23. September

So. — Jetzt bin ich fertig mit meinem System und sicher, daß kein

Furchtgefühl in mir entstehen kann.

Die Geheimschrift kann niemand entziffern. Es ist doch gut, wenn man

alles vorher genau überlegt und in möglichst vielen Gebieten auf der

Höhe des Wissens steht. Dies soll ein Tagebuch für mich sein; kein

anderer als ich ist es zu lesen imstande, und ich kann jetzt gefahrlos

niederschreiben, was ich zu meiner Selbstbeobachtung für nötig halte. —

Verstecken allein genügt nicht, der Zufall bringt es an den Tag. —

Gerade die heimlichsten Verstecke sind die unsichersten. — Wie verkehrt

alles ist, was man in der Kindheit lernt! — Ich aber habe mit den

Jahren zu lernen verstanden, wie man den Dingen ins Innere sieht, und

ich weiß ganz genau, was ich zu tun habe, damit auch nicht eine Spur

von Furcht in mir erwachen kann.

Die einen sagen, es gibt ein Gewissen, die anderen leugnen es; das ist

dann beiden ein Problem und ein Anlaß zum Streit. Und wie einfach doch

die Wahrheit ist: Es gibt ein Gewissen, und es gibt keines, je nachdem

man daran glaubt. —

Wenn ich an ein Gewissen in mir glaube, suggeriere ich es mir. Ganz

natürlich.

Seltsam ist dabei nur, daß, wenn ich an ein Gewissen glaube, es dadurch

nicht nur +entsteht+, sondern auch sich ganz selbständig meinem Wunsche

und Willen +entgegenzustellen+ vermag. — — —

„Entgegen“stellen! — Sonderbar! — Es stellt sich also das Ich, das ich

mir einbilde, dem Ich gegenüber, mit dem ich es mir selbst geschaffen

habe, und spielt dann eine recht unabhängige Rolle. — — —

Eigentlich scheint es aber auch in andern Dingen so zu sein. Z. B.

schlägt manchmal mein Herz schneller, wenn man von dem Morde spricht,

und ich stehe dabei und bin doch sicher, daß sie mir nie auf die Spur

kommen können. Ich erschrecke nicht im geringsten in solchen Fällen, —

ich weiß es ganz genau, denn ich beobachte mich zu scharf, als daß es

mir entgehen könnte; und doch fühle ich mein Herz schneller schlagen.

Die Idee mit dem Gewissen ist wirklich das Teuflischste, was je ein

Priester erdacht hat. —

Wer wohl der erste war, der diesen Gedanken in die Welt brachte! —

Ein Schuldiger? Kaum! Und ein Schuldloser? Ein sogenannter Gerechter?

Wie hätte der sich so in die Folgen einer solchen Idee hineindenken

können?! —

Es kann nur so sein, daß irgendein Alter es Kindern als Schreckgespenst

dargestellt hat. Mit dem Instinkt der drohenden Wehrlosigkeit des

Alters gegenüber der keimenden brutalen Kraft der Jugend. —

Ich kann mich ganz gut erinnern, wie ich noch als großer Junge für

möglich gehalten hätte, daß sich die Schemen der Erschlagenen an die

Fersen des Mörders heften und ihm in Visionen erscheinen. —

Mörder! — Wie listig schon wieder das Wort gewählt und gebaut ist. —

Mörder! Es liegt ordentlich etwas Röchelndes drin. —

Ich denke, der Buchstabe „Ö“ ist die Wurzel, aus der das Entsetzliche

ausklingt. — —

Wie einen die Menschen mit Suggestionen schlau umstellt haben!

Aber ich weiß schon, wie ich solche Gefahren entwerte. Tausendmal

habe ich mir dieses Wort an einem Abend vorgesagt, bis es die

Schrecklichkeit für mich verloren hat. — Jetzt ist es mir ein Wort wie

jedes andere. — —

— — Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß einen ungebildeten Mörder die

Wahnideen, von den Toten verfolgt zu werden, in den Irrsinn hetzen,

aber nur den, der nicht überlegt, nicht wägt, nicht vorausdenkt. —

Wer ist denn heutzutage gewöhnt, in brechende Augen voll Todesangst

kaltblütig hineinzuschauen, ohne ein inneres Leck davonzutragen, oder

in gurgelnde Kehlen den Fluch zurückzudrosseln, vor dem man sich

heimlich doch fürchtet. — Kein Wunder, daß so ein Bild +lebendig+

werden kann und dann eine Art Gewissen erzeugt, dem man schließlich

erliegt. —

Wenn ich über mich nachdenke, muß ich bekennen, daß ich eigentlich

geradezu genial vorgegangen bin:

Zwei Menschen kurz hintereinander zu vergiften und dabei alle Spuren

des Verdachtes zu verwischen, ist wohl schon Dümmeren, als ich bin,

geglückt; aber die Schuld, das eigene Schuldgefühl zu ersticken, noch

ehe es geboren, das — — — Ich glaube wirklich, ich bin der einzige — — —

Ja, wenn einer das Unglück hätte, allwissend zu sein, für den gäbe

es schwerlich einen inneren Schutz: — so aber habe ich wohlweislich

meine eigene Unwissenheit benützt und klug ein Gift gewählt, das eine

Todesart erzeugt, deren Verlauf mir gänzlich +unbekannt+ ist und auch

bleiben soll:

Morphium, Strychnin, Zyankali; — alle ihre Wirkungen kenne ich oder

könnte ich mir vorstellen: Verrenkungen, Krämpfe, blitzartiges

Niederstürzen, Schaum vor dem Mund. — Aber Curarin! — Ich habe keine

Ahnung, wie bei diesem Gift der Todeskampf aussehen mag, und wie sollte

sich da eine Vorstellung in mir bilden können?! Darüber nachzulesen

werde ich mich natürlich hüten, und zufällig oder unfreiwillig etwas

darüber mit anhören zu müssen, ist ausgeschlossen. — Wer kennt denn

heute überhaupt den Namen Curarin?!

Also! — Wenn ich mir nicht einmal ein Bild von den letzten Minuten

meiner beiden Opfer (welch albernes Wort) machen kann, wie könnte mich

ein solches je verfolgen? — Und sollte ich dennoch davon träumen, so

kann ich mir beim Erwachen die Unhaltbarkeit einer solchen Suggestion

direkt +beweisen+. Und welche Suggestion wäre stärker als ein solcher

+Beweis+!

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 88 / 149 题