„Was?! Vom Prinzen selbst ist das Puppenspiel?“
„Vermutlich eine Szene aus Tausendundeiner Nacht?“
„Wer wird denn die Dame in der Sänfte geben?“ hört man neugierige
Stimmen durcheinander fragen.
„Unerhörte Überraschungen stehen uns heute noch bevor, o ja,“
zwitschert ein niedlicher Incroyable in Hermelin und hängt sich in
einen Abbé ein, — „weißt du, der Pierrot vorhin, mit dem ich die
Tarantella tanzte, das war der Graf de Faast, der den Mann in der
Flasche spielen wird, und er hat mir viel anvertraut: — Die Marionetten
werden schrecklich unheimlich sein, aber nur für die, die es verstehen,
weißt du — und einen — — — — Elefanten hat der Prinz eigens aus Hamburg
telegraphisch bestellt — — aber du hörst mir ja gar nicht zu!“ — Und
ärgerlich läßt die Kleine den Arm ihres Begleiters los und läuft davon.
Durch die weiten Flügeltüren fluten immer neue Scharen von Masken
aus den Nebengemächern in die Festeshalle, sammeln sich planlos in
der Mitte, laufen durcheinander wie das ewig wechselnde Farbenspiel
eines Kaleidoskops, oder drücken sich an den Wänden zusammen, die
wundervollen Fresken Ghirlandajos zu bestaunen, die, bis zur blauen,
sternenbesäten Decke emporsteigend, gleich Märchengeländen den Saal
umrahmen.
Wie eine buntschillernde Insel des Lebens liegt die Halle, umspült von
den Gefilden farbengebundener Phantasien, die, einst in froh pochenden
Künstlerherzen erwacht, eine jetzt kaum mehr verständlich einfache und
langsame Sprache den hastenden Seelen des Heute zuraunen.
— — — — — — — — —
Diener reichen Erfrischungen auf Silbertassen in das fröhliche
Gewoge — Sorbet und Wein. — — Sessel werden gebracht und in die
Fensternischen gestellt.
Mit scharrendem Geräusch schieben sich die Wände der einen Schmalseite
zurück, und langsam rollt eine Bühne aus dem Dunkel vor, mit rotbraun
und gelb geflammter Umrahmung und weißen Zähnen oben und unten: ein
stilisierter, gähnender Tigerrachen.
In der Mitte der Szene steht eine riesige kugelförmige Flasche.
Aus fußdickem Glas. Fast zwei Mann hoch und sehr geräumig. Rosa
Seidenvorhänge im Hintergrunde des Theaters. —
Die kolossalen Ebenholztüren des Saales fliegen auf, und mit
majestätischer Ruhe tritt ein Elefant — gold- und juwelengeschmückt
— herein. Auf seinem Nacken der rote Henker lenkt ihn mit dem Stiel
seines Beiles.
Von den Spitzen der Stoßzähne schwingen Ketten von Amethysten, nicken
Wedel aus Pfauenfedern.
Goldgewirkte Decken hängen dem Tier in rosinfarbenen Quasten über die
Flanken bis auf den Boden herab.
Die ungeheure Stirne hinter einem Netz mit funkelnden Edelsteinen,
schreitet der Elefant gelassen durch den Festraum.
In Zügen umdrängen ihn die Masken und jauchzen der bunten Schar
vornehmer Darsteller zu, die in einem Palankin auf seinem Rücken
sitzen: Prinz Darasche-Koh mit Turban und Reiheragraffe. — Graf de
Faast als Pierrot daneben. — Marionetten und Musikanten lehnen starr
und steif wie Holzpuppen.
Der Elefant ist bei der Bühne angelangt und hebt mit dem Rüssel Mann um
Mann aus dem Palankin; — Händeklatschen und lauter Jubel, als er den
Pierrot nimmt und in den Hals der Flasche hinabgleiten läßt, dann den
Metalldeckel schließt und den Prinzen obendrauf setzt.
Die Musikanten haben sich im Halbkreis niedergelassen und ziehen
seltsame, dünne, gespenstisch aussehende Instrumente hervor.
Ernsthaft sieht der Elefant ihnen zu, dann kehrt er langsam um und
schreitet zum Eingang zurück. Toll und ausgelassen wie Kinder hängen
sich ihm scharenweise die Masken an Rüssel, Ohren und Stoßzähne und
wollen ihn jauchzend zurückhalten; — — er spürt ihr Zerren kaum.
Die Vorstellung beginnt. Irgendwoher, wie aus dem Boden herauf, tönt
leise Musik. —
Puppenorchester und Marionetten bleiben leblos wie aus Wachs.
Der Flötenbläser stiert mit gläsernem, blödsinnigem Ausdruck zur Decke
— die Züge der Rokokodirigentin in Perücke und Federhut, den Taktstock
wie lauschend erhoben und den spitzen Finger geheimnisvoll an die
Lippen gelegt, sind in grauenhaft lüsternem Lächeln verzerrt.
