Die Leipziger Sänftenträger-Compagnie.
Mit Errichtung der Fiaker erlitt ein bis dahin blühendes, unseren Tagen
und Geschlechtern gewiß eigenartig erscheinendes Institut einen Stoß,
der sein völliges Eingehen nur noch zu einer Frage der Zeit machte. Es
war dies die ehrsame Corporation der Leipziger Chaisenträger, wie sie
im Volksmunde genannt wurde, oder die »Sänftenträger-Compagnie«, wie
sie sich selbst nannte und wie auch ihr amtlicher Titel lautete.
Diese Corporation, welche länger als 150 Jahre bestand und sich einst
nicht blos hoher Blüthe, sondern auch der Gunst der ganzen Leipziger
Bevölkerung, besonders aber der Honoratioren im höchsten Grade
erfreute, trug einen halbamtlichen Charakter und zwar insofern, als ihr
der Rath von ihrem Inslebentreten an, am Anfang des 18. Jahrhunderts,
bis zu ihrer Auflösung, am Ende der sechziger Jahre oder Anfang der
siebziger Jahre unseres Jahrhunderts, die Chaisen gegen entsprechende
Miethe stellte und die Mitglieder, welchen außerdem noch die Pflicht
oblag, bei Feuersgefahr mit einer ihnen besonders zugetheilten Spritze
helfend einzugreifen, von Amts wegen feierlich bei ihrem Eintritt in
die Compagnie in Pflicht nahm.
Die Chaisen oder Sänften ersetzten früher die jetzigen Droschken. Es
waren einsitzige, viereckige Holzkasten, innen mehr oder minder elegant
eingerichtet, denn es gab sogenannte Staatssänften und einfachere.
Sie hatten rechts und links, wie die Droschken, Thüren mit zum
Herunterlassen eingerichteten Fenstern, ebenso Glasfenster nach vorn,
welche aber sämmtlich durch innen angebrachte Zugvorhänge verdeckt
werden konnten. Zwei lange, lackirte Stangen, welche rechts und links
unter angebrachte Halter geschoben wurden, dienten zum Tragen der
Sänften und diese Stangen trugen vorn und hinten an kreuzweise über die
Brust fallenden weißlackirten Ledergurten je ein Mann der uniformirten
Sänftenträger-Compagnie. Die Uniform der Sänftenträger bestand in einem
langen blauen Livréerock mit blanken Knöpfen und bis zum Anfang dieses
Jahrhunderts in Kniehosen, weißen langen Strümpfen, Schnallenschuhen
und dreieckigem Hut, später trugen sie lange Beinkleider und blaue
Dienstmützen mit weißem Rand, der Rock aber blieb derselbe, doch
erschienen sie auch später noch manchmal, bei besonders festlichen
Gelegenheiten, in ihrer alten Galakleidung; so z. B., als sie am 5.
August 1847 den zur feierlichen Einweihung der katholischen Kirche
nach Leipzig gekommenen Bischof Dietrich aus Dresden zur Kirche
trugen. Wie mancher andere Comfort waren auch die Sänften eine ins
Deutsche übertragene französische Einrichtung, und wenn sich im vorigen
Jahrhundert die geputzten, hochfrisirten und mit Schönheitspflästerchen
versehenen Leipziger Damen in den Staatssänften zu den Vergnügungen
oder zu Besuchen in Richter’s, Reichel’s oder Bosen’s Garten tragen
ließen, so schritten oft die zierlich und stutzerhaft gekleideten
und mit dem Paradedegen bewaffneten jungen Kaufleute oder sonstigen
Verehrer neben her und suchten eifrig ein Wort oder doch wenigstens
einen Blick der Angebeteten zu erhaschen. Auch bei Bällen und
Gewandhausconcerten spielten die Chaisenträger mit ihren Tragen eine
große Rolle, denn Equipagen wurden mit Ausnahme ziemlich schwerfälliger
Reisewagen selbst von reichen Familien nur wenig gehalten, auch war
das damalige Pflaster derart, daß man seinen Körper, besonders bei
schlechtem Wetter, lieber einer von den wohlgeübten Trägern sanft
(daher auch der Name Sänfte) behandelten und ohne alle Erschütterungen
getragenen Chaise, als dem schweren Wagen anvertraute, dessen Federn
nur mangelhaft waren und der oft aus einem Loch in das andere fiel.
