Kurz . . . um eine Addition zu machen . . .
Vor einigen Jahren rollte die Welle der Stoßtrupps neuer Gesinnung und
neuer Form vor, steckten die Grenzlinien ab, verteilten die Terrains,
gewannen die Anfangsschlachten, überschritten die Marne. Ihr Sinn ist näher
bei Tolstoi als bei Gustav Freytag, ihre Art mehr zu Grünewald und Bosch
gewandt als zu den Nazarenern und Symbolisten. Es ist ihnen nicht viel
nachgekommen, einiges, was ergänzte, ein paar Farbflecke neu, aber keine
überstrahlende Figur. Genau wie in der Malerei. Es gibt keinen Nachwuchs.
Lehmbruck, Marc sind tot. Barlach, Feininger, Rohlfs, Klee, Purrmann,
Pechstein, Nolde sind nicht mehr jung. Es bleiben die sieben oder acht
zwischen Heckel und Kirchner und Beckmann, die die ersten Eruptionen warfen
und nun ins Oeuvre hineinwachsen. Hinter ihnen wie den dichtenden Musen ist
nichts wie Krampf, Getös, Radau und jene widerliche verfluchte
revolutionäre Geste, die den dicken Wilhelm des radikalsten Expressionismus
mimend _nicht_ andeutet: Durchbruch oder ich verrecke . . . sondern: wie
schiebe ich mich am verdrehtesten und auffallendsten in eine meschuggene
Pose. Junge Leute, Ihr werdet schwer verknüppelt, wenn Ihr es, was
wahrscheinlich, nicht vorziehen solltet, der nächsten kleinen Wendung mit
gesteigertem Gebrüll zu folgen. Aber man hält das Gähnen nicht vor solcher
Steeplechase. Die Eselsohren erscheinen, die mangelnde Lende wächst durch
die Tunika, während die Offiziere und Echten und Elementaren der
revolutionären Bewegung in die eroberten Städte einziehn.
Kann man auch mit dem Zirkel schon einen Kreis um das Vorliegende schlagen,
tangentieren und nach Laune mathematische Erörterungen springen lassen, so
gibt es doch noch nicht die leiseste Ahnung, ob wir im Anfang sind der
neuen Prosaentwicklung, ob mitten drin, ob vielleicht schon am Ende. Es
scheint, als ob die Geschichte, die verzweifelte Dirne sich wiederholender
Handlungen, lehre, die Exploiteure und Buschmänner neuer Weltgefühle und
Stile seien auch ihre wesentlichsten Träger. Es ist dutzendfach zu
beweisen. Doch kann das Wesentliche auch erst im Schatten dieser
Anstrengungen heraufwachsen. Die Spannung, die zwischen Geist und Stoff
heut liegt, ist zweifellos feindlich, da es immer auf Vergewaltigungen
herauskommt. Das wird nach legitimeren Formen und ehelicheren Annäherungen
leiten. Zuerst geht es mit den radikalen Lagern, ganz links oder ins
Tief-Katholische. Nicht jene offizielle Religion wird geliebt, die der
Krieg kompromittierte. Einmal hat sie der Belgier Masereel, der Daumier
unserer Zeit (wenn auch ohne seinen Bizeps) gezeichnet, aus der Bibel
lesend, das Feuerkommando gehend. Es wird das Übernationale der
katholischen Gläubigkeit gesucht werden wie das Internationale der
sozialistischen Ideen, ein humanitärer menschenliebender und vereinender
Passat streicht über die Erde. Vorderhand marschiert man tapfer auf eine
Mauer zu, die irgendwie wo steht. Das ist überhaupt die Art der
Lebensroute. Von Schickele bis Däubler und Mann ist man von der Partie.
Erst in dem Augenblick, wo man dicht die Steine berührt, wird ein Teil
einfallen, ein ungeahnt großer, neuer Horizont wird da sein. Und Ihr werdet
sehr erstaunt sein. Das Neue kommt von einer Seite und Richtung, an die Ihr
gerade am wenigstens dachtet.
Es wird wohl nicht ins Uferlose der Form hineinziehn und
Geistkonstruktionen werden der neuen Landschaft sehr fern sein, es wäre
blamabel, an solche Starre zu denken in sicher melodischerem Vogelgesang
der ersten Sekunden. Wirft Flake mir herüber, meine Temperamentsnovellen
liefen Gefahr, die große Oper des Heroischen zu werden, freut sich alles in
mir, ihm zu sagen, ich habe es vorgezogen, statt ein Gehirnzwitter immerhin
ein Kerl gewesen zu sein. Wie ich es mehr liebe, in der Mitte des Mahls
Beefsteaks vom Rost mit Blut und Kruste zu speisen als Zirbeldrüsen, in
denen, wenn ich nicht irre, der Sitz des Verstandes sein soll, und durch
deren Genuß wohl der Sinn für die Konjunkturen des literarischen Betriebes
geschärft wird, und sei es selbst in dem regenbogenhaften Ritt durch alle
geistigen Phasen und Stile, an dessen Ende der Elsässer Flake keineswegs
als der Pol der Epoche landet, sondern als die bewegliche und nicht ganz
stilreine Kuriosität eines »Kleists des Feuilletons«, der er immer schon
war. Hat die Zeit einmal im Abstrakten sich ausgeschweift und gesehen, daß
nur Hirnräuschlein aber keine durch Tod und Hölle sausenden Erschütterungen
zu holen sind, wird sie sehr bald in sanftere und geregeltere Beziehungen
zum Naturalistischen gehen. Sie werden dann nicht mehr unerhörte Abenteuer
erleben, nicht wie reißende Wölfe das Feminine im Vorwurf und Reiz
erstreben, sondern dem Seienden die Größe der Seele und die Souveränität
des Geistes wohl als milde Ausstrahlung hinzufügen. Ich zweifle nicht, daß
es so gehen wird. Vielleicht bleibt man aber auch wieder im Nazarenertum
stecken. Wer heut Kraft hat, wird auch weiter eine Sache sein, die man
zuerst behandelt, wie die Hunde mit Denkmalen tun und dann gewaltig
respektiert. Ob Ihr in Zukunft Kunst wie Erbsen au sucre oder à l'anglaise
anmacht, das Resultat wird letzten Endes dasselbe sein. Zeit fragt nicht,
wie die Schar der Gourmets nach den Mayonnaisen, sondern nach dem Fleisch.
