Immermann.
16.
Magdeburg, den 22. April 1824.
Die Wunder treten uns nahe. Ein Schäferknecht, Namens _Gottlieb Grabe_, hat
in Torgau ein Siechenhaus von Gichtbrüchigen und Lahmen um sich versammelt,
heilt durch Berührung verjährte Uebel. Mehrere Hunderte von Kranken
befinden sich in Torgau, viele Menschen sind von hieraus hingereist, und
was man zu vernehmen bekommt, klingt sonderbar genug. Indessen ist der
Schäferknecht bereits denen in die Hände gefallen, welche ein Privilegium
haben, das Publikum zu schröpfen, den Obrigkeiten, und sie verfolgen
bereits den Unprivilegirten. Von Rechtswegen, denn jedes Gewerk haßt den,
der hineinpfuscht.
Was Sie mir von dem Baron _von Sydow_ und seiner goldnen Dose sagen,
bestätigt die alte Erfahrung, daß den Narren die Welt gehört. Oft ist
mir dieser Mann, so unbedeutend er auch sein mag, ein Gegenstand stiller
Betrachtung gewesen. Selbst ein Nichts, drehn sich seine Tage um nichts,
er kommt, ohne daß man weiß, warum, und geht, ohne daß wir sagen können, zu
welchem Zwecke. Und doch lebt er, ist überall eingeführt, gilt so viel als
jeder andere, und bringt sich durch -- lauter Dinge, die Andere ebenfalls
nur mit Kenntnissen und Kraftanstrengungen erreichen. Ich fürchte, er wird
Sie, wenn er von Kopenhagen absegelt, wieder heimsuchen. Jetzt wollte
ich mich schon besser fassen, noch immer macht mir die Erinnerung an das
Vergangene manche unangenehme Stunde. Sich über einen solchen Paradiesvogel
zu ereifern, es war wirklich thöricht! Ein Unglück, daß man selbst so
schwerfällig angelegt ist. Wie leicht wäre mir's mein Glück zu machen,
könnte ich mich nur von manchen Vorurtheilen befreien. Ich glaube, wenn ich
mir recht viel Mühe gäbe, wollte ich wohl Clauren oder Houwald überbieten,
und beide bei dem Publico ausstechen, denn ich weiß ja auch, wo deren
aesthetische Zwiebeln wachsen -- und wäre ein angesehener, wohlhabender
Mann, es will aber nicht gehn. Mit den Musen geht es einem, wie mit jedem
geistreichen Umgange, im Anfang fürchtet man sich davor, wenn man
aber einmal vertraut ist, kann man nicht wieder los, und ist für den
Gevatterschnack verdorben.
Von Eßlair habe ich noch nachzuholen, daß er einen sehr großen, würdigen
Begriff von der Kunst in sich trägt. So sagte er mir, es sei ein Ehrenpunkt
bei ihm, wenn ein Componist einen seiner tragischen Charaktere zu einer
Oper verarbeitet habe, denselben zurückzulegen. Er spielt z. B. den
»Othello« nicht mehr, seitdem Rossini ihn in Musik gesetzt hat. Er ist auch
der Meinung, daß wir dem gänzlichen Verfall aller wahren Kunst mit starken
Schritten entgegengehn. Eine tröstliche Ansicht, wenn man noch nicht
dreißig Jahr alt ist.
Die anliegenden Briefe theile ich Ihnen unsrer Verabredung gemäß mit. Ich
werde von der Post reichlich bedacht; was irgend Interesse hat, erhalten
Sie von mir. Leider hat mir Heine die Karte, deren sein Brief gedenkt, von
_Hitzig_ nicht mitgesendet, ich würde sonst gewiß die Bekanntschaft gemacht
haben.
