IX.

Die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig.

Anno 1853 am 5. Januar wurde in der Georgenstraße zu Leipzig die Witwe

Friese, 57 Jahre alt, eine alleinstehende, daselbst wohnhafte Frau

durch Hammerschläge auf den Kopf und Erdrosselung ermordet aufgefunden.

Der Mörder hatte die alte Dame nach vollbrachter That fein säuberlich

ans Fenster auf ihren Stuhl gesetzt und den Leichnam auf demselben

angebunden, so daß man außen die Umrisse des Körpers sehen konnte und

wegen ihres Nichterscheinens außerhalb der Wohnung in Folge dessen

auch nicht sofort Verdacht faßte. Erst als die Ermordete gar nicht von

ihrem Platze weichen wollte, erbrach man die Thür zu ihrer Wohnung und

entdeckte den stattgefundenen Raubmord. Ein Mann Namens Eduard Müller,

der als Budenwächter sogar in städtischen Diensten stand und welcher

öfters für die Dame kleine Wege besorgte, wurde alsbald gefänglich

eingezogen, und da man nicht blos eine Masse geraubter Sachen bei

ihm fand, sondern ihn sogar im Bett, angethan mit einem Hemd der

Ermordeten, antraf, so war man sicher, den richtigen Thäter erwischt

zu haben, trotzdem Müller auf das Frechste leugnete. Während der

Untersuchung stellte es sich heraus, daß die wenigen Papiere, welche

Müller besaß und auf Grund welcher er in Leipzig seinen Aufenthalt

genommen hatte, gefälscht waren, und als mehrere Personen, denen Müller

vorgeführt wurde, die Meinung aussprachen, er sei mit dem vor zwei

Jahren aus dem Gefängniß zu Merseburg ausgebrochenen, wegen mehrfachen

Raubmords, verbunden mit Brandstiftung, dort zum Tode verurtheilten

Carl August Ebert aus Drossen, 32 Jahre alt, identisch, wurde Müller

alias Ebert nach Merseburg transportirt, um seine Recognoscirung

zu bewirken. Allein hier erklärte man merkwürdiger Weise, nach

Confrontirungen Müller’s mit vielen Leuten, welche den Ebert ganz

genau kennen wollten, derselbe sei nicht Ebert, und so brachte man den

Gefangenen wieder nach Leipzig. Hier gestand denn endlich derselbe

nicht nur seine Thäterschaft bezüglich des Mordes an der alten

Dame, sondern auch ein, daß er dennoch Ebert sei, und wurde nun zum

Tode durch Enthauptung verurtheilt. Die Hinrichtung sollte mittelst

Guillotine, welche damit zum ersten Mal in Sachsen in Gebrauch genommen

wurde, stattfinden.

Daß wir Herren Jungen in dem hoffnungsvollen Alter von 12—13 Jahren

natürlich über das Wann? und Wo? dieser _öffentlich_ stattfindenden

Execution auf das Genaueste informirt waren, verstand sich von selbst,

ebenso, daß jeder von uns alle Mittel daran zu setzen gelobte, das

Schauspiel, denn als solches und als nichts Anderes wurde der Act der

Gerechtigkeit allgemein betrachtet, mit anzusehen. Meine Aussichten

standen in dieser Beziehung ziemlich schlecht; Mutter war zwar auf

einige Tage verreist und konnte mich also nicht hüten, Vater aber war

ein ernster Mann von wenig Worten, welcher erklärte, er würde keinen

Schritt nach jener Execution gehen. Unter keinen Umständen aber hätte

ich es gewagt, ihn für mich um die nothwendige Erlaubniß zu bitten,

da dies allein schon wenig erfreuliche Folgen für mich gehabt hätte,

und so verzichtete ich bereits unter tiefem Bedauern, als am Abend vor

der Hinrichtung plötzlich mein Oheim mütterlicher Seite aus Chemnitz

eintraf, um dieselbe mit anzusehen. Trotz seines Widerwillens konnte

oder mochte nun doch mein Vater dem nahen Verwandten, welcher in

Leipzig nur wenige Straßen kannte, seine Bitte, ihn an Ort und Stelle

der Execution zu begleiten, nicht abschlagen, und klopfenden Herzens

hörte ich, wie mein Vater, als wir Kinder eben schlafen gingen, seine

Einwilligung gab und ihren Aufbruch auf nächsten Morgen halb vier Uhr

festsetzte.

Ich lag schon im Bett, in der an unser Wohnzimmer stoßenden Kammer,

als ich durch die halboffene Thür die Abmachung der beiden Herren mit

anhörte, und da ich mir ausrechnete, daß ich gegen sieben Uhr, zu

welcher Stunde meine um ein Jahr ältere Schwester aufstand, um in

Abwesenheit der Mutter den Morgenkaffee zu bereiten, längst wieder zu

Hause sein konnte, so beschloß ich, lieber die ganze Nacht kein Auge

zuzuthun, als die Zeit von Vaters Weggang zu verschlafen, denn -- daß

ich dann ebenfalls hinauswollte, war fest bei mir beschlossen. Indeß

-- was sind eines Kindes Vorsätze -- und noch dazu die eines Bengels,

dessen Fuß den ganzen geschlagenen Tag über in Bewegung ist, und der

sich natürlich auch am Abend einer entsprechenden Müdigkeit erfreut.

