Das ganze Sein ist flammend Leid

Um sechs Uhr ist es längst dunkel in den Sträflingszellen des

Landgerichts, denn Kerzen sind dort nicht gestattet, und überdies war

es Winterabend — neblig und sternenlos. —

Der Aufseher ging mit dem schweren Schlüsselbund von Tür zu Tür,

leuchtete noch einmal durch die kleinen vergitterten Ausschnitte, —

wie es seine Pflicht ist, — und überzeugte sich, daß die Eisenstangen

vorgelegt waren. — Endlich verhallte sein Schritt, und die Ruhe des

Jammers lag über all den Unglücklichen, die der Freiheit beraubt —

immer vier beisammen — in den trostlosen Zellen auf ihren hölzernen

Bänken schliefen.

Der alte Jürgen lag auf dem Rücken und blickte zu dem kleinen

Kerkerfenster empor, das wie mattleuchtender Dunst aus der Finsternis

schimmerte. — Er zählte die langsamen Schläge der mißtönenden

Turmglocke und überlegte, was er morgen vor den Geschworenen sagen

wollte, und ob er wohl freigesprochen würde. —

Das Gefühl der Empörung und des wilden Hasses, daß man ihn, wo er

doch vollkommen unschuldig war, so lange eingesperrt hielt, hatte ihn

in den ersten Wochen bis in den Traum verfolgt, und oft hätte er vor

Verzweiflung am liebsten aufgeschrien. —

Aber die dicken Mauern und der enge Raum — kaum fünf Schritte lang —

schlagen den Schmerz nach innen und lassen ihn nicht heraus; — dann

lehnt man nur die Stirn an die Wand oder steigt auf die Holzbank, um

einen Streifen blauen Himmels durch das Kerkergitter zu sehen.

Jetzt waren diese Regungen erloschen, und andere Sorgen, die der freie

Mensch nicht kennt, drückten ihn nieder. —

Ob er morgen freigesprochen würde oder verurteilt, regte ihn nicht

einmal so sehr auf, wie er sich früher wohl gedacht hatte. — Geächtet

war er, was blieb ihm da als Betteln und Stehlen!

Und fiel das Urteil, so würde er sich erhenken — bei der nächsten

besten Gelegenheit, — und sein Traum wäre in Erfüllung gegangen, den er

in der ersten Nacht in diesen verfluchten Mauern gehabt.

Seine drei Gefährten lagen schon lange still; — sie hatten nichts

Neues zu hoffen, daß sie wach geblieben wären, und die langen

Freiheitsstrafen kürzt nur der Schlaf. — Er aber konnte nicht schlafen,

seine trübe Zukunft und trübe Bilder der Erinnerung zogen an ihm

vorbei: anfangs, als er noch ein paar Kreuzer besaß, hatte er sein Los

verbessern, sich hie und da eine Wurst und etwas Milch, manchmal einen

Kerzenstummel kaufen können, solange er mit Untersuchungsgefangenen

beisammen bleiben durfte. — Später hatte man ihn zu den Sträflingen

gesteckt, aus Bequemlichkeitsgründen — und in diesen Zellen wird es

bald Nacht — auch in der Seele. —

Den ganzen langen Tag sitzt man und brütet vor sich hin, die Ellbogen

auf die Knie gestützt, — nur ab und zu eine Unterbrechung, wenn der

Schließer die Tür öffnet und ein Sträfling schweigend den Wasserkrug

trägt oder die Blechtöpfe mit den gekochten Erbsen. —

Da hatte er stundenlang gegrübelt, wer den Mord wohl mochte begangen

haben, und immer klarer war es ihm geworden, daß nur sein Bruder

der Täter sein könne. — Der Bursche war nicht umsonst so schnell

verschwunden. —

Dann dachte er wieder an die morgige Gerichtsverhandlung und den

Advokaten, der ihn verteidigen sollte.

Er hielt nicht viel von ihm. Der Mann war immer so zerstreut gewesen

und hatte nur mit halbem Ohr zugehört und so devot wie möglich

gekatzenbuckelt, wenn der Untersuchungsrichter hinzugetreten war. —

Aber offenbar gehörte das schon so mit dazu. — —

Jürgen hörte noch von weitem das Rasseln der Droschke, die immer um

dieselbe Stunde am Gerichtsgebäude vorbeifuhr. — Wer wohl darin sitzen

mochte? — Ein Arzt — ein Beamter vielleicht. — Wie scharf die Hufeisen

auf dem Pflaster klangen. — — —

— — — — — — — — —

Die Geschworenen hatten Jürgen freigesprochen, — — aus Mangel an

Beweisen — und jetzt ging er zum letzten Male hinunter in die Zelle.

Die drei Sträflinge sahen stumpf zu, wie er mit zitternden Händen

einen alten Kragen am Hemde befestigte und seinen dünnen schäbigen

Sommeranzug anlegte, den ihm der Aufseher hereingebracht hatte. — Die

Zuchthauskleider, in denen er acht Monate gelitten, warf er mit einem

Fluche unter die Bank. — Dann mußte er in die Kanzlei beim Eingangstor,

— der Kerkermeister schrieb etwas in ein Buch und ließ ihn frei. —

Es kam ihm alles so fremd vor auf der Straße: die eiligen Menschen, die

gehen durften, wohin sie wollten und das so selbstverständlich fanden,

— und der eisige Wind, der einen fast umwarf. —

Vor Schwäche mußte er sich an einem Alleebaum halten, und sein Blick

fiel auf die steinerne Aufschrift über dem Torbogen:

„~Nemesis bonorum custos.~“ — Was das wohl heißen mag? —

Die Kälte machte ihn müde; zitternd schleppte er sich zu einer Bank in

den Parkgebüschen und schlief ermattet, fast ohnmächtig ein.

