Die Equipage

Das Städtchen B. sah viel fröhlicher aus, seitdem das ***er

Kavallerieregiment in ihm Quartier genommen hatte, bis dahin war es dort

entsetzlich langweilig gewesen. Wenn man einmal durch die Stadt fuhr und

einen Blick auf die niedrigen, getünchten Häuschen warf, die mit einem

ganz unglaublich sauren Gesicht dreinschauen, so ... nein es ist

unmöglich auszudrücken, wie es einem da ums Herze wurde, -- so

trübselig, als ob man sein ganzes Geld verspielt, oder bei einer

unpassenden Gelegenheit eine große Dummheit gemacht hätte, -- mit einem

Worte: es war einem gar nicht gut zumute. Der Lehm hatte sich infolge

des Regens von den Häusern gelöst, und die Wände hatten ihre

ursprüngliche Weiße verloren und waren ganz scheckig geworden; die

Dächer sind meistens mit Rohr gedeckt, wie es in unseren südlichen

Städten Brauch ist. Die kleinen Gärtchen, die die Häuser umgaben, waren

längst verschwunden, da der Stadthauptmann die Bäume des besseren

Aussehens wegen hatte fällen lassen. Auf den Straßen begegnete man

keiner Seele, es sei denn, daß ein Hahn quer über den Fahrdamm ging, der

infolge des hohen Staubes so weich wie ein Kissen war. Dieser Staub

verwandelt sich beim geringsten Regen in Dreck, und dann fanden sich in

den Straßen des Städtchens B. jene fetten Tiere ein, die von dem

zuständigen Stadthauptmann »Franzosen« genannt wurden, streckten die

ernsten Schnauzen aus ihren Badewannen und stimmten ein solches Grunzen

an, daß dem Vorüberfahrenden nichts übrig blieb, als die Pferde zu

schnellerem Laufe anzutreiben. Allerdings war es schwer, im Städtchen B.

einem solchen zu begegnen. Nur selten, ganz selten, rasselte ein mit

einem Nankingrock bekleideter Gutsbesitzer, der elf Bauernseelen sein

eigen nannte, auf einem kleinen Wagen oder Wägelchen hindurch, indem er

hinter den aufgestapelten Mehlsäcken hervorlugte und mit der Peitsche

auf die braune Stute einhieb, der stets ein Füllen folgte. Der

Marktplatz selbst hatte ein etwas trauriges Aussehen: das Haus des

Schneiders ging törichterweise nicht mit der Fassade, sondern mit einer

Ecke auf den Platz hinaus; ihm gegenüber wurde bald an die fünfzehn

Jahre lang an einem steinernen Hause mit zwei Fenstern gebaut, und

ferner sah man dort einen ganz für sich stehenden modernen Bretterzaun,

der grau angestrichen war, damit er nicht so von dem Schmutze abstach.

Diesen hatte der Stadthauptmann einmal in seiner Jugend, als er noch

nicht die Gewohnheit hatte, gleich nach dem Mittagessen zu schlafen und

zur Nacht ein gewisses, aus getrockneten Stachelbeeren bereitetes Gebräu

zu trinken, zum Muster für die anderen Bauten errichten lassen. Sonst

begegnete man überall nur geflochtenen Zäunen. Mitten auf dem Platze

standen mehrere winzige Buden, in denen man immer einen Bund Bretzeln,

ein Weib in einem roten Kopftuch, ein Pud Seife, ein paar Pud bittere

Mandeln, Schrot zum Schießen, starkes baumwollenes Zeug und zwei

Ladenburschen finden konnte, die zu jeder Tageszeit vor den Türen

standen und Swajka[5] spielten. Sowie jedoch das Kavallerieregiment im

Kreisstädtchen B. Quartier genommen hatte, änderte sich alles ganz

plötzlich. Das Straßenbild wurde bunter, belebte sich -- und nahm, mit

einem Wort, ein ganz anderes Aussehen an; die niedrigen Häuschen sahen

des öfteren einen gewandten, schlanken Offizier mit einem Federbusch auf

dem Kopfe vorübergehen, der zu einem Kameraden ging, um sich mit ihm

über die Avancementverhältnisse und den vorzüglichen Tabak zu

unterhalten, oder ein Spielchen zu machen, bei dem eine Droschke den

Einsatz bildete: ein Gefährt, das man wohl mit Recht die

Regimentsdroschke nennen konnte, da sie, ohne das Regiment zu verlassen,

bei allen die Runde machte: -- heute fuhr der Major in ihr, morgen

erschien sie in der Remise eines Leutnants, und eine Woche darauf war

sie wieder beim Major, dessen Bursche sie gründlich mit Öl einschmierte.

