Sinclair sah seinen Freund aufmerksam an. „Was willst du damit sagen?“

„Es wird wohl der verstimmende Einfluß sein, der mich in dem

Wachsfigurenkabinett befiel,“ fuhr Sebaldus fort, „ich bin unsäglich

empfindlich heute, — — — als soeben Melchior von weitem herankam und

ich seine Gestalt immer mehr und mehr wachsen sah, je näher sie kam,

— da lag etwas, was mich quälte, etwas — wie soll ich nur sagen —

Nicht-Heimliches für mich darin, daß die Entfernung alle Dinge zu

verschlingen vermag, ob es jetzt Körper sind oder Töne, Gedanken,

Phantasien oder Ereignisse. Oder umgekehrt, wir sehen sie zuerst winzig

von weitem, und langsam werden sie größer, — alle, alle, — auch die,

die unstofflich sind und keine räumliche Strecke zurücklegen müssen.

— Aber ich finde nicht die rechten Worte, fühlst du nicht, wie ich es

meine? — Sie scheinen alle unter demselben Gesetze zu stehen!“

Der andere nickte nachdenklich mit dem Kopfe.

„Ja, und manche Ereignisse und Gedanken, die schleichen verstohlen

heran, — als ob es ‚dort‘ — etwas wie Bodenerhebungen oder dergleichen

gäbe, hinter denen sie sich verborgen halten könnten. — Plötzlich

springen sie dann hinter einem Versteck hervor und stehen unerwartet,

riesengroß vor uns da.“

Man hörte die Tür gehen, und gleich darauf trat Dr. Kreuzer zu ihnen in

die Weinschenke.

„Melchior Kreuzer — Christian Sebaldus Obereit, Chemiker“, stellte

Sinclair die beiden einander vor.

„Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mir telegraphiert haben“, sagte

der Angekommene. — „Frau Lukretias alter Gram!? Auch mir fuhr es in die

Glieder, als ich den Namen Mohammed Daraschekoh gestern in der Zeitung

las. Haben Sie schon etwas herausgebracht? Ist es derselbe?“

— — — — — — — — —

Auf dem ungepflasterten Marktplatz stand der Zeltbau des

Wachsfigurenkabinetts, und aus den hundert kleinen zackigen Spiegeln,

die auf dem Leinwandgiebel in Rosettenschrift die Worte formten:

Mohammed Daraschekohs orientalisches Panoptikum,

vorgeführt von Mr. Congo-Brown

glitzerte rosa der letzte Widerschein des Abendhimmels.

Die Segeltuchwände des Zeltes, mit wilden, aufregenden Szenen grell

bemalt, schwankten leise und bauchten sich zuweilen wie hautüberspannte

Wangen aus, wenn im Innern jemand umherhantierte und sich an sie lehnte.

Zwei Holzstufen führten zum Eingang empor, und oben stand unter einem

Glassturz die lebensgroße Wachsfigur eines Weibes in Flittertrikot.

Das fahle Gesicht mit den Glasaugen drehte sich langsam und sah in die

Menge hinab, die sich um das Zelt drängte, — von einem zum andern;

blickte dann zur Seite, als erwarte es einen heimlichen Befehl von dem

dunkelhäutigen Ägypter, der an der Kasse saß, und schnellte dann mit

drei zitternden Rucken in den Nacken, daß das lange schwarze Haar flog,

um nach einer Weile wieder zögernd zurückzukehren, trostlos vor sich

hinzustarren und die Bewegungen von neuem zu beginnen.

Von Zeit zu Zeit verdrehte die Figur plötzlich Arme und Beine wie unter

einem heftigen Krampfe, warf hastig den Kopf zurück und beugte sich

nach hinten, bis die Stirn die Fersen berührte.

„Der Motor dort hält das Uhrwerk in Gang, das diese scheußlichen

Verrenkungen bewirkt,“ sagte Sinclair halblaut und wies auf die blanke

Maschine an der andern Seite des Eingangs, die, in Viertakt arbeitend,

ein schlapfendes Geräusch erzeugte.