Das ist ihr unbestreitbarer und unerschütterlicher Vorzug. Das alles liegt
noch in weiter Sicht und wird nur wie die äußersten Saiten birmanischer
Instrumente sozusagen als Untermelodie und pizzicato mit überspielt. Denn
vorderhand scheinen wir noch mitten in der Melodie zu sein, und noch hat
kein Abgesang begonnen einzufallen. Was Dadaisten heulen, ist nur Geschrei
der Unvorsichtigen und nicht aus Geist, sondern aus Dummheit Überkühnen,
die an den äußersten Rändern unseres Weltbildes sich die Finger
verbrannten. Anarchie ist nicht möglich in dieser Form und Zeit. Das
Mißverständnis und die Desavouierung kamen aus dem Erfolg und der modisch
gewordenen Haltung, als das Pendel durch die öffentliche Anerkennung
durchschwang, die im Grunde belanglos ist und in der Konsequenz gefährlich.
O Ihr Jungfrauen von Kötzschenbroda, Ulm und Gnesen, die Ihr statt
Schlummerrollen und Holzschnitzereien Eure unverstandene deutsche Schwermut
nun in abstrakten Landschaften und gedreieckten Visionen dem erschreckten
und ahnungslosen Publikum Eurer Heimat vorweist, wie sehr habt Ihr (wie die
meisten alle) mißverstanden, daß die Wölfe allein imstande sind, die
schlanke Geistesbeute zu fassen und zu zerreißen, und daß die Tauben und
die idyllischen Hühner, selbst wenn sie die tragischen Masken tragen,
unerbittlich an Girren und Scharren gebunden sind. Wer wähnte, die neue
Kunst sei modern und es sei nötig und guten Tones gewiß, sich mit
zeitgemäßem Badekostüm, Teekleid und Fingergestus auch dem Geistigen
bestimmt nun modisch anzuschließen, hat schlechte Börsentips des Geschmacks
getan. Modern ist bei Gott hier nicht die Spur -- was hier erstrebt ward,
war uralt. Modern ist allein und undeutsch auch nebenbei der Kitsch, den
die guten Schulen unseres Mittelalters und aller anständigen Vergangenheit
nicht kannten.
Eins jedenfalls ist sicher: die Generation ist ausgekernt. Überraschung
wird nur noch aus der Leistung kommen, nicht aus dem Affront. Die Redner,
Maler, Dichter, Regisseure, Plastiker dieser Jugend stehen in der Arbeit,
es ist wohl abgeschlossen, was hinter ihnen kommt.
Das Formale ist als Frage und Problem wohl erledigt. Nun kommt die stille
Arbeit. Ich bin für die Leistung. Aber ich bin gegen Expressionimus, der
heute Pfarrerstöchter und Fabrikantenfrauen zu Erbauung umkitzelt. Es hat
mich nie gereizt, eine Schar zu führen, die in geometrischen Orgien und
stilistischen Wettrennen auch nur erstrebenswerte Stationen der Kunst
erblickte. Ich erschauere über die nachgeplapperte Gebärde, deren
Sinnlosigkeit Brechreiz erregt. Ich bin dagegen, daß die siebentklassigen
Leute sich verdrehen, schöne Mädchen und zu anderen Hoffnungen durchaus
berechtigende Knaben sich ereifern, die Welt mit kosmischen Tapeten und
hysterischen Gedichten zu erfüllen, statt ein bescheideneres und
menschlicheres Dasein sich zu erwählen. Ich bin dagegen, daß die Programme
der Theater und der Kunstgewerbeschulen und der öffentlichen
Vergnügungshäuser schon allgemach beginnen, sich »steil ins Visionäre
aufzurecken«, und das die alternden Damen bereits nicht weit davon entfernt
scheinen, ägyptische Coiffuren den schlichten und sicher in ihrer
Unreizbarlichkeit gelasseneren aufgeklebten Teetassen vorzuziehen. Ich bin
voll Gram und Übelkeit über diese Dürre, diese Trockenheit, dieses
Mißverständnis eines Nachwuchses, der keiner ist, sondern ein Ameisenhaufen
von Ehrgeizigen, Affen und Modischen und Harlekins. Wahrlich, so setzt ein
Stil sich nicht durch, nie geschieht durch die kritiklose Aufnahme der
Idioten die Wandlung in schöpferische Breite. Glaubte ich nicht, daß,
nachdem (Lob, wenn es bald sich ereignet) die Allzuraschen das Geraffte
wieder treulos verworfen haben, glaubte ich nicht, daß gegen die Programme,
gegen die sie hilflos sind, die Sicheren und Aufrechten, dennoch, sich
wandelnd mit der Zeit und dem aufsteigenden Saft ihrer eigenen Reife, diese
Mischung von Glauben, Einfachheit und Stärke des Ausdrucks zum guten Ziel
breiten werden . . . ., müßte ich wirklich denken, dies Gewimmel von
Nichtsen und Nachbetern sei die »moderne Schule«, ich wüßte keinen anderen
Wunsch, als daß ich sekündlich bei aller meiner antimilitaristischen
Überzeugung bäte, irgend ein deutscher oder gallischer oder tonkinesischer
Kriegsgott mit aufgesteiltem Schnurrbart möge dies alles sporenklirrend in
die Welt-Latrinen tragen.