Die geflochtenen Zäune zwischen den Häusern waren überall mit

Soldatenmützen geziert, die in der Sonne hingen; stets flatterte ein

grauer Mantel vom Tore herab, und in den Gäßchen stieß man immer auf

Soldaten, deren Schnurrbärte so borstig waren, wie eine Stiefelbürste.

Diese Schnurrbärte fehlten nirgends: wenn sich die Kleinbürgerinnen

einmal mit ihren Krügen auf dem Marktplatze versammelten -- so guckten

hinter ihren Schultern ganz sicher ein paar solche Schnurrbärte hervor.

Die Offiziere brachten etwas Leben in die Gesellschaft, die bis dahin

nur aus dem Richter, der zusammen mit einer Diakonuswitwe ein Haus

bewohnte, und dem Stadthauptmann bestand: einem ruhigen und bedächtigen

Menschen, der aber den ganzen Tag über -- vom Mittagessen bis zum Abend,

und vom Abend bis zum nächsten Mittagessen -- zu schlafen geruhte. Die

Gesellschaft wurde noch zahlreicher und interessanter, nachdem das

Quartier des Brigadegenerals hierher verlegt wurde. Die Gutsbesitzer aus

der Umgebung, von deren Existenz bis dahin niemand etwas geahnt hatte,

fingen jetzt an, des öfteren in dem Kreisstädtchen zu erscheinen, um mit

den Herren Offizieren zusammenzutreffen, oder manchmal eine Partie Whist

mit ihnen zu spielen, ein Spiel, von dem ihr durch die vielen Gedanken

an die Aussaaten, die Aufträge der Ehefrau und an die Hasenjagden

abgeplagtes Gehirn nur noch eine ganz dunkle Ahnung hatte.

[Fußnote 5: Das Spiel besteht darin, daß ein langer Nagel mit schwerem

Kopfe so geworfen wird, daß er sich innerhalb eines eisernen Ringes in

die Erde einbohrt.]

Es tut mir sehr leid, daß ich mich nicht daran erinnern kann, was die

Veranlassung war, daß der Brigadegeneral einmal ein großes Diner gab;

die Vorbereitungen, die zu diesem Feste getroffen wurden, waren ganz

außerordentlich; schon am Stadttor konnte man hören, wie in der Küche

des Generals mit den Messern geklappert wurde. Ja, für dieses Diner

waren die ganzen Marktvorräte aufgekauft worden, sodaß der Richter mit

seiner Diakonuswitwe nichts als Kuchen aus Buchweizenmehl und

Kartoffelbrei zu essen bekam. Der kleine Hof, der zu der Wohnung des

Generals gehörte, war ganz mit Droschken und Kaleschen gefüllt. Die

Gesellschaft bestand ausschließlich aus Herren: aus den Offizieren des

Regiments und einigen Gutsbesitzern des Kreises. Von den letzteren war

Pythagor Pythagorowitsch Tschertokutski sicher der bemerkenswerteste.

Dies war einer der vornehmsten Aristokraten des B.er Kreises, der bei

den Wahlen mehr Lärm machte, als alle andern zusammen und stets in einer

prächtigen Equipage zu erscheinen pflegte. Er hatte früher bei einem

Kavallerieregiment gedient und zu den schneidigsten und angesehensten

Offizieren gehört; wenigstens war er auf allen Bällen und Festen und

überall dort zu sehen gewesen, wo sein Regiment sich gerade aufhielt;