Ich stehe von der Kälte in meiner Gartenstube etwas aus, und schreibe Ihnen
dieses mit frostblauen Händen. Ich komme mir mitunter in meiner Klause
vor wie ein in den Polargegenden eingefrorner Seefahrer, und stehe oft in
Versuchung die Sommerfreude in Pelzstiefeln und Klappmütze zu genießen. Ein
seltsamer Zustand in meinem hiesigen überhaupt seltsamen Leben! Wir wollen
beide den Himmel um Phlegma anflehen, ich finde, daß die Phlegmatiker die
einzigen Weisen sind. Dagegen ein armer empfindsamer Thor sich fruchtlos
abhaspelt, bis ihn der Tod zum unfreiwilligen Phlegmatiker macht.
Leben Sie wohl, theure Freundin, und erhalten Sie mir Ihre Gesinnung.
Immermann.
17.
Magdeburg, den 8. Mai 1824.
Wie ich mir es vorgenommen hatte, liebe Freundin, so will ich es ausführen,
mich mit Ihnen über Eßlair's Spiel auf der hiesigen Bühne diesesmal
unterhalten. Ich beschloß anfangs, an jedem Abend Ihnen den frischen
Eindruck hinzuschreiben, indessen ich gab bald diesen Vorsatz auf, da bei
einer unerwarteten Erscheinung der Mensch zuerst zu befangen ist, als daß
er einem andern ein Bild geben könnte.
Um vom Aeußeren zu beginnen, denken Sie sich einen Mann nahe an den
Fünfzigen (so dünkt mich wenigstens sein Alter) in reinen, kraftvollen
Verhältnissen aufgebaut, etwas zu viel Embonpoint, welcher jedoch wegen
seiner Größe nicht gar zu störend wird, Hände und untere Theile des Körpers
von außerordentlicher Schönheit, die Brust eines Löwen, das Gesicht
ein herrliches Oval, die Nase groß und gebogen, die dunkeln Augen von
unendlichem Feuer, welches durch sehr viel Weißes noch mehr erhöht wird,
auf dem Haupte das Zeichen des herannahenden Alters -- der Anfang einer
Platte -- welcher aber, wie dies immer zu sein pflegt, die Verhältnisse des
Kopfes um so bedeutender hervorhebt.
Diese Gestalt trat dann am Sonntag vor acht Tagen als »Wallenstein« durch
die Flügelthür, in höchst einfacher Kleidung, ruhig majestätisch. Der
Anfang des Spiels war ganz gelassen, fast trocken zu nennen, ohne alle
Prätention. Nur die große Anmuth aller Bewegungen deutete das Besondre an.
Richtiges Einfallen, gutgehaltne Pausen, Benutzung aller Höhe und Tiefe
des Theaters gaben dem Zuschauer das Gefühl der Sicherheit, welches der
Künstler in sich trug. Was nun aber immer mehr eigentlich fesselte, war
der große Sinn, in welchem der Charakter genommen wurde. Ganz vortrefflich
entfaltete er denselben in der Scene mit Illo und Terzky, worin er diesen
den Traum vor der Lützner Schlacht erzählt. Da trat die Doppelnatur
Wallenstein's ganz hervor, die Verachtung der Menschen, welche er unter
sich erblickt, und die ahnungsvolle Seite, die den Sternen zugekehrt ist.