Als er erwachte, lag er im Krankenhause, — man hatte ihm den linken Fuß

amputiert, der ihm erfroren war. — — — — — — — — — — — — —

— — — — — — — — —

Aus Rußland waren zweihundert Gulden für ihn gekommen, — wohl von

seinem Bruder, den das Gewissen gemahnt haben mochte, und Jürgen

mietete ein billiges Gewölbe, um Singvögel zu verkaufen. —

Er lebte kümmerlich und einsam und schlief hinter einem

Bretterverschlag in seinem armseligen Laden.

Wenn des Morgens die Bauernkinder in die Stadt kamen, kaufte er ihnen

die kleinen Vögel um einige Kreuzer ab, die sie in Schlingen und Fallen

gefangen hatten, und steckte sie zu den übrigen in die schmutzigen

Käfige. — — — —

Von dem eisernen Haken in der Mitte des Gewölbes hing an vier Stricken

befestigt ein altes Brett herab, auf dem ein räudiger Affe kauerte,

den Jürgen von seinem Nachbarn — dem Trödler — gegen einen Nußhäher

eingetauscht hatte.

Tag für Tag blieben die Schuljungen stundenlang vor dem blinden Fenster

stehen und starrten den Affen an, der unruhig hin und her rückte und

mürrisch die Zähne fletschte, wenn ein Käufer die Tür öffnete.

Nach ein Uhr kam gewöhnlich niemand mehr, und dann saß der Alte auf

seinem Schemel, blickte trübselig auf sein hölzernes Bein und brütete

vor sich hin, was wohl jetzt die Sträflinge machen mochten und der Herr

Untersuchungsrichter, und ob der Advokat noch immer auf dem Bauch vor

ihm läge. —

Wenn dann ab und zu der Polizeibeamte, der in der Nähe wohnte,

vorüberging, wäre er am liebsten aufgesprungen, um ihm ein paar mit der

Eisenstange da über seine bunten Schandlappen zu hauen. —

O Gott, daß doch das Volk einmal aufstünde und die Schurken erschlüge,

die arme Teufel einfangen und für Taten bestrafen, die sie selbst

insgeheim und mit Lust begehen. — — —

An den Wänden übereinandergeschichtet, standen die Käfige bis fast

zur Decke, und die kleinen Vögel flatterten, wenn man ihnen zu nahe

kam. — Viele saßen ganz traurig und still und lagen frühmorgens mit

eingesunkenen Augen tot auf dem Rücken. —

Jürgen warf sie dann achtlos in den Schmutzkübel, — sie kosteten ja

nicht viel, — und da es Singvögel waren, hatten sie auch kein schönes

Gefieder, das man noch hätte verwenden können. —

Ruhig war es eigentlich im Laden nie, — ein ewiges Scharren und Kratzen

und leises Piepsen, — doch das hörte der Alte nicht, — er war zu sehr

daran gewöhnt. — Auch der unangenehme faule Geruch störte ihn nicht

weiter. —

— — — — — — — — —

Einmal hatte ein Student eine Elster verlangt, und als er fort war,

bemerkte Jürgen, dem an diesem Tage ganz eigentümlich zumute war, daß

der Käufer ein Buch hatte liegen lassen. —

Obwohl es deutsch war, wenn auch aus dem Indischen übersetzt, wie es

auf dem Titelblatte hieß, verstand er doch so wenig davon, daß er den

Kopf schütteln mußte. — Nur eine Strophe las er immer wieder flüsternd

durch, weil sie ihn so schwermütig stimmte:

Das ganze Sein ist flammend Leid.

Wer dies mit weisem Sinne sieht,

Wird bald dies Leidensleben satt.

Das ist der Weg zur Läuterung!

Als dann sein Blick auf die vielen kleinen Gefangenen fiel, die elend

in den engen Käfigen saßen, zog es ihm das Herz zusammen, und er fühlte

mit ihnen, als ob auch er ein Vogel sei, der um seine verlorenen Fluren

trauert.

Ein tiefer Schmerz zog in seine Seele, daß ihm die Tränen in die Augen

traten. — Er gab den Tieren frisches Wasser und schüttete ihnen neues

Futter zu, was er sonst nur frühmorgens tat.

Dabei mußte er der grünen, rauschenden Wälder im goldenen Sonnenglanz

gedenken, die er schon lange vergessen hatte wie alte Märchen aus

früher Jugend. — —

Eine Dame in Begleitung eines Dieners, der ein paar Nachtigallen trug,

störte ihn in seinen Erinnerungen. —

„Ich habe diese Vögel bei Ihnen gekauft,“ sagte sie, „da sie aber zu

selten singen, müssen Sie mir sie blenden.“ —

„Was? Blenden?“ stotterte der Alte.

„Ja, — blenden. — Die Augen ausstechen oder brennen, oder wie man

das macht. — Sie als Vogelhändler müssen das doch besser verstehen.

— Sollten auch vielleicht ein paar eingehen, schadet das nichts, so

ersetzen Sie mir die fehlenden Stücke einfach durch andere. — Und

schicken Sie sie mir bald zu. — Meine Adresse wissen Sie doch? —

Adieu.“ —

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 110 / 149 题