Die politische Lage Deutschlands zu Ende der fünfziger,
bis Mitte der sechsziger Jahre des 19. Jahrhunderts.
Auf die gewaltsame Niederwerfung des Aufstandes 1848/49 folgte mehr
als ein Jahrzehnt der starren Reaktion. Gerade diejenigen Männer,
welche Amt und Würden, Stellung und Vermögen daran gesetzt hatten,
das deutsche Reich wieder zu einem wahrhaft geeinten, geschlossnen
Ganzen zu machen, fielen als Opfer ihrer nationalen Bestrebungen.
Tod und langjähriges Gefängniß bis zur Zuchthausstrafe des gemeinen
Verbrechers, oder im günstigeren Falle freiwillige oder erzwungene
Verbannung war ihr Loos. Noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein
dauerten Verhaftungen und Verurteilungen politisch Gravirter fort und
die unter der Zuchtruthe einer harten Censur stehenden Zeitungen,
die in ihren Spalten oft die Steckbriefe auf ihre eignen früheren
Mitarbeiter bringen mußten, seufzten lange unter dem bestehenden
Druck und vermieden politische Erörterungen wo sie es nur vermochten.
Die Turnvereine, mit Recht als die jederzeitigen feurigen Träger
des nationalen Gedankens betrachtet, aber durchaus fälschlich als
»_demokratisch_« gesinnt verdächtigt, wurden scharf beobachtet
und wo es nur ging in ihrer Entwicklung gehemmt; Servilismus und
kriechendes Streberthum, Frömmelei und politische Heuchelei waren an
der Tagesordnung. -- -- --
Und doch -- trotz all diesen Hindernissen, vermochte man wohl den
nationalen Funken zu unterdrücken, aber nicht zu verlöschen und obwohl
er eben unterdrückt wurde, wo es nur anging -- in der Presse wie im
Lehrstuhl -- so loderte er doch immer wieder hoch empor, in den Festen,
welche das deutsche Volk, aus allen Gauen nach einem Central-Punkte
zusammenströmend, zusammen feierte und bei welchen die Ideale der
deutschen Nation immer und immer wieder zum unverhohlenen Ausdruck
kamen. -- --
Jetzt wo seit bereits einem viertel Jahrhundert die schon damals
geforderten Ziele zum allergrößten Theile erreicht sind, vermögen
sich die jetzt lebenden Generationen wohl nur schwer in die damaligen
Verhältnisse zurückzuversetzen und -- viele der Aelteren haben
unter den politischen Erfolgen der Neuzeit die Misere jener Tage
längst vergessen, oder standen den Weltereignissen schon damals so
gleichgiltig gegenüber, wie sie es jetzt -- nach der Neu-Errichtung
des deutschen Reiches wieder thun. Ja -- es giebt nicht Wenige, welche
nur zu sehr geneigt sind -- im Bewußtsein der jetzigen politischen
Macht des geeinten Deutschlands -- auf jene Tage mit spöttischer
Ueberlegenheit zurückzublicken, dabei aber ganz vergessend, daß --
wenn sich nicht eben das Volk, vor Allem aber die damalige Jugend in
_allen_ deutschen Gauen ihrer nationalen Ziele voll und ganz bewußt
und fest entschlossen gewesen wäre, für dieselben mit Gut und Blut
einzustehen -- wohl schwerlich Deutschlands Fürsten diesem wahrhaft
inneren und unaufhaltsamen Drange der Nation nachgegeben hätten.
Daß diese opferfreudige Begeisterung des damaligen Jungdeutschlands
aber eine unmittelbare Folge der Jahre 1848/9 war und deshalb auch
jenes Blut nicht vergeblich geflossen ist, ist eine unbestreitbare
Thatsache, und nachdem die ärgste Zeit der Reaktion vorüber war,
wurden auch die berechtigten Forderungen des Volkes aufs Neue
immer und immer wieder laut. Im Anfange der sechsziger Jahre aber,
als sich auch für die politisch stark Gravirten von 1848/9 die
Gefängnisse wieder öffneten und viele Begnadigte aus dem Exil wieder
in die Heimath zurückkehrten, unverrückt die Ziele und Ideale der
eignen Jugend im Auge behaltend, da ging die politische Entwicklung
Deutschlands mit Riesenschritten vorwärts. -- -- Betrachtet man die
damalige politische Lage der deutschen Einzelstaaten, so sah man
überall nur unerquickliche Verhältnisse. In Oesterreich -- wo nicht
blos in dessen deutschen Staaten, sondern auch in Ungarn mächtige
Kämpfe nothwendig gewesen waren, um die Autorität der Regierung
aufrecht zu erhalten, herrschte ein noch viel schwererer Druck wie
im übrigen Deutschland. Magyaren- und Deutschthum befanden sich
im schroffsten Gegensatze, die Gefängnisse überfüllt, nirgends
Vertrauen, dazu die neuen Schläge im Kriege gegen Frankreich und
Piemont 1859, die Finanzen nahe am Staatsbankrott, dabei fortwährende
Häkelei und nie endende Eifersüchtelei auf den zweiten deutschen
Großstaat Preußen. In Baden noch weit- und tiefgehende Nachwirkungen
des dortigen großen Aufstandes, denen sich ein großer Theil des
dortigen Militärs angeschlossen hatte. Nicht viel besser war es in
den übrigen süddeutschen Staaten. In Preußen, wo eben König Wilhelm
den Thron bestiegen hatte, in dem das Volk, verstimmt durch manche
seiner früheren Erklärungen zur Zeit der Volkserhebung, nicht seinen
späteren ruhmreichsten und erhabendsten Fürsten ahnte, bereiteten
sich die harten Kämpfe zwischen Regierung und Volksvertretung vor;
in Sachsen liebäugelte Beust mit dem Liberalismus, ohne aber mit
offnen Karten zu spielen, in Hessen seufzte das Volk unter seinen
Kurfürsten; die größeren Staaten untereinander eifersüchtig und
uneinig, die kleineren Staaten bald hier bald dorthin schwankend,
aber stets auf ihre Selbstständigkeit pochend, zehnerlei Geld aus
hunderterlei Staatsbanken, bis ins Kleinste tiefe Zerrissenheit, dazu
das Schmerzenskind der deutschen Nation, Schleswig-Holstein -- fürwahr
-- die gesammten politischen Verhältnisse waren sehr traurige zu
nennen und die Hoffnung auf eine Besserung derselben lag -- wenigstens
scheinbar -- noch im weiten Felde.
