»Der Urte Endrullene,« sagte der Ortsvorstand nach einigem Zögern. »Ich
erkenne es an den drei Kreuzen am Stiel.«
»Und mit diesem Beil ist sie erschlagen. Wer hat es hier vergraben,
Endrullis?«
»Warum fragt ihr mich das, Herr?« Die Lippen zitterten merklich beim
Sprechen.
»Das will ich dir sagen,« antwortete der Richter, der sich nochmals
über das Loch im Erdboden gebückt und mit der Hand die lose Erde
durchsucht hatte. Er nahm jetzt einen kleinen Gegenstand auf und
hielt ihn zwischen den Fingern ihm vor die Augen. »Da ist der zweite
Knopf, der an deiner Jacke fehlt. Der erste war beim Zwängen durch die
Brettöffnung sogleich abgetrennt und draußen niedergefallen; der zweite
hing noch lose am Faden und fiel hier neben dem Beil in die Grube.
Willst du noch die Tat leugnen?«
Endrullis schwieg. Seine Lippen waren blau, die Augen richteten sich
stier auf den Knopf.
»Du hast das Beil in der Hand behalten,« fuhr der Richter fort, »als du
aus dem Fenster sprangst, und dann hast du es nicht fortwerfen wollen,
damit es nicht die Tat vor der Zeit verraten sollte. So bist du auf den
Gedanken gekommen, es hier zu vergraben. Dein Pferd stand in der Nähe
am Torfbruch unter den Erlen.«
Endrullis schüttelte den Kopf, aber die Stimme versagte ihm. Ewe
schluchzte laut und rief: »Er ist unschuldig -- sie wollen ihn
verderben.«
Der Richter sprach die Verhaftung aus. Ewe hing sich an ihn und wollte
ihn nicht fortlassen. Als der Gensdarm sie mit Gewalt von ihm trennte,
riß sie ihren Brautkranz aus dem Haar und schleuderte ihn in die Grube.
Dann brach sie zusammen.
In der letzten Stunde war sie um ihr Glück betrogen.
Aber auch jetzt noch gab sie den Mann, den sie liebte und der sich
ihretwegen versündigt hatte, nicht verloren. Eines Tages rief sie
Grillus zu sich und bat ihn, auf ihr Grundstück acht zu geben; es könne
sein, daß sie längere Zeit ausbleibe. Sie zog dann mehrere von ihren
Röcken und Jacken übereinander, packte Wäsche in ein Bündel und ging zu
Fuß fort, ohne zu sagen wohin.
Sie kam nach der Stadt und umkreiste das Gefängnis, ob Endrullis sich
nicht erspähen ließe. Und endlich glaubte sie wirklich mit ihren
scharfen Augen hoch oben hinter dem Eisengitter eines kleinen Fensters
sein Gesicht zu erkennen. Die beiden Hände hatten die Eisenstäbe
erfaßt, und es reckte sich zwischen ihnen hinauf, gespenstisch bleich.
Sie nahm das Kopftuch ab und winkte damit. Er schien aufmerksam zu
werden und zu nicken. Aber die Entfernung war zu groß, um deutlich
etwas zu erkennen oder sonst ein Zeichen der Verständigung geben zu
können.
Ewe fragte einen von den Beamten, ob er nicht eine Magd brauche. Sie
solle sich an den Herrn Inspektor wenden, lautete die Antwort; der
habe gerade eins von den Mädchen entlassen müssen, die in der Küche
arbeiteten. »Ich denke, wir haben einander schon einmal gesehen,«
meinte der Inspektor, der sich flüchtig ihrer erinnerte. »Ja,« sagte
sie, »und es geht mir seitdem schlecht. Wer im Gefängnis gesessen hat,
bekommt schwer einen Dienst, und ich will doch gern arbeiten.« Sie
wurde als Magd angenommen.
In der Küche waren meist Gefangene beschäftigt. Einige derselben
hatten den Bedarf an Holz und Kohlen herbeizuschaffen, andere mußten
das Brot und die großen Kübel mit den zubereiteten Speisen abholen
und in die Korridore hinauftragen. Mit einem Blechmaß wurde dann in
Gegenwart des Aufsehers jedem Gefangenen sein Teil in eine Schüssel
eingeschöpft. Denen, die ihre Zelle nicht verlassen durften, wurde das
Essen zugetragen. Ewe bewies sich so tätig und wußte sich bald soviel
Vertrauen zu erwerben, daß sie bei diesen Verteilungen oft zugegen sein
und dabei helfen durfte. Durch gelegentliche Fragen erfuhr sie auch,
wer in den einzelnen Zellen gefangen saß. Endrullis war in der letzten
rechts im obersten Gange verschlossen.
Mitunter wurden die Gefangenen, gegen welche die Untersuchung noch
schwebte, vormittags von den Schließern hinab und über den Hof nach
dem Gerichtsgebäude zu ihrer Vernehmung vor den Richter geleitet. Ewe
wußte sich um diese Zeit in der Nähe der Ausgangstür etwas zu schaffen
zu machen und lauerte, bis die Reihe einmal an Endrullis käme. Lange
wartete sie vergeblich. Endlich wurde er vorübergeführt, eine Hand an
einen Fuß gekettet. Er stutzte, als er sie sah, verstand aber sogleich
das Zeichen, das sie ihm gab, zu schweigen. Während sie den Finger der
linken Hand auf den Mund legte, hob sie mit der Rechten ein wenig den
Rock. Das sollte für ihn Bedeutung haben, wie er sogleich merkte. Seine
matten Augen glänzten einen Moment lebhafter.
Sie wußte, daß die Zellen der Gefangenen, die zum Verhör geführt
wurden, bis zu deren Rückkehr unverschlossen zu bleiben pflegten. Die
beiden Schließer begleiteten Endrullis über den Hof. Sie konnte, ohne
daß es bemerkt wurde, hinaufeilen und in seine Zelle eintreten. Dort
löste sie schnell die Bänder von ihren unteren Röcken, ließ sie zur
Erde fallen, wickelte sie zusammen und schob das Päckchen in das Bett.
Dazu brauchte sie nur wenige Sekunden Zeit. Als der Aufseher zurückkam,
war sie längst wieder in der Küche bei ihrer Arbeit.
Bald darauf fand sie einmal Mittags Gelegenheit, eine kleine Feile,
die sie von Hause mitgenommen hatte, in die Schüssel gleiten zu lassen,
die für Endrullis bestimmt war. Sie zweifelte nun nicht, daß er in
einer der nächsten Nächte die Eisenstäbe durchfeilen, die Röcke zu
schmalen Streifen zerreißen und sich daran hinablassen würde. Entkam er
glücklich aus dem Gefängnis, so erreichte er wohl auch die Grenze und
war in Sicherheit. Drüben hoffte sie dann mit ihm zusammenzutreffen.
Eines Morgens in der Frühe, sie war kaum vor einer Stunde
eingeschlafen, wurde sie durch laute Stimmen in der Nähe ihrer
Schlafstube geweckt. Der Inspektor verhandelte mit einigen Leuten,
die von der Straße hereingekommen waren und von einem Unglücksfalle
berichteten. »Ist er tot?« fragte der Inspektor. »Mausetot,« lautete
die Antwort, »er muß sich auf dem Pflaster das Genick abgestürzt haben.«
»Und aus dem obersten Eckfenster, sagt Ihr?«
»Da hängt wenigstens etwas wie ein Strick heraus. Er ist abgerissen,
und das längste Stück hat er noch in der Hand. Es scheinen lauter
Streifen von Weiberröcken zusammengeknüpft zu sein. Wie kann das lose
Gewebe auch einen schweren Menschen tragen?«
Der Inspektor hatte sich inzwischen angekleidet und ging mit den Leuten
fort; den Aufseher schickte er zur Revision der Zellen hinauf.
Ewe hatte sich im Bett aufgerichtet und gespannt gehorcht. Es war, als
ob das Herz stillstand; sie atmete nicht, aber in ihrer Stirn hämmerte
das Blut mit fieberhaft raschen Schlägen. Eine Minute lang waren ihr
die Glieder wie gelähmt; dann trieb die Angst sie auf. Nur mit einem
Rock und Tuch bekleidet, stürzte sie hinaus dem Inspektor nach.
Da lag einen Schritt von der Mauer Michel Endrullis regungslos. Die
Leute richteten ihn auf, aber der Kopf sank zurück. Die Schädeldecke
war zerbrochen, Blut stand vor dem Munde.
Ewe warf sich aufkreischend über den Toten. Sie hielt ihn so fest, daß
es erst nach längerer Zeit den Männern gelang, sie von ihm loszureißen.
Dann schien sie ganz kraftlos und ohne Willen; man mußte sie ins Haus
tragen. Dort gab sie auf alle Fragen keine Antwort, kauerte in einer
Ecke ihrer Kammer und wimmerte kläglich.
Sie wurde einige Wochen gefangen gehalten, dann aber entlassen, weil
der Arzt ihren Geist für gänzlich verstört erklärte. Man hatte Grillus
benachrichtigt, der sie nun mit einem Fuhrwerk abholte und in ihr Haus
zurückbrachte.
Nach einigen Monaten gab sie einem Kinde das Leben. Es war ein Knabe,
und sie nannte ihn, ehe er noch getauft war, Mikelis. Man hoffte, daß
sie nun wieder zu gesundem Verstande kommen werde, und wirklich nährte
und wartete sie das Kind mit größter Zärtlichkeit und Bedachtsamkeit.
Bald aber zeigte sie ein wundersam scheues Wesen. Sie ließ das Kind
nicht mehr vom Arme, nachts nicht von der Seite. Im Schlafe schreckte
sie plötzlich auf und riß es mit gellendem Aufschrei an die Brust.
Jeden, der sich dem Kinde näherte, verfolgte sie mit lauernden
Blicken. Sie schien zu argwöhnen, daß man es ihr fortnehmen wolle.
Ließ die Gaidullene sich nur auf der Schwelle sehen, so geriet sie
in heftiges Zittern, worauf ein Wutausbruch zu folgen pflegte.
Aus ihren abgerissenen Reden ließ sich entnehmen, daß sie von der
Vorstellung gequält wurde, man wolle das Kind ins Gefängnis bringen
und es für seinen Vater büßen lassen. »Sie sagen, es wird keiner mehr
hingerichtet,« murmelte sie, »aber so gewiß ist's doch nicht ... Er
hat's getan, aber ich hab's ihm geheißen ... und deshalb meinen sie,
gehört ihnen das Kind. Oben in der Zelle steht eine Wiege neben seinem
Bett ... die Ketten haben sie versteckt, aber ich sehe sie unter dem
Stroh liegen. Wenn einmal die Tür geschlossen ist, ist's vorbei ... und
täglich schleifen sie das Beil -- schirp, schirp, schirp -- auf dem
großen Schleifsteine. Hört nur: schirp, schirp, schirp ...«
Dann mochte ihr das Kind auch in ihren Armen nicht mehr sicher
scheinen. Sie schlich heimlich mit ihm fort und versteckte es, bald in
einer Kammer des Hauses, bald in einem Winkel der Klete, bald auf dem
Heuboden. Mitunter mußte stundenlang gesucht werden, bis man es fand.
Endlich schien die Gefahr für das junge Wesen so groß, daß man sich zu
seinem Besten zu einem Gewaltschritt entschloß.
Als das Kind einmal wieder mit Mühe in seinem Versteck aufgefunden war,
trug man es fort und brachte es zu ihrer Schwester, ohne daß sie es
bemerkte.
Sie aber glaubte, man habe diesmal nicht hinter ihre Schliche kommen
können, und gab darüber kindische Freude zu erkennen. Erst am andern
Tage fing sie selbst an zu suchen, suchte in allen Winkeln und fand
nichts. »Du hast das Kind gut versteckt,« sagte ihre Schwägerin, »und
kannst nun ganz ruhig sein. Das finden die Herren vom Gerichte nicht.«
Ewe sah sie lange lächelnd an und nickte dann zustimmend. »Das finden
sie nicht.«
Sie wurde nun ganz still und in sich verschlossen. Manchmal bewegte
sie stundenlang die leere Wiege hin und her; das war ihre einzige
Beschäftigung.
Nach einem Jahre fing sie an, körperlich zu kränkeln und abzumagern.
Speise und Trank mußte man ihr fast gewaltsam einflößen.
Eines Morgens fand man sie tot. Die kalte Hand lag auf dem Rande der
Wiege.
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration]
Heinrich Sohnrey:
Lorenheinrich.
[Illustration]
Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im
südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben
ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das
ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt
einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die
Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover
auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und
an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der
Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren
Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der
Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar
nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In
gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in
Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht,
in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen
aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten
Lebensberuf heranreifen: ~dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart
wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben
Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der
Landflucht zu heilen~.
Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«,
die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter
unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister
mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der
Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück
-- er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem
Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen
in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die
Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen
Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen
Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer
des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in
Berlin.
»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt
unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk.
Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen
aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen -- verloren«, »Die hinter
den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im
grünen Klee -- im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung
vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten
voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht.
~W. Lottig.~
[Illustration]
Lorenheinrich.
Eine Frühlingserscheinung im Dorfe.
Wir sind gute alte Bekannte, der Frühling und ich, und er weiß manches
aus meiner Jugendzeit, was ich längst vergessen hätte, hülfe er es mir
nicht behalten. Du lieber Gott, unsereins muß das ganze Jahr auf der
Erde krabbeln, kann darum nicht so jung bleiben wie er, der Glückliche,
Herrliche, der sich allemal aus dem Staube machen darf, wenn der Saft
im Stengel zur Neige geht, wenn die Sichel gewetzt wird.
So oft er nun einzieht mit seiner drolligen Hasellämmerherde und seinem
schimmernden Gänseblümchenhimmel, ist allemal sein erster heller Ruf in
meine dumpfe Großstadtzelle: »Denkst du auch noch an Lorenheinrich ...?«
Ein Lachen kugelt sich über sein Gesicht und über meins, wo es freilich
erst ein wenig suchen muß, bis es die alte Stelle wieder gefunden
hat. Und nun springe ich wieder zwischen großen Hecken, in denen der
Frühling gerade eben seine junge Lämmerherde ausgetrieben hat, in ein
rundes Tal hinab, über dem sich ein hoher waldiger Hagen erhebt -- und
vor mir liegt inmitten knospender Obstbäume mein heimatliches Dorf mit
seinen roten Ziegeldächern, seinen weißen Fachwänden und stattlichen
Höfen.
Lorenheinrich?! Ob ich noch an ihn denke? Ei freilich, ei freilich!
