Die neue Sintflut brach herein. —

Die „Indian Gazette“, die die Veröffentlichung des „Falles Sir Roger

Thornton“ brachte, erschien am nächsten Tage um volle drei Stunden

später als sonst. — Ein seltsamer und schreckenerregender Zwischenfall

trug die Schuld an der Verzögerung:

Mr. Birendranath Naorodjee, der Redakteur des Blattes, und zwei

Unterbeamte, die mit ihm die Zeitung vor der Herausgabe noch

mitternachts durchzuprüfen pflegten, waren aus dem verschlossenen

Arbeitszimmer spurlos verschwunden. — Drei bläuliche gallertartige

Zylinder standen statt dessen auf dem Boden, und mitten zwischen ihnen

lag das frischgedruckte Zeitungsblatt. — Die Polizei hatte kaum mit

bekannter Wichtigtuerei die ersten Protokolle angefertigt, als zahllose

ähnliche Fälle gemeldet wurden.

Zu Dutzenden verschwanden die zeitunglesenden und gestikulierenden

Menschen vor den Augen der entsetzten Menge, die aufgeregt die Straßen

durchzog. — Zahllose violette kleine Pyramiden standen umher, auf den

Treppen, auf den Märkten und Gassen — wohin das Auge blickte. —

Ehe der Abend kam, war Bombay halb entvölkert. Eine amtliche sanitäre

Maßregel hatte die sofortige Sperrung des Hafens, wie überhaupt

jeglichen Verkehrs nach außen verfügt, um eine Verbreitung der

neuartigen Epidemie, denn wohl nur um eine solche konnte es sich hier

handeln, möglichst einzudämmen. — Telegraph und Kabel spielten Tag und

Nacht und schickten den schrecklichen Bericht sowie den ganzen Fall

„Sir Thornton“ Silbe für Silbe über den Ozean in die weite Welt. —

Schon am nächsten Tag wurde die Quarantäne, als bereits verspätet,

wieder aufgehoben.

Aus allen Ländern verkündeten Schreckensbotschaften, daß der „violette

Tod“ überall fast gleichzeitig ausgebrochen sei und die Erde zu

entvölkern drohe. Alles hatte den Kopf verloren, und die zivilisierte

Welt glich einem riesigen Ameisenhaufen, in den ein Bauernjunge seine

Tabakspfeife gesteckt hat. —

In Deutschland brach die Epidemie zuerst in Hamburg aus; Österreich, in

dem ja nur Lokalnachrichten gelesen werden, blieb wochenlang verschont.

Der erste Fall in Hamburg war ganz besonders erschütternd. Pastor

Stühlken, ein Mann, den das ehrwürdige Alter fast taub gemacht hatte,

saß früh am Morgen am Kaffeetisch im Kreise seiner Lieben: Theobald,

sein Ältester, mit der langen Studentenpfeife, Jette, die treue Gattin,

Minchen, Tinchen, kurz alle, alle. Der greise Vater hatte eben die

angelangte englische Zeitung aufgeschlagen und las den Seinen den

Bericht über den „Fall Sir Roger Thornton“ vor. Er war kaum über das

Wort Ämälän hinausgekommen und wollte sich eben mit einem Schluck

Kaffee stärken, als er mit Entsetzen wahrnahm, daß nur noch violette

Schleimkegel um ihn herumsaßen. In dem einen stak noch die lange

Studentenpfeife. —

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 62 / 149 题