„~Electrissiti~, Leben ja, lebendig alles ja“, leierte der Ägypter oben

und reichte einen bedruckten Zettel herunter. „In halb’ Stunde Anfang

ja.“

„Halten Sie es für möglich, daß dieser Farbige etwas über den

Aufenthalt des Mohammed Daraschekoh weiß?“ fragte Obereit.

Melchior Kreuzer aber hörte nicht. Er war ganz in das Studium des

Zettels vertieft und murmelte die Stellen, die besonders hervorstachen,

herunter.

„Die magnetischen Zwillinge Vayu und Dhanándschaya (mit Gesang), was

ist das? Haben Sie das gestern auch gesehen?“ fragte er plötzlich.

Sinclair verneinte. „Die lebendigen Darsteller sollen erst heute

auftreten und — —“

„Nicht wahr, Sie kannten doch Thomas Charnoque, Lukretias Gatten,

persönlich, Dr. Kreuzer?“ unterbrach Sebaldus Obereit.

„Gewiß, wir waren jahrelang Freunde.“

„Und fühlten Sie nicht, daß er etwas Böses mit dem Kinde vorhaben

könne?“

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. — „Ich sah wohl eine Geisteskrankheit

in seinem Wesen langsam herankommen, aber niemand konnte ahnen, daß

sie so plötzlich ausbrechen würde. — Er quälte die arme Lukretia mit

schrecklichen Eifersuchtsszenen, und wenn wir Freunde ihm das Grundlose

seines Verdachtes vorhielten, so hörte er kaum zu. — Es war eine fixe

Idee in ihm! — Dann, als das Kind kam, dachten wir, es werde besser

mit ihm werden. — Es hatte auch den Anschein, als wäre dem so. — Sein

Mißtrauen war aber nur noch tiefer geworden, und eines Tages erhielten

wir die Schreckensbotschaft, es sei plötzlich der Wahnsinn über ihn

gekommen, er habe getobt und geschrien, habe den Säugling aus der Wiege

gerissen und sei auf und davon.

Und jede Nachforschung blieb vergeblich. — Irgend jemand wollte ihn

noch mit Mohammed Daraschekoh zusammen auf einem Stationsbahnhof

gesehen haben. — Einige Jahre später kam wohl aus Italien die

Nachricht, ein Fremder namens Thomas Charnoque, den man oft in

Begleitung eines kleinen Kindes und eines Orientalen gesehen, sei

erhenkt gefunden worden. — Von Daraschekoh jedoch und dem Kinde keine

Spur.

Und seitdem haben wir umsonst gesucht! — Deshalb kann ich auch nicht

glauben, daß die Aufschrift auf diesem Jahrmarktszelt mit dem Asiaten

zusammenhängt. — Andererseits wieder der merkwürdige Name Congo-Brown!?

— Ich kann den Gedanken nicht los werden, Thomas Charnoque müsse ihn

früher hie und da haben fallen lassen. — Mohammed Daraschekoh aber

war ein Perser von vornehmer Abkunft und verfügte über ein geradezu

beispielloses Wissen, wie käme der zu einem Wachsfigurenkabinett?!“

„Vielleicht war Congo-Brown sein Diener, und jetzt mißbraucht er den

Namen seines Herrn?“ — riet Sinclair.

„Kann sein! Wir müssen der Fährte nachgehen. — Ich lasse es mir auch

nicht nehmen, daß der Asiat in Thomas Charnoque die Idee, das Kind zu

rauben, geschürt, sie vielleicht sogar angeregt hat. —

Lukretia haßte er grenzenlos. Aus Worten zu schließen, die sie fallen

ließ, scheint es mir, als habe er sie unaufhörlich mit Anträgen

verfolgt, trotzdem sie ihn verabscheute. — Es muß aber noch ein

anderes, viel tieferes Geheimnis dahinter stecken, das Daraschekohs

Rachsucht erklären könnte! — Doch aus Lukretia ist nichts weiter

herauszubekommen, und sie wird vor Aufregung fast ohnmächtig, wenn man

das Gebiet auch nur flüchtig berührt.

