Lieber Herr Staatspräsident, Sie sind alt, temperamentvoll und klug. Sie
wissen wie ich: eine Soldatenrevolte, ein verlorener Krieg, das ist noch
nicht Revolution. Sie haben in einem kleinen Staat die Macht an sich
genommen. Ich heiße sein Bestehen gut, es soll nicht alles Deutsche ins
Preußische gefalzt werden, und ehe nicht die Lust zur Einheit aus innerer
Kraft zur Einheit kommt, ziehe ich die Reibungskoeffizienten der bunten
Landkarte vor. Es ist ja im Grund ohne Bedeutung und nur formal. Das
geographisch kleine Maß macht keine Verringerung des Anspruchs. Keine Tat
wuchs in der brennenden Stunde auch aus kleinstem Ausmaß, ohne sofort
symbolisch zu werden. Ihre Verantwortung, auf die ich Sie festnagle, liegt
in Ihrer Erstmaligkeit. Was Sie tun, ist wichtiger als Handlungen derer
nach Ihnen. Haufen Dinge warten auf Sie. Sie werden sie tun. Aber es wäre
entsetzlich, wenn es die falschen wären, die unwichtigen, die von
Hundsfötten und Irren die praktischen genannt werden. Was Sie heut
versäumen, holen Sie, holt keiner nach Ihnen ein.
Es ist unwichtig, verbrecherisch und fatale Klugheit, wenn Ihre Umgebung,
die Parteifunktionäre, die Sie bearbeiten, Ihnen vorkauen, es sei
notwendigstes Gebot, Wahlgesetze zu entwerfen, ein Parlament einzuberufen,
mit liberalen Bürgerparteien zu schachern, links und rechts zu lauern,
welchen Kurs der November weiterhin nimmt. Es ist lachhaft, zu denken, wie
Sie die bourgeoisen Beamten im Zartgefühl schonen, von der Front
zurückflutende Truppen schwarz-weiß-rot empfangen, den Soldatenrat langsam
kastrieren und die Finanzräte der Kriegsanleiheanimierung das tolle Wort
führen lassen. Kunst und Macht der Betriebe schnurren wie Gummi langsam in
die zitternden Hände der Bäuche und Provinzheroen zurück. Die Jugend und
die Entflammten der Revolution staunen mit erwartungsvollen Augen nach
Ihrem Haus. Sie verstehen nicht, daß nun nichts anderes komme als
Kartoffelsorgen und die Verfügung gegen Unabhängige und als liberales
Geschenk die Aufhebung der Bezugscheine. Man kümmert sich den Buckel darum.
Das ist ein Bluff, ist nichts.
Diese Stunde leuchtet nur einmal im Jahrhundert. Was Sie vor »realen
Tatsachen« heut nicht sehen, geht an Ihnen vorbei in den Abgrund. Es ist
das Wertvollste. Später erschlägt es Sie und die Ihren, wenn die anderen
das irgendwo umherirrende Tier eingefangen haben und gegen sie geritten.
Greifen Sie der Stunde an die Gurgel, vergewaltigen Sie sie vor Freude
unsinnig, sie wird schön zu ihnen herüberkommen. Noch ist Zeit. Verfallen
Sie nicht dem Irrtum, daß Sie hier ständen, sei die Folge der schießenden
Soldaten, der Hanswurstiade von neulich nachts, der Organisation Ihrer
Partei. Ahnungslose. Nur die treibende Kraft nach Freiheit und
Gerechtigkeit (wovon Sozialisierung ein geringer kleiner Teil, nicht der
obere, wie Sie glauben), das allein feuerte Sie hoch. Nun halten Sie nicht.
Es genügt nicht, daß Sie die Macht haben. Festigen Sie sie. Gründen Sie
sie, indem sie die Sockel aufstellen, die sie erhalten, legen Sie weiten
Blickes die Fundamente zu ihrer schöpferischen Existenz. Denn wenn nicht
der Geist, der seither unterdrückt war, nebenan stand und verdammen mußte,
wenn der nicht weiterhin hineinspült in Ihr Werk, wird es austrocknen,
verdorren, die Häscher werden es zusammenhauen, sobald sie sich von ihrem
Choc erholt. Wir brauchen keine Rücksichten aufeinander zu nehmen. Sie sind
durch Ihr Alter sehr klug geworden, sehr berechnend, ich fürchte: nicht
weise. Sie ironisieren, wenn ich sage, der Geist. Man hat seither in der
Politik diesen Zähler nicht gekannt. Mit Schachspiel führen Sie die
Menschen nicht in die Seligkeit. Nur mit Bekenntnis und Tapferkeit. Auch
das ist Ihnen juvenil. Sie wissen, daß ich meine Ziele sehr weit hinter den
Realitäten aufstelle, aber daß ich die Gegenstände, die ich will, enorm
ramponiere. Reden wir taktisch.
