Auf der Wache der Turnerfeuerwehr.
Das Wachtlokal der Turnerfeuerwehr und Rettungscompagnie befand
sich bis zur Auflösung beider Corporationen im Brühl, Ecke der
Göthestraße, damalige städt. Fleischhallen und zwar in ursprünglich zum
Verkaufsgewölbe eingerichteten Räumen. Groß war dasselbe nicht und von
übermäßigem Comfort war darin keine Rede. Im Hintergrund des ziemlich
tiefen, aber nicht sehr breiten Lokals befanden sich nebeneinander
die »Pfefferkuchen« ~vulgo~ »Matratzen« auf den Holzpritschen, auf
denen des Schlafes bedürftige Wachtmannschaften sich ausstrecken und
der Ruhe pflegen konnten, falls sie nicht die »Wache« hatten oder gar
die Wache allarmirt wurde. Ein einfacher großer Holztisch und mehrere
Stühle, eine Stechuhr zur Controlle der Wachthabenden, an den Wänden
Pflöcke und Kleiderhalter und eine alte Wanduhr, dies war die ganze
Einrichtung der »freiwilligen Wache.« Das Allarmiren nun ging früher,
ehe die Wachtlokale mit der Polizeiwache telegraphisch verbunden waren,
allerdings nicht ohne wirklichen Allarm vor sich. Da stürmten die
Feuerglocken von den Thürmen, die Trommeln der Communalgarden rasselten
durch die Straßen und die Feuersignale ertönten aus den Hörnern der
Signalisten der Garnison und bei Nacht erschollen in diesen Chaos von
Tönen noch der dumpfe Ton der Nachtwächterhörner, feuerrufende Menschen
rannten durch die Straßen und von allen Seiten jagten Spritzen und
Zubringer, Sturmfässer und Geräthewagen dem Ziele zu, welches von den
Thürmern durch Herausstecken von Fahnen oder bei Nacht von Laternen als
die Gegend, in welcher das Feuer ausgebrochen war, angedeutet wurde.
Die zuerst am Brandplatz ankommende Spritze wurde prämiirt und diese
Prämie haben sich die beiden freiwilligen Corps oft genug errungen.
Waren doch ihre Mannschaften mit Leib und Seele bei der Sache und
trotz des meist heiteren, geselligen Lebens, welches sich stets auf
diesen Wachen entwickelte, stand dieselbe stets auf dem Sprunge, ihre
übernommenen Pflichten auch voll und ganz auszuführen. Daß hierbei
einige Mal sogar ein Uebereifer zu Tage trat, ist wohl entschuldbar.
So hatten junge Mannschaften des 2. Zuges, die sich Nummer und Farbe
ihrer Spritze noch nicht genau eingeprägt hatten, einst das Malheur,
bei Feuerlärm einst am hellen Tage, statt ihrer Spritze, die der
Rettungscompagnie aus dem gemeinschaftlichen Depôt an der ersten
Bürgerschule zu ziehen und mit Unterstützung einiger hilfsbereiter
Lehrbuben und Gesellen im vollen Lauf nach der Brandstelle zu fahren
und dort in Thätigkeit zu setzen. Und -- welche Freude! -- ihre Spritze
war die erste am Platze und erhielt die Prämie! -- Aber -- welche
Enttäuschung, welche Spötteleien und gegenseitigen Vorwürfe, als
das Versehen erkannt wurde und nun die Prämie der Rettungscompagnie
zufiel! --
Beim Commers, nach Legung des Grundsteines zum Denkmal für die
Völkerschlacht (Anno 1863 -- Gott weiß, wann das Denkmal selbst erbaut
wird) sang die Turnerfeuerwehr:
Wir und die Rettungscompagnie --
Sahn oftmals uns kaum an
Und dennoch hatten wir uns nie
Etwas zu Leid gethan.
Woraus der Streit entstanden war,
Ist Keinem recht bekannt
Und doch verging so manches Jahr --
Eh’ er sein Ende fand etc. etc.