Ja, und so oft ich's noch Frühling werden sehe, wird auch wohl diese
wunderseltsame Frühlingserscheinung -- wunderseltsam in ihrer grotesken
Wirklichkeit -- immer wieder in meiner Erinnerung auferstehen.
Ja, wunderseltsam! Wenn die ersten Gänseblümchen auf dem Anger
schimmerten und der glücklich gröhlende Hahn seine geliebten Hennen zum
ersten Male an die Hecke führte, wo der goldschimmernde Lämmerstaub in
den jungen Sonnenschein rieselte, der auf der nackten Erde lag, dann
war auch unser »Blaumenheinrich«, oder Lorenheinrich, wie er meistens
genannt wurde, nicht mehr weit. Er kam so sicher wie das Amen in der
Kirche; auf einmal war er da, wie die Grasveilchen oder wie die Stare
im Frühlinge auf einmal da sind. Und die Leute im Dorfe wußten nun, daß
es Frühling war.
Die Kinder jubelten und liefen hinaus, ihm entgegen, die Großmütter
und Großväter lehnten sich nach langer, harter Winterzeit zum ersten
Male wieder in das geöffnete Fenster; die jungen Mädchen, welche nicht
mehr müßig stehen durften, kriegten geschwind Schute und Harke aus der
dunklen Ecke und eilten freudestrahlend hinaus in den Garten am Hause,
wo sie bei munterem Graben über den Zaun ins Dorf hinein lugen und des
Kommenden harren konnten.
Während der Frühling selbst seinen Einzug am liebsten durch die
dichtesten Hecken zu nehmen pflegte, zog Lorenheinrich mit königlicher
Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit durch die Kirchbergstraße ein, die
sich schon weithin durch ihre hohen Pappeln als die Hauptstraße des
Dorfes ankündigt.
Welch ein Leben dann, welch ein Rufen und Springen, wenn der Ersehnte
endlich nahte! Man sah zunächst nur einen großen krabbelnden
Kinderhaufen, dessen letzter Anhang noch auf krummen Beinchen
einherwackelte und, weil er nicht so rasch mit konnte, in den Jubel
der vorderen oft mit bitterem Weinen einstimmte. Der Staub wallte auf
wie Opferrauch und zog dahin wie eine Wolke, die auf die Erde gefallen
ist und hundert kleine Füße bekommen hat. Allmählich erst hob sich aus
der wirbelnden Mitte, gleichsam von der gehenden Wolke getragen, eine
hagere, magere Burschengestalt ab, vor sich, strack und steif gehalten,
einen langen Stab, um den allerlei Grünes und Blühendes gebunden war,
wie es zu derselben Zeit gerade aus der Erde trieb oder in den Büschen
und Bäumen prangte; an seiner Seite, leer und schlaff, ein großer,
grobleinener Brotbeutel, der ebenfalls mit jungem Frühlingsgewächs
geschmückt war. Zumeist waren's jedoch nur Gänseblümchen, die er am
liebsten hatte und mit einer ganz besonderen Glückseligkeit trug.
Nur an seinem Hute, wo sonst die jungen Burschen den Frühling stecken
haben, trug er nichts, denn er hatte keinen; -- und er hatte doch
einen: denn der Himmel war sein Hut. Unter diesem Hute aber, an dem nur
das gewöhnliche Auge die Gänseblümchen nicht sah, lag ein mächtiger
Wulst weizengelben Haares, von dem etliches straff und lang ins runde
Gesicht herabhing, etliches im Nacken zu eckigen Locken sich stauchte
-- wirr und wild im ganzen wie ein Haufen Weizenstroh, in dem die
Hühner gekratzt haben.
So halb wie ein mächtiger, sonderbarer Königsherold und halb wie ein
ganz gewöhnlicher, armseliger und ausgehungerter Bettelbursch, wandelte
er langsam, schier feierlichen Trittes inmitten der lachenden und
weinenden Dorfjugend einher, und von allen Seiten, aus den Fenstern und
über die Zäune schallte es dem Frühlingsbringer in fröhlichen Tönen
entgegen: »Willkommen, Lorenheinrich! Juchhe, Blaumenheinrich!« Und
manch ein Alter rief wie in gläubiger Hoffnung dazwischen: »Bringest
döu üssek ak 'n gaut Freujahr mee?«[2]
Alsdann kamen über die Zäune viel neue Gänseblümchen geflogen;
die eine oder andere der grabenden Jungfrauen warf ihm auch wohl
etwas prächtigeres zu, einen blühenden Krokus, manchmal auch ein
Rosmarinzweiglein, das vom Baume im Garten oder dem Stäudlein im
offenen Fenster gebrochen war. Hohen Eifers voll liefen die Kinder,
um die Spenden dem Frühlingsboten zuzutragen, und jedes freute sich
königlich, wenn es ihm ein Gänseblümchen an den Rock oder Stock
heften konnte. Besonders gern wurden kleine Gänseblümchensträuße in
seine Rock- und Hosenlöcher gesteckt, und da Heinrichs Rock und Hose
sozusagen aus lauter Löchern bestanden, so kann man sich denken, zu
welch einem wunderlieblichen Bilde er sich unter den emsigen Händen der
Jugend entwickelte. Wenn es fertig war, sah es aus wie ein einziges
riesiges Gänseblümchen.
Das nannten sie den Frühling schmücken, und es sei beteuert, daß es
ohne jeden argen Spott und Hohn geschah.
Zu all dem Gepränge sagte Lorenheinrich nicht ein Wort, wie man ihn
überhaupt niemals hat reden hören; um so beredter war das glückselige
Lachen, das gleich dichten Frühlingssonnenstrahlen von seinen großen
Lämmeraugen über die kindliche Nase auf den breiten Mund herabfloß,
von dem nebenbei ein Volksrätsel sagte, daß er »verquer« säße wie ein
»Swinetrog«.
Dies Lorenheinrichs-Lachen hatte wie der Sonnenstrahl etwas Ewiges an
sich und war von einer so ansteckenden Gewalt, daß auch der ärgste
Griesgram, der sonst nie lachte, davon ergriffen wurde und zuletzt das
ganze Dorf vor Lachen wackelte.
Ein besonders feierlicher und drolliger Auftritt ereignete sich allemal
vor dem Mühlengrabenhause. Der mehlbestaubte Müller trat heraus auf
den Steinweg, nahm die weiße Mütze vom Kopfe, schlug sie in die Hand,
daß eine große Mehlwolke aufwirbelte, sah mit seinen zwinkernden
Schelmenaugen über die krabbelnde Menge hin, zu der sich jetzt fast das
»ganze Dorf«, groß und klein, gesellt hatte, und hob mit urkomischer
Mimik an:
»Lorenheinrich, döu leiwe Junge,
Is dat Freujahr nöu weer in Swunge?
Häst 'ne uten Loche locket,
Häst de 'ne an Haare tocket?
Dat is recht un dat is gaut, --
Af de Mütze, af den Haut!
Vivat! dat de hage Hogen wackelt.«[3]
Die Mützen flogen empor, ein gewaltiges dreimaliges Lebehoch erdröhnte,
worauf der Grabenmüller wiederum anhob:
»Lorenheinrich, döu leiwe Junge,
Is dat Freujahr nöu weer in Swunge,
Will we ak 'ne Wost[4] ansneggen,
Sast ak use Meken freggen.[5]
Kumm herin un dau deck gaut --
Af de Mütze, af den Haut!
-- Vivat!«
Wiederum ein dreimaliges Hoch, daß der hohe Hagen wackelte, und, des
Vaters Lied aufs anmutigste verkörpernd, trat nun das liebreizende,
lustige Mühlenhannchen aus der Haustür, in der einen Hand einen eiligst
gewundenen, noch im Herauskommen flink zurecht gezupften Kranz von
grünem Buchsbaum und weißen Gänseblümchen.
Ein drolliger Knix vor dem freudestrahlenden Frühlingsherold, und
mit komischer Feierlichkeit setzte Hannchen ihm den Kranz auf den
gelben Weizenbusch. Wenn sie ihm dann in ihrer lustigen, neckenden
Ausgelassenheit gar noch ihre apfelrunde Wange zum Kusse darbot, schien
es ordentlich wie ein tiefer Wonneschauer über den seltsamen Burschen
zu kommen. Wie ein Blütenbaum, den der Lenzwind schüttelt, stand
Heinrich da, und ob er auch kein Wörtlein redete, schien doch alles an
ihm zu rufen: »Frühling! Frühling! Frühling!«
Die runde Müllerin hatte unterdessen schon die verheißene Wurst von der
Rauchbühne heruntergeholt, und während sie eilends den Tisch besorgte,
wurde Lorenheinrich von der Tochter im Triumph in das Haus und an den
besetzten Tisch geführt.
Hatte er sich gütlich getan, so schnitt Hannchen noch ein großes Stück
Brot ab und steckte es mitsamt dem Reste der Wurst und noch einigen
anderen kostbaren Sachen in den Beutel an seiner Seite, worauf sie den
Glücklichen feierlichst wieder hinausbeförderte.
Die Jugend, die draußen getreulich gewartet hatte, nahm ihn aufs
neue mit lautem Jubel in Empfang und führte ihn bis zum nächsten
Bauernhause, wo der Tisch für ihn ebenfalls gedeckt stand. Denn das
wußte man ja: wie die Flur zum Wachstum der Sonne und des Regens, so
bedurfte Lorenheinrich zum Gedeihen unaufhörlich eines reichlichen
Labsals an Speise und Trank; und wie das Frühlingsfeld den ganzen Tag
der Sonne nicht müde wird, so verdroß auch ihn den ganzen Tag das Essen
und Trinken nicht. Es wurde trotzdem wacker genötigt: »Ett man alles
up, Heinrich, dat't ak 'n gaut Freujahr gift!«[6]
So aß und trank er sich von einem Haus zum andern und von einem
Dorf zum andern, und was er nicht aß, das trug er in seinem großen
Seitenbeutel mit sich davon, der gewöhnlich gestopft und gepfropft voll
war, wackelte er bei sinkender Nacht aus dem Dorfe hinaus.
Und das nannten die lachenden Bauersleute den Frühling füttern.
Eine ganz besondere Freude hatten sie daran, zu sehen, wie kräftig
es allemal bei ihm anschlug. Wenn er das erste Mal erschien, war er
ganz mager und blaß, schier wie ein Brachacker im Märzen, also daß
ihm Jacke und Hose, die ohnehin schon nicht für ihn gemacht waren, am
Leibe hingen, wie an einer großen Vogelscheuche im Erbsenfelde; wenn
es aber gegen die Mairüste kam und das Pfingstgeläute erscholl, war
er schon ganz rund und rot, also daß ihm Jacke und Hose so prall und
putzig saßen, wie die Haut auf einer frischen, dicken Mettwurst, eh'
sie geprickt ist.
Wie nun die Erscheinungen des Frühlings sich wandelten, so änderte
sich auch der Blüten- und Blätterschmuck an Lorenheinrichs Stock
und Rock; eine gar sinnvolle Ordnung herrschte darin. Trug er das
letzte Mal noch der Esche und Ulme Knospen geschlossen, so ragten
bei seiner Wiederkehr schon die rötlichen Blütenrispen und die
purpurbraunen Staubfäden aus den geborstenen Hüllen, und wo heute noch
die strotzende Apfel- oder Birnknospe steckte, lachte uns das nächste
Mal die schneeweiße oder zartgerötete Obstbaumblüte entgegen, und
Himmelschlüssel und Himmeltröpfchen und Grasveilchen und Windröschen
wechselten mit Kuhblumen und Kreuzkräutern, mit Hirtentäscheln und
Reiherschnäbeln, mit Muskathyazinthen und wilden Tulpen. Immer
gleich und immer vorherrschend war allein -- dafür sorgten schon die
Schelmereien der jungen Mädchen -- das Gänseblümchen, so daß man
sich eigentlich verwundern mußte, weshalb sie ihm nicht den Namen
Gänseblümchen-Heinrich beilegten.
Das Taufrecht sollte eben einer noch größeren Merkwürdigkeit zufallen,
nämlich dem Frühlingsopfer der armen Leute. Sie, die weder einen
Garten noch eine Rauchbühne hatten, überhaupt nichts besaßen, wovon
sie dem armen Heinrich etwas zu gute tun konnten, wollten doch an der
Frühlingsfreude des Dorfes auch ihren Anteil haben.
Da ist denn der uralte Gemeinschaftsgeist des Dorfes aus dunkler Gruft
emporgestiegen und hat gesagt: »Ei, was steht ihr so trüb und traurig!
Habe ich euch nicht in alter, ehrwürdiger Zeit das Recht gegeben,
eure Zicklein an den Dorfhecken zu weiden! Sind nicht euer zu erb und
eigen die Loren (Blätter) alle, die aus den Hecken schießen? Ist ihrer
nicht eine unerschöpfliche Fülle? Wahrlich, so arm und rechtlos seid
ihr nicht, daß ihr dem armen Heinrich nicht auch ein Opfer bringen
könntet!« Und der Frühling, der diese ehrwürdige Stimme vernommen,
setzte sich nun in die Hecken und trieb einen Reichtum an Loren hervor,
daß jedes arme lorenbedürftige Menschen- und Ziegenherz, was unsere
grünheckenleere Zeit kaum verstehen wird, eine wahrhafte Lust und
Freude daran haben konnte.
Erschien Heinrich nun an einem Sonntage, so kamen die armen Leute
alsbald zusammengelaufen und leiteten ihn, der sich geduldig lachend
in alles fügte, in feierlichem Zuge an eine Hecke, wo die Loren am
herrlichsten prangten. Es wurden Zweige gebrochen und Loren gerupft,
es wurden auch lange Schleifen von Loren geflochten, mit denen man
ihn derartig umwand, daß vom eigentlichen Heinrich zuletzt nicht ein
Flecklein mehr zu sehen war. Hierauf nahmen sie ihren Lorenheinrich in
die Mitte und führten ihn in den uns schon bekannten Mühlgraben hinauf,
wohl wissend, daß das lustige und gutherzige Hannchen sie ebenfalls
nicht leer ausgehen lassen würde! Sie pflegte dann gewöhnlich mit einer
»Slippe«[7] voll großer Brotstücke herauszukommen und in ihrer heiteren
und herzgewinnenden Anmut jeder armen Seele etwas zu bescheren. In
gleicher Weise wurden die Armen hinterher in vielen anderen Häusern,
selbst von der Schloßherrschaft, der man Lorenheinrich ebenfalls
zuführte, beschenkt.
Natürlich konnte diese Herrlichkeit nicht alle Tage erneuert werden.