Jean Baptiste Colbert begann die Aufforstung Frankreichs, da er kein Holz
hatte, um zum großen Ruhm des absolutistischen Königreichs, das er schuf,
eine Flotte zu kreieren. Der größte Künstler der Welt riet Ludwig dem
Vierzehnten, die Porzellanmanufakturen auszubauen, denn nichts trage den
Namen des Königs so weit in die anderen Erdstriche. Man tat das Gute aus
Instinkt für eine nebensächliche und schlechte Wirkung. Tun Sie es der
Sache und der guten Tat selber halber, wie die Franzosen nach ihren
Revolutionen sofort den Geist zu sich rissen, damit entflammten, wie Lenin
durch von Kandinsky gemalte Kilometerstraßen seine Triumphzüge der größten
und bedeutendsten Revolution der Geschichte ziehen ließ. Kuppelten sie
früher die schöpferischen und inneren Kräfte des Volks an zackige Kronen,
war es meistens Notzucht. Sie aber stehen heut zwischen den Lagern, können
ins freiere, immerhin revolutionierte Volk Ströme gleichen Sinnes fallen
lassen. Sie brauchen nur den Hebel zu drehen. Dann wird keiner Sie
vergessen.
Nichts gibt mehr Überzeugung wie das Existierende. Und heute haben Sie noch
die Macht, um die ich Sie grenzenlos beneide, das Schlechte auszuscheiden
und aus dem Fließenden das Neue zu gestalten, schöpferisch in der Politik,
wie kaum einer unserer größten Ahnen in der Kunst es vermochte. Dies Volk
der Sklaven und des ewig untertänigen Verstandes hat zum ersten Mal den Mut
gehabt, sich zu befreien. Werfen Sie ihm Notringe, Schwimmgürtel,
Rettungsboote hinaus, daß es nicht, erschrocken von der Uferlosigkeit der
Freiheit, geschwind und feig und blaß die Küsten wieder erschwimme, wo
zwischen Polizisten, Paragraphen und Galgen es den Paradeschritt des
untertänigen Hirnes wieder beginne. Den weiten kreißenden Sternblick
verträgt nur der innerlich Freie, der immer Melodie in sich spürt und von
Musiken gespeist wird, die ihn geschliffen von Kraft gegen das Unendliche
anschleudern lassen. Der Wicht, die Nulpe will Ordnung und Essen. Nimmt
dafür Stall und Dressur. Es ist ihm lieber, er hätte vier Beine und könnte
bellen. Es hätte Bequemlichkeit für sich, und auch der Hund trägt gerne
Marken und Orden um den Hals.
Als Sie noch schliefen in einer Nacht, nie glaubten, Sie trieben durch
Organisation die Revolution auf, platzte dort schon ein Vers, nahm dort vor
Jahren eine Novelle eine Kurve nach oben, kam Erleuchtung und Umsturz in
dies Bild, jenes Manifest. An den Ecken des Reichs verbrannten sie den
faulen bürgerlichen Zauber. Die Revolte begann schon da. Die Zerstörung
hatte eine Schleuse aus der Erde gerissen. Dort begann es mehr als in der
Nacht ein paar Jahre später, als Sie im Manifest des Zusammenbruchs Herr
wurden der neuen Form. Die geistigen Signalfeuer der Revolution haben in
kleinen Zeitschriften und Büchern Jahre hindurch gebrannt, haben sich an
den Peripherien geeinigt und sind im Kreis gegen die Mitte zu gejagt. Sie
kamen recht, zu sehen, daß sie Gefahr liefen, umsonst gekommen zu sein.
Vermeiden Sie das schmerzlichste, daß die geistigen Führer wieder
ausgeschaltet, wieder voll Anklage neben der neuen Macht stehen müßten, wie
neben der alten. Schaffen Sie sich Fanfaren ins Herz des Volkes. Lassen Sie
die Literatur, die Ihre Macht vorbereitet hat, eingreifen und feuern. Noch
haben Sie nur Maschinengewehre, die in Ihren Händen auf die Dauer ein Witz
sind. Wie könnten Sie sich halten mit den Waffen, die selbst den
Bayernrupprecht, den Ludendorff nicht schützten. Machen Sie das Wort zur
Waffe statt den Säbel. Entfernen Sie die alte Kulturspielerei, die
Schamlosigkeit der Volksbildungsbestrebungen. Fort mit dem Rummel, der
Ahnungslosigkeit, dem Gespiel, Getu, Geschwätz. Sprengen Sie Schulen und
Universitäten vor allem in die Luft. Es ist Zeit, daß Sauerstoff in diese
Gelb- und Kreuzgasschwaden kommt. Schmeißen Sie die Hebel zurück, die der
Intelligenz den Zugang sperren und nur privilegiertem Geldbeutel ihn
öffnen.