Überhaupt war Daraschekoh der böse Dämon dieser Familie. Thomas

Charnoque hatte vollständig in seinem Bann gestanden und uns

oft anvertraut, er halte den Perser für den einzigen Lebenden,

der in die grauenvollen Mysterien einer Art präadamitischer

geheimer Kunstfertigkeit, wonach man den Menschen zu irgendwelchen

unbegreiflichen Zwecken in mehrere lebende Bestandteile zerlegen könne,

eingeweiht sei. Natürlich hielten wir Thomas für einen Phantasten

und Daraschekoh für einen bösartigen Betrüger, aber es wollte nicht

glücken, Beweise und Handhaben zu finden — —

Doch ich glaube, die Produktion beginnt. — Zündet nicht schon der

Ägypter die Flammen rings um das Zelt an?“

— — — — — — — — —

Die Programmnummer „Fatme, die Perle des Orients“ war vorüber, und die

Zuschauer strömten hin und her oder sahen durch die Gucklöcher an den

mit rotem Tuch bespannten Wänden in ein roh bemaltes Panorama hinein,

das die Erstürmung von Delhi darstellte.

Stumm standen andere vor einem Glassarg, in dem ein sterbender

Turko lag, schweratmend, die entblößte Brust von einer Kanonenkugel

durchschossen, — die Wundränder brandig und bläulich.

Wenn die Wachsfigur die bleifarbenen Augenlider aufschlug, drang das

Knistern der Uhrfeder leise durch den Kasten, und manche legten das Ohr

an die Glaswände, um es besser hören zu können.

Der Motor am Eingang schlapfte sein Tempo und trieb ein orgelähnliches

Instrument.

Eine stolpernde, atemlose Musik spielte, — mit Klängen, die, laut und

dumpf zugleich, etwas Sonderbares, Aufgeweichtes hatten, als tönten sie

unter Wasser.

Geruch von Wachs und schwelenden Öllampen lag im Zelt.

„Nr. 311 Obeah Wanga-Zauberschädel der Voudous“, las Sinclair erklärend

aus seinem Zettel und betrachtete mit Sebaldus in einer Ecke drei

abgeschnittene Menschenköpfe, die unendlich wahrheitsgetreu — Mund

und Augen weit aufgerissen — mit gräßlichem Ausdruck aus einem

Wandkästchen starrten.

„Weißt du, daß sie gar nicht aus Wachs, sondern echt sind?“ sagte

Obereit erstaunt und zog eine Lupe hervor, — „ich begreife nur nicht,

wie sie präpariert sein mögen. — Merkwürdig, die ganze Schnittfläche

der Hälse ist mit Haut bedeckt oder überwachsen. — Und ich kann keine

Naht entdecken! — Es sieht förmlich so aus, als wären sie wie Kürbisse

frei gewachsen und hätten niemals auf menschlichen Schultern gesessen.

— — Wenn man nur die Glasdeckel ein wenig aufheben könnte!“

„Alles Wachs ja, lebendig Wachs ja, Leichenkopf zu teuer und riechen

— — phi —“, sagte plötzlich hinter ihnen der Ägypter. Er hatte sich

in ihre Mähe geschlichen, ohne daß sie ihn bemerkt hatten; und sein

Gesicht zuckte, als unterdrücke er ein tolles Lachen.

Die beiden sahen sich erschreckt an.

„Wenn der Nigger nur nichts gehört hat; vor einer Sekunde noch sprachen

wir von Daraschekoh“, sagte Sinclair nach einer Weile. —

„Ob es Dr. Kreuzer wohl gelingen wird, Fatme auszufragen?! —

Schlimmstenfalls müßten wir sie abends zu einer Flasche Wein einladen.

