Ihr Freund

Immermann.

18.

Magdeburg, den 16. Mai 1824.

Da ich Ihnen, theure Freundin, nur von dem erzählen kann, was ich sehe und

erlebe, und dessen jetzt nicht viel ist, so müssen Sie sich schon gefallen

lassen, mit mir in dem engen Kreise meines gegenwärtigen Zustandes

umherzuwandern. -- Von Eßlair hole ich noch einiges nach. Er hat am vorigen

Sonntage den Kriegsrath Dallner, am Montage den Oberförster in den »Jägern«

wiederholt, und am Dienstag »Nathan den Weisen« gegeben. Bei näherer

Bekanntschaft findet sich unendlich viel zu tadeln, unerträglich falsche

Betonungen, ein Singen der Stimme, wie ich es nun leider bei allen ernsten

Darstellungen, die ich bis jetzt gesehen, vernommen habe, und welches dem

wahren und natürlichen Ausdruck ganz entgegenläuft, eine gewisse Weichheit

des Spiels, die auf Kosten des Tiefen und Bedeutenden uns geboten wird,

und noch mehrere solche Flecken. Indessen bleibt der Gehalt des Guten

und Vortrefflichen sehr groß, und es giebt Seiten an seinem Spiel,

die hinreißend schön sind, und entzücken müssen. Seine Stärke ist die

Darstellung der Grazie in der Kraft; in allen solchen Scenen, wo der Held

gefaßt und ruhig ist, möchte ihn wohl keiner so leicht übertreffen, ja

nur ihm gleichen. Da umweht ihn ein wunderbarer Hauch der Anmuth, Worte,

Mienen, Stellungen und Bewegungen sind in einem zarten, hellen Dufte

zugleich gemildert und verklärt, und alles ist nur eine Musik.

So schuf er aus dem alten Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« von Iffland

ein Bild, welches mich noch jetzt bei der Erinnerung in Staunen versetzt.

Das Stück ist eines der elendesten Iffland'schen, welches ich kenne. Lauter

miserable, peinliche, armselige Verhältnisse, der Held des Stückes,

der alte Dallner, der personifizirte Dienstbegriff, eine ächte Berliner

Offiziantennatur. Diesen traurigen Charakter wußte nun aber Eßlair durch

die Macht seines Spiels in eine so hohe poetische Sphäre zu rücken, daß man

ihn wahrhaft bewundern mußte. Wodurch er dies bewirkte? Durch einen Ton

der Sanftmuth, Heiterkeit, Milde und Fassung, wodurch er das Gemälde eines

schönen, in sich vollendeten, zum höchsten Seelenfrieden gekommenen Greises

hervorbrachte. Dallner ist, wenn man von Correctheit ausgeht, seine beste

Leistung, denn sie ist durchaus fleckenlos, Wallenstein bleibt seine

größte. Schade, daß er den »Lear« hier nicht geben durfte, den einige

nervenschwache Damen von Einfluß sich verbeten hatten. Ich mache Sie

besonders auf den Wallenstein und den Dallner aufmerksam.

Er kommt nämlich, wie er mir bei einem Besuche, den ich ihm abstattete,

sagte, Ende dieses Monats nach Münster, wohin ihn Pichler zurückbegleitet.

Sein ganzen Wesen ist sehr würdig, nichts Komödiantenmäßiges; ein kleiner

Umstand erinnerte mich indessen doch bei jenem Besuche, daß ich zu einem

Schauspieler gegangen war. Ich hatte mich ihm schriftlich angemeldet, ging

gegen zehn Uhr morgens zu ihm, und blickte, als ich in's Zimmer trat, nicht

rechts noch links, sondern setzte mich sogleich mit ihm in ein Fenster,

den Rücken nach der Thür gewendet. Ich war in einer lebhaften Unterhaltung

begriffen, als die Thür sich öffnete, und ein junger Schauspieler

hereintrat, der, ohne von uns Notiz zu nehmen, sich seitwärts wandte und

sagte: »Mein Gott, finde ich Sie gar im Bette!« Ich wandte mich um, und sah

eine Dame im Bette neben der Thür liegen. Eßlair sagte ganz trocken: »Meine

Tochter, die nicht recht wohl ist.« -- Ich ergriff sogleich den Hut und

empfahl mich; wenn ich nicht irre, so war ich in dem Augenblick verlegner,

als die Schöne.

Magdeburg sollte von fremden Sternen nicht leer werden. Am Donnerstag

langte Madame _Neumann_ vom Karlsruher Theater an, gab die Margarethe

in den »Hagestolzen« außerordentlich natürlich und brav, und auf vieles

stürmisches Begehren am folgenden Tage die »Preciosa.« Dieser Charakter,

oder Rolle, oder wie man es nennen will, ist bekanntlich eine bloße

Declamirübung, und die beste Künstlerin kann nichts hineinlegen, was

den Freund wirklicher Darstellung zu berühren vermöchte. So ging es

auch diesmal, Madame Neumann zeigte ihre geschmackvolle Garderobe, ihre

Schönheit, declamirte sehr sentimental, und tanzte recht hübsch, von Spiel

konnte nicht die Rede sein.

Das Publikum war sehr dankbar. Gegen den Schluß der Vorstellung regneten

von allen Seiten Kränze und Bouquets auf die Bühne; ein Schauspielerkind

brachte aus der Coulisse auf einer Schüssel ihr Blumen, die Schauspieler

umwanden sie mit allerlei grünem Zeuge, der erste Liebhaber setzte die

Rolle in der Wirklichkeit fort, und fiel vor ihr förmlich auf die Kniee,

die Schauspielerin, welche die Mutter gespielt hatte, umarmte sie zärtlich,

Madame Neumann küßte einen Blumenstrauß, gegen das Parterre gewendet, das

Publikum schrie und tobte vor Entzücken, als wollte es aus der Haut fahren,

die Schauspieler sangen einen Chor zu Ehren der Gefeierten, unter diesem

Spektakel fiel der Vorhang, und ich hatte, an eine Säule gelehnt, meine

ganze mephistophelische Fassung nöthig, um nicht auch in dieses gerührte,

herzlich theatralische Verderben hineingerissen zu werden.

Was hieran bitter klingt, vergeben Sie. Sie kennen und fühlen meine Lage.

Ich bin ein Einsiedler, wie ich noch nie gewesen. So lange ich an

Ihrem immer nach dem Guten, Rechten und Schönen mit heitrer Festigkeit

gerichteten Sinne mich stärken konnte, und in diesem Sinne volles

Verständniß meiner innersten Gedanken fand, hatte ich Trost und Ersatz

für die vielen Thorheiten und Gemeinheiten, die uns umgeben, jetzt ist das

anders.

Meine Arbeiten schleichen langsam fort. Der Walter Scott schwatzt mir doch

fast zu breit. Ich verliere so manche breite Schilderung unter den Händen,

weiß nicht, wo sie bleibt, und ich denke, die Recensenten sollen auch

nichts merken.

Gräfin Elisa von Ahlefeldt, die Gattin Adolphs von Lützow, die Freundin Karl Immermann's · 第 19 / 49 题