Selbst ein König muß einem zur Last fallen, wollte er einen Tag um
den andern bei uns Einkehr halten. Das wußte Lorenheinrich gar wohl,
obgleich er sonst sehr wenig zu wissen schien. Er pflegte darum nicht
nur auf eine gewisse Zeit des Jahres, sondern in dieser Zeit auch auf
angemessene Zwischenpausen zu halten, die er wohl auf andere Dörfer im
Kreise verwenden mochte.
In dem einen Jahre merkte man aber, daß die Pausen immer kürzer wurden,
daß Lorenheinrich immer eiliger im Mühlengraben hinaufpatschte, auch
immer wonniger drein sah, immer glückseliger lachte.
Da ging ein allgemeines Prusten und Kichern durchs Dorf, und einer rief
dem andern zu: »Weiß't alle? -- Lorenheinrich will't Möhlenhannechen
freggen!«[8]
Es verhielt sich wirklich so. Lorenheinrich sagte zwar nichts, aber
jeder seiner Lämmeraugenblicke, jede Miene seines wieder voll und rot
gewordenen Pausbackengesichts, jedes Gänseblümchen und jedes Lorenblatt
an seinem Rocke und Stocke rief's dem lustigen, hübschen Hannchen nach:
»Ich liebe dich! Ich liebe dich! Ich liebe dich!«
Sie lachte überlustig und wurde einmal in ihrer Ausgelassenheit
gesehen, wie sie Lorenheinrich bei den Ärmeln ergriff und mit ihm über
den Hof einen Galopp tanzte, daß er lange nicht wieder zu Atem kommen
konnte; war sie doch leicht und behende wie eine Bachstelze, er dagegen
schon schwer und rund geworden wie ein »Amman«.
Lorenheinrich war glücklich, wie nur ein Himmlischer glücklich sein
kann, und es war niemand, der ihm zugerufen hätte: »Lorenheinrich,
Lorenheinrich, daß du nur deine Gänseblümchen nicht vergißt!«
Wenn aber das Gras auf der Wiese reifte und die »Wurst die Füße
aufzog,«[9] legte sich plötzlich ein Schatten auf Lorenheinrichs
Gesicht; die breiten Ringe seines Lachens wurden kleiner, die
blumenfrohen Lämmeraugenblicke trüber und trüber. Und rauschte die
erste Sense durchs Gras, ging er eilends fort und wurde bis zum
nächsten Frühlinge nicht mehr gesehen. Es hieß, er ginge dann in die
anderen Weltteile, wo der Frühling erst begönne -- und der Himmel noch
voller Würste hinge.
Das war noch ein Jahr und noch eins so gewesen, bis die rosige
Müllersmaid schließlich sein Verhängnis wurde.
Stärker als die Liebe zu seinen Gänseblümchen, stärker zuletzt auch als
zu Wurst und Schinken war die Liebe zum Müllerhannchen geworden, und so
blieb er an jenem letzten Frühlinge, da er gesehen wurde, lange über
Gebühr im Mühlengraben stehen, bis plötzlich ein schöner, schlanker
Jüngling daher kam, der ihn mit Gewalt vertrieb. So ist er auch im
andern Jahre, verlockt noch durch einen flüchtigen Sonnenschein, allzu
früh wieder ausgegangen, ehe noch ein einziges Gänseblümchen gesehen
worden war.
Der Frühling, obwohl schon in der Nähe, vermochte ihn noch nicht zu
schützen, denn der Winter lag noch mit vieler Macht auf der Lauer.
Und der Winter, dem Lorenheinrich wegen seiner Frühlingsfreundschaft
schon immer ein Dorn im Auge gewesen, nahm diese Gelegenheit wahr. Er
schickte einen jähen Schneesturm hinter ihm drein, schüttete den ganzen
Rest seiner grimmigen Kälte über ihn -- und als etliche Tage später
der Frühling mit seiner Macht durch die Wolken brach, um Lorenheinrich
zu retten, wurde der Ärmste, hager und mager wie immer bei seinem
Ausgange, erfroren am Wege gefunden.
Der Frühling weinte drei Tage und drei Nächte, daß es von allen Bergen
floß, von allen Büschen und Bäumen tropfte. Und dann standen an der
Stelle, wo Lorenheinrich gefunden war, die lieblichsten Gänseblümchen,
die je gesehen worden sind.
Da sich keine Heimatsgemeinde im ganzen weiten Kreise zu Lorenheinrich
bekannte, sollte sein Leichnam nach Göttingen in die Anatomie
gebracht werden, wogegen sich indes -- zu ihrem Ruhme sei's gesagt
-- die gesamte Jugend meiner Heimat derartig auflehnte, daß es einen
ordentlichen Aufruhr im Dorfe gab. Auch ich darf mich rühmen, daß ich
mein damaliges Stimmchen sehr tapfer für Lorenheinrichs armen Leichnam
erhob. Doch was hätten all unsere Stimmlein vermocht ohne den Beistand,
den uns das gute Mühlenhannchen so wacker leistete!
Sie, deren schalkhaftem Liebreiz der ärgste Griesgram nicht zu
widerstehen vermochte, steckte sich hinter den Gemeindevorsteher und
seine Beigeordneten, führte ihnen noch einmal all die schönen Frühlinge
zu Gemüte, die Lorenheinrich dem Dorfe gebracht hätte, und wußte so
mit rührender Drolligkeit jedem einzeln eine Stimme für den armen
Toten abzuschmeicheln. So kam schließlich im Gemeindevorstande der
einstimmige Beschluß zustande, daß Lorenheinrichs Leichnam, entgegen
der herrschenden Regel, ein Grab auf dem Gottesacker eingeräumt werden
solle, freilich -- diese Einschränkung wurde dennoch gemacht -- nur in
einer Ecke des Friedhofes.
Dort ward Lorenheinrich dann auf Kosten der Gemeinde begraben.
Es war ein Leichenzug von nie gesehener Seltsamkeit. Im Gefolge
wimmelte wieder die gesamte Dorfjugend, von den wackelnden Kleinen an
bis hinauf zu den zwanzig- und mehrjährigen Jungfrauen. Und alle trugen
Kränze oder Sträuße von weißen Gänseblümchen in der Hand, denn die
Gänseblümchen waren in diesem Frühjahr ungewöhnlich früh erschienen,
als die Büsche und Bäume noch ganz kahl standen.
Zu hinterst aber ging in trauriger Bedrücktheit des Dorfes Armut mit
Kränzen von gelben Steckrüben- und bunten Runkelblättern, wie sie im
Keller wachsen, da es ja noch keine Lorenblätter gab.
Die Jugend konnte sich damit noch nicht genug tun, denn sie fühlte: der
wesenhafteste Teil ihres Frühlings war unwiederbringlich dahin. Als die
Kränze und Sträuße verdorrt waren, kam sie wieder herbei und bepflanzte
den ganzen Grabhügel über und über mit frischen Gänseblümchen, die man
auf dem Gemeindeanger mit der Wurzel ausgehoben hatte. Ihr Trauern war
ein Lachen, und ihr Lachen war ein Trauern.
Bald danach ist jener schöne, schlanke Jüngling, der Lorenheinrich
ausgangs des vorletzten Frühlings aus dem Mühlengraben hinausgetrieben
hatte, wiederum in den Mühlengraben gekommen und hat das prächtige
Mühlenhannchen ohne viele Umstände weggefreit. Es war wohl ein Glück
für den armen Lorenheinrich, daß er das nicht mit anzusehen brauchte.
Das Gänseblümchengrab ist noch manches Frühjahr gehegt und gepflegt
worden, bis die heutige Jugend und die heutige Armut aufkam, die beide
nichts mehr wissen von den alten, wundersamen Poesieen des Dorflebens.
[Illustration]
Wilhelm von Polenz:
Zittelgusts Anna.
[Illustration]
»Ich bekenne mit Stolz,« sagt ~Wilhelm von Polenz~ von sich, »daß
ich mich als Produkt meiner ländlichen Umgebung fühle, daß ich Kind
meiner Zeit, Kind meines Volkes und meiner Rasse, in letzter Linie Sohn
meiner Familie bin, auch Künstler.« Geboren den 14. Januar 1861 auf
dem väterlichen Schloß Ober-Cunewalde bei Bautzen, lernte er von Kind
auf das Leben und Treiben auf einem großen Gute, das entsagungsreiche
Streben der kleinen Leute und die Leiden, Freuden und Bedürfnisse
der adeligen und bäuerlichen Grundbesitzer kennen, und als er nach
vollendeten Studien die Bewirtschaftung des Erbes selbst übernahm, fand
er durch den täglichen Umgang mit Groß- und Kleingrundbesitzern Stoff
die Fülle, der ihn zur schriftstellerischen Darstellung reizte. Von
1890 an folgten rasch auf einander sieben Romane, sechs Bände Novellen
und Skizzen und vier Dramen, bis er sich in voller Manneskraft im
Krankenhause zu Bautzen zum Sterben niederlegte (13. November 1903).
In dem schriftstellerischen Schaffen des Dichters lassen sich ziemlich
deutlich zwei Entwicklungsstufen unterscheiden. Die erste kennzeichnet
die ruhige, sachliche, breit ausspinnende Art, wie sie die Darstellung
des Bauernlebens mit seinen wechselnden Beziehungen zu Feld und Wald,
Haus und Hof, Saat und Ernte, Kauf und Verkauf, Gewinn und Verlust,
Freund und Feind, Staat, Kirche und Schule erheischt. Allgemein bekannt
ward der Dichter durch den religiösen Zeitroman »~Der Pfarrer von
Breitendorf~« (1893), der seinem ehemaligen Rittmeister M. v. Egidy
gewidmet ist. Die künstlerische Höhe aber erreichte er erst mit dem
Roman »~Der Büttnerbauer~« (1895), dem vielleicht nur Roseggers
»Jakob der Letzte« an die Seite zu stellen ist. Das Gegenstück
hierzu, »~Der Grabenhäger~« (1897), bietet viele schöne Züge,
hat aber nicht die Höhen und Tiefen seines Vorgängers aufzuweisen.
-- Die zweite Entwicklungsstufe des Dichters, die der Tod leider jäh
unterbrach, ist innerlicher, stimmungsvoller, zarter und poetischer.
Hier redet der Aristokrat: vornehm, feinsinnig, weltmännisch. Er
findet sein Frauenideal in »~Thekla Lüdekind~« (1899), spürt den
Seelenregungen der Jutta Reimers in dem Roman »~Liebe ist ewig~«
(1900) nach und schließt seine Lebensarbeit mit dem Literatur-Roman
»~Wurzellocker~« (1902).
Verhältnismäßig gering ist die Zahl seiner Novellen und Skizzen. Kann
er hierin auch nicht seine eminente Begabung, in ausladender epischer
Breite ein farbenvolles Zeitbild zu geben, voll entfalten, so bietet
er dafür kleine Ausschnitte aus der dörflichen Enge und Lebensabrisse
psychologisch interessanter Personen, deckt die verschütteten Kanäle
der Menschennatur auf und sucht uns selbst das abnorme Verhalten seiner
Personen verständlich zu machen.
Tonndorf-Lohe,
den 19. November 1904. ~Wilhelm Bube.~
[Illustration]
Zittelgusts Anna.
Der Weber Zittel wohnte in dem belebtesten Teile des Dorfes, dort, wo
von alters her die Kirche, Pfarrhaus und Schule standen, und wo sich
neuerdings neben dem Bahnhofe eine Fabrik aufgetan hat. Das kleine
Häuschen, welches er bewohnte, gehörte ihm nicht; er hielt Stube und
Kammer nur als Mieter inne. Viel Platz brauchte er ja auch nicht,
da er Witwer war und nur ein einziges Kind besaß: die zwölfjährige
Anna. Ehemals war die Familie freilich stärker gewesen. Im Laufe
ein und desselben Jahres waren dem Manne die Frau und zwei blühende
Kinder weggestorben, ihn mit dem jüngstgeborenen kränklichen Mädchen
allein lassend. Die Gesunden waren gegangen und die Schwächlichen
zurückgeblieben.
Zittelgust stammte aus einer Familie, die seit ungezählten Generationen
sich den Lebensunterhalt durch Handweberei verdiente. Er war ein
langer, hagerer Mann mit schmaler Brust, völlig bartlos, die hohe Stirn
über den tiefliegenden Augen setzte sich in eine glänzende Platte
fort. Nur im Genick hing ihm von einem Ohr zum anderen ein schmaler
ausgefranster Kragen dunklen Haares als letzter Rest ehemaliger Pracht.
Der Kopf glich dem eines Gelehrten; aber es war Entbehrung, schlechte
Ernährung, Stubenluft, nicht geistige Arbeit, was diesem Gesichte den
Stempel der Vergeistigung aufgedrückt hatte.
Man mußte den Mann gehen sehen: die Schultern zusammengezogen, den
Kopf geduckt, die Kniee gekrümmt, und man verstand, daß er Armut,
Elend und Unverstand vergangener Geschlechter an seinem erschlafften,
ausgemergelten, knochenschwachen und bleichsüchtigen Leibe abbüßte.
Zittelgust war als echter Weber abgesagter Feind der frischen Luft. Der
muffige Dunstkreis der niederen Holzstube, in der vom frühen Morgen
an gegessen, gekocht, gewirkt, getrieben und gespult wurde, bedeutete
ihm altgewohntes und geliebtes Lebenselement. Wie etwas Kostbares, ja
Geheiligtes, wurde diese Luft gehütet; Tür und Fenster, durch die sie
hätte entweichen können, blieben Sommer und Winter hindurch sorgfältig
verschlossen.
Man ging den ganzen Tag in Hemdsärmeln, barfuß oder in Holzpantoffeln
einher. Stiefel, Rock und Kopfbedeckung wurden eigentlich nur zum
Kirchgang angelegt. Selbst zum Nachbar über die Straße sprang man
in dieser unvollkommenen Bekleidung, wenn nicht vorgezogen wurde,
das Schiebefenster zu öffnen, das nur so groß war, den Kopf
hinauszustecken, um auf diese Weise Neugier und Klatschsucht zu
befriedigen und den Bedarf an wissenswerten Ereignissen und Nachrichten
einzuziehen.
Der Webersmann war glücklich und zufrieden bei dieser Art Leben. Den
Tod seiner Frau und der beiden Kinder hatte er längst verschmerzt.