Er steht immer noch draußen und spricht mit ihr.“

Einen Augenblick hörte die Musik auf zu spielen, jemand schlug auf ein

Gong, und hinter einem Vorhang rief eine gellende Frauenstimme:

„Vayu und Dhanándschaya, magnetische Zwillinge, 8 Jahre alt, — das

größte Weltwunder. — Ssie ssingen!“

Die Menge drängte sich an das Podium, das im Hintergrunde des Zeltes

stand.

Dr. Kreuzer war wieder hereingekommen und faßte Sinclairs Arm. „Ich

habe die Adresse schon,“ flüsterte er, „der Perser lebt in Paris unter

fremdem Namen, — hier ist sie.“

Und er zeigte den beiden Freunden verstohlen einen kleinen

Papierstreifen. „Wir müssen mit dem nächsten Zug nach Paris!“

„Vayu und Dhanándschaya — — ssie ssingen“ — kreischte die Stimme wieder.

Der Vorhang schob sich zur Seite und, als Page gekleidet, ein Bündel

im Arm, trat auf das Podium mit wankenden Schritten ein Geschöpf von

grauenhaftem Aussehen.

Die lebendig gewordene Leiche eines Ertrunkenen in bunten Samtlappen

und goldenen Tressen.

Eine Welle des Abscheus ging durch die Menge.

Das Wesen war von der Größe eines Erwachsenen, hatte aber die Züge

eines Kindes. Gesicht, Arme, Beine, — der ganze Körper — selbst die

Finger waren in unerklärlicher Weise aufgedunsen.

Aufgeblasen, wie dünner Kautschuk, schien das ganze Geschöpf.

Die Haut der Lippen und Hände farblos, fast durchscheinend, als wären

sie mit Luft oder Wasser gefüllt, und die Augen erloschen und ohne

Zeichen von Verständnis.

Ratlos starrte es umher.

„Vayu, där gressere Brudär“, sagte erklärend die Frauenstimme in

einem fremdartigen Dialekt; und hinter dem Vorhang, eine Geige in der

Hand, trat ein Weibsbild hervor im Kostüm einer Tierbändigerin mit

pelzverbrämten, roten, polnischen Stiefeln.

„Vayu“, sagte die Person nochmals und deutete mit dem Geigenbogen auf

das Kind. Dann klappte sie ein Heft auf und las laut vor:

„Diese beiden männlichen Kindär ssind nunmehr 8 Jahre alt und das

greßte Weltwunder. Sie ssind nur durch eine Nabelschnur verbunden,

die 3 Ellen lang und ganz durchsichtig ist, und wenn man den einen

abschneidet, mißte auch der andere sterben. Es ist das Erstaunen

aller Gelehrten. Vayu, er ist weit über sein Alter. Entwickelt. Aber

geistig zurückgeblieben, während Dhanándschaya von durchdringende

Verstandesschärfe ist, aber so klein. Wie ein Säugling. Denn er ist

ohne Haut geboren und kann nichts wachsen. Er muß aufgehoben werden

in einer Tierblase mit warmem Schwammwasser. Ihre Eltern sind immer

unbekannt gewesen. Es ist das greßte Naturspiel.“

Sie gab Vayu ein Zeichen, worauf dieser zögernd das Bündel in seinem

Arm öffnete.

Ein faustgroßer Kopf mit stechenden Augen kam zum Vorschein.

Ein Gesicht, von einem bläulichen Adernnetz überzogen, ein

Säuglingsgesicht, doch greisenhaft in den Mienen und mit einem

Ausdruck, so tückisch, haßverzerrt und boshaft und voll so

unbeschreiblicher Lasterhaftigkeit, daß die Zuschauer unwillkürlich

zurückfuhren.

