»Dann ist's ja so gut, als ob nichts verschrieben wäre. Nur daß ich
etwas in Händen habe!«
»Du bist allzu klug, Mikelis.«
Er zuckte die Achseln. »Willst du, ich soll dir vertrauen, und du
vertraust mir nicht?«
»Was soll ich dir verschreiben, Mikelis?« fragte sie nach kurzem
Bedenken. »Du hast recht: es ist besser so -- zu deiner Beruhigung, und
damit du mir nicht den Vorwurf machen kannst, ich hätte dich von Haus
und Hof gebracht. Willst du gleich das Grundstück?«
»Nein ... Nur daß wir ungefähr gleich stehen --«
»Nenne nur die Summe -- es ist gleichviel. Denn ich weiß doch, daß ich
nie wanken werde.«
»Schreibe fünfhundert Taler.«
»Wie du willst. Aber wie soll ich schreiben?«
»Wie wir's abgemacht haben. Am Hochzeitstage wird das Papier zerrissen,
und es gilt nur, wenn du sagst: ich will dich nicht.«
Sie lachte. »Dann gilt's nie. Es ist närrisch, daß ich so an dir
hänge, aber ich kann's nicht ändern. Schreibe mir's vor, und ich will
unterschreiben.«
»Das Klügste ist's,« sagte er, »wir machen einen Wechsel. Darauf
schreibst du nur oben fünfhundert Taler und quer auf der einen Seite
deinen Namen, so ist alles in Ordnung. Soll das Papier einmal gelten,
so gilt's, ohne daß irgend ein Mensch zu erfahren braucht, was zwischen
uns verhandelt ist. Ich weiß damit Bescheid. In meiner Brieftasche
hab' ich noch von Berlin her so einen Zettel, auf dem schon das meiste
gedruckt steht. Willst du, so lasse ich ihn dir zurück. Du kannst dich
ja dann noch bedenken.«
»Gib nur,« sagte sie, »da ist nichts zu bedenken. Ich will sogleich zum
Schulzen gehen und dort schreiben -- der hat Tinte. Dann komm auf dem
Felde unter die Weide und hole dir das Papier ab. Ist's nun in
Ordnung?«
Er zog den schmalen Papierstreifen aus seiner Brieftasche und zeigte
ihr, indem er den Arm um ihre Schulter legte, wo sie die Zahl und wo
den Namen zu schreiben hätte. Das schien ihr viel Spaß zu machen. »Und
das Ding gilt dann fünfhundert Taler?« fragte sie. »Damit steckt man ja
ein halbes Grundstück in die Tasche.«
»Soviel geschrieben steht,« versicherte er, »so viel gilt's.«
»Wenn aber das Papier verloren geht --?«
»So ist's, als ob man das Geld verloren hätte.«
»Dann verwahre es doch nur gut,« scherzte sie, »damit dir's niemand
wegnimmt. Kannst du mir das Papier nicht zurückgeben, so heirate ich
dich nicht, und wenn schon die Trauung beim Pfarrer bestellt wäre.«
Damit gab sie ihm einen leichten Schlag auf die Schulter und ließ ihn
zur Tür hinaus. Lieber wäre ihr's gewesen, wenn er auf solche Gedanken
nicht gekommen wäre. Aber es gefiel ihr doch auch, daß sie mit einem
Federstrich über eine solche Summe verfügen konnte, und daß er auf sich
etwas hielt.
Eine Stunde später auf dem Felde winkte sie ihn heran und gab ihm den
Wechsel mit ihrer Schrift.
»Ist's nun richtig?« fragte sie.
»Es ist richtig,« antwortete er und schüttelte ihr die Hand. »Wann kann
ich bei dir einziehen?«
»Heute noch, wenn du willst.«
»Gut! Ich will sehen, ob in der Wirtschaft alles in Ordnung ist, daß
die Urte mir nichts Schlimmes nachsagen kann. Braucht sie mich da noch,
so komme ich, wenn ich fertig bin.«
Dagegen hatte sie nichts zu erinnern.