Vielleicht wird eine neue Rasse des Führertums entstehen statt Querköpfen
und Têtes melons, deren akademische Graduierungen das Gespött der
fortgeschrittenen Tiere sind. Es kämen die Ideale unserer Zeit in die
Brennpunkte der Kulturwirbel und es würden nicht weiterhin (wie früher
Schlachtrosse der Helden und gute Muttersäue) die Fahnenschwünge von
Achtzehnhundertzwanzig dort in Übung und Gnadenfutter gehalten. Endlich
einmal muß doch der Kontakt zwischen der Intelligenz und dem Volk
überspringen. Noch fließt er hinter Zement irgendwo vorbei. Ein Skandal,
daß nicht am neunten November schon Deutschland unter Geistflut gesetzt
wurde. Es hätte noch erfolgreicher den reaktionären Barbaren widerstanden
als das ypernsche Gelände, mit dessen Überschwemmung die Belgier unseren
Generälen das Tor des Sieges donnernd gegen die Stirne schmissen.
Zwei Lager seh ich allerwege. Ein Volk, das aufbraust und eine Kunst und
Ideologie, die zutiefst mit politischen Idealen sich trifft. Ein Wink, und
Dichter werden wie in Zeiten großer hellenischer Vergangenheit öffentlich
lesen. Auf zur Hebung der Schichten, die im Dunklen schaffen, zur Macht der
Weisheit. Machen Sie aus den Theatern eine Säule, auf der Gesinnungshaftes
gespielt wird. Haben Sie nicht Museen, Bildungsstätten, Akademien?
Nivellieren Sie sie, machen Sie sie wieder auf, damit sie nicht
Gebirgswinkel der Reaktion, damit sie lesbare Symbole unserer Zeit sind. In
geistigen Dingen noch wichtiger als in formal-politischen ist die
Kapitulation des seitherigen Systems. Schon der früheren Regierung war ihre
Kunstpolitik diskreditierend. Und Sie schleifen den toten Bären mit.
Einmal, öfter, in Renaissance, Barock, Rom, Byzanz, waren Geist und Päpste
und Fürsten Schmelzpunkte von einer Klarheit, daß es uns heute noch blendet
und uns Geständnisse unserer Dürftigkeit entpreßt. Heute muß zwischen
freiem Volk und Geist die gleiche Annäherung kommen, oder Ihr seid
verloren. Hier wird nicht gearbeitet für den Tag, sondern für die
Generation. Nieder mit der Kunst der Gesinnungslosigkeit, dem unhumanitären
Geplärre der Aufpäppelung der Kitschiers mit der Ruhmesglorie, dem Mangel
an Richtung, Profil, Gesicht. Nehmen Sie das, was auf den Straßen Ihnen
bereit liegt, riesige Arme zur Ertastung des Volksbluts, der Sicherung des
Zustands.
Versichern Sie sich der Jugend vor allem. Halten Sie ihr die Größe der
zukünftigen Ideen vor, damit nicht ihr Rausch abgelenkt werde und
nationalistische Piraten sie mit den Leuchtfeuern der Kaisermythen und der
Schlachtlenker-Legenden in ihre Häfen täuschen. Gehn Sie an die Wurzel,
entfernen Sie unbedingt an den Schulen Minderwertiges, Verfaultes,
Konträres. Es sollte wie bei den Peripathetikern der Stand des Lehrenden
der erste und nicht wie seither bei uns der geschmähteste zu Trommler und
Pauker entehrte sein, dessen Verachtung die weltmännisch sich gebärdenden
hohen steifen Kragen irgendwelcher Juristen kaum eine Sekunde zu
unterdrücken geneigt sind.
Hier wächst Ihnen entweder ein Geschlecht oder der Abgrund.
Entfernen Sie den Schund der Lesebücher, geben Sie ihnen eine andere
Kursstellung. Geschichts- und Geographieunterricht nach internationalen
Richtungen. Seien Sie unerbittlich aber auch loyal. Lassen Sie die
Staatsmaschine einmal Glühendes statt Papier speien. Lassen Sie
Staatszeitschriften hinausgehn, jedes Haus erreichen, werben, erklären.
Eifern Sie den Katholischen nach, deren Organisation für ein geistiges
Ideal ihnen jede Macht gibt und selbst die amerikanischen Trusts weit
übersteigt an Disziplin. Machen Sie Riesenbibliotheken für das Volk.