darüber kann man sich übrigens am besten bei den Jungfrauen des Tambower

und Ssimbirsker Gouvernements erkundigen, doch ist es nicht unmöglich,

daß er auch in den übrigen Gouvernements zu einer gewissen Berühmtheit

gelangt wäre, hätte er nicht infolge einer sogenannten unliebsamen

Affäre seinen Abschied genommen. Hatte _er_ jemandem eine Ohrfeige

verabfolgt, oder hatte er selbst eine solche erhalten, dessen kann ich

mich nicht mehr genau entsinnen; die Hauptsache war, daß er ersucht

wurde, seinen Abschied zu nehmen. Darum hatte er aber doch nicht das

geringste an seiner Würde eingebüßt; er trug einen Frack mit einer

langen Taille, der die Form eines Waffenrockes hatte, Sporen an den

Stiefeln und einen Schnurrbart unter der Nase, weil sonst wohl gar noch

ein Edelmann annehmen konnte, daß er bei den Fußtruppen gedient hätte,

die er verächtlich »Fußschleicher« oder manchmal gar »Trampeltiere«

nannte. Er besuchte sämtliche Jahrmärkte, auf denen es immer sehr

lebhaft zuging, und wo sich das ganze Innere Rußlands, das aus Müttern,

Kindern, Töchtern und dicken Gutsbesitzern besteht, auf Wagen,

Kaleschen, Dormeusen und solchen Karossen, wie sie noch niemand, auch

nur im Traume gesehen hatte, zu seiner Kurzweil versammelt. Er erriet

stets mit dem ihm angeborenen Spürsinn, wo ein Kavallerieregiment stand,

und kam sofort angefahren, um den Herren Offizieren einen Besuch

abzustatten; dann sprang er vor ihren Augen höchst gewandt aus seiner

Equipage oder Droschke und war sofort mit ihnen bekannt. Bei den letzten

Wahlen gab er dem Adel ein prachtvolles Diner, bei welcher Gelegenheit

er öffentlich erklärte: falls er zum Adelsmarschall gewählt würde, wolle

er aufs beste für die Herren Edelleute sorgen. Überhaupt benahm er sich

stets als Grandseigneur, wie man sich in der Provinz auszudrücken

pflegte; -- er heiratete ein recht hübsches Mädchen, das ihm zweihundert

Bauernseelen und einige tausend Rubel als Mitgift in die Ehe brachte.

Das Geld wurde sofort in einem Gespann von sechs prächtigen Pferden,

vergoldeten Türschlössern, einem zahmen Hausaffen und einem

französischen Hofmeister angelegt. Auf die zweihundert Seelen, die

zusammen mit den eigenen zweihundert vierhundert ausmachten, wurde zur

Förderung gewisser kommerzieller Unternehmungen, eine Hypothek

aufgenommen. Mit einem Wort, er war ein Gutsbesitzer ^comme il faut^, d.

h. ein höchst achtbarer und ehrenwerter Gutsbesitzer. Außer ihm nahmen

noch einige andere Gutsbesitzer, über die aber nichts zu sagen ist, an

dem Diner des Generals teil. Alle übrigen Gäste waren Militärs, die

demselben Regiment angehörten; zwei von ihnen, ein Oberst und ein

ziemlich dicker Major, waren Stabsoffiziere. Der General selbst war sehr

kräftig und korpulent, im übrigen aber nach der Ansicht der Offiziere

ein vortrefflicher Vorgesetzter, und hatte eine recht volle, gewichtige

Baßstimme. Das Diner war ganz ungewöhnlich großartig. Der Stör, der

Hausen, der Sterlet, die Trappgänse, der Spargel, die Wachteln, die

Rebhühner und die Pilze -- legten Zeugnis davon ab, daß der Koch seit

einem ganzen Tage nichts Alkoholisches zu sich genommen hatte; außerdem

hatten ihm die ganze Nacht hindurch vier Soldaten mit Messern in den

Händen bei der Zubereitung von Frikassees und Gelees helfen müssen. Eine

Unmenge von langhalsigen Flaschen voll Haute Lafitte, und von

kurzhalsigen voll Madeira, der wunderbare Sommertag, die sperrangelweit

geöffneten Fenster, die auf dem Tische stehenden Teller mit Eis, die

zerknitterten Hemden unter den weiten Fräcken, ein wahres Kreuzfeuer von

Gesprächen, das von dem tiefen Baß des Generals übertönt und mit

Champagner gelöscht wurde; dies alles paßte ganz vortrefflich

zueinander. Nach dem Diner erhoben sich die Gäste mit der angenehmen

Empfindung einer gewissen Magenfülle, zündeten sich Pfeifen mit langen

und kurzen Röhren an und traten, mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf

die Terrasse hinaus.