Zittelgust war Philosoph. Sie hatten eben etwas zeitiger dran glauben
müssen, tröstete er sich. Um die Frau grämte er sich noch am meisten;
sie fehlte ihm besonders anfangs sehr empfindlich im Hauswesen. Die
beiden Kinder aber vermißte er kaum. Sie hatten ihm mehr Not und
Sorge gemacht als Freude. Für den Armen fällt es eben schwer ins
Gewicht, wieviel Menschen an seinem Tische niedersitzen. Jetzt, wo die
Familie klein war, ließ sie sich auch billiger ernähren. Er hatte in
den letzten Jahren sogar anfangen können, von seinem Weberverdienst
zurückzulegen, woran vordem nicht zu denken gewesen.
Anna, sein einziges überlebendes Kind, machte ihm wenig Not. Sie war
ein kleines, blasses, schmales Ding, der Körper in der Entwicklung
stark zurückgeblieben, während das Gesicht mit seinen ausgearbeiteten
Zügen den Eindruck der Frühreife hervorrief. Aus großen, verständigen
Augen blickte die Zwölfjährige in die Welt, maß kritisch alle
Erscheinungen, die in ihren Gesichtskreis traten, mit ihrem altklugen
Kinderurteil. Ihr schmaler Mund verzog sich leichter zu einem
spöttischen Lächeln, als daß er ein fröhliches Gelächter oder Schreien
hätte hören lassen. Denn dieses junge Geschöpf, das nur die Weberstube,
ein Stückchen Dorfstraße und die Schulbank kannte, hatte doch ein
fertiges Weltbild im Kopfe, war ein kleiner selbstbewußter, spröder,
scharf beobachtender und scharf urteilender Mensch.
Jung wie sie war, hatte Anna schon mancherlei durchgemacht. Sie war
das Sorgenkind der Mutter gewesen, von ihr verwöhnt und verhätschelt,
von den älteren Geschwistern eher scheel als freundlich angesehen und
gelegentlich geneckt und gequält. Dann mit einem Male durch der Mutter
Tod verwaist und als einziges Kind eine viel wichtigere Person als
vordem.
Sehr bald wurde sich Anna ihrer besonderen Stellung bewußt. Schon in
zartem Alter übersah sie ihren Vater. Der Witwer war ängstlich von
Natur, ratlos, zaghaft und in allem, was nicht sein Gewerbe betraf,
unbeholfen. Er bedurfte der Abwartung und Fürsorge, war gewöhnt, daß
ihm jemand das Essen zubereite, sich um seine Kleidung kümmere, alles,
was nötig, herbeischaffe und bedenke, während er vom frühen Morgen bis
in die sinkende Nacht am Webstuhl saß und wirkte.
Die kleine Anna nahm nach und nach die Führung des Hauswesens an sich.
Große Kochkünste waren eben nicht nötig. Frühmorgens Haferschleim,
mittags Kartoffeln und Heringstunke, im besten Falle gab es mal Speck
dazu oder Wurst, abends wieder Kartoffeln mit Salz und Schmalz; die
übrigen Mahlzeiten wurden mit Butterschnitten und Kaffee bestritten.
Früh, ehe Anna zur Schule ging, setzte sie das Essen an, schärfte
dabei dem Vater ein, daß er gelegentlich nachlege und den Topf rücke.
Wenn sie wiederkam, füllte sie dann die Speise um in die große runde
Schüssel, aus der sie tagein tagaus gemeinsam aßen. Den trüben und
herzlich dünnen Kaffee trank man dazu aus braunen Henkeltöpfen.
Zwar besaß man Teller und Tassen; Blumen waren darauf gemalt, Rosen
und Vergißmeinnicht, auch mancher sinnige Spruch in Goldschrift.
Wohlverwahrt standen solche Kostbarkeiten im Spind; aber nur zum
Staatmachen waren sie da. Auf den Gedanken, dergleichen zum Essen und
Trinken zu benutzen, wäre man niemals gekommen.
Bei diesen beiden Menschen drehte sich von früh bis spät alles um die
Weberei. Zittelgust arbeitete für einen Fabrikanten, der eine größere
Anzahl Handweber beschäftigte. Da der Weber sich um nichts weiter zu
kümmern brauchte als um die Leinwand, die er gerade auf dem Stuhle
hatte, da keine Feldarbeit, keine andere Hantierung ihn abzog, brachte
er eine Menge vor sich. Die kleine Anna stellte ihm auch darin eine
tüchtige Gehilfin. Zwar zum Wirken war sie zu schwächlich, aber das
Treiben und Spulen hatte sie schon früh gelernt. Auch beim Andrehen und
Scheren ging sie dem Vater zur Hand, wie beim Aufbäumen der Kette. War
aber einmal das Garn verworren oder der Faden gerissen, dann verstand
sie es mit ihren geschickten kleinen Fingern, wie niemand anders, das
Ganze wieder in Schuß zu bringen.
In allen schwierigen Fragen verließ sich der Vater auf sie. Zittelgust
war zwar durchaus nicht etwa dumm, aber die angeborene Ängstlichkeit
hinderte ihn häufig, von seinem Verstande Gebrauch zu machen.
Wenn nicht die kleine Anna gewesen wäre, hätte er sich von aller
Welt übers Ohr hauen lassen. Aber das Kind war auf dem Posten;
Anna paßte auf, daß der Kaufmann den Vater nicht überteure, sie
kümmerte sich darum, ob der Fabrikant die entsprechende Menge Garn
geliefert habe, und daß dem Weber bei Ablieferung der Leinewand keine
ungerechtfertigten Abzüge gemacht würden.
Bei alledem versäumte das Kind seine Schulpflichten nicht. Anna Zittel
war eine der besten Schülerinnen der Dorfschule. Sie schrieb eine
saubere Handschrift, rechnete fix und konnte ihre Gesangbuchlieder und
Bibelsprüche so gut auswendig, daß man sie mitten in der Nacht hätte
wecken können, und auf das betreffende Stichwort würde sie Vers oder
Lied heruntergeschnurrt haben, wie der Leierkasten sein Stücklein.
Sie war daher ein besonderer Liebling der Lehrer und wurde den anderen
Mädchen immer als Beispiel von Fleiß und guten Sitten vorgehalten.
Vielleicht war ihr Verdienst nicht so sehr groß; schwächlich wie Anna
war, konnte sie an dummen Streichen kaum teilnehmen. Und das Lernen
wurde ihr eben leicht.
Anna war sich bewußt, etwas Besonderes zu sein. Mit stiller Verachtung
blickte sie auf die anderen, minderbegabten Mädchen herab; die Jungen
aber, die auf der anderen Seite der Schulstube saßen, waren ihr wegen
ihrer Begriffsstutzigkeit lächerlich und wegen ihrer Unmanierlichkeit
ein Greuel.
Sie las gern und war die fleißigste Kundin der Schulbibliothek. Die
Bücher, die sie von dort mit nach Haus brachte, pflegte sie abends
ihrem Vater vorzulesen. Der hatte, wenn er Tags über am Webstuhl saß,
bei seiner mechanischen Tretarbeit Zeit genug, das Gehörte weiter
auszugrübeln und zu Ende zu spinnen.
So lebten diese beiden Menschen glücklich und zufrieden mit einander.
Zittelgust vermißte das verstorbene Weib kaum noch; seine Anna
ersetzte ihm die Lebensgefährtin vollauf. Daß ihn das Töchterchen ein
wenig tyrannisierte, empfand er nicht unangenehm; er wollte es gar
nicht anders haben.
Der altersgebräunte Webstuhl aber in der Ecke, der nun schon der
dritten Generation diente und manches Tausend Ellen Ware geliefert
haben mochte, ließ unter dem gleichmäßigen Treten des Webers seinen
altmodischen Rhythmus erklingen. Da ratzte das Trittschemelgeschlinge,
der Schützen sauste geschäftig hin und her und schlug schütternd in die
Kammer, und die Lade brummte und dröhnte, daß man schon von weitem auf
der Dorfstraße des Meisters regen Fleiß an der Melodie erkannte, die
sein Webstuhl sang.
Selten kam mal jemand zu Besuch. Bei Zittelgust gab's wenig zu holen,
das wußten die Nachbarn. Während Witwer sich sonst oftmals nicht retten
können vor dem Ansturm der ledigen Weiber, die ihnen aus Christenliebe
helfen und raten wollen in ihrer Einsamkeit, blieb Zittelgust ziemlich
verschont von solcher Zudringlichkeit. Er war eben ein armer, dürftiger
Schlucker, und keine mannbare Jungfer, keine einsame Witib riß sich
darum, Nachfolgerin zu werden der verstorbenen Frau Zittel.
Nur eine Person kam häufiger ins Haus, das war die Rötschken. Sie war
eine Handelsfrau. Ihr Mann besaß draußen im Walde ein Häuschen mit
etwas Feld dazu. Die Rötschken hatte kein leichtes Leben. Ihr Mann war
ein Bruder Liederlich und Trinker. Sie mußte ihn mitsamt den beiden
Kindern erhalten. Wenn sie nicht auf dem Felde arbeitete, dann fuhr sie
im Lande umher und handelte mit Schürzenzeug, Haderstoff, Bändern und
Leinwandresten, die sie billig aufkaufte und mit Profit loszuwerden
suchte. Viel kam dabei nicht heraus; denn was sie etwa auf den Preis
schlug, das mußte sie wieder für Eisenbahnfahrt und Schlafquartier
an den fremden Orten ausgeben. So kam sie trotz aller Betriebsamkeit
auf keinen grünen Zweig, aber sie erhielt sich und die Ihrigen doch
wenigstens am Leben.
Mit Zittelgust war die Rötschken von Jugend auf gut bekannt. Sie
stammten von einem Jahrgang, hatten in einer Klasse zusammengesessen,
waren an einem Ostern konfirmiert worden.
Der Grund, weshalb die Handelsfrau so oft bei ihrem Freunde Zittel
einkehrte, war ein praktischer: sie brauchte einen Platz zum Aufstapeln
ihrer Ware. Statt die Ballen, Säcke und Stücke bis ans Ende des Dorfes,
wo sie wohnte, hinauszuschleppen, ließ sie sie lieber hier in der Nähe
des Bahnhofs. Bei Zittelgust war die Ware gut aufgehoben; der Weber
nahm auch kein Lagergeld, im Gegenteil, wenn die Handelsfrau müde und
hungrig von der Reise zurückkehrte, durfte sie sich in dieser Herberge
ausruhen und wärmen, solange sie wollte, und wenn es der Zufall oder
die gute Nase der Rötschken wollte, daß sie in eine Mahlzeit fiel, dann
bekam sie reichlichen Anteil von dem, was gerade auf dem Tische stand.
Dafür erzählte sie dann dem Weber, der nie aus seinen vier Pfählen
herausgekommen war, wie es draußen in der Welt zugehe, wie schlecht
die Menschen seien, welche Schwierigkeiten man habe, sein Geld von
den Kunden hereinzubekommen, und welche Listen man anwenden müsse, um
ehrlich durchzukommen. Auch die Sehenswürdigkeiten in den Städten wußte
sie mit beredtem Munde zu schildern, gelegentlich auch flocht sie mal
die Schilderung eines schrecklichen Unglücksfalles ein. Zittelgust
hörte ihr mit offenem Munde zu; ihre Besuche bedeuteten ihm willkommene
Zerstreuung. Die Rötschken mit ihren Erzählungen ersparte ihm das
Halten einer Zeitung.
Lina Rötschke war ein derbes, rotwangiges, kerngesundes Frauenzimmer.
Unverdrossen und skrupellos schritt sie durchs Leben. Jede Gelegenheit
verstand sie auszunutzen, alles, auch das Geringste zu Rate zu ziehen.
Wo hätte sie sonst bleiben sollen mit einem verschuldeten Grundstück,
einem Mann, der trank, und Kindern, die noch nicht aus der Schule
waren! -- Sie hatte neben ihrem Hausierhandel noch einige kleine
Nebenbeschäftigungen, die gelegentlich was abwarfen, so das Vermieten
von Mägden an Bauern oder von Kindermädchen und Ammen in die Stadt.
Auch mit Heiratsvermitteln gab sie sich ab, wenn es gerade in den Gang
der Geschäfte paßte. Kurz, die Rötschken war eine vielbeschäftigte,
vielerfahrene Person, die nicht leicht etwas verblüffte oder ratlos
fand.
Anna liebte die Freundin des Vaters nicht. Jedes Butterbrot, jede
Tasse Kaffee, welche die Handelsfrau bei ihnen verzehrte, war in Annas
Augen unverantwortliche Verschwendung. Daß der Vater so viel Gefallen
fand an der Unterhaltung mit der Person, paßte ihr ganz und gar nicht.
Anna war eifersüchtig, fühlte sich beeinträchtigt in dem, was sie für
ihr alleiniges Recht ansah. Instinktiv witterte das Kind in dieser
Frau eine Rivalin und lehnte sich gegen den fremden Einfluß, von dem
sie ihr Machtgebiet bedroht sah, auf. Daß die Rötschken allerhand
Versuche machte, ihre Freundschaft zu gewinnen, änderte nichts an Annas
ablehnendem Verhalten. Das Kind ließ sich so leicht nicht kirren.
In der letzten Zeit klagte die Rötschken oft, wenn sie bei ihrem
Freunde Zittelgust einkehrte, über schlechten Geschäftsgang. Auch
daheim hatte sie viel Sorge und Not. Der Mann trieb es schlimmer denn
je, in der Betrunkenheit schlug er alles kurz und klein. Ihre beiden
Kinder, die nun aus der Schule waren, hatte sie in die Stadt getan,
den Jungen als Lehrling, die Tochter als Dienstmädchen. Das bedeutete
eine Erleichterung, aber auf der anderen Seite fehlten ihr diese Hände
in der Hauswirtschaft und auf dem Felde. Alles blieb da liegen; denn
der Trunkenbold von Mann saß in der Schenke und wollte keine Arbeit
anrühren.
Eines Tages nun kam die Rötschken in ungewöhnlicher Erregung zu
Zittelgust herein. Sie war auf dem Wege zum Standesbeamten und Pastor.
Ihr Mann war die Nacht im Säuferdelirium gestorben. Die Trauer der
Jungverwitweten war zwar anscheinend nicht groß; immerhin brachte sie
anstandshalber ein paar Tränen hervor, wohlbedacht, ihren Vorrat nicht
vorzeitig zu erschöpfen. Denn sie brauchte deren noch im Pfarrhause und
verschiedenen Freunden und Bekannten gegenüber.
Zum Begräbnis ging Zittelgust selbstverständlich mit. Anna hatte
ihm den langschößigen Kirchenrock und den abgeschabten Zylinder
ausbürsten müssen. Das Mädchen stand am Fenster, als der Zug vorbeikam.
Ihrem Blicke entging nichts. Sie sah die Rötschken hinter dem Sarge
schreiten, schwarz angetan, das weiße Taschentuch vor den Augen -- wie
es sich für die Witwe schickt -- der Vater schritt unter den Nachbarn.