Den Wechsel verwahrte er sorgsam in der Brieftasche. Er fühlte sich
nun so sicher, daß ihn die Verhandlung mit der Urte gar nicht mehr
beängstigte. Und so sagte er ihr denn beim Mittag geradeheraus, wozu er
entschlossen sei. Urte legte den Löffel fort und stand auf. »Hast du
sonst einen Grund,« fragte sie, »weshalb du von mir gehst?«
»Nein -- aber der ist gut genug.«
»So ist es mir keine Schande, wenn du gehst. Du aber wirst ernten,
was du gesäet hast. Ich rate dir gut: geh' nicht! Die Ewe wird dich
verderben. Ich sehe dich noch einmal als Bettler an meine Tür klopfen,
nachdem die Ewe dich vom Hofe gejagt hat. Ich rate dir gut: geh' nicht!«
Aber er ging doch. Nichts nahm er mit als den Fuchs, den er eingebracht
hatte, seine Kleider und den verdienten Lohn aus seiner Knechtzeit und
von den Schmuggelritten. Ewe empfing ihn mit offenen Armen.
Als nun Urte sah, daß ihr Mann Ernst machte, lief sie zu Janis Piklaps,
dem Gemeindevorsteher, klagte ihm und forderte, er solle es nicht
leiden, daß ihr solches Unrecht geschehe und Ewe ihren Mann bei sich
aufnehme. Der zuckte aber die Achseln und meinte, zu ändern sei's doch
einmal nicht. Ein Anderer in seiner Stelle hätte auch lieber eine junge
als alte Frau. »Glaube nur nicht,« schloß er, »daß der Mikelis wieder
von der Ewe abzubringen sein wird. Der ist in Berlin klüger geworden
als wir alle und hat sich gut vorgesehen, daß sie ihm nicht den Stuhl
vor die Tür setzen kann. Die Ewe ist bei mir gewesen und hat ihren
Namen auf einen Wechsel über fünfhundert Taler geschrieben mit meiner
Tinte und Feder. Als sie das tat, wußte ich nicht, weshalb es geschah;
aber nun begreife ich wohl, was sie mit ihrer Antwort auf meine Frage
meinte. Sie lachte und sagte: ich kaufe mir einen Mann. -- Endrullis
hat den Wechsel in der Tasche, glaube mir, und bekommt er nicht die
Frau, so bekommt er das Geld. Der ist ein Schlauer!«
Darüber erschrak Urte sehr. Denn es war kein Zweifel, daß Piklaps Recht
hatte, und wie er die Sache ansah, so mußte sie ja nach ihrer Meinung
jeder Verständige ansehen. Sie hatte sich noch Hoffnung gemacht, es
werde ihm nicht lange in abhängiger Stellung bei Ewe gefallen; war
er aber so gut gesichert, dann kehrte er gewiß nicht zu ihr zurück.
Nun überlegte sie sich's, wie sie der Ewe am besten einen Tort tun
könne. »Sie meint, ich werde mich von Mikelis scheiden lassen,« rief
sie, »damit sie ihn heiraten kann. Aber am Altar soll sie seine Frau
nicht werden! Ich tu's nicht, er gehört mir! Und wenn ich sie vor den
Menschen nicht auseinanderbringen kann, vor Gott werde ich sie schon
auseinanderbringen. Der Herr Pfarrer soll ihnen das Abendmahl verbieten
und ihnen von der Kanzel ins Gewissen reden. Und wenn's zehn Scheffel
Weizen kosten sollte und manchen Stein Flachs! Ich bin reich genug
dazu.«
[Illustration]
6.