„Me — me — mein Brudel D — — D — Dhanándschaya“, stammelte das

aufgedunsene Geschöpf und sah wieder ratlos ins Publikum — — — — — —

„Führen Sie mich hinaus, ich glaube, ich werde — ohnmächtig — Gott im

Himmel“, flüsterte Melchior Kreuzer.

Sie geleiteten den Halbbewußtlosen langsam durch das Zelt an den

lauernden Blicken des Ägypters vorbei.

Das Weibsbild hatte die Geige angesetzt, und sie hörten noch, wie sie

ein Lied fiedelte und der Gedunsene mit halb erloschener Stimme dazu

sang:

„Ich att einen Ka — me — la — den

ei — nen — bee — seln finx du nit.“

— — — — — — — — —

Und der Säugling — unfähig, die Worte zu artikulieren — gellte mit

schneidenden Tönen bloß die Vokale dazwischen:

„Jiii ha — ejheeh — hahehaa — he

eiije — hee — e jiii hu ji.“

— — — — — — — — —

Dr. Kreuzer stützte sich auf Sinclairs Arm und atmete heftig die

frische Luft ein.

Aus dem Zelte hörte man das Klatschen der Zuschauer.

„Es ist Charnoques Gesicht!! — Diese grauenhafte Ähnlichkeit,“ stöhnte

Melchior Kreuzer, — „wie ist es nur — — ich kann es nicht fassen. Mir

drehte sich alles vor den Augen, ich fühlte, ich müsse ohnmächtig

werden. — Sebaldus, bitte — holen Sie mir einen Wagen. — Ich will zur

Behörde. — Es muß irgend etwas geschehen, und fahren Sie beide sogleich

nach Paris! — Mohammed Daraschekoh — — Ihr müßt ihn auf dem Fuße

verhaften lassen.“

*

Wiederum saßen die beiden Freunde beisammen und sahen durch die Fenster

der einsamen Weinstube Melchior Kreuzer eiligen Schrittes die Straße

heraufkommen.

„Es ist genau wie damals,“ sagte Sinclair, — — „wie das Schicksal

manchmal mit seinen Bildern geizt!“

Man hörte das Schloß zufallen, Dr. Kreuzer trat ins Zimmer, und sie

schüttelten einander die Hände.

„Sie sind uns eigentlich einen langen Bericht schuldig,“ sagte endlich

Sebaldus Obereit, nachdem Sinclair ausführlich geschildert, wie sie

zwei volle Monate in Paris vergeblich nach dem Perser gefahndet hatten,

— „Sie sandten uns immer nur so wenige Zeilen!“

„Mir ist das Schreiben bald vergangen, — beinahe auch das Reden“,

entschuldigte sich Melchior Kreuzer.

„Ich fühle mich so alt geworden seit damals. — Sich von immer neuen

Rätseln umgeben zu sehen, es zermürbt einen mehr, als man denkt. —

Die große Menge kann gar nicht erfassen, was es für manchen Menschen

bedeutet, ein ewig unlösbares Rätsel in seiner Erinnerung mitschleppen

zu müssen! — Und dann, täglich die Schmerzensausbrüche der armen

Lukretia mit ansehen zu müssen.

Vor kurzem starb sie, — das schrieb ich euch —, aus Gram und Leid.

Congo-Brown entsprang aus dem Untersuchungsgefängnis, und die letzten

Quellen, aus denen man hätte Wahrheit schöpfen können, sind versiegt.

Ich will euch später einmal ausführlich alles erzählen, bis die Zeit

die Eindrücke gemildert hat, — es griffe mich jetzt noch zu sehr an.“

„Ja, aber hat man denn gar keinen Anhaltspunkt gefunden?“ fragte

Sinclair.

„Es war ein wüstes Bild, das sich da entrollte, — Dinge, die unsere

Gerichtsärzte nicht glauben konnten oder durften. — Finsterer

Aberglauben, Lügengewebe, hysterischer Selbstbetrug, hieß es immer, und

doch lagen manche Dinge so erschreckend klar da.