Bei solchen Fahrten wurden die damals hohen Frisuren und Reifröcke der
Damen oft bedenklich erschüttert und die Perrücken oder zierlichen
Zöpfe der gepuderten Herren derangirt, und da waren denn die Sänften
sehr an ihrem Platze. Außer mancher anderen Vergünstigung hatten die
Sänftenträger auch noch bis zu ihrer Auflösung das Vorrecht, das
Klafterholz, welches sich Private für ihren Hausbedarf anfahren ließen,
_auf der Straße_ vor dem betreffenden Hause zerkleinern zu dürfen,
und vielen alten Bürgern wird noch diese Thätigkeit dieser Leute, bei
welcher auch die Frauen derselben mit eingriffen, erinnerlich sein. Es
war dabei Sitte, ihnen außer dem Lohne noch das größte Holzscheit,
gleichsam als Trinkgeld, zu überlassen.
[Illustration: Die Sänften und ihre Benutzung bei Gewandhausconcerten.]
Mit dem Eintritt des Fiaker- und Droschkenwesens verschwanden auch
allmälig die Sänften aus dem öffentlichen Gebrauch und nur Kranke,
welche jede Erschütterung durch das Fahren im Wagen vermeiden wollten,
benutzten dieselben noch ab und zu. Trotzdem bestand aber die Compagnie
noch manches Jahrzehnt fort, und zwar wurden die Sänftenträger amtlich
als Träger der Siechkörbe bei eingetretenen Unglücksfällen oder bei
schwer Erkrankten behufs deren Transportes in’s Krankenhaus verwendet.
Außerdem behielten sie ihren Spritzendienst und ihre Holzhauerarbeiten
und fanden so immer noch ihre bescheidene Existenz.
Hierzu kam aber noch mancherlei weitere Thätigkeit und zwar zuerst
die als Fabrikanten des seiner Zeit vorzüglich bei Leipzigs
Frauen vielgepriesenen, ja bis zum heutigen Tage noch nicht
ganz vergessenen, auch weit über Leipzigs Grenzen wohlbekannten
»Chaisenträgerpflasters«, dessen heilkräftige Wirkung sich so ziemlich
auf alle bekannten und unbekannten inneren Krankheiten erstrecken
sollte. Gegen Gicht und Rheumatismus, Verrenkungen durch Hebung zu
großer Lasten, verursachte Leibesschäden, gegen Knochenfraß, alte
Wunden, Hexenschuß und Kreuzschmerzen half dasselbe, der Tradition
nach, mit absoluter Sicherheit; ja als wir Kinder uns einst bei einem
mehrtägigen Besuche auf dem Gute unseres »Buttermanns« in Bösdorf im
Essen übernommen hatten und daran nach erfolgter Rückkehr tüchtig
laborirten, brachte unsere alte gute Großtante allen Ernstes für jedes
von uns ein halbellengroßes fettgeschmiertes Chaisenträgerpflaster
herbeigeschleppt, welches das Innere kräftig zertheilen und uns wieder
herstellen sollte. Tantchen nahm es denn auch furchtbar übel, als die
Mutter ihre Pflaster dankend zurückwies und uns mittelst einiger
Tassen aufgelösten Bittersalzes und der Leistungen einer mächtigen
Familienklystirspritze, welch letztere damals in keiner Familie zu
fehlen pflegte, einer schnellen Radicalcur unterzog und binnen zwei
Tagen wieder vollständig herstellte. Erst am nächsten Aschermittwoch,
wo wir Kinder pflichtgemäß, wie es damals Sitte war, mit bänder- und
blumengeschmückten Tannenzweigen sämmtlichen Pathen und Verwandten aufs
Quartier rückten und in handgreiflicher Weise »die Asche abkehrten«,
versöhnten wir die gute Alte wieder vollständig, und jedes von uns
erhielt einen mächtigen »Vierpfenniger« als gebührende Belohnung für
unsere »Arbeit.«
Thatsache ist, daß die Fabrikation dieses Chaisenträgerpflasters,
dessen Zusammensetzung von den Mitgliedern der Compagnie streng geheim
gehalten wurde und welches dieselben für »einen Sechser« bis zu »zwei
guten Groschen« je nach dem Umfang desselben verkauften, eine ganz
beachtenswerthe Einnahmequelle der Compagnie bildete.