Kontrollieren Sie die Öffnungen, aus denen öffentliche Meinung gemacht
wird. Legen Sie den Arbeiterzünften Redner zu, die nicht das taube Korn der
Partei vormahlen, sondern ihnen »Moulins Rouges« der neuen Zeit vor die
Stirnen stellen. Stellen Sie an hervorragende Posten Männer, die keinen
Verdienst haben als in der Idee dem Volke gedient zu haben. Wer im Krieg
wagte, dem schneidigen Regime zu widerstehen und es in seinen Büchern und
Handlungen zu verklagen, hat mehr Recht auf der Spitze des sichtbaren
Kreuzes zu stehen, als einer, den die Maschine der Fraktion oder des
Zufalls hinaufgekartet oder gewürfelt hat. Auch wird es gewaltig über die
Grenzpfähle wirken, erst gering und klein (wie bei uns auch) aber später
wie ein Prairiebrand. Ersticken Sie ihn nicht. Es geht endlich einmal, so
sehr ich Zweckliches als Feldgeschrei ablehne, endlich einmal nicht um
Artistisches, um Ästhetisches, um Schlagsahne, Samt und Geld, kurz nicht um
Literatur, sondern um eine moralische Sache. Es ist ein Widersinn und eine
blanke Dummheit, sollten die, welche in der Schwarmlinie einer ganzen
Generation nach Gerechtigkeit und sozialen Ideen rufend, vor ihnen her die
Revolution gefordert, nicht auch Träger der Idee nach innen hinein werden.
Es wäre der erhabenste Stumpfsinn.
Denn bald würden Sie einer Phalanx von Einfältigkeit und Machtgier der
Seitherigen gegenüberstehen, und manche, die Ihnen heut zunicken, werden
drüben sein. Et facti sunt amici in illo die Herodes et Pilatus. Ich weiß,
daß das Schicksal die sozialistische Welle weiterrollen lassen wird, aber
ich kenne nicht die Formen, unter der wie das Christentum der Zusammenstoß
von Idee und Sachen sie vielleicht zum Gegenteil umschweißt.
Aber ich zöge es, da ich an napoleonische Tage nicht glaube, und unter
Rupprecht und Lettow-Vorbeck kaum eine Atmensmöglichkeit erblicke, indessen
einen tapferen und guten Absolutismus aber diesem Düngerhaufen des Geistes
dennoch voranstellte, ich zöge es vor, unter dem dritten Otto, dem
vierzehnten Louis oder dem achten Urban gelebt zu haben. Womit ich in der
Tat selbst aber mich keiner Konsequenz der Zeit, auf der mit festen und in
keiner Übung ungewohnten Schenkeln ich sicher zu stehen glaube, entziehen
möchte.
Ich sage eindeutiger, einseitiger und erregter Ihnen das in diesen
Novembertagen des Jahres Neunzehnhundertachtzehn schon, da Sie es wissen
wollen. Sie haben zweieinhalb Mal solange das Leben gesehen wie ich und die
Berechtigung, die Augen manchmal zu schließen und die Dinge nicht so ernst
zu nehmen, da Sie vieles gesehen und meistens überlebten. Ich weiß, daß die
Skepsis zur Ekstase gesellt erst jene kühle Tatsicherheit gibt, die
gebraucht wird. Ich entziehe mich dem nicht. Doch ich möchte, der Krach
eines panischen Entsetzens möge einmal wenige Sekunden lang in Ihr
Bewußtsein schlagen. Dann hätten Sie, mit Falten der Klugheit um Stirn und
Auge plötzlich vielleicht weiter gesehen, als die Vorrechte Ihrer Erfahrung
Ihnen gestatten. Denn diese sind nur wertvoll als Ergänzung des Willens,
nicht als sein Gehalt.
Da es darauf ankommt, die Menschen mit ihren Ideen zu erneuern, nicht nur
ein paar Räder der Verwaltung auszutauschen, müssen Sie Konsequenzen sich
hingeben, die tiefer stehen, als Ihre parteipolitische Navigation Ihnen
zeigt. Machen Sie die Bahn dazu frei. Revolution heißt Verpflichtung an
ihrem Geist. Es wäre eine Niederlage sondergleichen, ja des menschlichen
Gedankens überhaupt, wenn Sie es versäumten. Denn vergessen Sie nicht, daß,
was Sie an einem kleinen Volk tun, den Ewigkeitswert jeder ersten Tat,
jeder erstmaligen Erkenntnis hat und daß Sie es nicht in partikulärem,
sondern in ganz großen Maßstäben zu verantworten haben werden.
Damit man nicht sage, Sie hätten das Schlimme getan, das Gift geträufelt,
den Vogel fliegen lassen und die Revolution so quittiert wie jener
Ingenieur Megret, der, als er Karl den Zwölften tot in der Trenche fand
(womit der schwedische Imperialismus krepierte), sagte: »Nun hat die
Komödie ein Ende. Wir wollen zum Nachtessen gehen«.