Im Vordergrund der Bühne die Marionetten — ein buckliger Zwerg mit
kalkweißem Gesicht, ein grauer grinsender Teufel und eine fahle
geschminkte Sängerin mit roten lechzenden Lippen — scheinen in
satanischer Bosheit um ein schreckliches Geheimnis zu wissen, das sie
in brünstigem Krampfe erstarren ließ. — — —
Das haarsträubende Entsetzen des Scheintodes brütet über der
regungslosen Gruppe.
— — Nur der Pierrot in der Flasche ist in ruheloser Bewegung, —
schwenkt seinen spitzen Filzhut, verbeugt sich, und mitunter grüßt er
hinauf zu dem persischen Prinzen, der mit gekreuzten Beinen unbeweglich
auf dem Deckel der Flasche sitzt, — dann wieder schneidet er tolle
Grimassen.
Seine Luftsprünge bringen die Zuschauer zum Lachen, — — — — wie grotesk
er aussieht!
Die dicken Glaswände verzerren seinen Anblick so seltsam; — manchmal
hat er Glotzaugen, die hervorquellen und so wunderlich funkeln, dann
wieder gar keine Augen, nur Stirne und Kinn, — oder ein dreifaches
Gesicht; — zuweilen ist er dick und gedunsen, dann wieder skelettartig
dürr und langbeinig wie eine Spinne. — Oder sein Bauch schwillt zur
Kugel an.
Jeder sieht ihn anders, je nachdem der Blick auf die Flasche fällt.
In gewissen kurzen Zeiträumen ohne jeden erkennbaren, logischen
Zusammenhang kommt ruckweise ein spukhaftes, sekundenlanges Leben
in die Gestalten, das gleich darauf wieder in die alte, grauenvolle
Leichenstarre versinkt, daß es scheint, als hüpfe das Bild über tote
Zwischenräume hinweg von einem Eindruck zum andern, — wie der Zeiger
einer Turmuhr traumhaft von Minute zu Minute zuckt.
Einmal hatten die Figuren aus schnellenden Kniekehlen heraus drei
gespenstische Tanzschritte seitwärts der Flasche zu gemacht; — und im
Hintergrund verrenkte sich ein verwachsenes Kind wie in lasterhafter
Qual. —
Von den Musikanten einer — ein Baschkir mit irrem, wimpernlosem Blick
und birnenförmigem Schädel — nickte dazu und spreizte mit einem
Ausdruck schreckhafter Verworfenheit seine dürren, gräßlichen Finger,
die trommelschlegelartig in kugelförmige Enden ausliefen, wie wächserne
Symbole einer geheimnisvollen Entartung.
Dann wieder war an die Sängerin ein phantastisches weibliches
Zwitterwesen herangesprungen — mit langen, schlotternden Spitzenhöschen
— und in tänzelnder Stellung erstarrt.
Wie erfrischendes Aufatmen wirkte es förmlich, als mitten in eine
solche Pause der Regungslosigkeit durch die rosaseidenen Vorhänge
aus dem Hintergrunde eine verschlossene Sänfte aus Sandelholz von
zwei Mohren auf die Szene getragen und in der Nähe der Flasche
niedergestellt wurde, auf die jetzt von oben plötzlich ein fahles,
mondscheinartiges Licht fiel.
Die Zuschauer waren sozusagen in zwei Lager geteilt, die einen —
unfähig sich zu rühren und sprachlos — ganz im Banne dieser traumhaft
vampyrartigen, rätselhaften Marionettentänze, von denen ein dämonisches
Fluidum vergifteter, unerklärlicher Wollust ausströmte, — während die
andere Gruppe, zu plump für derlei seelische Schrecken, nicht aus dem
Lachen über das spaßige Gebaren des Mannes in der Flasche herauskam.
Dieser hatte zwar die lustigen Tänze aufgegeben, aber sein jetziges
Benehmen kam ihnen nicht minder komisch vor.
Durch alle möglichen Mittel trachtete er offenbar, irgend etwas ihm
äußerst dringend Scheinendes dem auf dem Flaschendeckel sitzenden
Prinzen verständlich zu machen.
Ja, er schlug und sprang zuletzt gegen die Wandungen, als wolle er sie
zerbrechen oder gar die Flasche umwerfen.
Dabei hatte es den Anschein, als schreie er laut, obwohl natürlich
nicht das leiseste Geräusch durch das fußdicke Glas drang.
Die pantomimischen Gebärden und Verrenkungen des Pierrots beantwortete
der Perser von Zeit zu Zeit mit einem Lächeln, — oder er wies mit dem
Finger auf die Sänfte.
Die Neugier des Publikums erreichte den Höhepunkt, als man bei
einer solchen Gelegenheit deutlich bemerkte, daß der Pierrot sein
Gesicht längere Zeit fest an das Glas drückte, wie um etwas drüben am
Sänftenfenster zu erkennen, dann aber plötzlich wie ein Wahnsinniger
die Hände vor den Kopf schlug, als hätte er etwas Gräßliches erblickt,
auf die Knie fiel und sich die Haare raufte. — Dann sprang er auf
und raste mit solcher Schnelle in der Flasche herum, daß man bei den
spiegelnden Verzerrungen manchmal nur noch ein helles, umherflatterndes
Tuch zu sehen vermeinte.