Ich sank deshalb, auch diesmal, trotz aller heroischen Anläufe, mich

wach zu erhalten, gar bald in meinen üblichen festen Schlaf, während

welchem man mich ruhig mit sammt dem Bett hätte forttragen können und

würde also unbedingt die Zeit verschlafen haben, hätte nicht Vater

bei seinem Weggehen meine Schwester, ebenfalls erst nach längerer

Bemühung, aufgeweckt, damit dieselbe hinter ihm die Wohnung wieder

verschlösse und dann wieder zu Bette ginge. Fünf Minuten nach dem

Weggange der beiden Herren lag meine Schwester wieder in den Banden

des Schlafes, und weitere fünf Minuten darauf befand ich mich auf der

Straße. Der Frühling des Jahres 1854 war rauh und regnerisch, wir

befanden uns zwar im Juni, aber trotzdem war das Wetter wie sonst im

April. Es war noch nicht vier Uhr und durch den herrschenden Nebel

noch nicht hell genug, um weithin sehen zu können, auch nisselte

es ab und zu ein wenig, nachdem es die ganze Nacht über geregnet

hatte. Die Hinrichtung fand auf den sogenannten Gerberwiesen, welche

sich zwischen dem Händel’schen Bad in der Parthe und dem jetzigen

Güterbahnhof der damals noch nicht existirenden Berlin-Anhalter Bahn

ausdehnten, statt, und trotz der Frühe des Morgens und der naßkalten

Witterung strebten bereits Tausende demselben Ziele zu. Damals, wo

Leipzig noch kaum 60000 Einwohner hatte, war auch die Bevölkerung

betreffs des Straßenpflasters und anderer Einrichtungen noch nicht so

verwöhnt wie jetzt und die Hauptpflege des Pflasters erstreckte sich

auf die zur Meßzeit mit dichtem Menschengewühl bedeckten Straßen der

inneren Stadt. Ein geradezu schauerliches Pflaster mit vielen Löchern

hatte nun gerade die Gerberstraße, obwohl damals weder Blücher- noch

Löhrstraße existirten und der ganze kolossale Verkehr nach dem Norden

nur durch sie bewerkstelligt werden konnte. Auch an jenem Tage hatten

sich in den vielen Löchern Pfützen gebildet. Nun kam, eben als ich von

der Windmühlenstraße, wo wir wohnten, im Dauerlaufe am alten Leihhause

-- einer dem Zusammenbrechen nahen alten Baracke auf dem jetzigen

Blücherplatz -- angekommen war -- ein zur Execution als Bedeckung

commandirtes Bataillon Communalgarde in Parade-Uniform und also -- in

weißen Hosen -- mit Musik anmarschirt, dem ich mich anschloß. Zu beiden

Seiten der Colonne der ritterlichen Vertheidiger der Stadt marschirten,

ebenfalls in vollem Wichs -- Pikesche und hohe Stiefeln -- eine

Unmasse, meist Corpsstudenten, und wenn nun die guten kriegerischen

Bürger oder bürgerlichen Krieger gewissenhaft und wegen ihrer weißen

Unaussprechlichen ängstlich bemüht waren, den zahlreichen Pfützen,

selbst auf die Gefahr des militairischen Tactes, sorgsam aus dem Wege

zu gehen, so waren die durch ihre hohen Stiefel geschützten Studenten

erst recht bemüht, in diese Pfützen mit größter Gewissenhaftigkeit und

Todesverachtung hineinzuspringen und zu patschen, so daß der schmutzige

Inhalt derselben mannshoch aufspritzte und sich zum Ergötzen des ganzen

begleitenden verehrlichen Publicums über die weißen Beinkleider und

die schmucke Uniform der ärgerlichen Gardisten ergoß. Wohl fluchten

die Letzteren laut ob dieser Handlungsweise der studirenden Jugend,

allein kaltblütig bliesen dieselben den Raisonnirenden den Rauch ihrer

langen Pfeifen in das Gesicht und -- es blieb beim Alten. Endlich

war unter lebensgefährlichem Gedränge die ebenso uralte wie schmale

Gerberbrücke und das dicht dabei befindliche Gerberthor passirt und

der Weg führte rechts die jetzige Berliner Straße, welche damals außer

der Scharfrichterei und den kleinen Häuschen der Damenbadeanstalten im

Gerbergraben kein einziges Wohnhaus aufzeigte, hinaus, über die Gleise

der Magdeburger Bahn -- auch die Thüringer Bahn existirte damals noch

_nicht_ -- hinweg und dann lagen wiederum rechts die Gerberwiesen

vor uns. Das Schaffot, zu welchem drei Stufen in die Höhe führten,

war vielleicht vier- bis fünfhundert Schritt von dem Ufer der Parthe

errichtet und die Communalgarde schwenkte, die bereits zu Tausenden