Täglich wohl zehnmal sagte sich's die Urte vor: »Ich tu's nicht, er
gehört mir! Und wenn ich sie vor den Menschen nicht auseinanderbringen
kann, vor Gott sollen sie nicht zusammen gehören!« Sie meinte eine
Zeitlang, sie dürfe nur beharrlich bei ihrer Weigerung festhalten,
so müßte sich das ganz von selbst ergeben. Und auf ihren harten Kopf
durfte sie sich verlassen.
Wäre dabei nur nicht ein schweres Bedenken gewesen. »Es wird dir doch
nichts übrigbleiben, als zur Scheidung zu gehen,« meinte Janis Piklaps
eines Tages, als sie die Abgaben zu zahlen kam.
»Weshalb glaubst du das?«
»Ich habe über die Sache im Dorf sprechen hören, und die Leute haben
recht. Da wir gute Nachbarn sind, will ich dir's nicht vorenthalten.
Du und der Mikelis, ihr lebt in Gütergemeinschaft, nicht wahr? Oder
habt ihr einen Vertrag gemacht, daß jedem Teil das bleiben soll, was er
einbringt?«
»Nein, das nicht.«
»Siehst du wohl! Also gehört von allem ihm soviel als dir. Wenn ich
nun heute zu ihm gehe und sage: Mikelis, verkaufe mir den roten Ochsen
mit dem weißen Stern, oder den fünfjährigen Schimmel, oder den Wagen
mit dem eisernen Tritt, und er sagt Ja und nimmt das Kaufgeld, was
willst du tun, wenn ich mir das gekaufte Stück aus deinem Stall oder
von deinem Hofe abhole? Da er der Mann ist, hat er darüber zu verfügen
und darf die Frau nicht einmal fragen. Und so, wenn ein anderer zu
ihm kommt und um Getreide oder Holz handelt. Er kann dir die Zäune
abbrechen und das Dach abdecken lassen, wenn es ihm gefällt. Willst
du widerstreben, so kommt dir der Exekutor auf den Leib, denn das
Gericht muß dem Käufer beistehen. Wenn Mikelis will, kann er dich nackt
ausplündern.«
Die Frau wurde kreideweiß. »Ist es so nach dem Gesetz?« stotterte sie.
»Ich glaube, es ist so; und sie wollen sich erkundigt haben. Ich sage
dir's nur, damit du dich danach richten kannst, denn Endrullis wird's
ja nicht tun.« Das sagte er keineswegs sehr zuversichtlich und fügte
auch hinzu: »-- es sei denn, daß er dich ärgern oder zu irgend etwas
zwingen will, oder daß er selbst in Not ist.«
Urte schüttelte den Kopf. »Darauf ist wenig Verlaß. Hat er das Recht,
es zu tun, so tut er's auch. Sind die andern schon so klug, so ist
er sicher noch klüger. Und warum soll er mich schonen? Ich bin ihm
verhaßt, weil ich ihm im Wege stehe. Aber ich glaub's noch nicht, daß
es sein Recht ist, und ich rate dir, den Leuten zu sagen, daß sie ihr
Geld in der Tasche behalten sollen. Von meinem Hofe kommt nichts
herunter, als was ich selbst abgebe.«
Sie sprach doch nur so, um ihn nicht merken zu lassen, wie schlecht ihr
zu Mute war. Zu Hause ließ sie dann auch sogleich den Wagen anspannen
und fuhr nach der Stadt. Dort ging sie zum Anwalt und trug ihm die
Sache vor. Er erhielt Vollmacht, den Scheidungsprozeß einzuleiten.
Übrigens hatte der Herr ein Wörtchen fallen lassen, das sie begierig
aufnahm und sie ganz froh stimmte. Sie hütete sich wohl, davon im
Dorf zu sprechen, um nichts vor der Zeit zu verraten. Nur als Piklaps
meinte, er habe also doch Recht gehabt, antwortete sie grinsend: »Wir
beide werden geschieden; aber die Ewe soll er doch nicht heiraten.« Der
Schulze achtete nicht sonderlich darauf. Das spräche so der Ärger aus
ihr, dachte er.