Da war es denn kein Wunder, daß sich die Augen aller wahrhaften
Vaterlandsfreunde vertrauend und hoffend auf einen Fürsten richteten,
der, obschon nur Herrscher eines kleinen deutschen Staates, doch durch
hunderterlei Züge bewiesen hatte, daß er in Wahrheit ein Fürst mit echt
deutschen Gesinnungen sei, bereit, jederzeit für deutsch nationale
Bestrebungen in die Schranken zu treten und dieselben zu stützen und zu
schützen, so viel es nur irgend in seiner, freilich sehr beschränkten
Macht stand.
Es war dies der erst vor Kurzem in hohem Alter und gesegnet von seinem
ganzen Lande und Millionen anderer Deutscher gestorbene Herzog Ernst
II. von Sachsen-Coburg-Gotha.
Er war es, unter dessen Augen und mit dessen Bewilligung und
entgegenkommender Theilnahme das erste deutsche Turnfest 1860 in Coburg
stattfand, der diesen Festen seine besondere Aufmerksamkeit widmete und
sehr wohl erkannte, wie sich auf diesen Festen die besten und national
gesinntesten Männer Deutschlands persönlich näher traten und der diese
Zwecke in wahrhaft fürstlicher, großherzigster Weise begünstigte und
förderte. Offen bekannte er seine Sympathieen für die deutsch-nationale
Bewegung und so kam es, daß in den sogenannten Sturmjahren 1848/49
sein Land von jeder aufständischen Bewegung verschont blieb.
»Schützen-Ernst« haben ihn, den wahrhaft deutschen Fürsten, später
oft und spöttisch Viele genannt, welche entweder unfähig waren,
die Tragweite jener Volksverbrüderungen auf den ersten Turner- und
Schützenfesten zu erkennen oder böswillig genug, um den hervorragenden
Antheil, den Herzog Ernst an der endlichen Wiedergeburt des deutschen
Reiches hat, zu verringern. Wohl wird auch jetzt noch bei den mehr
prunkhaft glänzenden, als politisch werthvollen Festen der neueren Zeit
der Patriotismus gefeiert, aber -- welch schwachen Abglanz dieselben
jetzt, gegen die früheren, von der Sehnsucht und dem Gefühl der
allgemeinen Zusammengehörigkeit getragenen Feste, bilden -- nun -- die
jetzige Generation mag und kann dies vielleicht nicht begreifen, aber
die -- welche einst inmitten derselben standen, die jene Zeiten der
kläglichen Zerrissenheit Deutschlands noch als Männer gekannt und jene
erhebenden Feste mitgefeiert haben, die kennen den Unterschied zwischen
damals und jetzt genau und mit ihm auch die großartige Bedeutung dieser
Feste selbst. Meldeten sich doch im Herbst 1863 als es hieß, Herzog
Ernst beabsichtige mit einem Heere Freiwilliger gegen Dänemark zu
ziehen, um Schleswig-Holstein zu befreien, binnen wenig Tagen viele
Tausende junger Leute aller Stände, und wieder waren es die Turnhallen,
in denen diese Contingente ihren Sammelplatz fanden. Aber es kam nicht
so weit, denn als man sah, daß man dem Drängen des Volkes um Abhilfe
jenes Zwitterzustandes in den Herzogthümern nicht länger widerstehen
konnte, da raffte sich endlich der deutsche Bund zusammen, schon zu
Weihnachten 1863 rückten Sachsens und Hannovers Executionstruppen in
Schleswig-Holstein ein und die erste Serie jener blutigen Kämpfe von
1864, 66, 70 und 71 nahm ihren Anfang.