Für alle Theilnehmer an diesen Wachen bildeten dieselben ein Vergnügen,
und den Werth und die Bedeutung derselben für das kameradschaftliche
Wesen lernte man eigentlich erst richtig erkennen, als man in der
letzten Kneiperei der Turnerfeuerwehr am 22. Juli 1871 unter anderen
Schwanen-Gesängen auch den Vers sang:
Nachdem zuvor im Tageblatt
Die Gründe dargelegt man hat --
Verschied zwar sanft -- und dennoch schwer --
Die Leipz’ger Turnerfeuerwehr!
Männer der besten Gesellschaftsklassen, aber auch einfache Gesellen und
Handwerker gehörten der Truppe an und alle verband das Gefühl echter
kameradschaftlicher Freundschaft. Daß natürlich die Wachen der beiden
Corps von den Wachen der berufsmäßigen Feuerwehr insofern bedeutend
abwichen, als dieselben eben von den betreffenden Mannschaften mit
Vergnügen bezogen und »abgeschraubt« wurden, ist selbstverständlich,
und nicht nur ein geselliges, sondern auch oft genug ein
feuchtfröhliches Treiben, so weit solches mit den übernommenen
Pflichten vereinbar war, machte sich geltend. Scat und der solidere
Schafkopf traten in ihr volles Recht und wurden weidlich »gedroschen«,
oft aber waren auch Gäste »auf Wache«, die sich nicht »lumpen« ließen
und zur allgemeinen Erheiterung mit beitrugen. An Letzterer fehlte es
aber auch so nicht und so flog die Zeit von Abends 8 bis 2 Uhr vorüber.
Erst um diese Zeit, wo die sogenannte »Hundewache« (von 2—4) begann,
machte sich die Ermüdung geltend und die gefürchteten »Pfefferkuchen«
(Matratzen) wurden aufgesucht. Gefürchtet aber waren diese
Schmerzenslager wegen der Unmasse jener schwarzen Eindringlinge, die
sich sogar oft genug bis zu Quälgeistern unsrer Damenwelt aufschwingen
und also für den robusten Körper eines Feuerwehrmannes nicht die Spur
von Achtung oder Nachsicht hatten. Das hopste und sprang lustig umher
und zwickte und zwackte, daß männiglich nicht die zartesten Redensarten
den Sprechwerkzeugen der also Gefolterten entquollen.
»Donnerwetter!« schrie einst, früh gegen 3 Uhr, als der
Wachtcommandant, noch allein munter, bei der Stechuhr saß und las, ein
Wehrmann und sprang mit gesträubtem Haar und einem neuen Fluche vom
»Pfefferkuchen« herab.
»Was ist denn los?« rief erschrocken der Lesende.
»Donnerwetter« rief der Andere, seines Zeichens ein biederer
Tanzlehrer, wieder und griff nach seinem Helm, als wollte er die Wache
verlassen, »e Scorpion -- e Scorpion hat mich gebissen -- ich gehe
heem!«
Der Wachtcommandant hatte alles Mögliche zu thun, ja mußte zuletzt
seine ganze Autorität aufbieten, um den Aufgeregten zu beruhigen, der
dabei blieb »e Scorpion« habe ihn gebissen.
Auch die anderen Mitglieder der Wache waren munter geworden und eine
allgemeine Durchsuchung der »Pfefferkuchen« begann. Hei! wie das
fröhlich hüpfte und sprang -- und -- man fand zwar keinen Scorpion --
aber ein so riesiges Exemplar der Familie »Floh« wurde trotz der zu
solchen Fängen nur wenig geschickten Hände der tapferen Turner gefangen
und hingerichtet, daß es auf dem Tisch ordentlich »knallte« und es kein
Wunder war, wenn der Jünger Terpsichores an einen Scorpion gedacht
hatte. -- --
Jedem von denen, die als Gäste einen solchen Wachtabend mit verleben
durften, wird derselbe sicher unvergeßlich sein und manche bethätigten
ihre Dankbarkeit dafür, daß sie der Wache »etwas stifteten«.