Jedenfalls hat das Volk wie das Blut den Bauchtanz der Stilaffereien satt.
Als ein Schiff namens Titanic auf einer Rekordfahrt im Frieden von
Neunzehnhundertzwölf oder Dreizehn sich an einem Eisberg zerschlug, damit
eine englische Linie schneller sei wie eine deutsche, hallte die Sensation
noch Monate in den Völkern Europas nach und die Konjunkturgerüsteten
verarbeiteten es, wie später den Krieg, zu Novelle, Film und Drama. So
begann es, aber niemand dachte bis zu den Wurzeln hinunter und fühlte, hier
steige der Riß auf im gottverdammten zivilisierten Jahrhundert, der bald
alles zerschmeiße. Man strafte nur Kapitän und vorgeschobene Laffen. Lloyd
strich die Versicherung ein. Niemand holte den Zeitgeist vor die Assisen
und strafte ihn mit dem Bann. Man hätte ihm damals schon das E. K. I und
die Légion d'honneur verleihen sollen, man wäre dann allgemein gefaßter auf
das Kommende gewesen. Es sind dann zuviel Schiffe gesunken, Städte
zerschossen, Millionen verreckt, Kaiser gewandert, Revolutionen
aufgeflackt, als daß irgendeine Sensation außer der des Messers direkt vor
der eigenen Kehle die Menschen noch erschütterte. Man will Ruhe. Vorderhand
betäubt man noch die Resignation. Auch der Expressionismus ist kein Stachel
mehr oder tiefer wie eine rothaarige Barmaid oder die erste englische nach
dem Kriege importierte Kokotte mit den neuesten Plissees am Nachtpyjama und
famosen Lastern in den Fingerspitzen. Ich fürchte, man wird sehr katholisch
werden oder sich süßgefälligem Klassizismus in die Hände werfen, hat man
erst an Tanzbarrikaden, Aufklärungsfilms, Bac . . . bac und Homosexualem
genug. Sie werden dann vielleicht auf nackten Sohlen zu Traktätchen
schliddern und nachts ihre Bonnen auf Filzsohlen besuchen oder ästhetisch
werden mit jenem Oberflächenschleim, der alle Unkultur zudeckt. Sie haben
dann vielleicht Krausen um die Hälse und Filetmanschetten und mehr Zeit,
die Nägel zu polieren als auch in das Gekröse der Zeit zu schauen und
Blutdampf der Schlächtereien zu ertragen. Ihnen wird ein Weltbild
pastelliert wie eine gebügelte Omelette serviert. Wahrscheinlich wird ihr
Anzug auch farbiger sein wie der unsere, wahrscheinlich phantastischer und
nicht so idiotisch beschränkt. Das wird ihr wesentliches Plus sein. Uns
werden sie als Drecksäcke bestaunen, weil sie sich in Parfümwolken
geflüchtet haben. Die Armen werden nicht wissen, daß, neben anderem, wir
auch das kannten und, hols der Teufel, die Höhen des Daseins abgelaufen
haben wie irgendeiner. Sie haben seinerzeit unter Paul Heyse auch Büchner
und Shakespeare wie zusammengeschossene Kuriositäten sich lachend und
fröstelnd vorgesetzt, als sie in einer dünnen und lächerlichen Lyrikwolke
saßen und, wie immer dieselben, glaubten, ein barbarisches Erdgelächter und
die Dicke und Fülle seien Ungeschmack. Ich hoffe, diese Perspektive wird
unter den vielen Perspektiven die des falschen Traums gewesen sein. Es wäre
zu lächerlich und beschämender als ein Bankerott. Auch ist es wurscht. Man
tut das seinige. Mehr ist uns nicht zugeschrieben in dieser übel begrenzten
Welt.
Irgendwie hat Kunst eine tiefere Aufgabe als nur ihrer augenblicklichen
Zuhörerschaft etwas zu kitzeln. Sie bedeutet heut ein klein wenig Niveau.