Vom Anfange ihrer Errichtung bis zu ihrer gänzlichen Auflösung hausten
die Chaisenträger unter den vier Bogen der »Börse« am Naschmarkt.
Im Hintergrunde derselben standen die Sänften und weiter vorn an
den Eingängen standen Stühle, an deren Seite an der Wand kleine
Spiegel angebracht waren, denn die Chaisenträger waren in der That
Tausendkünstler und ebenso vielseitig als solche.
Sie waren nämlich nicht blos Sänften- und Siechkorbträger,
Spritzenleute, Holzzerkleinerer und Fabrikanten ihres berühmten
Pflasters, sondern huldigten auch dem Schönheitsgefühle, indem sie
-- man staune -- Jedermann und jederzeit gegen den Obolus von »einem
Sechser« kunstgerecht die Haarfülle verschnitten, wobei allerdings das
Wort »verschneiden« oft genug in des Wortes verwegenster Bedeutung zu
nehmen war. Dies hinderte aber verschönerungssüchtige Handwerksgesellen
und Lehrjungen, ja selbst sparsame Handwerksmeister nicht, ihre Frisur
ruhig den Scheerenleistungen der Sänftenträger anzuvertrauen und ihre
Locken _stufenweise_ in den solchergestalt auch der Kunst geweihten
Hallen der Börse fallen zu sehen. Wir Herren Jungen waren natürlich
Stammgäste der biederen Leuteverschönerer.
»Junge -- nee -- deine Haare! -- Gleich gehst de zu’n Chaisenträgern,
un -- -- runter damit -- hier hast de ’nen Sechser!«
Das war dann für uns ein gefundenes Fressen, wie wir damals mehr
bezeichnend als sprachlich schön uns zu äußern pflegten, denn die Alten
wußten immer etwas Hübsches bei der Procedur der Haarabsäbelung zu
erzählen.
Freilich, großen Staat machten sie nicht mit uns und der »Comfort« war
gerade nicht übermäßig, aber das machte nichts aus, wir Bengel waren
damals eben noch nicht so von der Cultur beleckt, wie jetzt die »jungen
Herren«, wie heutzutage der Friseur jeden »dummen Jungen« anredet.
Der eben anwesende Chaisenträger steckte uns, nachdem wir rittlings
auf dem uralten Polsterstuhle Platz genommen hatten, vorn und hinten,
zum Schutz für unsere »Kutte«, je ein blaugewürfeltes, in Folge
mancher Prisenspuren nicht ganz »zweifelsohne« Taschentuch rings in
die Halsöffnung der »Kutte« und nun ging die Procedur frisch, fromm,
fröhlich vor sich. Erwachsenen, von deren Aeußerem der haarschneidende
Künstler stillahnend, leider sich aber oft mit dieser Ahnung selbst
betrügend, vermuthete, daß sie sich zu der horrenden Leistung von einem
»Neugroschen« aufschwingen würden, wurden _weiße_ Tücher vorgesteckt,
bei uns Jungen war dies überflüssig und uns auch vollständig
gleichgiltig.
Während nun in diesen heiligen Hallen, vor den Augen des zahlreich
vorüberziehenden verehrten Publicums, unsre oft arg zerzausten und
meist etwas struppigen »Locken« unter der Scheere des Alten fielen,
erzählte uns derselbe gewissenhaft alle Neuigkeiten des Tages, denn
die Alten erfuhren Alles und waren eine lebendige Chronik -- oft auch
~chronique scandaleuse~, ja sie führten sogar länger als ein volles
Jahrhundert ein ziemlich genaues Tagebuch über alle Stadtereignisse
irgendwie bemerkenswerther Natur und waren nicht böse, wenn wir diese
ihre Leistungen als Chronisten bewunderten und durchstöberten.
War die Procedur des Haarschneidens vorüber und hatte auch der aus
gewissen hier besser verschwiegenen Gründen nunmehr in Function
gesetzte »kleine Kamm« seine Pflicht gethan, so schüttelten wir Tücher
und Haare ab und überreichten feierlich dem Alten den Lohn für seine
Arbeit. Dieser prüfte dann das Geldstück genau, denn, es gab damals
auch Sechser, _die darnach waren_, und dann erfolgte große Betrachtung
im Handspiegel, worauf uns der Gute mit einem »So, nu siehst de wieder
wie e Mensch aus«, feierlich entließ. Mutter schlug dann wohl bei
unserem Anblick ab und zu entsetzt die Hände zusammen, aber Vater sagte
dann beruhigend und lachend »Na -- laß nur -- se wachsen schon wieder!«
Und damit war die Sache abgethan.