Dem Kinde war nicht wohl zu Mute. Ohne daß sie recht den Grund dafür
gewußt hätte, sagte ihr eine dunkle Ahnung, daß für sie nunmehr böse
Zeiten kommen würden.
Der Vater kam spät heim. Er war in einem Zustande, den sich Anna
zunächst gar nicht erklären konnte. Er sang und erzählte allerhand
verworrenes Zeug. Bis das Mädchen, als sie ihm den Kirchenrock abnahm,
am Geruche merkte, daß er Schnaps getrunken habe. Sie hatten den
Hingang des Säufers in der Schenke gebührend gefeiert.
Fortan kam die Rötschken öfters noch als vordem; war sie doch nun
verwitwet und in ihrem Tun und Lassen unbehindert.
Nicht bloß um sich ein wenig auszuruhen, ihre Sachen abzulegen und
eine Stärkung zu sich zu nehmen, sah man die Handelsfrau jetzt bei
ihrem Freunde aus und ein gehen, auch außer der Zeit kam sie, blieb
stundenlang; und manchmal sahen neugierige Augen sogar des Abends spät
die Witwe das Haus des Witwers verlassen. Man fing an, über die beiden
zu sprechen.
Der Weber Zittel begann seine Angewohnheiten völlig zu ändern. Er
kaufte sich einen neuen Anzug. Beim Weben trällerte er allerhand
lustige Melodieen vor sich hin. Des Abends ging er jetzt häufig aus,
und Anna konnte nicht von ihm erfahren, wo er sich dann hinbegäbe.
Aber in ihrem klugen Kopfe brachte sie seine Ausgänge zusammen mit
jener Frau, die sie niemals hatte leiden können.
Ein Gefühl großer Bitterkeit bemächtigte sich der Kindesseele. Die
Kleine fühlte sich verdrängt, entthront. Den Vater zu pflegen, stets um
ihn zu sein, ihn zu leiten und für ihn zu sorgen, war ihr gutes Recht
und ganzes Glück gewesen. Nun wollte ihn ihr eine andere abspenstig
machen!
Anna machte kein Hehl aus dem, was sie empfand. Sie behandelte den
Vater barsch und unfreundlich, seit er sich mit der Rötschken so tief
eingelassen. Zittelgust hatte dem Kinde gegenüber kein gutes Gewissen.
Wenn er des Nachts spät zurückkam, stahl er sich ins Bett wie ein
Sünder, um Annas Fragen, wo er gewesen, zu entgehen.
Neun Monate etwa waren verflossen, seit die Rötschken ihren
trunkenboldigen Mann beerdigt hatte, da kam sie eines Sonntags
frühzeitig, um Zittelgust zum Kirchgang abzuholen. Sie war besonders
feierlich angetan in einem lila Kleid, mit einem prächtigen Hut, von
dem herab künstliche Blumen nickten, während man Lina Rötschke bisher
nur in einfachster Gewandung mit einem Kopftuch in der Kirchfahrt
erblickt hatte.
Sie trug ein längliches Paket unter dem Arm, das sie mit feierlicher
Miene auf den Tisch niederlegte. Dann rief sie die kleine Anna herbei,
die verdutzt in der Ecke gestanden hatte, die ungewohnte Pracht dieses
Aufzuges anstaunend.
»Na, kumm ack, Madel! Bis ack nich tumm. Hier ha'ch der och was
mitgebracht!« hieß es. Da Anna nicht dazu zu bewegen war, entfernte die
Rötschken selbst die Hülle von dem Paket. Ein Stück bunten Kleidstoffs
kam zum Vorschein. »Das is für dich, Madel, zu an Kleede. Sieh' der
's ack an! Da wirst de schiene drin giehn, zur Huxt!« Dabei stieß sie
Zittelgust, der verlegen kichernd dabei stand, mit dem Ellbogen an. »Nu
ja doch! Se muß doch och mit zur Kirche, wenn der Vater sich a Weib
nimmt! Heute is 's erste Aufgebot von der Kanzel, daß de 's nur weeßt!«
Anna sagte kein Wort des Dankes. Steif wie ein Stock stand sie vor dem
Kleid, das sie geschenkt bekam.
Dann ging der Vater mit der Rötschken zur Kirche. Sie wollten sich
doch der Gemeinde zeigen als Brautpaar und das Aufgebot persönlich
mit anhören. Mittags kamen sie nach Haus und nahmen das Essen ein,
das Anna gekocht hatte. Dabei gab es allerhand Scherze, verstohlenes
Händedrücken, Anstoßen und Streicheln zwischen den Liebesleuten.
Anna saß mit weit aufgerissenen, erstaunten Augen dabei. Die
beiden ließen sich durch die Anwesenheit des Kindes nicht in ihren
Zärtlichkeiten stören. Nachmittags unternahmen sie einen Ausflug. Anna
wurde zu Haus gelassen; es hieß, sie vertrage das weite Gehen nicht.
Es wurde über diese beiden viel im Dorfe hin und her gesprochen.
Zwar war es durchaus nichts Ungewöhnliches, daß ein ehrbarer Witwer
eine ehrbare Witfrau zum Weibe nahm -- was man einmal mit heiler
Haut durchgemacht hatte, konnte man schließlich auch ein zweites Mal
riskieren. -- Trotzdem forderte diese Verbindung das Kopfschütteln der
Leute heraus.
Lina Rötschke war bekannt als eine praktische Frau, die das Gras
wachsen hörte. Mit ihrem ersten Manne war sie hereingefallen, und nun,
wo sie den glücklich los war, nahm sie sich, kaum daß das Trauerjahr um
war, einen neuen. Und was für einen!
Was versprach sie sich eigentlich von dem Weber? Dieser hiefrige,
lendenlahme, dürftige Stubenhocker! Eine Frau wie sie nahm es doch
bequem mit einem halben Dutzend von seiner Sorte auf. Und dazu als
Anhang das kränkelnde Kind von der ersten Frau. Ordentlich zugreifen
würde Anna kaum jemals lernen, und dabei wollte sie doch auch gefüttert
sein.
So sprachen die Nachbarn weise hin und her. Da sah man's wieder mal,
wie die Verliebtheit selbst die gescheitesten Weiber rappelköpfisch
machte! --
Die Leute hatten gut reden. Die Rötschken wußte ganz genau, was sie
tat. Verliebtheit war kaum im Spiele; die lag nicht in ihrer Natur.
Lina Rötschke rechnete so: ihr erster Mann hatte ihr und den Kindern
ein Grundstück hinterlassen, das hoch verschuldet war. Der Sohn,
der sich an das Stadtleben gewöhnt hatte, bedankte sich dafür, ins
Dorf zurückzukehren und dort unter schwierigen Verhältnissen zu
wirtschaften; ähnlich hatte sich die Tochter geäußert.
Aber jemand mußte doch sein, der nach Haus, Stall und Feld sah, während
die Besitzerin verreist war. Denn die Rötschken gedachte ihren Handel
keineswegs aufzugeben; im Gegenteil, jetzt wollte sie das Geschäft in
größerem Maßstabe betreiben. Sollte man nun für die kleine Wirtschaft
eine Magd annehmen, oder gar einen Knecht? -- Das kostete schweres
Geld, und dann machten einem die Leute nichts recht, verdarben mehr,
als sie schafften, und wenn man sie scharf rannahm, kündigten sie einem
womöglich den Dienst auf. Alles das paßte der Rötschken nicht. Sie
wollte jemanden haben, der ihr widerspruchslos Gehorsam leistete, der
niemals aufmuckte und von dem man nicht befürchten mußte, daß er eines
Tages davonlaufe.
Diese Person glaubte sie in dem Weber Zittel gefunden zu haben. Daß er
ein Schwächling war, ängstlich und verschüchtert, sah sie natürlich
auch. Aber in ihren Augen bedeutete das keinen Fehler. Ihr erster Mann
war in seinen guten Tagen ein Riese gewesen an Kraft; gar manchmal
hatte sie darunter zu leiden gehabt. Da lobte sie sich den sanften
Gust, der würde ihr aus der Hand fressen. Daß er ein Kind mitbrachte in
die Ehe, war zwar nicht angenehm; aber schließlich hatte jeder Mensch
seine Fehler. Anna war kränklich und würde vielleicht jung sterben; und
wenn sie am Leben blieb, konnte man sie beschäftigen mit Weben oder in
der leichten Feldarbeit. Einen halben Dienstboten ersetzte einem das
Mädel doch, wenn man sie richtig herannahm.
Alles das überschlug die kluge Frau im Geiste, stellte Ziffer gegen
Ziffer, Posten gegen Posten. Und das Resultat der Berechnung war, daß
ein Plus herauskam für die Verbindung mit Zittelgust.
Nachdem sie sich ihm einmal anverlobt hatte, nahm sie auch sofort alles
energisch in die Hand. Die Wohnung, welche der Weber seit vielen Jahren
innegehabt hatte, wurde gekündigt; in Zukunft sollte er ja bei ihr
wohnen.
Zittelgust fügte sich murrlos in alles. Er war trotz seiner Jahre
verliebt bis über die Ohren in die Braut. Ihm hing der Himmel voller
Geigen. Nun werde er erst anfangen zu leben, glaubte er. Die
Warnungen der Nachbarn wurden von ihm verlacht als müßiges Geschwätz
oder boshafte Mißgunst. Und auch die trübe Miene seines Töchterchens
beachtete er nicht weiter. Anna verstand wohl nichts davon, sah nicht,
daß auch für sie dieser Wechsel ein großes Glück bedeute.
Leichten Herzens nahm er Abschied von allem, was bisher sein Glück
ausgemacht, von den vier Wänden, in denen er mit der verstorbenen
Gattin Leid und Freud durchlebt hatte.
Anders faßte die kleine Anna die Veränderung auf. Sie hing voll
Liebe an dem Raume, der niederen Weberstube, in der sie ihr junges
Leben zugebracht, an der ganzen vertrauten Umgebung, dem Stückchen
Dorfstraße, das man vor den Fenstern hatte, an allem ringsum. Ihr war
zu Mute, als müsse sie eine Reise antreten in ein fernes, unbekanntes
Land, weil sie diesen Teil des Dorfes verlassen und eine Viertelstunde
weiter ziehen sollte.
An alles das aber, was die Rötschken erzählte von ihrem Hause, dem
Grasgarten dabei mit den Obstbäumen, den Ziegen im Stalle, den Hühnern
und Gänsen, die sie besitze, glaubte Anna einfach nicht. Und als sie es
nach einem Besuche in dem neuen Heim doch schließlich mit eigenen Augen
sah und nicht mehr wegleugnen konnte, verachtete sie es im Herzen. Ihre
Holzstube war doch viel schöner gewesen, als alles, was die fremde
Frau besaß. Das Kind war nun mal entschlossen, diese Person zu hassen,
von der sie wußte, daß sie ihr und des Vaters Unglück bedeute.
Anna blieb still und verschlossen, klagte nicht, lebte alles das stumm
in sich hinein. Was wollte sie tun? Sie war ja ganz in der Hand der
Erwachsenen. Keinen Freund besaß sie, niemanden, dem sie ihr Leid hätte
klagen dürfen.
Ihre Erholung war die Schule. Dort galt sie etwas, dort konnte sie
zeigen, daß auch sie etwas sei. Während die anderen Mädchen ihres
Alters bereits von Liebschaften tuschelten, sah sie dem Augenblicke, wo
die Schulzeit zu Ende sein würde, mit Bangen entgegen. Denn was sollte
dann aus ihr werden? --
Die Hochzeit hatte stattgefunden. Die Rötschken hieß nun Frau Zittel,
und ihr Mann war mit der kleinen Anna zu ihr gezogen.
Das Haus lag als letztes des Dorfes oben am Waldrande. Den Kirchturm
und die Fabrikesse sah man ganz aus der Ferne. Es war wirklich, als sei
man in eine andere Welt versetzt. Hier gab es keine Dorfstraße, nur
ein schmaler Feldweg verband das Häuschen mit der übrigen Welt. Zum
Schulweg brauchte Anna jetzt eine halbe Stunde Zeit, während sie früher
nur über die Straße gesprungen war.
Und gar verändert war das Leben, das sie hier oben führten. Wenn der
Tag kaum graute, mußte aufgestanden werden. Die Hausfrau trieb ihre
Leute zeitig aus den Federn und stellte sie zur Arbeit an.
Jede Minute war da ausgefüllt. Die Ziegen wollten gefüttert sein,
die Eier mußte man zusammensuchen aus den Verstecken, wohin die
eigensinnigen Tiere sie gelegt hatten. Und war man in Haus und Hof
fertig, dann ging's hinaus aufs Feld. Zittelgust, der niemals Hacke und
Spaten in der Hand gehabt hatte, sollte bei seinen Jahren noch lernen,
Feldarbeit zu verrichten. Er stellte sich dabei jedoch so hoffnungslos
ungeschickt an, daß es die Frau bald aufgab, ihn vor die Egge zu
spannen, ihn das Gras mähen oder das Getreide dreschen zu lassen. Nicht
mal einen Schubkarren mit dem Jauchenzuber konnte er hinausfahren, ohne
umzuwerfen. Schließlich richtete er nur Schaden an. Da war er noch
besser hinter dem Webstuhle untergebracht.
Um so mehr wurde die kleine Anna von der Stiefmutter nützlich gemacht.
Zu Arbeiten wie Unkrautjäten, Gießen, Rechen, Heuwenden, Pflanzen,
Kartoffelhacken und dergleichen war sie ganz gut zu verwenden. Auch
das Besorgen des Kleinviehs hatte sie sehr bald erlernt. Im stillen
wunderte sich Frau Zittel, wie geschickt und gelehrig das Kind sei.
Nur aus dem Schlaf war sie so sehr schwer zu wecken. Ordentlich
angefaßt wollte sie sein, um sie früh wach zu bekommen. Nun, daran ließ
es die Stiefmutter nicht fehlen. Eine Dienstmagd konnte nicht schärfer
zur Arbeit angehalten werden, als das schwache Kind.
Zittelgust saß also auch im neuen Heim tagein tagaus am Webstuhl.
Er war sehr fleißig. Hinter ihm stand seine Frau, die es nicht an
aufmunternden Bemerkungen fehlen ließ, wie: wer essen wolle, müsse auch
arbeiten, und sie habe keine Lust, einen faulen Mann auf ihrem Buckel
durchzuschleppen.
Das Feld lag dicht am Hause. Selbst wenn sie draußen war, konnte die
Gattin daher feststellen, ob der Mann daheim auch schön fleißig sei.