Groß war auch das Kopfzerbrechen im Publikum, was es denn eigentlich
mit der „Dame in der Sänfte“ für eine Bewandtnis habe; man konnte wohl
wahrnehmen, daß ein weißes Gesicht an das Sänftenfenster gepreßt war
und unbeweglich zur Flasche hinübersah, — alles andere aber verdeckte
der Schatten, und man war auf bloßes Raten angewiesen.
„Was nur der Sinn dieses unheimlichen Puppenspieles sein mag?“
flüsterte der blaue Domino und schmiegte sich ängstlich an den „Junker
Hans“.
Erregt und mit gedämpfter Stimme tauschte man seine Meinungen aus.
Einen so recht eigentlichen +Sinn+ habe das Stück nicht, — — nur Dinge,
die +nichts Gehirnliches+ bedeuten, könnten den verborgenen Zutritt zur
Seele finden, — meinte ein Feuersalamander, und so, wie es Menschen
gebe, die beim Anblick der wässerigen Absonderungen blutleerer Leichen,
von erotischem Taumel geschüttelt, kraftlose Schreie der Verzückung
ausstoßen, so gebe es gewiß auch — — — — — —
„Kurz und gut: Wollust und Entsetzen wachsen auf einem Holz,“
unterbrach die Fledermaus, „aber glaubt mir, ich zittere am ganzen
Körper vor Aufregung, es liegt etwas unsagbar Grauenhaftes in der Luft,
das ich nicht abschütteln kann; immer wieder legt es sich um mich wie
dicke Tücher. — Geht das von dem Puppenspiel aus? — Ich sage: nein;
auf mich strömt es vom Prinzen Darasche-Koh über. Warum sitzt er so
scheinbar teilnahmlos da oben auf der Flasche? Und doch läuft manchmal
ein Zucken über sein Gesicht!! — — — Irgend etwas Unheimliches geht
hier vor, ich lasse mir’s nicht nehmen.“
„Eine gewisse symbolische Bedeutung glaube ich doch herausgefunden
zu haben, und dazu paßt ganz gut, was du eben sagtest“, mischte sich
Melanchthon in das Gespräch. „Ist denn nicht der ‚Mann in der Flasche‘
der Ausdruck der im Menschen eingeschlossenen Seele, die ohnmächtig
zusehen muß, wie die Sinne — die Marionetten — sich frech ergötzen,
und wie alles der unaufhaltsamen Verwesung im Laster entgegengeht?“
Lautes Gelächter und Händeklatschen schnitt ihm die Rede ab.
Der Pierrot hatte sich auf dem Boden der Flasche zusammengekrümmt und
umkrallte mit den Fingern seinen Hals. — Dann wieder riß er den Mund
weit auf, deutete in wilder Verzweiflung auf seine Brust und nach oben
— und faltete schließlich flehend die Hände, als wolle er etwas vom
Publikum erbitten.
„Er will zu trinken haben, — na ja, so eine große Flasche und kein
Sekt drin — gebt ihm doch zu trinken, ihr Marionetten“, rief ein
Zuschauer.
Alles lachte und klatschte Beifall.
Da sprang der Pierrot wieder auf, riß sich die weißen Kleider von der
Brust, machte eine taumelnde Bewegung und fiel der Länge nach zu Boden.
„Bravo, bravo, Pierrot — großartig gespielt. ~Da capo, da capo!~“
jubelte die Menge.
Als jedoch der Mann sich nicht mehr rührte und keine Miene machte,
die Szene zu wiederholen, legte sich langsam der Applaus, und die
allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich den Marionetten zu.
Diese standen noch immer in derselben geisterhaften Stellung, die sie
zuletzt eingenommen hatten, doch lag jetzt eine Art Spannung in ihren
Mienen, die früher nicht wahrzunehmen gewesen. Es schien, als ob sie
auf irgendein Stichwort warteten.
Der bucklige Zwerg mit dem kalkweißen Gesicht drehte schließlich
vorsichtig seine Augen nach dem Prinzen Darasche-Koh. —
Der Perser rührte sich nicht.
Seine Züge sahen verfallen aus.
Endlich trat von den Figuren im Hintergrund einer der Mohren zögernd an
die Sänfte heran und öffnete den Schlag.
Und da geschah etwas höchst Seltsames.
Steif fiel ein nackter weiblicher Körper heraus und schlug mit dumpfem
Klatschen lang hin.
Einen Augenblick Totenstille, dann schrien tausend Stimmen
durcheinander — — — es brauste der Saal.
„Was ist’s — was ist geschehen?!“
Marionetten, Affen, Musikanten — alles sprang zu; Masken schwangen
sich auf die Bühne:
Die Fürstin, die Gemahlin Darasche-Kohs lag da, ganz nackt; auf ein
stählernes Stangengerüst geschnürt. Die Stellen, wo die Stricke in das
Fleisch einschnitten, waren blau unterlaufen.