%Dr.% JOHANN RANFTL.
Vorwort.
Der Romantiker Ludwig Tieck ist eine bedeutende, einflussreiche und
interessante Persönlichkeit. Zu den allerersten, bahnbrechenden und
führenden Geistern unserer Literatur gehört er jedoch nicht. Es mag
daher keineswegs für jedermann selbstverständlich sein, dass man über
eine einzelne Dichtung dieses Mannes ein kleines Buch schreibt. Auch
mir schien es nicht selbstverständlich, bevor ich mich eingehender mit
der Entstehung wie mit dem geistigen und künstlerischen Charakter der
„Genoveva“ befasste. Bei näherer Betrachtung fällt sogleich auf, dass
Tieck selbst gerade diesem romantischen Drama eine besonders wichtige
Stelle in seinem geistigen Entwickelungsgange anweist, es mit Nachdruck
als „Epoche“ in seinem Leben bezeichnet. In seinen späteren Jahren, als
ihm der altdeutsch-religiöse Enthusiasmus der „Genoveva“ längst fremd
geworden war, kommt er mit einer gewissen Liebe und Zärtlichkeit gerade
auf dieses Gedicht immer wieder zurück, das nach seiner Versicherung
ganz aus seinem Gemüthe gekommen, das „gar nicht gemacht, sondern
geworden sei“.
Auch im großen Leben unserer Literatur gieng Tiecks „Genoveva“ nicht
spurlos und unbemerkt vorüber. Goethe und Schiller und viele Kleinere,
die Theilnahme für geistige Erscheinungen empfanden, nahmen Stellung zu
dem Werke. Es machte den ästhetischen Gesinnungsverwandten Tiecks jenen
erfreulichen Eindruck, den der Dichter gewünscht hatte, es war den
echten Aufklärern ein Stein des Anstoßes, da sie es als Symptom einer
mächtig anwachsenden, ihnen feindlichen, geistigen und literarischen
Strömung ansehen mussten, und als Sammelpunkt des romantischen Geistes
erweckt es heute das lebhafte Interesse des Literarhistorikers
und erwirbt sich das Anrecht auf eine monographische Betrachtung.
Vielleicht ist Tiecks „Octavianus“ ein noch vollständigerer „orbis
pictus“ der Romantik als die „Genoveva“, dafür setzt aber dieses
Werk mit weniger Klügelei, unmittelbarer und frischer der ersten
Begeisterung entströmend dasjenige in dichterische Gestalt um, was
um 1800 die Gemüther der älteren Romantiker erfüllte. Was hier wie
von selbst dem Dichter aus der Seele quoll, wird im „Octavianus“ nur
bewusst erweitert und gesteigert. Darum blieb ich lieber bei der
„Genoveva“, um an diesem typischen Beispiele zu zeigen, wie damals ein
romantisches Kunstwerk entstand, mit welchen künstlerischen Mitteln der
Romantiker seine Theorie dichterisch verwirklichte, und welche Stellung
ein solches Werk in unserer Literatur-Entwickelung einnimmt.
Mehrere Forscher, vor allem Haym, haben mit Sorgfalt und Scharfsinn
die schwere Aufgabe übernommen, aus dem Chaos von vieldeutigen,
schillernden Sentenzen und Aphorismen, wie aus den ziemlich unklaren
Manifesten der jugendlichen romantischen Stimmführer die leitenden
ästhetischen Gedanken herauszulesen und übersichtlich darzustellen.
In meiner Schrift soll eine Art Gegenprobe versucht und die Art
beleuchtet werden, wie damals jene nebelhaften Theorien in einer
einzelnen Dichtung Gestalt annahmen. Ich glaube, dass eine solche
Einzelbetrachtung zu noch anschaulicherer, genauerer und feinerer
Erkenntnis der romantischen Bestrebungen führen kann. Dass ein
gewisses Bedürfnis nach solchen Untersuchungen besteht, bezeugt die
Thatsache, dass fast gleichzeitig noch drei andere Schriftsteller auf
den nämlichen Gedanken verfielen. Poppenberg untersuchte Mystik und
Romantik in Z. Werners „Söhnen des Thals“, Kerr vertiefte sich in
Brentanos „Godwi“ und Busse in „Novalis’ Lyrik“.
Eine Durchprüfung des gedruckten Materiales über Tiecks „Genoveva“
gewährte auch genauere Aufschlüsse über die oft unbestimmt andeutenden
„Vorberichte“, über das Verhältnis des Dichters zu Jakob Böhme, wie
über die romantische Religion von 1800. Gerade über den letzteren
Punkt ist noch manches zu sagen, um Missverständnisse, die in den
Literaturgeschichten gerne wiederholt werden, zu beseitigen. In dieser
rein literar-historischen Untersuchung war natürlich kein Raum, auf den
theologischen Wert oder Unwert der romantischen Religionsanschauungen,
die zunächst meist nur der dichterischen Stimmung dienten, näher
einzugehen. Den mühsamen Versuch H. v. Friesens, Tiecks „Genoveva“
für den Protestantismus zu „retten“, mit einem leichteren Gegenversuch
zu Gunsten des Katholicismus zu erwidern, scheint mir unnöthig, da mit
solchen Bemühungen nach meinem Dafürhalten dem Katholicismus sowenig
wie der Literaturgeschichte gedient ist.
Wofern nicht ungedruckte Materialien über Tiecks Persönlichkeit und
Schaffen noch wesentliche neue Aufschlüsse für die in dieser Schrift
behandelte Periode bringen, hoffe ich, mit meiner Arbeit auch einen
brauchbaren Baustein für eine künftige Tieckbiographie geliefert zu
haben.
Während mein Manuscript bereits für die Druckerei fertig lag,
erschien Bruno Golz’ „Pfalzgräfin Genoveva in der deutschen Dichtung“
(Leipzig 1897). Über Tiecks Verhältnis zum Volksbuch wie zu Maler
Müllers Drama kommt Golz zu Ergebnissen, die sich mit dem Resultate
meiner Untersuchungen mehrfach decken. Der nothwendigen Abrundung
meiner Arbeit zuliebe, konnte ich aber die betreffenden Abschnitte,
die bereits im Jahre 1896, als ich diese Untersuchung an der Grazer
Universität als Dissertation vorlegte, ihre jetzige Gestalt hatten,
nicht mehr abkürzen, wenngleich sie jetzt nicht durchwegs Neues bringen.
Zu besonderem Danke für die bereitwilligste Förderung dieser Arbeit
bin ich meinem hochverehrten Lehrer Herrn Prof. Dr. ~Bernhard
Seuffert~ verpflichtet, von dessen Anregungen im deutschen Seminar
diese Untersuchungen ihren Ausgang nahmen. Gerne spreche ich hier auch
den Herren Beamten der Grazer Bibliotheken für ihre Zuvorkommenheit
meinen Dank aus.
~Graz~, Pfingsten 1899.
Johann Ranftl.
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