Endlich eine Anschwemmung von Festland im Morast. So und nicht anders
beginnt der Weg zur Kultur und zu den menschheitlichen Aufgaben. Etwas
neues ist in unseren Tagen in die Welt getreten und zum ersten Mal zeigen
sich Bodensätze, auf denen nach anderen Grundrissen als seither das Gebäude
der Erdbewohner gemacht werden kann. Die Dichtung hat diesem oft und früh
Ausdruck gegeben, vieles präpariert, manches schon geschaffen. Aber es ist
noch ein Molekül. Es fehlt noch das Zusammen- und Ineinanderschweifen der
Stile, Geister, Kunst, Gefühle zu einer Zeitharmonie, die tatsächlich von
Haus bis Bordell, Glück, Ehe, Krieg, sozialen Gleichheiten einen Raum wie
eine Glaskugel so glatt und selbstverständlich baute. Wichtiger als das
Drama scheint in der Dichtung Prosa und Lyrik. Ohne Strindberg, Wedekind,
Claudel ist die heutige Schaubühne undenkbar, ja fast alles heutige ist in
ihnen schon erfüllt. Merkwürdigerweise haben sie die Prosa gar nicht
beeinflußt im Kern. In einer absolut neuen und vornehmen Formgebung scheint
sich in ihr die Vereinigung slawischen und romanischen Geistes zu
vollziehen. Dies ist eine große und praktische europäische Aufgabe. Alles
Große ist ja von Urgrund an verbunden, die Themen jeder bedeutenden Kunst
sind die gleichen, nie siegte die Gewalt, durch Leid erklomm Mensch und
Kreatur erst sich selbst und Seligkeit. Das Europäische steht sich noch
näher, denn, so sehr wir natürlich modern sind, sind wir doch Kinder
Flauberts und Jammes und Voltaires, und auf der anderen Seite waren die
Russen auch vor uns da. Nirgends scheint mir das so gesammelt wie in
unseren Prosabüchern. Die letzten Resultate stehen noch aus. Vorderhand ist
alles noch zerrissen. Schlössen sich die Kulturansätze dichter zum Kern hin
und ginge ein überlegenes Gouvernement vor und plättete die Ansammlungen um
einige Kulturzentren besser auseinander, käme es auch mehr ins Breite. Da
der Krieg die ethische Seite zum Zerplatzen anzog, kam gute Dichtung
ziemlich in die Massen. Tatsächlich brauchts aber Nivellierung, denn die
großen Außenseiter machen das Niveau nicht, sondern machen nur die Distanz
zu den kleinen deutlicher und die Zerrissenheit größer. Vorderhand
vollzieht sich der Blutausguß immer noch in zwei bis drei Zentren, und die
Theater, sehr überholte und, Parlamenten gleich, nachhinkende Instrumente
sind doch ganz einem Kreis von Kapitalisten, Snobs, Begeisterten und
Modisten ausgelieferte Tribünen. Die Masse, das Proletariat zumal, wird
überhaupt nicht erreicht. Nicht so wichtig ist, daß eine der Zeit
entsprechende Kunst da ist, als daß die Menschen davon erreicht werden.
Noch sitzt nicht in jedem Nest ein aufs Gute kontrollierter Buchladen,
marschieren Gemäldeausstellungen in die Gebirgstäler, spielen die
Kinosterne Hella Moja und Fern Andra wichtige und menschliche Stücke auf
jener Flimmerleinwand, die heute der fabelhafteste Schuß ins Volksherz ist,
surren gute Vorstellungen durch Vorstadt und Bergwerk. Die Sache ist
schiefgewickelt. Was auf dem Großen Bären passiert, ist mir an Europa und
vorderhand durch die Valuta an Deutschland geschmiedeten, ganz pulde. Für
den Marburger ist München gleich Mond, Berlin dem Rosenheimer schon Sirius.
In Roßdorf und Pöcking ist selbst der Name dieses Gestirns noch unbekannt.
Es gibt Architekten, aber kein Baugeld. Für Plastiker keine Säle. Für die
Ergriffenen nichts, was statt der gotischen Kirche aus dem Boden wüchse und
unsere Zeit als Denkmal über den Erdrücken hin in die Unsterblichkeit
trüge. Einheit ist noch sehr fern. Das Expressionistische scheint in der
Vielheit seiner Aufgaben und der Flamme, die es aus dem Bündel holte, ein
entschiedener und entschlossener Ansatz, vielleicht nur eine Vorbereitung,
damit es dazu komme, daß Seele, Raum, Umgebung, Leben zusammenfließe zur
Einheit. Als der Akademiker Annibale Carracci die Galerie Farnese anfing,
malte er die Decke, komponierte die Gewölbe und entwarf sogar, dieses
cervello grande, wie der Cavaliere Bernini ihn nannte, Hermen und Ornamente
nach den Gesichtspunkten originaler Perspektiven. Und dies war nur das
Barock. Daniele da Volterra (mag er heutigen tausendmal ein Troddel
scheinen) fragte Michelangelo um Rat wegen Architektur, und der große
Bildhauer machte bedeutende Verse. Es gab in bedeutenden Höheerscheinungen
der seitherigen Welt manchmal wunderbare Durchdringungen des Geistsaftes
aus allen Lagern und Poren.
Dazu muß beim Menschen angefangen werden. Das Politische muß sich
auslavieren. Die Revolution ist nicht tief in die Stollen vorgedrungen, hat
aber immerhin eine Anzahl Bollwerke erobert und halten können. Die Reaktion
ist kühn auf dem Marsch, die Parlamente begannen ihr ausgequietschtes
Scharnierspiel wieder zu schaukeln. In Spanien folgte eine Zeit lang in
Monatsabständen ein konservatives immer auf ein liberales Kabinett. So
annullierten sie stets das vorher Verfügte. Ähnlich wird man sich wieder
die Wage halten, ein unfruchtbares Schaffen wird demokratisch genannt
werden. So ließen immer die Völker ihre Rücken biegen und solange sich zu
Exerzierfeldern benutzen, bis zu übermütige Belastungsproben ihren Unwillen
erregten. Dann ließen sie die Minen springen. Der geheime Zündstoff ist nie
verloren gegangen. Ihn heißt es hüten als gutes Feuer und Signal, man muß
ihn zum ersten Mal verständnisvoll anlegen lassen, damit eine künftige
Revolution endlich einmal zur rechten Stunde und nicht als Ente kracht, daß
sie am rechten Platz und nicht aus zufälligen Vesuven steigt und daß vor
allem Menschen da sind, die nicht von ihr bleich gegen die Wände gefeuert,
sondern grüßend dastehn und sie heimholen als die große Meerentstiegene.
Einmal muß der wilde Bulle einen endgültigen und vorzüglichen Sprung tun.
Man soll heftig dabei bleiben und vor allem, was an Tradition da war, nicht
vergessen. Das ist Besitz und nicht Belastung, wie die Futuristen meinten,
man muß eben nur zu entwickeln verstehen. Das Miese auf den Mist. Das
Erhaltene aber in den Humus. Gibt es zwischen Kerr und Fontane noch keine
Bindung, muß man sie erkennen und von dort aus Enterhaken ins Zukünftige
werfen. So ist schon eine Kette da, Stationen warten, sind hergerichtet, es
ist vorbereitet dies und das. So kommt man immer aufs Wesentliche. Das
andere muß liegen bleiben bei Seite oder als Dung, wie es sich eignet.