Die Worte:
»Es giebt im Menschenleben Augenblicke« --
sprach er sonderbar heimlich, die Schauder des herannahenden Schicksals
wehten über die Bühne, man fühlte sich in seinem Innersten berührt, man
war nun schon ganz in seinen Banden. Unübertrefflich war das Spiel bei
dem Aufstande der Truppen, nie werde ich diese Feldherrnstellungen, diese
militairische Kürze und Schärfe vergessen. Als er zurückkommt, und alles
verloren ist, sprach er die befehlenden Worte an Buttler und an Terzky sehr
streng, fast tyrannisch -- wie mich dünkt außerordentlich richtig. Denn
Wallenstein kann das Unglück nur noch fester und herrischer machen. In der
Attitüde, worin er zu Max sprach:
»Wie ist's? Versuchst Du einen Gang mit mir?«
hätte ich ihn mögen gemalt sehen, er stand wirklich wie ein Römischer
Imperator da, die Füße übereinander geschlagen, den rothen Mantel halb
emporgezogen. Das Herantreten an die Liebenden geschah, ohne daß er auch
nur die geringste Bewegung machte, und das Wort: »Scheidet!« wurde ohne
allen Affekt gesprochen, wirkte aber eben deßhalb um so furchtbarer. Der
Ausdruck in seiner Darstellung, als er den Tod des Max erfährt, war einfach
groß. Eine bloße Seitenbewegung und ein Zusammenziehn des ganzen Körpers,
dann aber wieder der Schein völliger Ruhe und Fassung. Im fünften Auszug
erreichte das Spiel stellenweise seinen Gipfel. Als er am Fenster in die
Nacht hinausstarrte, sah man wirklich mit ihm in die unendlichen Tiefen des
Himmels, nun sank er mit ungemeiner Grazie über den Stuhl, und das Gesicht
zeigte die rührendste Trauer, auch wurden die schönen Worte über Maxens Tod
ganz ihrem Werthe gemäß gesprochen. Er hielt sich auf dieser Höhe bis zum
Ende, wo er mir die Worte:
»Ich denke einen langen Schlaf zu thun,
Denn dieser letzten Tage Qual war groß,
Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken.«
doch mit zu viel Wichtigkeit aussprach, da sie nach meiner Meinung ganz
leicht und sorglos vorgetragen werden müssen.
Sehr oft erscheint die Schönheit in seinem Spiel, welches das höchste
ist, was man von einem Künstler sagen kann, so gewaltig das Wort auch
verschwendet und gemißbraucht wird. Das sogenannte interessante und
charakteristische Spiel ist noch himmelweit davon verschieden. Es ist
offenbar etwas Bedeutendes, wenn man die größte Kraft, Wahrheit und Natur
schaut, und alles dieses durch eine Anmuth gemildert, und in einem sanften
Reize verklärt wird, so daß man nirgends sich erdrückt, sondern immer
erhoben und befreit fühlt. Vor allem zu loben ist seine Action, der Körper
ist ganz Muskel, er ist im Stande mit dem kleinen Finger mehr zu machen,
als andre, wenn sie mit Armen und Beinen hanthieren. Sein Auftreten und
Abgehn ist wahrhaft königlich, er sitzt und steht ganz herrlich. Eine
Eigenheit von ihm ist, daß er sich gern über den Stuhl lehnt. -- Seine
Recitation und Declamation ist nicht so tadelfrei, häufige, fehlerhafte
Betonung, mitunter leerer Pathos, entstellen sie. Das Organ leidet,
obgleich die Stimme tief und sonor ist, an einiger Rauhheit, und der
oberdeutsche Dialect spricht zuweilen durch. Am meisten leistet er im
ruhigen, würdevollen, kräftigen Vortrag, auch im Ausdruck des Rührenden,
weniger in den leidenschaftlichen Scenen, wo zuweilen Uebertreibung ohne
eigentliche Gediegenheit eintritt. Eine köstliche, trockne Ironie hat er
in seiner Gewalt, glänzend zeigte er sie in seinem Spiel zu den Frauen im
»Wallenstein,« die er sichtlich als Beiwerk behandelte, wie sie es auch in
dieser Tragödie sind. --
Montag gab er Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« -- Mitwoch »Wilhelm
Tell,« Donnerstag Hugo in der »Schuld,« Freitag den Oberförster in den
»Jägern.« Morgen wird »Dienstpflicht« repetirt, dann giebt er noch eine
Vorstellung, die bis jetzt unbestimmt ist. -- Wallenstein ist mir als die
großartigste Erscheinung vorgekommen; obgleich er in den übrigen Stücken,
namentlich als Dallner eigentlich viel correcter gespielt hat, so fehlte
die von innen nach außen dringende Poesie, welche aber freilich auch nur
von einem ächten Dichterwerke hervorgerufen werden kann. Das Publikum zeigt
sich im Ganzen theilnehmend, empfängt ihn jedesmal mit Applaus.
Wie sehr hätte ich gewünscht, theure Freundin, daß Sie ihn sehen möchten.
Ihr feiner Sinn für das Schöne würde großen Genuß gehabt haben. Alles Gute
wünscht, wie Sie wissen, mit Ihnen zu theilen