Wenn dort der Webstuhl mal aussetzte, dann kam sie herbeigeeilt und
fragte durchs Fenster: warum er nicht wirke.
Zittelgust fand, daß zwischen seiner ehemaligen Freundin, der
Rötschken, und seiner jetzigen Frau ein gewaltiger Unterschied bestehe.
Manchmal beschlich ihn ein Ahnen, daß er, als er den Witwerstand
aufgegeben, die größte Dummheit seines Lebens begangen habe. Aber er
hütete sich wohl, die Gattin von solchen Anwandlungen etwas merken zu
lassen. Schlecht genug würde ihm das bekommen sein.
Die besten Zeiten für ihn waren die, wenn seine Frau verreiste.
Dann kochte Anna für ihn, und er webte; das erinnerte beide an die
schönen Zeiten, wo sie allein mit einander gehaust hatten. Aber
selbst aus der Ferne übte die Gestrenge ein unsichtbares Regiment aus
über die beiden Menschenkinder. Zittelgust sowohl wie Anna wußten,
daß sie, zurückgekehrt, mit scharfem Auge feststellen würde, was in
ihrer Abwesenheit im Hause vor sich gegangen sei; ob Anna die Tiere
gut versorgt und die aufgetragene Arbeit in Garten und Feld richtig
ausgeführt habe. Wehe den beiden, wenn sie nach Ansicht der Hausfrau
müßig gewesen waren. Dann gab es harte Worte. Und es blieb nicht immer
beim Schelten allein. Frau Zittel hatte ein recht leichtes Handgelenk,
das sie nicht gern aus der Übung kommen ließ.
Der Herbst kam heran. Die Äpfel und Birnen im Garten reiften. Aber
Zittelgust und Anna, die vordem viel davon zu hören bekommen hatten,
wie wohlschmeckend solcher Fruchtsegen sei, fanden sich betrogen in
ihrer Hoffnung, hiervon etwas zu genießen. Das Obst wanderte zum
Händler. Auch die Gänse und Hühner, die man mit so viel Mühe aufgezogen
hatte, wurden zu Geld gemacht, statt daß man sie, wie Zittelgust
allzukühn geträumt, in der eigenen Pfanne gesehen hätte.
Mit dem Herbst kam die kühlere Witterung, die kurzen Tage und langen
Nächte. Ganz anders pfiff der Sturmwind hier oben um den Giebel,
als unten im warmen Dorf, wo ein Haus das andere schützte. Anna lag
manchmal des Nachts wach in ihrer Kammer und hörte mit Grauen, wie der
Wind hohl tönend über das freie Feld gestrichen kam, und wie es im
nahen Walde brauste, knackte, heulte und ächzte. Furchtbare Geräusche
waren das für das Weberkind, das nur das gemütliche Klappern und
Brummen des Webstuhls gewöhnt war. Die freie Natur flößte ihr Bangen
ein. Der Wald, in den sie nie den Fuß gesetzt hatte, stellte sich ihrer
Phantasie dar als der düstere Sitz einer Horde böser Geister, die es
auf sie abgesehen hatten.
Noch Schlimmeres brachte der Winter. Hohe Schneemauern umgaben das
kleine Haus, daß man kaum aus den niederen Fenstern blicken konnte. Da
mußte die kleine Anna Besen und Schaufel zur Hand nehmen, um Weg und
Steg frei zu machen.
Und dabei war sie so furchtbar müde, alle Glieder taten ihr weh. Am
liebsten wäre sie früh gar nicht mehr aufgewacht. Es kam vor, daß
Anna in der Schule einschlief vor Ermattung. Schon lange gehörte
sie nicht mehr zu den besten Schülerinnen. Sie, die Strebsame,
Wißbegierige, war laß geworden, träge und gleichgültig. Selbst der
Konfirmationsunterricht, der nunmehr begonnen hatte, und die Aussicht,
zu Ostern aus der Schule zu kommen, änderten daran nichts. Für sie
gab's ja keine Hoffnung auf Besserung; ihr Leben würde nach wie vor
elend und qualvoll bleiben. Viel besser wäre es gewesen, wenn der
Tod sie mitgenommen hätte, als er damals die Mutter und die älteren
Geschwister holte.
Wenn sie auf dem Wege zur Schule an dem Hause vorbeischlich, in dem
sie vordem gewohnt hatte, dann kam ihr alles, was gewesen war, wie
ein Traum vor. Kaum daß sie begreifen konnte, daß sie und die Anna
von damals ein und dieselbe Person seien. Wie hatte sich in dem
kleinen, einfachen Hause, das ihrer Erinnerung dennoch wie ein Paradies
erschien, alles verändert! Hier wohnten jetzt Leute, die aus der Fremde
zugezogen waren. Eine Familie mit einem Haufen halberwachsener Kinder,
die in die nahe Fabrik auf Arbeit gingen. Laute, wilde Gesellschaft
war's. Kein Webstuhl klapperte mehr in der Ecke. Wüst und schmuddelig
sahen Wände, Fenster und Gerät aus, wie Anna feststellte, als sie von
Neugier getrieben einen Blick in das alte, traute Stübchen warf.
Eines Morgens, als die Stiefmutter sie wie gewöhnlich frühzeitig
weckte, vermochte Anna sich nicht vom Lager zu erheben. Es ging nicht,
beim besten Willen ging's nicht. Ihr Rücken war wie gebrochen.
Die robuste Frau hielt das für Verstellung. Sie wollte Anna mit Gewalt
antreiben, riß sie aus dem Bett empor. Aber das hatte nur zum Erfolg,
daß sich das Kind mühsam bis zur Tür schleppte und dort ohnmächtig
zusammenbrach. Nun mußte Frau Zittel doch einsehen, daß es sich hier
nicht bloß um Verstellung handle.
Anna konnte von da ab den weiten Schulweg nicht mehr zu Fuß
zurücklegen. Man kam auf folgendes Auskunftsmittel: die Kinder der
nächsten Nachbarn spannten sich vor einen Handwagen. Dahinein wurde
Anna gesetzt. Leicht war sie ja! So ging es im Galopp, mit menschlichen
Pferden, erst den schmalen Feldweg hinab und dann auf der Dorfstraße
fort zur Schule. Mit gelblichem Gesicht, verlegen lächelnd, saß Anna
in dem kleinen Fahrzeuge. Sie schämte sich, daß ihr Zustand auf diese
Weise vor aller Welt offenbar werde.
Aber nach einiger Zeit ging das auch nicht mehr. Anna war zu schwach,
das Bett zu verlassen. Lange wurde darüber hin und her beraten, ob man
den Doktor holen solle. Wenn's nach Zittelgust allein gegangen wäre,
hätte man ihn gerufen; der Vater wollte die kleine Anna nicht gern
hergeben. Aber er hatte ja nichts zu bestimmen; die Hausfrau regierte,
und die war der Ansicht, daß der Arzt zu kostspielig sei. Es wurde
versucht, Anna mit allerhand Kräutern, Einreibungen und Mixturen
wieder auf die Beine zu bringen.
Frau Zittel war durchaus keine böse Frau; im Grunde ihres Herzens lebte
eine gewisse Gutmütigkeit. Sie war gesund und kräftig von Natur, und
wie es bei solchen Menschen manchmal der Fall ist, war sie grausam aus
reiner Naivetät. Die Krankheit der anderen kam ihr wie Unrecht, zum
mindesten wie Dummheit vor.
Die Kraft hat eben keine Geduld mit der Schwäche. Munter und leichten
Sinnes schreitet der Starke über den Schwächling hinweg und empfindet
dessen Gebrechen womöglich noch als Beleidigung. Frau Zittel klagte
oft ganz ernsthaft, daß sie schön hereingefallen sei bei ihrer zweiten
Heirat. Ein Mann, der zu nichts tauge als zum Weben, und dazu ein
sieches Kind, das statt Arbeit zu verrichten, welche verursache. Ihr
war wirklich ein schweres Kreuz auferlegt vom lieben Gott! --
Schließlich mußte sie sich doch entschließen, den Doktor kommen zu
lassen. Es geschah mehr, um das Gerede der Leute zum Schweigen zu
bringen, als um Annas willen. Das Dorf sollte kein Recht haben, sie
eine böse Stiefmutter zu nennen.
Der Arzt bezeichnete Annas Leiden als ein schweres. Er gab keine
Hoffnung, daß das Kind jemals wieder hergestellt werden könne.
Von dem Augenblicke ab, wo feststand, daß es mit der Stieftochter
zu Ende gehe, war Frau Zittel die Gutherzigkeit in Person gegen
die Kranke. Während man die Lebende hatte verkommen lassen, mußte
der Sterbenden jeder Wunsch erfüllt werden, und wäre er noch so
unvernünftig gewesen.
Die kleine Anna, deren Bedürfnisse früher die bescheidensten gewesen
waren, äußerte mit einem Male Gelüste nach allerhand Leckerbissen.
Beim Landvolke sind solche Wünsche eines vom Tode gezeichneten
Menschenkindes geheiligt. Die Stiefmutter scheute keinen Weg, keine
Kosten, zu schaffen, was Anna heischte.
Für einige Wochen tyrannisierte die Sterbende so das ganze Haus. Ihr
Bett war hinuntergeschafft worden in die große Stube, damit sie warm
liegen solle. Der Vater mußte nach ihrem Kommando springen, ihr dies
und jenes herbeiholen, an ihrem Bette sitzen und ihr vorlesen. Es war,
als sei die gute Zeit zurückgekehrt, wo die beiden allein gewesen waren
und Anna unumschränkt über ihn geherrscht hatte.
Einmal kam auch der Pastor und betete mit ihr. Von da ab wurde sie
stiller, teilnahmloser scheinbar. Es war ihr nun wohl zum Bewußtsein
gekommen, daß der liebe Gott ihren Wunsch erfüllen wolle, sie zu sich
zu nehmen.
Eines Nachts wurde das Ehepaar Zittel durch anhaltendes Klopfen von
der großen Stube her geweckt. Das war das verabredete Zeichen, durch
welches die Kranke sich meldete. Die Frau eilte aus der Schlafkammer
hinunter. Aber Anna wehrte sie mit ungeduldiger Gebärde ab. Sie wollte
den Vater haben.
Mit kundigem Blicke sah die Stiefmutter, daß es hier zu Ende gehe.
Das waren die starr in weite Ferne gerichteten Augen, das verlängerte
Gesicht, die unruhig arbeitenden Hände, welche die haben, die sich zur
letzten Reise anschicken.
Sie eilte in die Kammer zurück rund zerrte ihren Mann, der sich eines
festen Schlummers erfreute, am Arme. »Gust, wach uff! 's Madel will
sterben.«
Zittelgust dehnte und reckte sich. Gähnend fragte er, warum man ihn
mitten in der Nacht wecke. Als er endlich begriffen hatte, um was es
sich handle, fuhr er hastig in die Hosen und eilte hinab.
Der ungewohnt vergeistigte Ausdruck im Angesicht seines Kindes machte
ihm alles klar. Er ließ sich an Annas Lager nieder und fing an zu
weinen. Eine Ahnung überkam ihn, daß das Beste, was er auf der Welt
besitze, nunmehr unwiederbringlich von ihm genommen werden sollte.
Er dachte an seine erste Frau und die beiden Kinder, die er schon
verloren. Gerade so hatten die auch drein geschaut in ihrem letzten
Kampfe.
Doch weinte er eigentlich mehr über sein eigenes trauriges Geschick als
über Anna. Daran, die Sterbende aufzurichten und zu trösten, dachte er
nicht. Das Kind war selbst in seiner Schwäche noch mutiger und klüger
als er. »Weent ack nich, Vater!« sagte sie. »Wenn 'ch nuff kumma und
'ch sah de Mutter, hernachen wer 'ch 'r alles derzahlen.« --
Nach einer Weile fragte sie mit hoher, pfeifender, kaum noch
verständlicher Stimme, ob eine Leinewand auf dem Stuhle sei. Zittelgust
bejahte; er hatte vor kurzem erst aufgebäumt. Anna bat ihn durch
Zeichen -- sprechen konnte sie schon nicht mehr -- daß er sich an den
Webstuhl setzen möge. Er tat es und fing an zu wirken.
Der Stuhl ließ seine bekannte Melodie erklingen. Da ratzte das
Trittschemelgeschlinge, der Schützen sauste geschäftig hin und her und
schlug schütternd in die Kammer, die Lade brummte und dröhnte.
Das Weberkind lauschte den vertrauten Tönen wie einer herrlichen
Melodie. Ein beseligtes Lächeln huschte leicht über das schneeweiße
Gesicht. Allmählich wich alle Spannung aus den Zügen. Das Köpfchen lag
nach der Ecke gewandt, wo der Vater saß und webte.
Vom Rhythmus des alten Webstuhls wie von Engelsflügeln emporgehoben, so
entfloh die junge Seele aus ihrem ärmlichen Gefängnis.
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration]
Rudolf Greinz:
Simerls guter Tag.
[Illustration]
Rudolf Heinrich Greinz ist ein Tiroler Kind. Er wurde am 16. August
1866 zu Pradl bei Innsbruck geboren, besuchte hier das Gymnasium und
schließlich auch die Universität, um Germanistik zu studieren. 1887
nötigte ihn eine schwere Krankheit, das milde Klima Merans aufzusuchen,
und hier faßte er auch den Entschluß, sich ganz der Schriftstellerei zu
widmen. 1889 ließ er sich in München nieder, wohin er auch jetzt noch,
da er seinen Wohnsitz in der Heimatstadt am Inn aufgeschlagen, Jahr für
Jahr auf einige Zeit zurückkehrt.
Greinz' erste dichterische Arbeiten waren sehr harmloser Art. Ulkige
Studentengeschichten und Lieder wechselten mit allerlei lyrischer
Kleinware ohne weitere Bedeutung. Eine solche erlangte Greinz' Schaffen
erst, als er sich mit dem Tiroler Volksleben vertraut machte. Den
Weg zu demselben fand er, als er mit Josef A. Kapferer die »Tiroler
Schnadahüpfl« und »Volkslieder« sammelte und in zwei Bändchen von
bleibendem kulturellen Wert herausgab. Auf diesen Forscherzügen gewann
er jene eingehende Kenntnis von Land und Leuten, jenen tiefen Blick
in das Seelenleben des Gebirgsvolkes, von denen seine nun folgenden
Bücher beredtes Zeugnis ablegen. Schon die ersteren, wie z. B.
