So. — Jetzt bin ich fertig mit meinem System und sicher, daß kein
Furchtgefühl in mir entstehen kann.
Die Geheimschrift kann niemand entziffern. Es ist doch gut, wenn man
alles vorher genau überlegt und in möglichst vielen Gebieten auf der
Höhe des Wissens steht. Dies soll ein Tagebuch für mich sein; kein
anderer als ich ist es zu lesen imstande, und ich kann jetzt gefahrlos
niederschreiben, was ich zu meiner Selbstbeobachtung für nötig halte. —
Verstecken allein genügt nicht, der Zufall bringt es an den Tag. —
Gerade die heimlichsten Verstecke sind die unsichersten. — Wie verkehrt
alles ist, was man in der Kindheit lernt! — Ich aber habe mit den
Jahren zu lernen verstanden, wie man den Dingen ins Innere sieht, und
ich weiß ganz genau, was ich zu tun habe, damit auch nicht eine Spur
von Furcht in mir erwachen kann.
Die einen sagen, es gibt ein Gewissen, die anderen leugnen es; das ist
dann beiden ein Problem und ein Anlaß zum Streit. Und wie einfach doch
die Wahrheit ist: Es gibt ein Gewissen, und es gibt keines, je nachdem
man daran glaubt. —
Wenn ich an ein Gewissen in mir glaube, suggeriere ich es mir. Ganz
natürlich.
Seltsam ist dabei nur, daß, wenn ich an ein Gewissen glaube, es dadurch
nicht nur +entsteht+, sondern auch sich ganz selbständig meinem Wunsche
und Willen +entgegenzustellen+ vermag. — — —
„Entgegen“stellen! — Sonderbar! — Es stellt sich also das Ich, das ich
mir einbilde, dem Ich gegenüber, mit dem ich es mir selbst geschaffen
habe, und spielt dann eine recht unabhängige Rolle. — — —
Eigentlich scheint es aber auch in andern Dingen so zu sein. Z. B.
schlägt manchmal mein Herz schneller, wenn man von dem Morde spricht,
und ich stehe dabei und bin doch sicher, daß sie mir nie auf die Spur
kommen können. Ich erschrecke nicht im geringsten in solchen Fällen, —
ich weiß es ganz genau, denn ich beobachte mich zu scharf, als daß es
mir entgehen könnte; und doch fühle ich mein Herz schneller schlagen.
Die Idee mit dem Gewissen ist wirklich das Teuflischste, was je ein
Priester erdacht hat. —
Wer wohl der erste war, der diesen Gedanken in die Welt brachte! —
Ein Schuldiger? Kaum! Und ein Schuldloser? Ein sogenannter Gerechter?
Wie hätte der sich so in die Folgen einer solchen Idee hineindenken
können?! —
Es kann nur so sein, daß irgendein Alter es Kindern als Schreckgespenst
dargestellt hat. Mit dem Instinkt der drohenden Wehrlosigkeit des
Alters gegenüber der keimenden brutalen Kraft der Jugend. —
Ich kann mich ganz gut erinnern, wie ich noch als großer Junge für
möglich gehalten hätte, daß sich die Schemen der Erschlagenen an die
Fersen des Mörders heften und ihm in Visionen erscheinen. —
Mörder! — Wie listig schon wieder das Wort gewählt und gebaut ist. —
Mörder! Es liegt ordentlich etwas Röchelndes drin. —
Ich denke, der Buchstabe „Ö“ ist die Wurzel, aus der das Entsetzliche
ausklingt. — —
Wie einen die Menschen mit Suggestionen schlau umstellt haben!
Aber ich weiß schon, wie ich solche Gefahren entwerte. Tausendmal
habe ich mir dieses Wort an einem Abend vorgesagt, bis es die
Schrecklichkeit für mich verloren hat. — Jetzt ist es mir ein Wort wie
jedes andere. — —
— — Ich kann mir ganz gut vorstellen, daß einen ungebildeten Mörder die
Wahnideen, von den Toten verfolgt zu werden, in den Irrsinn hetzen,
aber nur den, der nicht überlegt, nicht wägt, nicht vorausdenkt. —
Wer ist denn heutzutage gewöhnt, in brechende Augen voll Todesangst
kaltblütig hineinzuschauen, ohne ein inneres Leck davonzutragen, oder
in gurgelnde Kehlen den Fluch zurückzudrosseln, vor dem man sich
heimlich doch fürchtet. — Kein Wunder, daß so ein Bild +lebendig+
werden kann und dann eine Art Gewissen erzeugt, dem man schließlich
erliegt. —
Wenn ich über mich nachdenke, muß ich bekennen, daß ich eigentlich
geradezu genial vorgegangen bin:
Zwei Menschen kurz hintereinander zu vergiften und dabei alle Spuren
des Verdachtes zu verwischen, ist wohl schon Dümmeren, als ich bin,
geglückt; aber die Schuld, das eigene Schuldgefühl zu ersticken, noch
ehe es geboren, das — — — Ich glaube wirklich, ich bin der einzige — — —
Ja, wenn einer das Unglück hätte, allwissend zu sein, für den gäbe
es schwerlich einen inneren Schutz: — so aber habe ich wohlweislich
meine eigene Unwissenheit benützt und klug ein Gift gewählt, das eine
Todesart erzeugt, deren Verlauf mir gänzlich +unbekannt+ ist und auch
bleiben soll:
Morphium, Strychnin, Zyankali; — alle ihre Wirkungen kenne ich oder
könnte ich mir vorstellen: Verrenkungen, Krämpfe, blitzartiges
Niederstürzen, Schaum vor dem Mund. — Aber Curarin! — Ich habe keine
Ahnung, wie bei diesem Gift der Todeskampf aussehen mag, und wie sollte
sich da eine Vorstellung in mir bilden können?! Darüber nachzulesen
werde ich mich natürlich hüten, und zufällig oder unfreiwillig etwas
darüber mit anhören zu müssen, ist ausgeschlossen. — Wer kennt denn
heute überhaupt den Namen Curarin?!
Also! — Wenn ich mir nicht einmal ein Bild von den letzten Minuten
meiner beiden Opfer (welch albernes Wort) machen kann, wie könnte mich
ein solches je verfolgen? — Und sollte ich dennoch davon träumen, so
kann ich mir beim Erwachen die Unhaltbarkeit einer solchen Suggestion
direkt +beweisen+. Und welche Suggestion wäre stärker als ein solcher
+Beweis+!