Ich ließ damals alle kurzerhand verhaften. Congo-Brown gestand zu, die

Zwillinge, — überhaupt das ganze Panoptikum von Mohammed Daraschekoh

als Lohn für frühere Dienste geschenkt bekommen zu haben. — Vayu und

Dhanándschaya seien ein künstlich erzeugtes Doppelgeschöpf, das der

Perser vor acht Jahren aus einem einzigen Kinde (dem Kinde Thomas

Charnoques) präpariert habe, ohne die Lebenstätigkeit zu vernichten. —

Er habe nur verschiedene magnetische Strömungen, die jedes menschliche

Wesen besitze, und die man durch gewisse geheime Methoden voneinander

trennen könne, — zerlegt und es dann durch Zuhilfenahme tierischer

Ersatzstoffe schließlich zuwege gebracht, daß aus einem Körper —

zwei mit ganz verschiedenen Bewußtseinsoberflächen und Eigenschaften

geworden wären.

Überhaupt habe sich Daraschekoh auf die sonderbarsten Künste

verstanden. — Auch die gewissen drei Obeah Wanga-Schädel seien

nichts anderes als Überbleibsel von Experimenten, und — sie wären

früher lange Zeit lebendig gewesen. — Das bestätigten auch Fatme,

Congo-Browns Geliebte, und alle andern, die übrigens harmloser Natur

waren.

Ferner gab Fatme an, Congo-Brown wäre epileptisch, und zur Zeit

gewisser Mondphasen käme eine sonderbare Aufregung über ihn, in der

er sich einbilde, selber Mohammed Daraschekoh zu sein. — In diesem

Zustand stünden ihm Herz und Atem still, und seine Züge veränderten

sich angeblich derart, daß man glaube, Daraschekoh (den sie früher

öfter in Paris gesehen) vor sich zu haben. — Aber mehr noch, er

strahle dann eine solch unüberwindliche magnetische Kraft aus, daß er,

ohne irgendein befehlendes Wort auszusprechen, jeden Menschen zwingen

könne, ihm sofort alle die Bewegungen oder Verdrehungen nachzuahmen,

die er vormache.

Es wirke wie Veitstanz ansteckend auf einen — unwiderstehlich. Er

besäße eine Gelenkigkeit sondersgleichen und beherrsche zum Beispiel

alle die sonderbaren Derwischverrenkungen vollkommen, vermittelst derer

man die rätselhaftesten Erscheinungen und Bewußtseinsverschiebungen

hervorbringen könne — der Perser habe sie ihn selbst gelehrt —, und die

so schwierig seien, daß sie kein Schlangenmensch der Welt nachzuahmen

imstande sei.

Auf ihrer gemeinsamen Reise mit dem Wachsfigurenkabinett von Stadt zu

Stadt sei es auch zuweilen vorgekommen, daß Congo-Brown versucht habe,

diese magnetische Kraft zu verwenden, um Kinder auf solche Art zu

Schlangenmenschen abzurichten. Den meisten wäre aber dabei das Rückgrat

abgebrochen, bei den andern habe es wieder zu stark auf das Gehirn

gewirkt, und sie seien blödsinnig geworden.

Unsere Ärzte schüttelten zu Fatmes Angaben natürlich den Kopf, was

aber später vorfiel, muß ihnen wohl sehr zu denken gegeben haben.