»Tiroler Leut'«, »Aus'm Landl«, enthalten Stücke, die zu den besten
unserer reichen Dorfgeschichtenliteratur zählen; sie wurden aber
noch übertroffen durch den Band »Über Berg und Tal« und das neueste
Geschichtenbuch »Das goldene Kegelspiel«. Eine Fülle prachtvoller
Menschenoriginale wird uns in diesen Geschichten vorgeführt, die
wir schon um des herzlichen Humors, mit dem sie geschildert sind,
liebgewinnen. Denn Greinz ist vor allem Humorist, aber keiner, der
auf billige Lacheffekte hinarbeitet, sondern einer, dem das Lachen
der natürliche Ausdruck seiner heitern, gemütsvollen Art, die Welt zu
betrachten, ist. Von dieser heiteren Art sind auch seine dramatischen
Arbeiten, mit denen er sich als erster aller Tiroler Dichter die
Bretter erobert hat. Aufsehen erregte sein »Krippenspiel von der
Geburt des glorreichen Heilands«. Stoffverwandt ist auch die prächtige
»Bauernbibel«.
Eine Charakteristik von Greinz' Schaffen wäre jedoch unvollständig,
wollte man nicht auch seiner tiefsinnigen Märchen und seiner Schriften
gedenken, in denen er seiner religiösen und politischen Überzeugung
Ausdruck verleiht. Unerschrocken und mit Begeisterung, manchmal auch
mit der Waffe stachlicher Satire zieht er gegen die Schäden unserer
Zeit zu Felde. Doch über dem Rufer im Streite der Meinungen steht
uns der Dichter Greinz, der das alltägliche Leben so treu und heiter
zu schildern und selbst über das Leben der Ärmsten den Schimmer
mitleidiger Verklärung zu werfen weiß, wie es in der Novelle: »Simerls
guter Tag« geschieht.
~Karl Bienenstein.~
[Illustration]
Simerls guter Tag.
Der Simerl, der alte Haderlump im Armenhaus, war von der Gemeindekasse
schon längst auf das Konto der lästigsten und überflüssigsten Ausgaben
gesetzt worden. Wenn der Gemeindeschreiber endlich einen dicken Strich
über das dem Simerl gewidmete Blatt hätte ziehen können, dann wäre
wenigstens nach dieser Richtung kein Geld mehr »außig'worf'n« gewesen.
Das sah jeder im ganzen Dorf ein, vom Vorsteher bis zum Armenvater und
vom Kirchpropst bis zum Nachtwächter. Nur der am meisten an der Sache
Beteiligte, der Simerl selbst, wollte es noch immer nicht einsehen, wie
»übrig« er eigentlich auf dieser Welt war. Sonst hätte er sich schon
längst empfohlen und der Gemeinde die Unterhaltungskosten für seinen
sterblichen Leichnam erspart. Für die Begräbniskosten wäre man ja
schließlich noch gern aufgekommen.
Der Simerl hatte es seiner Lebtag lang nie zu was Rechtem gebracht.
Von allem Anfang an war er unvorsichtig in der Wahl seiner Eltern und
kam bei einem armen Häusler auf die Welt, wo er das Dutzend Kinder
gerade voll machte. In der Jugend war er bei den einzelnen Bauern als
»Goasbua« verwendet, dann ging er bei einem Maurer in die Lehre und
trieb sich überall im Land und »auswärts« herum, wo es eben Arbeit
gab. Als dann die alten Knochen ihre Schuldigkeit nicht mehr recht tun
wollten, kam er in der Fremd' draußen ins Spital. Die ohnedies nicht
reiche Gemeinde zuhinterst im Zillertal mußte mehrere Monate den Simerl
unter den fremden Leuten »aushalten«, als wenn er nicht ebensogut
daheim hätte erkranken können! Aber ein eigensinniger Schädel war der
Simerl schon immer gewesen.
Endlich wurde er in seine Heimat abgeliefert, und da blieb nichts
übrig, als ihn ins Armenhaus zu stecken und dort zu füttern, obwohl es
nach dem Ausspruch maßgebender Persönlichkeiten um jeden Bissen für
einen solchen unnützen Menschen ewig schad' war! Früher hatte er auch
nicht heimgefunden! Jetzt wäre man gut genug, weil er schon die ganze
Welt »ausgetorkelt«[10] sei.
Der Simerl griff im Anfang noch da und dort zu. Es war aber nichts
Rechtes mehr. Und zuletzt stand er bei jeder Arbeit mehr im Weg, als er
nützte.
Er war bereits ein Achtziger. »Wenn der Herrgott an Menschen, der was
zu bedeuten hat auf derer Welt, so lang leben laßt« -- meinte selbst
der hochwürdige Herr Pfarrer -- »nachher hat die ganze Welt an Vorteil
davon. Aber so a armer Hascher, der si selber und den Leuten nur im Weg
is, wär' wohl auch im Himmel droben besser aufg'hoben!«
Der Simerl mit seinen achtzig und noch einigen Jahren »auf'm Buckel«
ließ sich aber trotzdem nicht überzeugen. Im Gegenteil, er hatte noch
immer seine Freud' am Leben. Am glückseligsten war er, wenn er wieder
etliche Kreuzer »auf an Tabak« oder auf »a Stamperl[11] Schnaps«
zusammengebettelt hatte.
Dann konnte der alte Armenhäusler ganz aufgeräumt werden und meinte
gewöhnlich, wenn ihn einer aufzog, daß das Unkraut halt doch nicht
verderben könne, sonst wäre er längst schon nimmer da: »Ja, weißt, mit
mei'm Leben is 's ganz a eigne Sach'. Wenn du schön stad[12] bist,
nachher will i dir's schon anvertrauen. I hab' nämlich a viereckige
Seel' -- und dö fahrt durch a rundes Loch so viel schwer aus! Sonst
hätt' i sie schon längst ausg'schnauft! Magst mir's glauben oder nit
-- aber es wird do völlig so sein! Aber verraten darfst mi beileib'
nit! Sonst muß i am End' no zum Tischler und mir mei' Seel' rund hobeln
lassen!«
Ostern stand vor der Tür. Der Schnee lag noch überall im Tal. Erst
von Schlitters am Eingang des Zillertals an und in den Niederungen
des Unterinntals begann es langsam aper zu werden[13]. Weiße Ostern
waren einem ziemlich milden Winter gefolgt. Kaum hie und da ein leises
Anzeichen des herannahenden Frühlings. Nach Sonnenuntergang erhob sich
regelmäßig der eisige Firnwind, der über Nacht alles wieder gefrieren
ließ, was die Sonne vielleicht tagsüber aufgetaut hatte ...
Die »herrischen Stadtfrack«[14] haben manchmal sonderbare Einfälle. So
kam auch eines Tags im hintersten Zillertal ein Maler daher, der wohl
direkt aus dem Narrenhaus ausgebrochen sein mußte. Einem vernünftigen
Menschen konnte es ja doch nicht einfallen, »mitten im Winter« in den
Bergen herumzukraxeln.
Die Kreuzwirtin, wo der »Pinselwascher« Herberge nahm, maß den Fremden
fast mit etwas mißtrauischen Blicken. Als der Maler zur Erklärung
seines etwas seltsamen Besuches anführte, daß er vor allem Ruhe und
»Stimmung« brauche, wurde die brave Kreuzwirtin ganz konfus.
»Ja, a Ruah kann i dem Herrn schon verschaffen,« meinte sie, »wenn's
halt an die Sonntag' a bisserl an Spitakel absetzt, darf's der Herr
nit übelnehmen. Aber mit der Stimmung, oder wia dös Ding heißt, wird's
schlecht ausschauen. Fleisch gibt's halt iatz nur a schöpsernes. Wenn
dös der Herr nit mag, muß i ihm halt a Hendl abstechen.«
Der Maler hielt sich die Seiten vor Lachen, da er seine »Stimmung«
plötzlich unter die ländliche Speisekarte versetzt sah. Warum mußte
er auch in den hintersten, von Fremden wenig aufgesuchten Winkel
des Zillertales flüchten! In einer der vorderen Gemeinden wäre er
vielleicht eher verstanden worden. Die Kreuzwirtin nahm schier
beleidigt Reißaus und stellte eine halbe Stunde später aufs Geratewohl
dem Fremden einen appetitlichen Schöpsenbraten mit beigelegten
Kartoffeln und eine Halbe »Reatel«[15] auf den Tisch.
Daß der Eindringling kein gewöhnlicher »Tuifelemaler«[16] sei, das
schlossen die Dorfbewohner namentlich aus zwei Umständen. Einmal malte
er gleich am nächsten Tag den alten Hennenstall beim Kreuzwirt ab. Und
den konnte er unmöglich auf einem »Marterl« brauchen. Dann zahlte er
dem Feuchtenbauer für eine uralte Truhe, die man schon längst auf den
Estrich gestellt hatte, einen blanken Fünfer.
Wenn dieser letztere Umstand schon manchen an dem gesunden Verstand
des Fremden zweifeln machte, so war man allgemein davon überzeugt, daß
er »a Raderl z' viel oder z' wenig im Oberstüberl« haben müsse, als er
sich den Simerl zum Kreuzwirt bestellte, um ihn abzumalen.
Der Armenvater hatte dem Simerl eigens ein Sonntagsgewand geliehen,
damit er nicht gar so »zerschlampt«[17] wäre, wenn er dem fremden Herrn
seine Aufwartung mache. Da waren aber der Armenvater und der Simerl
gleich schlecht drangekommen. Der Maler schickte den Armenhäusler
sofort wieder heim, daß er sich umziehe -- und der Simerl mußte trotz
des energischen Einspruches der Kreuzwirtin schließlich doch in seinem
»G'schlamp« erscheinen.
So wurde er gemalt -- nicht ohne daß er sich's von dem »Herrischen«
zuvor ausbedungen hätte: auf ein »Marterl« dürfe er nicht hinaufkommen,
weil sonst die Leut' »grad' wieder überflüssig z' reden hätten, daß
si der Simerl no früher sei Marterl hab' malen lassen, bevor ihn der
Teufel g'holt hätt'!«
Als die Sitzung vorbei war, drückte der »Herrische« dem Simerl ein
blankes Guldenstück in die Hand. Der Simerl glaubte zuerst seinen Augen
nicht trauen zu dürfen und meinte, der Maler wolle ihn nur »für an
Narren« haben. Seine kühnsten Hoffnungen hatten sich höchstens zu »an
Glaserl Wein« verstiegen. Und jetzt gar ein ganzer Gulden! So viel Geld
hatte der Simerl seit Jahr und Tag nicht mehr sein eigen genannt.
Es war ihm völlig unheimlich zu Mute, da er von dem Fremden sich
verabschiedete. Als er die Tür schon längst hinter sich geschlossen
hatte, bedankte er sich noch die ganze Stiege hinunter bis vor die
Haustür hinaus: »Vergelt's Gott z' tausendmal! Vergelt's Gott z'
tausendmal in Himmel aufi und no hundert Jahr' nach der Ewigkeit!«
Als der Simerl ins Freie trat, schien ihm der Himmel voller Baßgeigen
zu hängen. Am liebsten war es ihm, daß niemand von seinem Schatz wußte.
Er umklammerte den Silbergulden im Sack krampfhaft mit der Hand und
schmiedete auf dem Heimweg die abenteuerlichsten Pläne.
Er hatte schon genau ausgerechnet, wie viele »Packerln Ordinari«[18]
er für das Geld bekäme, wie viele »Stamperln« Schnaps und wie viele
»Viertelen« Wein. Nur war er sich noch nicht darüber im klaren, in
welcher Ware das Kapital eigentlich am besten angelegt werden solle.
Endlich beschloß er, sich ganz auf eigne Faust einen »guten Tag« zu
machen, so recht einen Festtag nach dem jahrelangen Leben im Armenhaus,
wo es an den Werktagen nichts gab als Brennsuppe und Erdäpfel und am
Sonntag Erdäpfel und Brennsuppe.
Unter Tags war der Simerl ganz verloren. Er rechnete fortwährend an
seinem »guten Tag«. In der Nacht konnte er kein Auge zutun, da er
in den kühnsten Phantasieen befangen war. Die größte Rolle spielte
ein gebackenes Kälbernes mit Salat. Das hatte der Simerl vor zwanzig
Jahren einmal bei einem Firstenfest gegessen, als der Dachfirst eines
neugebauten Hauses vollendet und mit bunten Fähnlein geziert war, und
man den Baumeister und den Hausherrn hochleben ließ.
So war es Ostersamstag geworden. Der Simerl hatte einen festen Plan
gefaßt. Seinen guten Tag wollte er gleich heute feiern. Das Geld im
Sack schrie ordentlich danach. Aber seiner Heimatsgemeinde wollte er
durchaus nicht die Ehre antun, den Gulden dort zu »verblasen«.[19]
Da hätte er ihn zur Kreuzwirtin tragen müssen, weil in dem kleinen
Dorfe kein andres Wirtshaus war. Der Kreuzwirtin wollte der Simerl die
große Einnahme jedoch nicht vergönnen; denn die war als geizig weit
und breit verschrieen und hatte ihm nie das geringste umsonst zukommen
lassen. Nicht einmal einen »Bierputzer«[20] hatte sie dem Simerl jemals
aufgekreidet.
So beschloß der Simerl, mit seinem Schatz auszuwandern. Aber wohin?
Seine Wahl fiel auf Zell am Ziller. In dem dortigen stattlichen
Löwenwirtshaus hatte man ihn vor Jahren einmal umsonst über Nacht
behalten und ihm sogar noch ein warmes Abendessen dazu geschenkt. Dort
sollte also in dankbarer Erinnerung auch der gute Tag gefeiert werden.
Zu Mittag blieb der Simerl noch im Armenhaus; denn es fiel ihm nicht im
Schlaf ein, der Gemeinde eine ganze Portion Brennsuppe und »Erdäpfel
in der Montur« zu schenken. Um so besser sollte es ihm dann in Zell
schmecken.
Nach dem Mittagessen machte sich der Simerl verstohlen auf den Weg. Es
war ein düsterer, kalter Tag draußen. Der ganze Himmel war mit grauen
Schneewolken bedeckt. Das verdroß aber den Simerl wenig. Mochte der
Himmel seinetwegen das verdrießlichste Gesicht dazu schneiden! Ihm
sollte er den heutigen Tag nicht verbittern!
Es war spät am Nachmittag geworden und die Dämmerung bereits
eingetreten, als der Simerl, der für sein Alter noch ziemlich rüstig
ausschritt, beim »Löwen« in Zell anlangte. Die Bauern kamen eben von
der Kirche, wo die Auferstehungsfeier gerade vorüber war.
Der Simerl trat im Vollbewußtsein seiner Zahlungsfähigkeit in die
Wirtsstube, die sich von Minute zu Minute mehr füllte.