Talente genügen nicht mehr. Verantwortungen müssen da sein. Auch der Hecht
ist wichtig, als Raubtier hat er Adel und Aufgabe. Auch unerbittliche
Verneinung ist Liebe in diesem Sinn. Aber im Guten auch muß die Absicht
moralisch sein, nicht nur bon sens. Standhaftigkeit und Urbanität. Kein
Krähwinkel der Eitelkeiten. So kommt Höherzüchten, Besinnung, Sachlichkeit.
Kommt zwischen Peitschenknall der Hirten und hörnerblasenden Engeln ein
neues Tagen. Ein Novum ist in die Welt getreten, viele haben es verspürt,
die meisten vergessen. Der Wille zur Einheitlichkeit der Handlung und des
Zueinanderwollens hat sich in die Seelen der Völker festgesetzt immerhin.
Man soll die Zahl der Entschlossenen nicht überschätzen. Aber das Buch ist
eine adlige und gute Angriffstruppe. Zwar haben sie auch Voltaire und
Platon gelesen, aber sie haben es auch nicht vergessen. Vorderhand ist
unsere Zeit noch barock. Eine Rampe ist nicht vorhanden, nur für wenige,
die es hören können, hat das große Schauspiel auf einer geheimen Bühne
angefangen, und die unsichtbaren Schlachten und Donner und
Verschwiegenheiten der Dialoge und Handlung haben begonnen. Die anderen
aber sind auf ihren Stühlen geblieben und haben nichts vernommen. Orbis
pictus nannten die Guten früher, was an Welt sie schilderten. Welttheater.
Sie sind heute mit unendlicher Dummheit geschlagen, weil sie nicht zur
Bühne hinschauen, aber auch nicht spüren, daß statt dort in allen Logen von
ihnen selbst ein irres Drama gespielt wird. Nirgends spiegelt sich die Welt
wie in uns.
O Deutschland.
Vor vier Jahren, als es begann, Euch kratzig zu gehen, besannet Ihr Euch
auf Euren Chauvinismus und nanntet uralt lothringische Nester in Eure Zunge
zurück: Mein Metzer Weinnest Siy zu Sigach, Flaucourt zu Flodoaldshofen.
Selbst Jouy-aux-Arches, statt seine bochische Herbheit zu lieben, machten
sie zu Gaudach, indem sie der römischen Silbe den ersten Wehruf ihrer
Verderbnis folgen ließen. Heut machen sie drüben aus Bismarckstraßen die
Avenue Foch und aus der Vogesenstraße Straßburgs den Boulevard Clemenceau.
Ludendorff begibt sich in die Versammlungen deutscher Burschenschafter und
ernennt sie zu Trägern des Vermittlungsgedankens zwischen Arbeitern und
Fettbäuchen und nimmt das irrsinnige Jubelgeheul als Honorierung für die
Einheizung des monarchischen Gedankens. Die Flieger waren im Krieg
Feuilletonisten geworden, ich hatte es nicht geahnt, als ich Lambert auf
dem Marsfeld als einer der ersten Passagiere begleitete. Sie rochen damals
noch nach Benzin und waren zwar herrlicher aber fast so ungeistig wie die
Reporter des Matin, die sie interviewten. Aber gefallene Generäle haben von
Würde so wenig Ahnung wie die Bankerts aus Pudel und Dachs. In Garmisch
segnet Henny Porten die Loisacher und Werdenfelser, die ausmarschieren,
München von den Räten zu befreien. In Tegernsee dürfen Damen und Herren
selbst in keuschesten Anzügen nicht zusammen am Seestrand baden. Fährt
meine Jolle zwei Meter weiter im Bodensee, René Schickele auf der anderen
Seeseite zu sehen, erschießen mich schweizerische Bleie, da das Wasser hier
schnell und deutlich andere Territorialität annimmt, ohne im mindesten an
Nässe und Grün und chemischer Substanz zu verlieren. In München zeigt man
Cook-Reisenden verrostete Stacheldrähte an der Vier-Jahreszeiten-Bar aus
den Apriltagen Neunzehnhundertneunzehn, und während den Lemberger und
Darmstädter Spießer es im Fette gruselt, erschießen sie Leviné an der
Gefängnismauer im Auftrag einer sozialistischen Regierung. In Passau ist
ein Markt von elfenbeinernen Rokokoöfen, der Ausverkauf der Schlösser
beginnt. Flieger schaffen Perlen nach Trelleborg, und Luzern überfüttern
sie mit Gold und Banknoten. In Mainz ist das Fest des vierzehnten Juli
prächtig verlaufen, in Galauniform hat General Mangin eine Rede auf der
illuminierten Mainbrücke gehalten. Es sei besser, man mauschle und schiele
mit den Füßen, schöbe und habe Geld, statt zu versuchen, geistreich zu sein
und keines zu haben, denkt einer im steifen Hut im Wartesaal, wo Dichter
schwärmen zwischen zwei Zügen. Ebert spricht von Schiller und Goethe in
Weimar, während die eigentlichen politischen Leidenschaften des Volkes die
Schienen um ihn und seine Nationalversammlung aufreißen. Man schraubt
Preise und Geist. Einen millionenschweren Dichter verhaften die Weißen