In der damaligen Zeit, wo noch nicht einmal die in den sechziger
Jahren fest organisirte städtische Feuerwehr existirte, sondern nur
die Bürgerschaft, soweit sie nicht Dienst in der Communalgarde that,
und die sogen. »Schutzverwandten« (eine Art Bürger 2. Classe, die aber
kein Wahlrecht hatten) zum Spritzendienst bei ausbrechendem Feuer,
je nach den Stadtvierteln, herangezogen wurden, hatte natürlich eine
Corporation wie die Sänftenträger, von denen die Hälfte Tag und Nacht
auf ihrem Posten war, auch als Feuerwehrleute großen Werth, und die
Fälle, in denen die Spritze derselben bei Schadenfeuern zuerst auf
dem Platze war und die für diesen Diensteifer ausgesetzte Prämie
empfing, sind sehr zahlreich. Die Compagnie hat bei großen Bränden
wiederholt Hervorragendes, sowohl beim Löschen, als beim Retten und
Bergen der bedrohten Mobilien etc., ja selbst von Menschen, geleistet,
und da die strenge Ehrlichkeit ihrer Mannschaften wohlbekannt war, so
wußten die vom Feuer Betroffenen da, wo die Spritze und Mannschaft der
Sänftenträger-Compagnie erschien, das Ihrige in guten Händen, zumal da
in jener Zeit sich oft schnell herbeigeeiltes Gesindel die Gelegenheit
zu Nutzen machte, um zu stehlen, und die Feuerversicherung noch bei
Weitem eine nicht so eine allgemeine war, wie zur Jetztzeit.
Selbst auswärts war in solchen Fällen die Compagnie öfters thätig,
und als halb Oschatz in Flammen stand, ging auch die Spritze der
Sänftenträger mit einiger Mannschaft, begleitet von Deputirten des
Rathes, mit Extrazug dahin ab und trat dort in Action.
So war die Compagnie länger als 150 Jahre eine volksthümliche, beliebte
und hochgeachtete Corporation, bis die Alles unterminirende Zeit
endlich auch sie erst zum Wanken und dann zum Falle brachte und die
folgenden undankbaren, flüchtigen Geschlechter in wenig Jahrzehnten
dieselbe vergaßen.
Legte schon das Erscheinen der Droschken ihre ursprünglichen
Functionen als Sänftenträger lahm, so daß eine Sänfte nach der
anderen die Halle am Naschmarkt räumen mußte, so machte später die
Organisation der städtischen Feuerwehr auch ihre Hilfe bei Feuersgefahr
entbehrlich. Der aller Handarbeit feindliche Dampf treibt jetzt sogar
holzspaltende Maschinen, und Brandt’sche Pillen, Glöckner’sches
Pflaster und andere Mixturen und Salben haben längst das alte gute
Chaisenträgerpflaster aus der Zahl der heilkräftigen Hausmittel
verdrängt. Barbiere und Friseure bearbeiten jetzt die Köpfe und deren
Haarfülle kunstgerecht mit Walzenbürste, amerikanischer Douche und
-- -- Haarschneidemaschinen; leer und verwaist sind die einst so
traulichen Hallen am Naschmarkt, nur in einer derselben sitzt jetzt
eine menschenfreundliche ältliche Dame und giebt dem Bedürftigen --
-- -- verschämt dabei lächelnd -- einen gewissen Schlüssel zu einer
gegenüberliegenden stillen Klause, gegen Einlegung -- -- eines Sechsers
-- -- wollte sagen -- -- eines Fünfpfennigers deutscher Reichswährung.
Die Alten sind heimgegangen, nur einer noch, der alte »Vater Wolf«,
haust in seiner kleinen freundlichen Wohnung im »Königshaus« am Markt,
vorn heraus »fünf Treppen« hoch, dem Himmel oder doch den Wolken ebenso
nahe als der undankbaren Erde.