Möller.
23.
Münster, den 18. September 1840.
Meine theure Freundin!
So viel Regengüsse in diesen Tagen vom Himmel herab, so viel Wünsche und
Seufzer zum Himmel hinauf sind aus meiner Brust gestiegen, daß es mir
gelingen möge, zu Ihnen zu kommen. Es ist aber der entschiedene Wille der
Götter, daß es nicht geschehe. Mein gewaltiges und ungeduldiges Verlangen
soll bestraft werden. Dergleichen habe ich so viel im Leben erfahren, daß
man wohl zahm werden muß. Ich beklage es dennoch -- denn Ihr jüngstes,
so liebes seelenvolles Schreiben hatte mein Verlangen auf's höchste
gesteigert. Wie kann solche Güte -- ich möchte sie neben vielen andern
schönen Bezeichnungen auch eine mütterliche nennen -- anders als entzücken!
Wie könnte ich anders als stolz sein, ein so holdes Wesen mir so geneigt
zu wissen! -- Wie Thau auf Rosen sind mir Ihre lieben, freundlichen
Anerbietungen! -- Wie Byron durch die Meerenge, möchte ich durch meine
Hindernisse dringen, die mich von der Nummer 38 abhalten. Aber mein
Schicksal lacht meines Muthes. Mein einzig möglicher Gefährte, Gessert, ist
durch seine Amtsverhältnisse verhindert, jetzt mich zu begleiten. Dazu nun
das kalte regnichte Wetter, das den Ofen verlangt und bald ganz winterlich
sein wird. -- Sie selbst, liebe Freundin, bei Ihrem zarten Wohlwollen,
geben mir dies zu bedenken -- und ich gehe darauf ein! Doch nur als
Aufschub! -- Unmöglich ist ganz zu verzichten. Solch Opfer wird mir
nicht zugemuthet werden! -- Der einmal so tief gefaßte Gedanke wird nicht
aufhören und ein rechter Zeitpunkt der Ausführung ergriffen werden. --
Finde ich doch auch nach kurzem Aufschub in Ihnen dieselbe wieder! --
Dasselbe holde Wesen, geboren um Herzen zu verstehen und durch Vertrauen zu
beglücken!
Grade jetzt, liebe, theure Gräfin, wäre ich besonders gern bei Ihnen, da
gemeinsame Thränen einen gerechten Schmerz so sehr besänftigen. Als ich
Immermanns so unerwartetes Hinscheiden vernahm, gedachte ich in der ersten
Erschütterung sogleich auch Ihrer! -- In Düsseldorf und der ganzen Gegend
ist Trauer gewesen. Mein Schmerz war um so lebhafter, als ich noch so kurz
vorher den Freund gesehen. Eine ganze Reihe von Jahren ist er mir ein sehr
werther Freund gewesen, an dessen großen Talenten, wie an seiner treuen und
immer edelmüthigen Freundschaft ich mich stets so sehr gefreut. Ich kann
mich wohl nie gewöhnen an den Gedanken, nicht mehr mit ihm auf Erden
zu sein. -- Als ich im vorigen Jahre in Düsseldorf über den Markt ging,
begegneten wir uns, und als ich auf seine Frage, wohin ich zunächst wolle,
antwortete: zur wohlbekannten Gräfin! erwiederte er: -- das machen Sie gut!
dessen wird sie sich freuen! -- Ich sehe noch den bestimmten Blick,
die redende, heitre Miene, womit er dies sagte. Wie viel haben so Viele
verloren!
»Warum sind der Thränen unterm Mond so viel?
Und so manches Sehnen, das nicht still sein will?«
Ich habe ein wenig mein Gärtchen durchlaufen -- und bin ganz und gar bei
Ihnen. Und doch sind Sie so ferne. -- Und doch kann ich mit Ihnen reden!
-- Das ist dann aber immer nur Ein Thema! -- Wie viel ist uns mit der
Phantasie gegeben! -- Und diese soll die ernstere Schwiegermutter --
»Weisheit« -- (nach Goethe's Erinnerung) mir nimmer rauben! -- Von nun
an wird jede Zeitung, wo alles voll von Berlin ist, auch Sie mir
vergegenwärtigen. -- Wie herrlich hat der König in Königsberg gesprochen!
-- Es ist als ob ein neues Zeitalter begönne! --