Immermann.
22.
Magdeburg, den 24. Juli 1824.
-- Es ist gut, daß Ihre Reise spät fällt, früher würde Ihnen die große
Ueberschwemmung manchen Genuß verdorben haben, sie hat unendlich viel
Schaden gestiftet, auch in der hiesigen Gegend.
Vor einigen Tagen aß ich in einem Gasthofe (denn meine Mutter ist verreist,
und ich lebe wieder wie sonst) mit einer Dame zusammen, die man fragte, ob
sie eine Engländerin sei. Sie verneinte dies mit großer Lebhaftigkeit, und
fügte hinzu: »Gottlob, ich bin eine Hamburgerin.« Es thut wohl in diesen
Zeiten einmal jemand zu hören, der sich seines deutschen Vaterlandes freut.
Ich kann von mir behaupten, daß ich diese Liebe immer im Herzen getragen
habe. Es fällt meinem Verstande unendlich viel Tadelnswerthes ein, was sich
bei uns findet, und dennoch ist mir das Vaterland das liebste, was ich
mit keinem andern vertauschen möchte. Es erscheint mir eben in seinem
unbeholfenen, zerrissenen Wesen so bedürftig und so würdig des Mitleids,
und ich glaube, daß ihm die Besseren durch heiße Anhänglichkeit den Schutz
und die Sicherheit geben müssen, welche ihm die Natur und die politische
Verfassung nicht giebt. Das ist wohl überhaupt das Wesen jeder Liebe,
daß sie ihren Gegenstand ganz und ungestört umfaßt, und seine Mängel und
Flecken in ihrer Wärme und Fülle ausgleicht.
Ich sage Ihnen für diesesmal Lebewohl, und bitte Sie, meiner im Guten zu
gedenken.