So hatte sich einst ein Meßfremder aus Nordhausen auf der Wache so
gut amüsirt, daß er versprach, der Wache ein Fäßchen Nordhäuser --
aber echten und alten -- zu schicken. Aber als dieselbe Mannschaft
nach 15 Tagen wieder auf Wache kam, fragten sie vergeblich nach dem
Fäßchen und man lachte schließlich über das windige Versprechen. Wie
ward aber den Guten zu Muthe, als sie bald darauf erfuhren, daß das
Fäßchen allerdings richtig angekommen war, aber an einem von der
Rettungscompagnie besetzten Abend, und da das Geschenk eben einfach
an die »freiwillige Wache« adressirt war, so hatten sich die von
der Rettungscompagnie nicht als Verächter der von einem »Pirnschen«
gegebenen edlen Gottesgabe bewiesen und den Inhalt des Fäßchens
zur allgemeinen, tiefgefühlten Entrüstung der Anderen -- bis auf die
Nagelprobe geleert. Ja -- ja:
Wir und die Rettungscompagnie u. s. w.
Und die -- waren doch so unschuldig -- so unschuldig. -- Der Nordhäuser
wurde aber als »ausgezeichnet« von ihnen gepriesen -- nicht gerade zur
Beruhigung der Anderen.
[Illustration: Auf der Wache der Turnerfeuerwehr.]
Manche alten Kämpen der Turnerfeuerwehr und Rettungscompagnie werden
frühere Mitglieder der beiden Corps auf unserem Bilde erkennen. Viele
-- viele von ihnen sind längst schlafen gegangen.
Es ist nicht zu leugnen, daß sich mit der Neuorganisation der Leipziger
Feuerwehr zu einem möglichst organischen Ganzen, sich die Wache der
freiwilligen Wehren allmälig als überflüssig -- ja vielleicht sogar der
allgemeinen Verwaltung -- hinderlich erwies und so kam es denn, daß im
Laufe der Zeit Zustände eintraten, bei denen die freiwilligen Wehren
fühlen mußten, daß sie -- entbehrlich waren und dies höheren Ortes
längst anerkannt wurde. Das Beste wäre nun wohl gewesen, wenn man dies
einfach und offen den Corps mitgetheilt hätte, statt dessen -- und dies
wohl wieder, weil man ihre früheren großen Dienste eben ganz und voll
anerkannte -- suchte man durch kleinliche Manöver mancher Art die Corps
zu veranlassen, selbst zu gehen, und als dies denn endlich geschah,
konnte man sich nicht wundern, daß Gefühle bitterer Enttäuschungen und
Zurücksetzungen mit zum Ausbruch kamen, wenn auch nur innerhalb der
letzten Versammlungen und geselligen Feste der Corps selbst.
Der Rath schrieb auch »Ich danke schön,
Es ist schon gut -- der Mohr kann geh’n --
Gebt möglichst bald -- am liebsten gleich,
Die Blousen ab -- und Euer Zeug!«
D’rauf streckten alle das Gewehr --
Mit Gurten, Flechen, Beilen schwer,
Beladen sah man Manchen hin --
Zu Brutus -- unserm Hausmann zieh’n! u. s. w.
sangen sie wehmüthig im letzten Commers am 22. Juli 1871 und daß man
sie zwang freiwillig zu gehen, kam in den Versen eines anderen Liedes
bei jenem Commers so recht schmerzlich zum Ausdruck. Da hieß es unter
Anderem:
Der junge Baum, den in die Erde --
Wir voller Hoffen einst gesenkt,
Daß er ein Waldeskönig werde --
Hat reiche Freude uns geschenkt.
Er bot dem Wetter Trotz, der Starke,
Und seine Krone brach kein Sturm --
Nun aber nagt an seinem Marke,
An seiner Lebenskraft der Wurm.
Und soll er lange kläglich siechen
Wehrlos des gier’gen Wurmes Raub --
Und endlich doch am Boden liegen
Mit dürrem Ast -- und welkem Laub?
-- Nein -- dreimal Nein! Die letzte Liebe
Gewährt ihm noch und zaudert nicht --
Daß von der Axt und ihrem Hiebe
In voller Pracht er niederbricht!
* * * * *
Mehr als zwanzig Jahre sind seitdem verflossen, aber die Geschichte der
freiwilligen Turnerfeuerwehr und der etwas später ebenfalls aufgelösten
Rettungscompagnie ist mit der Leipzigs eng verflochten geblieben und
den beiden Corps gebührt für immer ein Ehrenblatt in der Chronik
unserer Vaterstadt.
Inhalts-Verzeichniß.
Heft 1.