Garden in München, weil er (Gelächter der Literaten) im Besitz der zahmsten
Zeitschrift, Bies Neuer Rundschau, war. In Darmstadt ist aus dem
weltberühmten Exerzierplatz ein Negerdorf für Kinoaufnahmen geworden, Noske
schrie beim Besuch die Minister an, weil keine Generäle da waren. Doch sind
die Hessen Pazifisten, blind und kriegerisch nur in der Etappe. Später
veröffentlichte man das Menu in den Zeitungen, es fand sich, daß es nicht
karg war, und die Konservativen feixten. Die Sozis waren aber böse, weil
das Ernährungsportefeuille ihnen von den Agrariern wie eine Gipsstukkatur
abgerannt wurde. In Moskau hält man aber die Bauern für die Stützen der
bolschewistischen Idee. Die Bürger schreiben in ihren Gazetten, taucht
irgendein neuer Revolutionär auf, sofort, er sei lungenkrank und
geistesgestört, eh sie seinen Namen wissen. Später fügen sie hinzu, er habe
siebenjährig sein Wasser ins Bett abgeschlagen und vierzehnlenzig auf
Karneval vor Generälen gescheut, was Anomalie sei. Die im Land irrenden
gehetzten Kommunisten wollen die Bürgergarde zum Äckerdung. Die im November
Neunzehn kalkig und kindsfromm verschwanden, pauken wieder auf Bauch und
Blasbalg die nationalistische Phrase. Von Fähnrichs werden nicht grüßende
Matrosen erschossen. Bald wird es so kommen wie in Wien, wo
achtzehnhundertvier, wie Benjamin Constant nebenbei anmerkt, ein
fünfundzwanzigjähriger Mann gehängt wurde, weil er ein Gedicht zum Lobe der
Revolution geschrieben habe. Otto Flake biegt seinen Kriegsnovellen die
Knospen ab, schraffiert sie, läßt Kommas und Artikel beiseite und schreibt
damit einen pazifistischen (klugen) Roman und nennt ihn Revolution der
Prosa. Als mein Freund Colin als erster Franzose und europäischer
Generalsekretär der »Clarté« zuerst in Deutschland als mein Gast in
Darmstadt sprach nach dem Kriege, sangen draußen zum Protest gegen die
Menschlichkeit die Helden des »Mückebundes«, Gymnasiasten und kassierte
Leutnants mit entblößten Häuptern im strömenden Regen die Wacht am Rhein,
bis die Sturmtrupps der U. S. P. und der S. P. D. sie gemeinsam in
unsterbliche Prügel zogen. Ich werde paßkontrolliert, wenn ich von
Darmstadt nach Frankfurt fahre, und als gesinnungstüchtige Besitzer von
Lastautos die wachstehenden Franzosen dreiviertel Jahr nach der Beendigung
des Krieges mit herausgestreckter Zunge im Vorbeifahren grüßten, schloß
Herr Foch wegen dieser Beleidigung seiner Armee die Bahnen, und die Fahrten
gingen gegen unendlichen Wucher in den Autokähnen der Arrangeure durch
internationale Staubwolken aufs feurigste vor sich. Aus dem
Festungsgefängnis Eichstädt schrieb der Führer der roten Münchener Armee,
Ernst Toller: »Ich habe Ihren Prinz gelesen, es durchfuhr mich so vor Lust
nach dem Dasein und der Fülle des Lebens, daß ich mit den Fäusten gegen die
Wand trommelte, und mein Gefängnisnachbar, der mein Blut fühlte, trommelte
wieder. Wir erinnerten uns und bewiesen uns unser Dasein.« Die Glasbilder
und Bauernmöbel im bayrischen Gebirge sind ausverkauft. Einmal wird man
auch energisch der Wohnungsnot steuern. In Fiume sitzt d'Annunzio, während
hinter seinen annexionistischen Freischaren hundertzwanzig Sozialisten ins
Parlament gewählt werden. In Japan war, wie »Nieuwe Rotterdamske Courant«
schreibt, ein Zyklon. In Brüssel verliert der Direktor des Blattes »L'Art
libre« seine Museumsposten, da er, um ein wenig Belgien vor der
Gerechtigkeit zu schützen, gegen den Versailler Vertrag protestierte, und
die »Ligue du Souvenir« schwärmt in der Ablösung der deutschen
Kriegervereine. Warum ist Hindenburg nicht in einem friedlichen Zeitalter
Schalterbeamter in Oberau geworden? Tirpitz als Reichskanzler verfolgt als
Traum das Hirn und die Nacht eines Dragonerrittmeisters. Immer wühlen,
trotzdem wir kaum japsen können, junge Offiziersknaben für
frisch-fröhlichen Krieg. Die Adlerwerke arbeiten nur noch zwei Stunden. Die
Wirtschaft ächzt in verstopfte Ohren. Bald wird die Kriegsanleihe auf 25
gesetzt werden. Treffen Bekannte sich, reden sie zuerst, wie sie Steuern
defraudieren. Die Katastrophenhausse in Wertpapieren hat begonnen. Es ist
wenig Holz, keine Kohle vorhanden. Die Bergwerke sind nicht verstaatlicht.
Die Lokomotiven durch die Kriegsrekorde ruiniert, Es wird ein kalter Winter
werden.
Deutschland.
