksam das grüne baumelnde Fensterband
angestarrt und schließlich ein Notizbuch herausgezogen, in dem er
angestrengt rechnete.
„Der Herr von Vacca wird’s gewiß wissen“, störte ihn der Herr Baurat,
als das Schleudern ein wenig nachließ: „Sagen Sie, bitte, wie heißt der
Roman von Prévost, den sie jetzt im Sommertheater sogar aufführen?“
„~Demi-vierges~“, antwortete das Gigerl.
„~Demi-vierges~, ja richtig. — Sie, Herr Oberinspektor, ich sag’ Ihnen
— sowas! Und das soll realistisch sein. So was gibt’s ja gar nicht.
Erstens kommt das in einem guten Haus nicht vor und zweitens bei uns in
Prag schon gar nicht.“
Das Gigerl grinste.
„Und den Helden in dem Roman versteht man überhaupt nicht. Was man der
... der ..., wie heißt er denn g’schwind?“
„Julien de Suberceaux“, half der junge Mann.
„Ja, richtig, Suberceaux, — was treibt denn eigentlich der mit dem
Frauenzimmer, ich versteh’ das Ganze nicht.“ —
Das Gigerl warf einen boshaften Blick auf den Sprecher.
Der eintretende Schaffner verlangte die Karten und ersparte ihm die
Antwort.
— — — — — — — — —
„Wohin fahren eigentlich Herr von Vacca?“ fragte leutselig wiederum der
Herr Baurat.
„Ich? — Ich fahre nur bis Trautenau, eine ekstatische Frau ansehen. —
Beglaubigter Fall.“ —
„No natürlich, haben Sie schon wieder so was Verrücktes! Ekstase! Ich
bitt’ Sie, Ekstase! — Sowas! Ein gutes G’selchtes mit Kraut und Knödeln
und ein paar Glas Pilsner ist die beste Ekstase.“