Henriette P. g. Wach.
August von Vietinghoff an Helmenstreit.
(Wir theilen diesen Brief mit, da er einen genauen Bericht über das
Ende _Friesen's_ enthält, der so oft in diesen Blättern genannt wurde.)
Deinem Wunsche gemäß liefere ich Dir die bei Deinem Hiersein über den
Meuchelmord unsres Freundes _Friesen_ mündlich mitgetheilten näheren
Umstände, nachstehend, jedoch nur in gedrängter Kürze noch einmal.
Als nach dem unglücklichen Gefechte im Februar 1814 die Unsrigen sich
zurückziehen mußten, bestand der Nachtrupp des linken Flügels zum Theil
aus der Reiterei der Lützow'schen Schaar und aus einem Schwarm Kosacken.
Täglich drängte und verfolgte der Feind die Unsrigen, wobei viele gefallen
und in Gefangenschaft gerathen sind. Die noch Freien und Rüstigen aber
waren in einzelne kleine Haufen versprengt, und somit den bewaffneten
Bauern im Ardennenwalde Preis gegeben.
Am 15. März befand sich unser Freund bei einem dieser Haufen.
Unglücklicherweise ritt er gerade an diesem Tage ein sehr schlechtes Pferd,
einen Falben von Farbe. Er wurde auf der Straße von Rheims nach Mezières,
unweit Rethel angegriffen, in einen Wald gesprengt und darin von den Bauern
ermordet und sodann auf Verwendung eines Bürgermeisters auf dem Kirchhofe
eines Dorfes feierlich beerdigt.
Dies waren die mir zur Kenntniß gekommenen Thatsachen, als ich den
Tod meines Freundes Ende März 1814 erfuhr, wo wir mit dem Fußvolk der
Lützow'schen Schaar vor Jülich durch die Mecklenburger abgelöst und auf
dem Marsch nach Frankreich begriffen waren. Die Ausführung des mir von dem
Augenblick an zur Pflicht gewordenen Vorhabens, die Gebeine meines Freundes
aufzusuchen und sie dem vaterländischen Boden zu überliefern, ward indeß
durch den bald darauf erfolgten Friedensschluß und unseren Rückmarsch aus
Frankreich, wenn auch nicht gänzlich vereitelt, doch wenigstens auf lange
Zeit hinaus aufgeschoben. -- Nächstdem, daß mir der Ausbruch des Krieges
1815 hinsichts des für mein Vaterland gehofften Heils sehr erwünscht
war, hoffte ich auch dadurch von neuem Gelegenheit zur Ausführung
meines mehrerwähnten Vorhabens zu finden. Durch mancherlei eingetretene
Hindernisse sah ich mich aber leider abermals daran verhindert. Jedoch
mein, obgleich in mancher andern Rücksicht sehr ungünstiges Geschick,
führte mich bald darauf zum vierten Mal nach Frankreich und zwar gerade
unmittelbar in die Gegend, wo mein Freund ermordet wurde, indem ich
mittelst Cabinets-Ordre vom 2. Februar 1816 zu meinem jetzigen Regiment,
dem 14. (3. Pommerschen), welches im Ardennendepartement beim Armeecorps in
Frankreich steht, versetzt ward.
Endlich, Ausgangs November 1816 wurde mir durch einen meiner Kundschafter
angezeigt, daß ein Unteroffizier meiner Kompagnie, mit Namen Danner, von
seinem Wirthe zu Launoy ein preußisches Dienstsiegel zum Geschenk erhalten
habe, welches ein im Monat März 1814 im Bois de Huilleux erschossener
preußischer Offizier, der in la Lobbe begraben sei, besessen hätte. Ich
ließ mir hierauf sogleich den Unteroffizier nebst seinem Wirth rufen
und fand -- was ich ahndete -- das Dienstsiegel der Lützow'schen Schaar,
welches unser Freund, da er Adjutant war, gewöhnlich bei sich führte, und
welches mir, als ich es erblickte, um so mehr durch einen in dem Holzknopf
befindlichen Kreuzschnitt unverkennbar war, da ich mich hierbei sofort
jener Worte meines Freundes lebhaft erinnerte, als ich ihn in Holstein
frug, warum er dieses Mal hineingeschnitten, er mir sagte: »Siehe, da
kannst Du sehen, wie pfiffig ich bin; ich habe es deshalb gethan, um beim
Siegeln sehen zu können, ob der Kopf des Adlers oben steht.« --
Durch das zufällige Vorfinden des Siegels ward mir nun auf einmal die Bahn
zur Erreichung meines längst ersehnten Ziels gebrochen. Ich ritt daher am
5. Dezember 1816 nach dem Dorfe la Lobbe, welches drei Stunden von Launoy