versammelte Zuschauerschaar durchbrechend, auf dasselbe zu und nahm

von einem um dasselbe gebildeten Viereck die Parthen- und rechte

Seite, eine Abtheilung Jäger der Garnison bildete die anderen beiden

Seiten des Vierecks. Leider gelang es mir nicht, mit der Communalgarde

zugleich nach vorn zu kommen, die kolossale Menschenfluth drängte

mich zurück, und so hatte ich wider Willen Gelegenheit, das Treiben

auf dem riesigen Platze mit anzusehen. -- Wie sehr wohl hat doch die

Gesetzgebung gethan, wenn sie jetzt das Walten der strafenden Justiz,

bei ihrer höchsten Strafe, in die engen Mauern der Strafanstalten

verweist, wo sich der schauerliche Act wenigstens in würdiger

Feierlichkeit abspielen kann, und wie sehr Unrecht man früher mit

der Meinung hatte, daß die _öffentliche_ Hinrichtung berufen sei,

abschreckend zu wirken, das begriff an jenem Tage sogar der Knabe. Denn

all die Tausende hier schienen nicht zu einem Acte tiefernster Lehre,

sondern zu einem Schauspiel, ja Volksfest versammelt zu sein. Wagen und

Stände mit Kaffee-, Bier- und Schnapsverkäufern; Händler mit Semmeln,

Kuchen, Brod, Fleischwaaren und Wiener Würstchen wechselten mit

Colporteuren, welche Ebert’s und andere Mordthaten und Hinrichtungen

in Poesie und Prosa laut zum Verkaufe anboten, ab. Alles lachte,

drängte und machte mehr oder minder rohe und zweideutige Witze. Mehrere

industriöse Leute waren mit ganzen Wagen voll Stühlen und Holztischen

erschienen, welche sie an die Zuschauer vermietheten und wobei sie

reißenden Absatz fanden -- -- --

Plötzlich -- -- ein allgemeines »sie kommen« und alle Augen richteten

sich auf die etwas höher gelegene Straße, von welcher eben einige

Wagen, umgeben von berittenen Gendarmen, nach dem Viereck einbogen. Ich

drängte mit Macht nach vorn, schlüpfte hier einem schimpfenden Bürger

zwischen den Beinen und dort einem anderen unter dem Arme durch, nahm

Püffe und Schimpfworte in den Kauf und kam ein gutes Stück vorwärts,

jetzt aber stak ich in der Mitte eines festgekeilten Menschenstroms,

sah nichts als Röcke und Hüte und den von Wolken umzogenen Himmel

-- es war zum Verzweifeln! -- Da stand vor mir auf einem Holzstuhl

ein Student, vor sich hielt er, als Partnerin desselben Stuhles, ein

rothbackiges, mit weißer Schürze angethanes Dienstmädchen.

»Knirps --« sagte er, mich gewahrend, »steig auf die Stuhllehne und

halte Dich an meinen Schultern fest!«

Im Moment war ich droben. Tiefe Stille herrschte, eben stieg der

Verurtheilte, ein kräftiger Mann mit rothem Vollbart, die Stufen

des Schaffots hinauf. Jetzt aber kam es über mich wie ein Gefühl

unendlicher Angst, ich sah das schräge Fallbeil, hörte in der Ferne

die Worte des Richters, welcher dem Mörder nochmals das Urtheil

vorlas, sah, wie die Gehilfen des im Frack dastehenden Scharfrichters

den Verbrecher ergriffen, dann aber legte es sich wie ein Nebel über

meine Augen, ich vermochte es nicht, nach jenen verhängnißvollen zwei

Säulen, zwischen denen das Beil hing, zu sehen, meine Füße wankten und

krampfhaft hielt ich mich an der Schulter des Studenten fest, da --

ein klatschender Schlag vom Schaffot her -- ein tiefer Seufzer aus der

Brust des Studenten -- »es ist geschehen«, sagte er mit bleicher Wange,

»Gott sei dem Sünder gnädig!«

»Ist es nicht gerade, als ob die Sonne mit ihrem Erscheinen gezögert

habe, bis der Elende gebüßt hat?« sagte ein vor mir herschreitender

Herr zu einem anderen. Ich blickte auf und -- in der That -- drüben

über Händel’s Bad stieg sie, leuchtend und strahlend die Wolken

durchbrechend, in die Höhe, während noch das Blut des Verbrechers

durch die Bretterritzen des Schaffotes sickerte, wo Hunderte von

Abergläubischen bemüht waren, einige Tropfen desselben mit Tüchern und

Lappen aufzufangen.

Die Sonne gab aber auch mir meine Courage zurück, und als mein

Vater gegen sieben Uhr heimkehrte, lag ich schon länger als eine

Viertelstunde wieder in den Federn, mir aber doch gelobend, ein solches

Schauspiel niemals wieder aufzusuchen.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 13 / 71 题