* * * * *

»Ja, jetzt könnte man sie besichtigen,« sagte der General. »Ach bitte,

mein Lieber --«, sprach er zu seinem Adjutanten, einem jungen Herrn von

recht sicherem Auftreten und angenehmem Äußeren, »lassen Sie doch die

braune Stute herführen! Sie sollen gleich selbst sehen.« Dabei tat der

General einen Zug aus der Pfeife und blies den Rauch weit aus. »Sie hat

hier noch nicht die richtige Pflege: dieses verdammte Nest hat keinen

einzigen anständigen Stall. Dabei ist es« -- er tat wieder zwei Züge aus

der Pfeife -- »ein wirklich ganz famoser Gaul!«

»Besitzen Exzellenz ihn schon lange?« meinte Tschertokutzky, der

gleichfalls ein paar Züge tat.

»Paff paff paff pa .. paff, oh, nicht gar so lange; es sind erst zwei

Jahre her, daß ich ihn vom Gestüt bezogen habe.«

»Und haben Exzellenz ihn schon zugeritten erhalten« -- paff paff! --

»oder ihn erst hier zureiten lassen?«

Paff, paff, pa, pa, pa .. a .. ff. »Erst hier«, und der General

verschwand völlig in einer Rauchwolke.

Inzwischen kam ein Soldat aus dem Stall herbeigesprungen, es ertönten

Hufschläge, und kurze Zeit darauf erschien ein zweiter in einem weißen

Kittel mit einem ungeheuren schwarzen Schnurrbart; er führte ein scheues

zitterndes Pferd am Zaume, das plötzlich den Kopf erhob und den auf dem

Boden kauernden Soldaten mitsamt seinem Schnurrbart beinahe in die Luft

riß.

»Na, na, Agraphena Iwanowna!« sagte dieser, indem er das Tier unter die

Terrasse führte.

Die Stute hieß nämlich Agraphena Iwanowna; kräftig und wild wie eine

südländische Schöne, schlug sie mit den Hufen dröhnend gegen die

hölzerne Terrasse und blieb plötzlich stehen.

Der General nahm die Pfeife aus dem Munde und besichtigte Agraphena

Iwanowna mit zufriedener Miene. Selbst der Oberst kam die Stufen

herunter gegangen und faßte Agraphena Iwanowna bei der Schnauze, und

auch der Major strich Agraphena Iwanowna über die Beine; die übrigen

aber schnalzten nur mit der Zunge.

Tschertokutzky schritt die Treppe hinab und trat gleichfalls an sie

heran. Der Soldat stand stramm, hielt den Zaum in der Hand, und sah den

Besuchern mit einem solchen Ausdruck in die Augen, als ob er sie

auffressen wollte.

»Sehr, _sehr_ gut!« meinte Tschertokutzky. »Ein echtes Rassepferd!

Erlauben Exzellenz mir die Frage, welche Gangart es hat?«

»O, es hat eine recht gute Gangart; nur ... weiß der Teufel ... dieser

Schafskopf von einem Feldscher hat ihm solche verteufelte Pillen

eingegeben, und nun muß es schon seit zwei Tagen immerwährend niesen.«

»Ein prächtiges Tier, in der Tat! Haben Exzellenz auch die dazu gehörige

Equipage?«

»Eine Equipage? Das ist doch aber ein Reitpferd!«

»Das weiß ich; ich habe Sie nur deshalb danach gefragt, Exzellenz, um zu

erfahren, ob Sie auch einen Wagen für Ihre andern Pferde besitzen?«

»Hm, allzuviel Wagen habe ich ja nun gerade nicht. Offen gestanden

möchte ich eigentlich schon lange eine moderne Equipage haben. Ich habe

meinem Bruder, der jetzt in Petersburg lebt, schon darüber geschrieben,

weiß aber nicht, ob er mir eine schicken wird oder nicht!«

»Meiner Meinung nach,« bemerkte der Oberst, »werden die besten Equipagen

entschieden in Wien hergestellt, Exzellenz.«

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod · 第 26 / 34 题