entfernt ist, und erhielt von dem dortigen Bürgermeister, Namens Deslyon,
nicht nur die Bestätigung des oben Gesagten, sondern ersah auch aus der
mir von demselben über den ganzen Hergang der Sache aufgenommenen
protokollarischen Verhandlung die genausten darauf Bezug habenden
Nebenumstände. Denen zufolge war unser Freund am 16. März 1814, des
Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr, in dem etwa eine Viertelstunde von la
Lobbe entfernt liegenden Bois de Huilleux, sein Pferd am Zügel leitend,
angekommen, und darin auf zwei Bauern aus la Lobbe, die daselbst Brennholz
schlugen, gestoßen. Er forderte sie auf, ihn ins nächste Dorf zum
Bürgermeister zu bringen. Als sie beinahe aus dem Walde heraus waren,
begegnete ihnen ein Haufe mit Flinten versehener Bauern, die, als sie
unsern Freund erblickten, von seinen Führern sogleich dessen Auslieferung
verlangten, und da sie ihnen dies nicht zugestanden (wobei es
wahrscheinlich zum Handgemenge gekommen ist, welches ich aus einem Umstand
schließe, den ich Dir weiter unten mittheilen werde), so schoß einer
von ihnen, Namens Brodico, Schäfer auf der unweit des Dorfes Grand-Champ
belegenen Ferme la Puisieux, seine Flinte auf meinen Freund ab, wobei
die Kugel, die ihn tödtete, in die linke Brust durchs Herz und das linke
Schulterblatt drang, worauf augenblicklich er todt zur Erde sank, von
seinen Mördern ausgeplündert und ganz nackt liegen gelassen ward. --
Die beiden Bauern aus la Lobbe machten hierauf dem dasigen Bürgermeister
Anzeige, der, ob aus Politik oder Menschlichkeit, will ich dahin gestellt
sein lassen, den Leichnam sofort nach la Lobbe bringen, ihn in einen
Sarg legen, und am 17. März 1814 des Morgens um zehn Uhr auf dem dortigen
Kirchhofe mit allen dabei üblichen Feierlichkeiten, d. h. nach der
katholischen Liturgie, beerdigen ließ. -- Von den beiden mehrerwähnten
Bauern, die ich mir hatte rufen lassen, erhielt ich dann auch die
Bestätigung des eben Gesagten, und überdieß, außer mehreren näheren
Aufschlüssen, noch eine genaue Beschreibung meines Freundes, hinsichts
seiner Gesichtsbildung, Haupthaare, Gestalt und Kleidung, und des mir sehr
wohl bekannten schlechten russischen Pferdes. Einer dieser Bauern war auch
noch im Besitz einer bei unserem Freund gefundenen Karte von der Champagne,
die ich mir natürlich sogleich aushändigen ließ und dieselbe augenblicklich
an der mir bekannten Art, wie mein Freund gewöhnlich die Orte bezeichnete,
woselbst er gewesen war, erkannte, daß er sie mußte besessen haben.
Nachdem ich nun hinlängliche Thatsachen genug gesammelt hatte, die mich zu
der Ueberzeugung führten, daß der in la Lobbe begrabene Preußische Offizier
ohne Zweifel unser Friesen sein mußte, schritt ich an die, Behufs des
Ausgrabens desselben nöthige Arbeit. Bevorworten muß ich, daß ich beim
Vorfinden der Gebeine durchaus keine Täuschung zu befürchten hatte, weil
ich an den, mir ganz lebhaft erinnerlichen Zeichen unfehlbar die meines
Freundes erkennen mußte.
Erstlich hatte er im Unterkiefer einen Vorderzahn, der ihm einstmals beim
Fechten auf dem Fechtboden zu Berlin ausgeschlagen ward, den er sich zwar
gleich wieder eingesetzt hatte, der aber dessen ungeachtet (da er etwas
nach vorn stand, und auch an dem Hieb des Fechtens unverkennbar war) mir
ein untrügliches Kennzeichen gewährte.
Zweitens wußte ich ganz bestimmt, daß ihm nicht nur kein Zahn fehlte,
sondern daß er auch vorzugsweise gute und schöne Zähne hatte. Drittens
hatte er an der Stirn über dem rechten Auge eine Narbe, die er, wenn ich
nicht irre, in seiner frühsten Jugend durch einen Steinwurf erhalten hatte.
Viertens dienten mir auch seine überaus starken Backen- und
Augendeckelknochen, so wie überhaupt die ganze Gestalt seines Kopfes zu
hinlänglicher Erkennung desselben.