Endlich erging das Erkenntnis: die Endrullis'schen Eheleute waren
geschieden. Als Michel die Ausfertigung mit dem Adler oben und dem
großen Siegel unten ausgehändigt erhielt, faßte er Ewe um den Hals,
tanzte mit ihr durch die Stube und rief: »Nun bin ich frei, und nun
will ich dir Wort halten. Unsere Probezeit ist vorüber.«
Kaum war die Entscheidung rechtskräftig, so ging er zum Pfarrer, das
Aufgebot zu bestellen. Das Erkenntnis hatte er mitgenommen, und das
war gut; denn der Geistliche sagte gleich, daß er's erst einsehen
müßte. Und als er's eingesehen hatte, zog er die Stirn in Falten. »Nach
diesem Erkenntnis,« sagte er, »darfst du eine andere Ehe überhaupt nur
eingehen mit gerichtlicher Erlaubnis, und wie ich das Gesetz kenne,
wirst du die niemals erhalten zu einer Heirat mit Ewe Purwins, weil sie
es war, die deines Weibes Rechte verletzt hat. Trenne dich noch diese
Stunde von ihr, damit deine Sünde nicht wachse.«
»Nimmermehr!« rief Endrullis und riß dem Geistlichen das Blatt aus der
Hand. »Ich sehe wohl, daß du uns nicht helfen willst, weil wir auf
deine Ermahnungen nicht gehört haben. Aber ich werde mein Recht weiter
suchen. Du bist noch nicht der König!«
Damit verließ er das Pfarrhaus. Ewe war sehr bestürzt, als sie erfuhr,
was der Pfarrer gesagt hatte.
Sie senkte den Kopf und zupfte an ihrem weißen Ärmel. »Mikelis,
Mikelis,« sagte sie, »ich fürchte, du bist der Urte doch nicht klug
genug gewesen. Ich habe gehört, daß sie gedroht hat: wir beide werden
geschieden, aber die Ewe soll er doch nicht heiraten! Gewiß hat sie's
voraus gewußt, daß es so kommen müßte, oder der Anwalt hat es ihr so
bei den Gerichtsherren besorgt. Sie ist nie in der Stadt gewesen, ohne
für ihn etwas auf den Wagen zu laden.«
»So gibt's ja noch einen andern Anwalt in der Stadt!« rief Endrullis,
»und mein Geld ist auch nicht zu verachten. Ich sage dir, es ist nur
dummes Zeug, und der Pfarrer tut wichtig.« Er holte den Geldbeutel aus
dem Versteck hinter dem Bett vor, zählte sich eine Summe in die Tasche,
sattelte den Fuchs und ritt fort.
Er erfuhr nichts Tröstliches. Ohne den gerichtlichen Konsens ging's
wirklich nicht. Und der Advokat sagte gleich: »Das steht da nur
geschrieben, damit sie ihn dir verweigern können, wenn du wegen der Ewe
Purwins kommst. Sonst kannst du jetzt heiraten, wen du willst.«
Endrullis sprach kein Wort, sondern zählte fünf Taler auf den Tisch.
Dann sah er den Anwalt listig an und fragte: »Willst du's nun besorgen?«
Der Herr zuckte die Achsel. »Damit läßt sich's nicht machen. Du mußt
warten, bis die Urte gestorben ist.«
»Das dauert mir zu lange.« Er zählte noch zehn Taler auf. »Geht's nun?«
»Dein Geld tut's nicht, Endrullis. Verschaffe mir eine Schrift von der
Urte, daß sie dir verzeiht und in deine Heirat mit der Ewe willigt, so
will ich versuchen, dir den Konsens zu verschaffen.«
Endrullis griff tief in seine Tasche. Es klapperten da noch einige
Silberstücke, und er legte sie zu den andern. »Geht's nun ohne das? So
dumm ist die Urte nicht.«