— Congo-Brown entwich nämlich aus dem Verhörszimmer durch einen

Nebenraum, und der Untersuchungsrichter erzählt, gerade als er mit

dem Nigger ein Protokoll aufnehmen wollte, habe ihn dieser plötzlich

angestarrt und befremdliche Bewegungen mit den Armen gemacht. Von einem

Verdacht ergriffen, hätte der Untersuchungsrichter um Hilfe läuten

wollen, aber schon sei er in Starrkrampf verfallen, seine Zunge habe

sich automatisch in einer Weise verdreht, an die er sich nicht mehr

erinnern könne (— überhaupt müsse der Zustand von der Mundhöhle aus

seinen Anfang genommen haben —), und dann sei er bewußtlos geworden.“

„Konnte man denn gar nichts über die Art und Weise erfahren, wie

Mohammed Daraschekoh das Doppelgeschöpf zustande brachte, ohne das Kind

zu töten?“ unterbrach Sebaldus.

Dr. Kreuzer schüttelte den Kopf. „Nein. Mir ging aber vieles durch den

Kopf, was mir früher Thomas Charnoque erzählt hat.

Das Leben des Menschen ist etwas anderes, als wir denken, sagte er

immer, es setzt sich aus mehreren magnetischen Strömungen zusammen,

die teils innerhalb, teils außerhalb des Körpers kreisen; und unsere

Gelehrten irren, wenn sie sagen, ein Mensch, dem die Haut abgezogen

ist, müsse aus Mangel an Sauerstoff sterben. Das Element, das die Haut

aus der Atmosphäre auszieht, sei etwas ganz anderes als Sauerstoff. —

Auch saugt die Haut dieses Fluidum gar nicht an, — sie ist nur eine

Art Gitter, das dazu dient, jener Strömung die Oberflächenspannung

zu ermöglichen. Ungefähr so wie ein Drahtnetz — taucht man es in

Seifenwasser — sich von Zwischenraum zu Zwischenraum mit Seifenblasen

überzieht.

Auch die seelischen Eigenschaften des Menschen erhielten ihr Gepräge

je nach dem Vorherrschen der einen oder andern Strömung, sagte er. —

So wäre durch das Übergewicht besonders der einen Kraft das Entstehen

eines Charakters von solcher Verworfenheit denkbar, — daß es unser

Fassungsvermögen übersteige.“

Melchior schwieg einen Augenblick und hing seinen Gedanken nach.

„Und wenn ich mich daran erinnere, welch fürchterliche Eigenschaften

der Zwerg Dhanándschaya besaß, wodurch sich überhaupt die Quelle

seines Lebens verjüngte, so finde ich in all dem nur eine entsetzliche

Bestätigung dieser Theorie.“

„Sie sprechen, als ob die Zwillinge tot wären, sind sie denn

gestorben?“ fragte Sinclair erstaunt.

„Vor einigen Tagen! — Und es ist das beste so, — die Flüssigkeit, in

der der eine den größten Teil des Tages schwamm, trocknete aus, und

niemand kannte ihre Zusammensetzung.“

Melchior Kreuzer starrte vor sich hin und schauderte. „Da waren noch

Dinge, — so grauenvoll, so namenlos entsetzlich, — ein Segen des

Himmels, daß Lukretia sie nie erfuhr, daß ihr das wenigstens erspart

geblieben ist! — Der bloße Anblick des fürchterlichen Doppelgeschöpfes

schon warf sie zu Boden! Es war, als sei das Muttergefühl in zwei

Hälften zerrissen worden.

Lassen Sie mich für heute von all dem schweigen! Das Bild von Vayu und

Dhanándschaya — — es macht mich noch wahnsinnig — — —.“ Er brütete vor

sich hin, dann sprang er plötzlich auf und schrie: „Schenkt mir Wein

ein — — ich will nicht mehr daran denken. Schnell irgend etwas anderes.

— Musik — irgend was — nur andere Gedanken! Musik — —!“

Und er taumelte zu einem polierten Musikautomaten, der an der Wand

stand, und warf eine Münze hinein.

Tsin. Man hörte das Geldstück innen niederfallen.

Es surrte der Apparat.

Dann stiegen drei verlorene Töne auf. Einen Augenblick später klimperte

laut durchs Zimmer das Lied:

„Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen bessern findst du nit.“

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 43 / 149 题