Der Schrecken

Die Schlüssel klirren, und ein Trupp Sträflinge betritt den

Gefängnishof. — Es ist zwölf Uhr, und sie müssen im Kreise herumgehen,

um Luft zu schöpfen, paarweise — einer hinter dem andern. —

Der Hof ist gepflastert. Nur in der Mitte ein paar Flecken dunkles Gras

wie Grabhügel. — Vier dünne Bäume und eine Hecke aus traurigem Liguster.

Ringsum alte gelbe Mauern mit kleinen, vergitterten Kerkerfenstern.

Die Sträflinge in ihren grauen Zuchthauskleidern, sie reden kaum und

gehen immer im Kreise herum — einer hinter dem andern. — Fast alle

sind krank: Skorbut, geschwollene Gelenke. — Die Gesichter grau wie

Fensterkitt, die Augen erloschen. Mit freudlosem Herzen halten sie

gleichen Schritt.

Der Aufseher mit Säbel und Mütze steht an der Hoftür und starrt vor

sich hin. —

Längs der Mauern ist nackte Erde. — Dort wächst nichts: das Leid

sickert durch die gelben Wände.

„+Lukawsky+ war eben beim Präsidenten!“ ruft ein Gefangener den

Sträflingen durch sein Kerkerfenster halblaut zu. — Der Trupp

marschiert weiter. — „Was ist’s mit ihm?“ fragt ein Neuling seinen

Nebenmann.

„Lukawsky, der Mörder, ist zum Tode verurteilt durch den Strang,

und heute, glaub’ ich, soll sich’s entscheiden, ob das Urteil

bestätigt wird oder nicht. Der Präsident hat ihm die Bestätigung des

Urteils auf dem Amtszimmer verlesen. — Der Lukawsky hat kein Wort

gesagt, nur getaumelt hat er. — Aber draußen hat er mit den Zähnen

geknirscht und einen Wutanfall bekommen. — Die Aufseher haben ihm

die Zwangsjacke angelegt und ihn mit Gurten auf die Bank geschnallt,

daß er kein Glied rühren kann bis morgen früh. — Und ein Kruzifix

haben sie ihm hingestellt.“ — Bruchstückweise hatte der Gefangene den

Vorbeimarschierenden dies zugerufen. —

„Auf Zelle Nr. 25 liegt er, der Lukawsky“, sagt einer der ältesten

Sträflinge. — Alle blicken zum Gitterfenster Nr. 25 hinauf. —

Der Aufseher lehnt gedankenlos am Tor und stößt mit dem Fuß ein Stück

altes Brot beiseite, das im Wege liegt. —

In den schmalen Gängen des alten Landgerichts liegen die Kerkertüren

dicht nebeneinander. — Niedrige Eichentüren, in das Mauerwerk

eingelassen, mit Eisenbändern und mächtigen Riegeln und Schlössern.

— Jede Tür hat einen vergitterten Ausschnitt, kaum eine Spanne im

Geviert. Durch diese ist die Neuigkeit gedrungen und läuft längs der

Fenstergitter von Mund zu Mund: „Morgen wird er gehenkt!“ —

Es ist still auf den Gängen und im ganzen Hause, und doch herrscht ein

feines Geräusch. Leise, unhörbar. Nur zu fühlen. — Durch die Mauern

dringt es und spielt in der Luft wie Mückenschwärme. — Das ist das

Leben, das gebundene, gefangene Leben!

Mitten im Haupteingang, dort, wo er weiter wird, steht eine alte leere

Truhe ganz im Dunkeln.

Lautlos, langsam hebt sich der Deckel. — Da fährt es wie Todesfurcht

durchs ganze Haus. — Den Gefangenen bleibt das Wort im Munde stecken. —

Auf den Gängen kein Laut mehr, — daß man das Schlagen des Herzens hört

und das Klingen im Ohr. —

Die Bäume und Sträucher auf dem Hofe rühren kein Blatt und greifen

mit herbstlichen Ästen in die trübe Luft. — Es ist, wie wenn sie noch

dunkler geworden wären. —

Der Trupp Sträflinge ist stehen geblieben wie auf einen Wink: Hat nicht

jemand geschrien? —

Aus der alten Truhe kriecht langsam ein scheußlicher Wurm. — Ein

Blutegel von gigantischer Form. — Dunkelgelb mit schwarzen Flecken,

saugt er sich die Zellen entlang am Boden hin. — Bald dick werdend,

dann wieder dünn, bewegt er sich vorwärts und tastet und sucht. —

Am Kopfe seitlich in jeder Höhle starren fünf aneinandergequetschte

Augäpfel, — ohne Lider und unbeweglich. — Es ist der Schrecken. —

Er schleicht sich zu den Gerichteten und saugt ihnen das warme Blut aus

— unterhalb der Kehle, dort wo die große Ader das Leben vom Herzen zum

Kopfe trägt. — Und umschlingt mit seinen schlüpfrigen Ringen den warmen

Menschenleib. — — —

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 83 / 149 题