Deine wenigen Getreuen in dir selbst haben dich nie verlassen und sind
nicht mutlos genug, trotz aller Katastrophen und aller Unzucht an deinem
schönen Leib die Größe deiner Wälder und Sagen und die Berge mit den guten
Namen, die weiten Kornfelder und die Flüsse mit wandelndem blauen Wasser
und über ihnen deine große und schöne Mission zu vergessen. Deine Menschen
haben aus der Revolution noch weniger gelernt wie aus dem Krieg, und die
Pleite einer geistigen Verwüstung sondergleichen an dich herangetragen. Ihr
Pazifismus ist nur eine Taktik, mit der sie losgerissene und früher
geraubte Stücke des Besitzes deines Landes wieder erluchsen wollen. Als man
Schlagworte in die Volksmasse streute, fachte die Dummheit der
chauvinistischen Leidenschaft dich wieder zu so tragikomischer Größe, daß
man verzweifeln könnte, hätte man es nicht lange verlernt. Wer die
Verschickung belgischer Arbeiter mit tausendfachem Menschenmassaker freudig
lobte und gern dafür sprach, russische Kriegsgefangene jahrelang nach
Friedensschluß ihre Güter bewirtschaften zu lassen, heult nun mit
ethisch-roten hektischen Köpfen gegen die Zurückhaltung der deutschen
Gefangenen, was eine Schweinerei, aber nach dem Paragraphen der Abmachungen
präzisestes Recht ist. Und die Krüppel der Zeit, die kaum Überzeugten gegen
das Regime seither, heulen, schreien mit. Die Revolution haben sie zu
Lohnschrauben verhandelt, auf den Straßen liegt sie wie eine alte Sau. Die
Idee hat sich auf einige Köpfe zurückgezogen. In Wirklichkeit blieb nichts,
was wir hofften. Die Schulen hängen Kaiserbilder auf. Die Universitäten
sind Fischkästen der Reaktion. Die ganze Jugend haben sie nicht gewonnen,
ist verloren. Alles aus der Hand gleiten lassen, das das Volk für ihre Idee
gewinnen konnte. Ein Unteroffiziersverstand grenzenloser Nachlässigkeit hat
die Macht an sich gerissen, aber die Instinkte waren zu hündisch, als daß
er die Fülle und Größe der Aufgabe nur in ihrer Ahnung begriffe. Die Musen
lieben zu scherzen und tragen manchmal statt des marmornen Ernstes der
erfrorenen Züge kleine Larven und Tamburine. Der Geist steht abseits,
enttäuscht, diesem Staat zorniger noch gegenüber wie dem vorherigen. Die
Methoden sind nur verschärft und vergröbert herübergerutscht. Verbote,
Erschießungen, Mord, Zensur bläken mit vergällterer Grimasse. Die Jugend
wendet sich langsam ab, verläßt die Feuer und geht mit Wandermienen und
schlankem Schritt in die Wälder und die langentbehrten Berge, die mit
entschlossenem und Irdischem abgewendeten Gesicht ihre ewigere Mission
tragen. Es mußte ein royalistischer Aristokrat der französischen Armee
sein, der lächelnd sagte, dies sei wohl ein Plunder, eine Farce, die Tat
eines Coviello, vom Geist eines Molièreschen Dieners entzündet, was sie in
Deutschland als Revolution entfachten. Wir verstanden uns sehr gut. Hätte
er das Wort Cambronnes hinzugefügt, was er vermied, ich hätte ihm nichts
entgegnen können. Er hatte den Mut und die Überzeugung, so zu reden, da er
wußte, daß in Paris zur Stunde des Petardeschlages andere innere Gewalt und
andere Abrechnung und Konsequenz gegen seine Schicht aufschlagen werde, und
kein Chiaroscuro, sondern nackte fleischhelle Klarheit streng und
vorbereitet in die Zukunft falle.
Die Menschen versagten.
Auf Barrikaden, in Büros, im Bergwerk, in öffentlichen Ämtern, an grünen
Tischen. In Syndikaten, Bürgermeistereien, Freikorps, Räten, Versammlungen,
im Herzen, im Mund, im Hirn. Die oberen, die unten, die von der Mitte. Die
Kühnsten waren ohne Hilfe. Die Auserwählten hatten keine Vorbereitung. In
der Verwirrung zertraten sie eine der schönsten Frauen, aber da sie
unsterblich war, verließ sie diesen Ort der Scham und der Dummheit. Als
einige später Versäumtes, Zerstörtes, als sie der kalten Pleite ins Gesicht
schlugen, erkannten sie, daß es die Freiheit war, die sie geschändet und
daß für lange Zeit sie wie Entmannte nun verflucht und zerknüttelt leben
müßten. Einige schossen sich kaputt, andere gingen hin und beschlossen
hingebender und entschlossener dem Ziel zu leben.
Das Karussell rast weiter, schaukelt, knallt. Manchmal fliegt es wie ein
Ballon durch den erhellten Abendhimmel.
Einer, von dem sie sagten, er sei ein Eingeweihter, verriet mir, es werde
nach Art lenkbarer Luftschiffe gesteuert und nur von Wahnsinnigen bedient,
damit sie das übernatürliche Tempo halten könnten. Aber ein Italiener
gestand, von Fiesole her sehe es aus schon wie eine Seifenblase, die an
ihrer Gelbheit bald in den Äther platze.