Demzufolge hatte ich an dem mir vom Bürgermeister Deslyon und mehreren
Einwohnern des Dorfes bezeichneten Ort, wo unser Freund begraben liegen
sollte, bereits sechs Gräber ohne erwünschten Erfolg öffnen lassen, als
die Nacht einbrach und mich an allem weiteren Aufsuchen für diesen Tag
verhinderte. Am folgenden Tage, nämlich den 6. Dezember v. J. mußte das
von mir commandirte Füsilier-Bataillon seine damaligen Cantonnirungen
verlassen, und die jetzt von demselben besetzten Orte beziehen, vorher aber
nach Charleville marschiren, um daselbst am 7. Dezember vom G. von Zieten
besichtiget zu werden. Der Dienst gebot mir daher noch in der Nacht nach
Launoy zurück zu reiten, ehe ich aber la Lobbe verließ, machte ich es dem
Bürgermeister Deslyon zur ausdrücklichen Bedingung am folgenden Tage mit
dem Aufsuchen der Gebeine meines Freundes fortfahren zu lassen, und
wenn man sie gefunden, er sie unverzüglich nach Launoy an einen meiner
Kundschafter, den ich mit dorthin genommen hatte, überschicken solle. Nach
meinem Eintreffen in Launoy befand ich mich aber so höchst unwohl, daß
ich mich außer Stand gesetzt sah, mit meinem Bataillon von dort nach
Charleville abzumarschiren.
Ueber alle Beschreibung aber fühlte ich mich überrascht, als mir der
Bürgermeister Deslyon am 6. Dezember vorigen Jahres des Nachmittags um
3 Uhr meinen Freund ganz so, wiewohl verweset, wie er zur Erde bestattet
ward, übersandte. Augenblicklich erkannte ich die Gebeine an den oben
erwähnten Kennzeichen für die unseres Friesen, und zwar ganz vollzählig,
ausgenommen zweier Vorderzähne am Oberkiefer, die ihm, da sie ihm bei
seinen Lebzeiten nicht fehlten, vermuthlich bei dem oben angeführten
Handgemenge von seinen Mördern ausgeschlagen wurden, welches mir um
so wahrscheinlicher ist, da die beiden Augenzähne eine widernatürliche
Richtung haben, indem sie ganz nach hinten stehen, und auch sehr tief im
Kiefer stecken, denn wenn sie ihm im Grabe ausgefallen wären, so hätte ich
sie im Sarge vorfinden müssen.
Meine Freude und mein Schmerz über den nunmehrigen Besitz dieser theuren
und herrlichen Ueberreste ist überaus und gleich groß. -- Ich habe beim
Anschauen und gewissenhaften Ueberzählen derselben die bittersten Thränen
vergossen und seinen wahrhaft königlichen Schädel mit eben der Liebe und
Freundschaft geküßt, wie ich dies bei seinen Lebzeiten im Glück und Unglück
stets gethan! -- Es fehlen mir die Worte um Dir meine Empfindungen in ihrem
ganzen Umfange auszudrücken, die mich bei dem Bewußtsein durchdringen, die
Gebeine meines Freundes, dessen Andenken die Zeit nie und nimmer aus meiner
Seele verwischen kann und wird, in meiner Stube zu wissen.
Das Hirn ist im Schädel noch ganz erhalten, jedoch schon ziemlich
vertrocknet. Den Gang der Kugel, durch die er getödtet ward, entdeckte
ich sofort im linken Schulterblatt. Ungefähr so viel Haupthaar als zu drei
Locken nöthig sind, wie sie die Frauen gewöhnlich in einer Glaskapsel
auf dem Busen zu tragen pflegen, sind seltsam genug unter dem Schädel der
Verwesung ganz entgangen.
Während der Belagerung von Mezières 1815 hatten die Hessen den Brodico,
Mörder unseres Freundes verhaften lassen. Der damalige Bürgermeister
von Launoy, jetziger Notaire daselbst, Namens Coche, ließ denselben aber
absichtlich entspringen, wofür er seines Postens entsetzt ward und
50 Stockhiebe erhielt. -- In Novion soll sich das Schwert und mehrere
Kleidungsstücke von unserem Freunde befinden, bis jetzt ist es aber meinen
Kundschaftern noch nicht gelungen, die Besitzer derselben auszumitteln, was
deßhalb sehr schwer hält, da die Bewohner der ganzen Gegend befürchten,
daß sie wegen der Ermordung unseres Freundes noch einmal dürften gezüchtigt
werden, und daher alles sehr geheim halten. -- Der Bürgermeister Deslyon
hat mir bei Uebersendung der Gebeine ein Zeugniß ausgestellt, daß
es wirklich die des am 16. März 1814 im Walde de Huilleux getödteten
Preußischen Offiziers seien, wogegen ich ihm auf sein Ansuchen einen
Empfangsschein gegeben habe.
Eine gleiche Geschichtserzählung, wie die vorstehende ist, habe ich vor
Kurzem an den Doctor Jahn nach Berlin gesandt, und mich erboten alle
Gebeine unseres Freundes ihm zu übersenden, wenn er, seiner mir früher
gegebenen Zusicherung gemäß, sie auf dem Turnplatz bei Berlin unter der
Mahlsäule der heimathlichen Erde überliefern will; widrigenfalls ich
sie sonst durchaus nicht aus meinem Verwahrsam gebe, sondern sie lieber
verbrenne, als wissentlich zugebe, daß sie vertrödelt werden.
Druck von Gebrüder _Katz_ in Dessau.
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