»Kellnerin, a Halbe Wein, aber an guaten, nit etwa a G'süff!«[21]
klopfte er auf den Tisch.
»Schau! daß er für di vielleicht nit guat g'nuag is!« gab ihm die
Kellnerin, ein schneidiges Unterinntaler Diandl, zurück.
»Glaubst vielleicht, i hab' koa Geld im Sack!« drehte der Simerl
auf. »I bin nit auf der Brennsuppen daherg'schwommen![22] I kann's
beim Kreuzer zahlen auch, was i mir anschaff'!« Dabei warf er den
Silbergulden auf den Tisch, daß es nur so klingelte, schob ihn aber
gleich darauf wieder ängstlich und hastig in den Sack.
»Ja, was willst denn nachher für an Wein?« fragte die Kellnerin ganz
zutunlich. »Soll i dir vielleicht gar an Spezial bringen?«
»Natürlich an Spezial!« entschied der Simerl.
»Heut' gibst du's amal nobel!« ließ ihn ein Bauer an seinem Tisch an,
der den Simerl gut kannte. »Hast am End' gar an Haupttreffer in der
Lotterie g'macht?«
»Man kann's nit wissen,« schmunzelte der Alte ganz verschmitzt und
schenkte sich seelenvergnügt von dem Wein ins Glas, den die Kellnerin
inzwischen gebracht hatte.
An dem Tisch des Simerl hatte sich bald eine größere Gesellschaft
zusammengefunden. Der Bekannte des Armenhäuslers, ein wohlhabender
Bauer, der auch eine große Brettersäge besaß, meinte: »Mir scheint, es
is nit viel Aussicht vorhanden, daß i mit dir amal a G'schäft mach'!«
»Aha, du meinst, wenn amal a Totentruchen für mi b'stellt werden muß!«
lachte der Simerl. »Du, da mach dir ja koa Hoffnung nit drauf! 's Leben
g'freut mi von Tag zu Tag mehr. I glaub' völlig, i bleib' auf der Welt
übrig, damit wer da is, der enkre Geldsäck' zählt!«
So gab eine neckische Rede die andre. Es war inzwischen Nacht geworden.
Der Simerl hatte bereits eine riesige Portion gebackenes Kälbernes
samt einer Schüssel voll Krautsalat bewältigt und schon die zweite
Halbe Wein vor sich stehen. Das ungewohnte Getränk begann ihm gewaltig
gegen den Kopf zu steigen. Er wurde »kreuzfidel« und kramte allerhand
»Trutzg'sangerln« aus, so daß die ganze Stube ihre Unterhaltung mit dem
Alten hatte.
Endlich machte man noch ein »Karterle«,[23] einen ordentlichen
»Perlagger«,[24] bei dem der Simerl dem Sagschneider eine ganze Halbe
Wein abgewann. Als er auf diese Weise die dritte Halbe in Angriff nahm,
begann es ihm vor den Augen schier etwas »damisch« zu werden.
Draußen schneite es, was es nur vom Himmel herunterbrachte. Man hätte
glauben können, morgen sei Weihnachten statt Ostersonntag. Dafür war es
in der geräumigen Wirtsstube um so gemütlicher. Die Wirtin hatte in dem
großen Kachelofen tüchtig »eingekentet«[25] und setzte sich zu ihren
Gästen an den Tisch. Die meisten Bauern waren schon heimgegangen. Nur
die »Karter« saßen mit dem Simerl noch wie angenagelt zusammen.
Der Simerl gewann einem andern Bauern noch eine weitere Halbe Wein ab.
Wein habe er aber jetzt genug, meinte er. Es wäre ihm lieber, wenn
sein Gewinn in Schnaps umgewechselt würde. »Aber a guater muß 's sein!
Mindestens a Kranewitter!«
Auf diese Weise war es schon fast Mitternacht geworden. Die
Perlaggerpartie war auch zu Ende. Einer nach dem andern verabschiedete
sich. Auch der Sagschneider schickte sich heimwärts. Schließlich war
der Simerl mit der Wirtin und mit der Kellnerin, die in einer Ecke
»napfezte«,[26] allein in der Stube.
»So, iatz is 's auch Zeit, daß i mi hoamzapf'!«[27] sagte er.
»Kellnerin, zahlen!«
Zu seiner großen und freudigen Überraschung erfuhr er jedoch, daß der
Sagschneider bereits seine ganze Zeche berichtigt hatte. »Es gibt do no
guate Leut' auf der Welt!« erklärte der Simerl gerührt und erhob sich
von seinem Stuhl, um die Stubentür zu suchen.
Mit den Worten: »Du wirst do nit bei dem grauslichen Wetter no so an
weiten Weg machen wollen!« suchte ihn die Löwenwirtin zurückzuhalten.
»Du kannst ja bei uns übernachten!«
»Dös ging' mir ab!« rief der Simerl lustig. »I muß schaun, daß i vor
Tagsanbruch hoamlich in mei' Armenkeuschen[28] z'ruckkomm'! Wenn dö
mi in der Fruah nit finden, laßt mi der Vorsteher am End' gar durch'n
Nachtwachter austrommeln, ob niamand an Simerl g'funden hat, weil sie
mi alle mitanander zum Fressen gern haben!«
Sprach's und war bei der Tür draußen. Im Anfang wollte es mit dem
Gehwerk nicht sonderlich gelingen. Der Simerl hatte entschieden zu viel
aufgeladen. Bevor er das Ende des Dorfes erreichte, purzelte er einige
Male in den weichen Schnee, raffte sich aber immer wieder energisch
empor. Es war ihm ganz glückselig zu Mute. Einen prächtigen Tag hatte
er gehabt und dabei keinen Kreuzer Geld gebraucht! Was wollte er noch
mehr? Den ganzen Gulden trug er noch im Sack!
Holdrioh! Ein heller Juchzer entrang sich der Kehle des Alten. Das war
ja heute ein Leben wie im Himmel.
Zu schneien hatte es aufgehört, aber eisig pfiff der Wind von den
Fernern. Den Simerl begann es ordentlich zu frieren. Dabei wurde er
aber nüchtern und verfolgte ziemlich stetig seinen Weg. Gegen vier
Stunden mochte er so im Schnee dahingewatet sein, als er aus der Ferne
schon die Umrisse seines Dorfes auftauchen sah.
Jetzt könnte er wohl ein wenig rasten, dachte sich der Simerl, denn
er war »hundsmüd'« geworden. Er hatte gerade eine kleine Waldblöße
passiert und ließ sich auf einen beschneiten Baumstrunk nieder. Das
tat ihm wohl. Er begann ordentlich »auszuschnaufen« von dem weiten
Weg. Und kalt war ihm auch lange nicht mehr so. Ein wahres Gefühl der
Behaglichkeit war über seine »zerlatterten«[29] Knochen gekommen.
Da klang es dem Simerl, als ob aus dem Dorf herauf Glockengeläute
zu ihm geflogen käme. »Jessas!« dachte er. »Läuten sie gar schon
zur Fruahmess'! da mag i schaun, daß i hoamkomm'! Sonst setzt's an
Eselssturm ab!«
Er öffnete mühsam die Augen. Die ganze Gegend kam ihm völlig »spanisch«
vor. Wenn man ihn auf der Stelle erschlagen hätte, er würde es nicht
gewußt haben, ob es noch Nacht oder schon heller Tag sei. Von dem Wald
ihm gegenüber ging ein großmächtiger lichter Schein aus, der immer
näher auf ihn zukam. Dem Simerl wurde immer ängstlicher zu Mute. Er
wäre am liebsten davongelaufen, wenn er von dem Baumstrunk losgekonnt
hätte.
Jetzt vermochte er in dem Lichtschein die Gestalt eines großen Mannes
zu unterscheiden, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging. Nun
stand der Fremde vor ihm. Er trug ein weißes Gewand, das ihm bis an
die Knöchel reichte. Unten schien dem Simerl ein goldener Saum um das
Gewand zu laufen. Ein wallender Bart und langes, auf die Schultern
niederfallendes Haar umrahmten Antlitz und Haupt des Mannes.
Der Simerl erhob sich jetzt und küßte dem Fremden die Hand. »Gelobt sei
Jesus Christus!« murmelte er zitternd.
»In Ewigkeit, Amen!« erwiderte der Fremde mit einer klaren Stimme.
Und wieder war es, als ob vom Tale herauf ein gewaltiger Glockenklang
dränge und mächtig anschwellend die ganze Welt erfüllte.
»Ihr seid's wohl a hochwürdiger Herr?« wagte der Simerl die schüchterne
Frage.
»Ich bin dein Herr!« erwiderte der Fremde schlicht.
»Ihr seid's wohl nit von da daheim?« fragte der Alte wieder. »Wia
kommt's denn in dö Gegend?«
»Ich bin von den Toten auferstanden und bringe dir den Frieden« ließ
sich die Stimme des Fremden vernehmen, dessen Gestalt unter den
Waldbäumen zu wachsen schien ins Unendliche.
Ein heftiges Zittern befiel den Armenhäusler. Er sank auf die Kniee
und streckte die Hände flehend zu der lichten Gestalt vor ihm empor.
»Mein Gott! Mein Gott!« brachte er mit halb erstickter Stimme hervor.
»Nachher seid's Ihr ja unser Herr selber! Und i hab' die Fruahmess'
versäumt! Und statt z' beten, bin i im Wirtshaus g'hockt! I bin do
recht a elendiger Mensch!« Der Simerl brach in ein bitterliches Weinen
aus.
Da faßte ihn der Fremde an der Hand und zog ihn empor und sprach zu
ihm, daß es der Alte fassen konnte: »Simerl, sei nicht verzagt. Deinen
guten Tag auf der Welt hast du eingebracht. Willst du jetzt nicht mit
mir kommen?«
»Unser lieber Herr und Gott! Ihr wollt's mi mitnehmen, mi tadelhaftigen
Menschen! So guat seid's mit mir -- und i weiß nit, wia i's verdian'!«
schluchzte der Alte. »I bin ja nia was g'wesen und hab' ja nia was
ausg'richt't auf derer Welt herunten! I bin ja meiner Lebtag' grad' so
a verlornes Schaf g'wesen!«
»Ich bin der gute Hirt! Und die Letzten werden die Ersten sein!«
ertönte da wieder die Stimme des Fremden. Der Alte ging mit gesenktem
Haupt mit. Es war ihm so friedlich und still im Herzen geworden. So
gut und so feierlich hatte sein ganzes Leben lang noch niemand zu ihm
gesprochen.
Und sie wanderten den Berg aufwärts -- ins Unendliche -- viel weiter,
als Menschenfüße tragen -- drunten im Dorf aber läutete es zur Wandlung
bei der Frühmesse am Ostersonntag. -- --
Ausgetrommelt haben sie den Simerl nicht, als man ihn nicht mehr im
Armenhaus traf. Aber schon am Vormittag des Ostersonntags fand man ihn
tot am Waldrand droben. Der herbeigeholte Gemeindearzt von Fügen im
Zillertal konstatierte einen Herzschlag. Der fremde Maler war auch
dabei, als man den alten Armenhäusler brachte.
Da man den Silbergulden beim Simerl fand, meinte einer: »Dös is grad' a
Trinkgeld für'n Totengräber!«
»Nix da!« entschied der Armenvater. »Dafür lassen wir dem Simerl a
Mess' lesen! Er wird's notwendig g'nuag brauchen können!«
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration]
Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
Fußnoten:
[1] Ein besonderes Gebäude zur Aufbewahrung von Vorräten neben dem
Hause.
[2] Bringst du uns auch ein gutes Frühjahr mit?
[3] Lorenheinrich, du lieber Junge,
Ist der Frühling nun wieder im Schwunge?
Hast ihn aus dem Loch gelocket,
Hast du ihn am Haar gezogen?
Das ist recht und das ist gut.
Ab die Mütze, ab den Hut!
Vivat, daß der hohe Hagen wackelt.
[4] Wurst.
[5] Sollst auch unser Mädchen freien.
[6] Iß nur alles auf, daß 's auch ein gut Frühjahr gibt.
[7] »Slippe« -- an den Zipfeln aufgenommene Schürze.
[8] Weißt du's schon? Lorenheinrich will's Mühlhannchen freien.
[9] »Use Wost hät de Feute uppetogen,« pflegte eine meiner bäuerlichen
Großmütter aus der Sollinger Waldgegend zu sagen, wenn die Würste auf
der Rauchkammer zur Neige gingen und darum geschont werden mußten.
[10] durchschlendert.
[11] Gläschen.
[12] still.
[13] aufzutauen.
[14] Stadtleute.
[15] Rotwein.
[16] Ländlicher Marterl-(Votivtafel-)Maler.
[17] zerlumpt.
[18] Päckchen ordinären Rauchtabaks.
[19] verbrauchen.
[20] Bierschnaps.
[21] Schlechtes Getränk.
[22] ~D. h. ich bin wer!~
[23] Kartenspiel.
[24] Tiroler Kartenspiel.
[25] eingeheizt.
[26] einnickte.
[27] heimmache.
[28] Armenhaus.
[29] ermüdeten.
Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung.
[Illustration: +F 1506b X10: 100.000+]
Die Stiftung ist ein rein gemeinnütziges Unternehmen unter Ausschluß
aller privaten Erwerbsinteressen. Ihr Zweck ist, »hervorragenden
Dichtern durch Verbreitung ihrer Werke ein Denkmal im Herzen des
deutschen Volkes zu setzen« und durch Verbreitung guter Bücher der
schlechten Literatur den Boden abzugraben. Seit dem Jahre 1903 verteilt
sie alljährlich an eine stetig wachsende Zahl von Volksbibliotheken
sorgfältig ausgewählte Zusammenstellungen guter volkstümlicher Bücher.
Bis Ende 1909 wurden 245.954 Bücher an Volksbibliotheken verteilt.
Die Auflage der von der Stiftung herausgegebenen Sammlungen
»Hausbücherei« und »Volksbücher« betrug bis Oktober 1910: 1.220.000
Exemplare.
Abzüge des ~Werbeblatts~, des letzten Jahresberichts, auch des
Aufrufs und der Satzungen usw. werden von der Kanzlei der Deutschen
Dichter-Gedächtnis-Stiftung in Hamburg-Großborstel gern unentgeltlich
übersandt.
Die Stiftung erbittet jährliche oder einmalige Beiträge. ~Für
Beiträge von 2 Mk.~ an gewährt die Stiftung durch Übersendung eines
Einzelbandes ihrer »Hausbücherei« oder »Volksbücher« Gegenleistung.