Sehen Sie den Hausierer dort mit dem wirren Bart? Tonio nennt man
ihn. Gleich wird er zu unserem Tische kommen. Kaufen Sie ihm eine
kleine Gemme ab oder ein paar Bologneser Tränen; — Sie wissen doch:
diese Glastropfen, die in der Hand in winzige Splitter — wie Salz —
zerspringen, wenn man das fadenförmige Ende abbricht. — Ein Spielzeug,
weiter nichts. Und betrachten Sie dabei sein Gesicht, — den Ausdruck!
— — — — — — — — —
Nicht wahr, der Blick des Mannes hat etwas Tiefergreifendes? — Und was
in der klanglosen Stimme liegt, wenn er seine Waren nennt: Bologneser
Tränen, gesponnenes Frauenhaar. Nie sagt er gesponnenes Glas, immer nur
Frauenhaar. — — — — — — Wenn wir dann nach Hause gehen, will ich
Ihnen seine Lebensgeschichte erzählen, nicht in diesem öden Wirtshaus
— — — draußen am See — im Park.
Eine Geschichte, die ich niemals vergessen könnte, auch wenn er nicht
mein Freund gewesen wäre, den Sie hier jetzt als Hausierer sehen und
der mich nicht mehr erkennt —
Ja, ja, — glauben Sie es nur, er war mir ein guter Freund, — früher,
als er noch lebte, — seine Seele noch hatte, — noch nicht wahnsinnig
war. — — — Warum ich ihm nicht helfe? — Da läßt sich nicht helfen.
Fühlen Sie nicht, daß man einer Seele nicht helfen soll, — die blind
geworden — sich auf ihre eigene, geheimnisvolle Weise wieder zum
Lichte tastet, — vielleicht zu einem neuen, hellern Licht? —
Und es ist nichts mehr als ein Tasten der Seele nach Erinnerung, wenn
Tonio hier Bologneser Tränen feilbietet! — Sie werden dann hören. —
Gehen wir jetzt fort von hier. —
*
— — — Wie zauberhaft der See im Mondlicht schimmert!
— — — Das Schilf, da drüben am Ufer! — So nächtig — dunkel! — Und
wie die Schatten der Ulmen auf der Wasserfläche schlummern — — —
dort in der Bucht! — —
— — — In mancher Sommernacht saß ich auf dieser Bank, wenn der Wind
flüsternd, suchend durch die Binsen strich und die plätschernden Wellen
schlaftrunken an die Wurzeln der Uferbäume schlugen, — und dachte
mich hinab in die zarten, heimlichen Wunder des Sees, sah in der Tiefe
leuchtende, glitzernde Fische, wie sie leise im Traume die rötlichen
Flossen bewegten, — alte, moosgrüne Steine, ertrunkene Äste und totes
Holz und schimmernde Muscheln auf weißem Kies.
Wäre es nicht besser, man läge — ein Toter — da unten auf weichen
Matten von schaukelndem Tang — und hätte das Wünschen vergessen und
das Träumen?! —
Doch ich wollte Ihnen von Tonio erzählen.
Wir wohnten damals alle drüben in der Stadt; — wir nannten ihn Tonio,
obwohl er eigentlich anders heißt.
Von der schönen Mercedes haben Sie wohl auch nie gehört? Eine Kreolin
mit rotem Haar und so hellen, seltsamen Augen.
Wie sie in die Stadt kam, weiß ich nicht mehr, — jetzt ist sie seit
langem verschollen. — —
Als Tonio und ich sie kennenlernten — auf einem Feste des
Orchideenklubs —, war sie die Geliebte eines jungen Russen.
Wir saßen in einer Veranda, und aus dem Saale wehten die fernen, süßen
Töne eines spanischen Liedes heraus zu uns. —
— — Girlanden tropischer Orchideen von unsagbarer Pracht hingen von
der Decke herab: — ~Cattlëya aurea~, die Kaiserin dieser Blumen,
die niemals sterben, — Odontoglossen und Dendrobien auf morschen
Holzstücken, weiße, leuchtende Lobelien, wie Schmetterlinge des
Paradieses. — Kaskaden tiefblauer Lykasten, — und von dem Dickicht
dieser wie im Tanze verschlungenen Blüten loderte ein betäubender Duft,
der mich immer wieder durchströmt, wenn ich des Bildes jener Nacht
gedenke, das scharf und deutlich wie in einem magischen Spiegel vor
meiner Seele steht: Mercedes auf einer Bank aus Rindenholz, die Gestalt
halb verdeckt hinter einem lebenden Vorhang violetter Vandeen. — Das
schmale, leidenschaftliche Gesicht ganz im Schatten.