In Wiesbaden fahren auf der Ludwigsstraße amerikanische Kapitäne in einem
Auto mit nackten Weibern die Treppen des Glashotels hinauf und zahlen,
unten wieder, hunderttausend Mark für zertrümmerte Spiegel. Im Baltikum
wird der deutsche Kriegssekt kalt gehalten, damit er mit krachendem
Pfropfen am Kaisertage der Reaktion phönixgleich steige. In Düsseldorf
verhöhnen bei Jahrhundertfeiern der Akademie die Expressionisten sich
selbst, der sozialistische Kultusminister Hänisch bedauert, keine Orden
mitbringen zu können. Trotzky hat in seiner roten Armee die
Tapferkeitsmedaillen wieder eingeführt. In Baden-Baden reisen frühere
Generäle zu und übernehmen die Organisation neuer Spielbanken. In Hessen
hat eine Militärvolkshochschule sich geöffnet. Wer Revolutionäre erschlägt,
wird finanziert und geehrt. Wer einen Bürger meuchelt, wird erschossen. In
Breslau sitzt einer, führt meinen Namen, sagt, er sei ich, wer ist der
echte? Selbst die schlechtesten Künstler fliehen aus den Künstlerräten. Die
Leiter der Schauspieler-Demokratien legen allgemach die Ämter nieder, der
Spielplan saust zu Kitsch zurück, die Erhebung ebbt ab, sobald, wo nur die
gerechte Diktatur des großen Könners helfen kann, die Imbezilen,
Talentlosen und Abortfrauen mit dem Stimmzettel in der Hand die Führer und
die geistigen Spielwerte küren. In Kelsterbach ist ein Meteor
niedergegangen, er wird wohl wissen, warum er sich die alte
Porzellanmanufaktur ausgesucht hat. In Berlin ist ein Fall Hiller
ausgebrochen, wie die »Frankfurter Zeitung« sich drahten läßt. Aber es war
eine Täuschung. Die Aktivisten haben immer noch keine Menschen gefischt und
mit sich im Sturm vorgetragen, es handelt sich nur um einen Oberleutnant
und Soldatenmißhandlung. »Gib ihm einen Tritt vor den Hintern, daß er
verreckt«, sagte der Offizier, als in der Latrine der Soldat immer noch
nicht sterben wollte. Im November lag schon Schnee heuer und machte eine
unwahrscheinliche Weihnacht. Himmel und Bäume blühten auf, glashell und
zärtlich wogten die Büsche gegen den Seelenhimmel.
Das Paradies schien gekommen. Am einunddreißigsten Dezember des Jahres
Neunzehn, wo einen Strich zu machen, Summen zu schließen und Bilanz zu
ziehen es heißt, schwört ein kleiner Korrespondent des Petit Parisien mir
gegenüber, der mich ausfragt, sein Blatt sei ein liberales und humanitäres
Papier. Wieviel haben die Kelten von den Preußen gelernt, daß sie selbst
dem Übermaß des Hasses erlagen, als sie sich anschickten, aus der
Gerechtigkeit her ihn zu besiegen. Die Buchhändler verdienen sechzig
Prozent am Exemplar, die Dichter bestenfalls zwanzig. Es ist die Zeit, den
Ambitionen des Esprits zu entsagen und in Bankhäusern und Betrieben ein
genügsames Einkommen zu haben für alle, die nicht Kraft und Glück haben,
auf breiten Wellen zu schwingen. Selbst die Homosexualen seufzen, daß ihnen
die Novemberrevolte nicht einmal die Aufhebung ihres Paragraphen gebracht.
Die Theater sind gehemmt, verwüstet. Die Zirkusse kommen sehr selten. Die
Arbeiterschaft verlangt als Revolutionsfeier den Freischütz. Die
konservative Presse wird täglich, wo sie sich in Opposition gesetzt sieht,
besser. Die Beamtenkliquen schieben weiter wie gewohnt. Die Neuen
Machthaber desgleichen. Beide schwer entrüstet. Die Preise gehen wie
Kinderdrachen hoch. Das Ausland hermetisch geschlossen. Das Proletariat
verliert seine revolutionären Spannungen. Die Geistigen in holdem Wahnsinn.
In Ingelheim in der Pfalz wurden Zwillinge geboren, deren eines
tonkinesische, das andere afrikanische Züge aufwies. Die Mutter war blond,
blaue Augen. Vielleicht wird hier die neue Weltrasse gezüchtet.
O Europa.
Im Schloßgrün Borgebys geht in Småland mein Freund, der nordische Dionysos,
Ernst Norlind, durch den Park, steigt in den Wagen, die Hengste traben ihn
durchs flache Land bis an die Nordsee. Schief links liegt Petersburg,
rechts hinüber Rügen. Er liegt auf dem Rücken im weißen Sand Bjerreds, der
Ostwind trägt ihm die Spiegelung der Blausee mit allen zartflimmernden
Segeln wundervoll ins Gesicht. Er denkt, wie schön dies Dasein. Fühlt: wie
herrlich der Tag, die herunterfallende Welt. Adler und Krähen, die im Wind
immer jagen. Auch silberne Fische springen zierlich, fein, voll Freude das
Dasein. Vierzehnjährige Mädchen tanzen nackt auf der Klippe. Das
Allströmende hat ihn aufgesaugt. Alles andere kümmert ihn einen Dreck. Kein
Brief, kein Schrei würde ihn stören. Eine schöne Frau, die jeder gern
hätte, im malayischen Archipel, auf Tubuai, die lacht, Netze flickt, Obst
aufbeißt, weiß keine meiner Sorgen. Wie arm sind wir letztendig mit unseren
Schmerzen. Vor einem Sonnengewitter vor den Klippen Bodös auf dem glatten
Bauch des Meeres und dem Nordseestahlhimmel versaust unsere menschliche
Kleinheit wie ein Makrelenschwanz. Selbst die Lieblinge des
Schöpfungstages, die großen und rosaschlanken Flamingos wissen nicht, wenn
sie in den Gärten des Jardins des Plantes, in Frankfurts Zoo, am
Stockholmer Skansen an ihren Teichen träumen, wie die Welt des Geistes
trotzdem wie Wasser in die Mühlenräder fällt.
Aber dennoch.
Europa.
Sie haben selbst vor dem erschütterndsten Anblick deinen Bau nicht
vergessen. Als sie die Erde schwängerten, hat ihr Leib gezittert eine
Sekunde. Das Herz blieb stehen und zuckte. Nie ist das Beben aus der
Erinnerung geschwunden. Schon haben heiße Blutströme begonnen, den Körper
bis in die Poren der Haut zu durchlaufen. Einmal hat sich der schöne und
große Muskel des Bauches schon stärker gehoben. Junge Leute stehen im Kreis
und rufen sich Losungen zu.