Kramerlehrling und Gehilfe.
Wenn man jetzt, in unserer Zeit der Gewerbefreiheit, der Freizügigkeit,
aber auch des Börsenschwindels, und vielfachen unsoliden
Geschäftsgebahrens, in unserer Zeit, welche an Stelle des _praktischen_
Erlernens der Kaufmannschaft fast nur die _theoretische_ Ausbildung
gesetzt hat, und dadurch _überhaupt_ diese Ausbildung zum _fermen_,
in _allen_ Zweigen gewandten Kaufmann geradezu zur Seltenheit macht,
zurückdenkt, wie sorgfältig selbst in kleinen Geschäften vor 40
Jahren diese Ausbildung erfolgte, so kann man nicht umhin, ob der
jetzigen Oberflächlichkeit den Kopf zu schütteln. Wohl giebt es auch
jetzt noch eine große Anzahl von Kaufleuten, welche ihre Kenntnisse
in allen Zweigen kaufmännischen Wissens möglichst zu vervollkommnen
streben, allein dieselben bilden jetzt eine wahrhaft erschreckende
Minderzahl. Nicht jeder Lehrling ist in der pekuniär glücklichen Lage,
eine Handelsschule während seiner Lehrzeit besuchen zu können, und
da die Chefs jetzt entweder selbst nur einseitig gebildet sind, oder
sich nicht die Mühe nehmen, ihre Kenntnisse auch im Laufe der Lehrzeit
dem Lehrling mitzutheilen, weil sie entweder selbst zu beschäftigt
sind oder dies überhaupt für überflüssig halten, so kommt es, daß der
jetzige Handlungsgehilfe oft von den Zweigen der Handelswissenschaften,
in welchen er während seiner Lehrzeit nicht beschäftigt wurde, nicht
einmal die einfachsten Kenntnisse besitzt. Commis, welche tüchtige
Decorateure oder Verkäufer und Reisende sind, haben oft nur ganz
mangelhafte Ausbildung in der Buchführung etc., und ebenso ist es
umgekehrt der Fall. Daher kommt es auch, daß so viele, eben nur in
_einem_ Fache, also _einseitig_ ausgebildete junge Kaufleute schnell
herunter kommen, wenn sie einmal stellenlos werden, weil sie eben
vermöge ihrer _einseitigen_ Ausbildung andere Stellungen als die
gewöhnten nicht auszufüllen vermögen.
Etwas ganz Anderes war dies in den Zeiten vor der Gewerbefreiheit, wo
die Ausbildung des Lehrlings _nach allen Seiten_ zwischen Lehrherrn und
Lehrling eine _contractlich ausgedungene_ war, und daß der Lehrherr
auch seinen Verpflichtungen nachkam, dafür sorgte die Oberaufsicht und
die Gehilfenprüfung durch die Oberhäupter der »_Kramer-Innung_«.
Freilich waren damals die Lehrherren selbst _nach allen Seiten_ hin
kaufmännisch gebildet, und der Fall, daß ein solcher sich lediglich
deshalb einen Buchhalter hielt, weil er selbst eben nicht viel von
der doppelten Buchführung verstand, war damals fast undenkbar. Ebenso
hatte sich das allgemeine Geschäft noch nicht in so viele Specialitäten
getheilt wie jetzt, dazu kamen damals viel verwickeltere Geld-, Maß-
und Gewichtsverhältnisse, deren Kenntniß eine unbedingt nothwendige war
und welche den Jüngling zum fortwährenden Rechnen geradezu zwangen.
Selbst dem simplen Lehrling eines kleinen Materialwaarengeschäftes
blieb z. B. das Bankwesen nicht fremd. Er mußte wissen, daß vier
Thaler Conventionsmünze sieben süddeutsche Gulden werth waren, ebenso
mußte er preußische und andere Goldstücke genau nach ihrem jeweiligen
Cours kennen, ebenso den Cours der Hunderterlei in- und ausländischen
Cassenscheine, Banknoten und Coupons, er mußte mit der Goldwaage
Bescheid wissen, wenn ihm ein von irgend einem menschenfreundlichen
Cravattenfabrikanten (Wucherer) beschnittener Ducaten zur Zahlung
vorgelegt wurde, er mußte schnell die an dem Goldstück fehlenden »Aß«
und daraus wieder den geringeren Werth (vom Courswerth) desselben zu
ermitteln verstehen etc. etc. Und andererseits, im Manufacturwaarenfach
mußte er wissen, daß das Yard = 1⅞ Leipziger Ellen, das »Schock«
Leinwand und Handtücher 60 Ellen, 6 Berliner = 7 Leipziger, 5 Brabanter
= 7 Leipziger Ellen, daß das »Pack« seidener schweizer Taschentücher
7 Stück derselben enthielt, daß ein »Stein« Wolle = 20 Pfund und
eine »Tonne« = 20 Centner war, er mußte blitzschnell ausrechnen
können, welchen Einkaufspreis die Leipziger Elle in Neugeld hatte,
wenn die Berliner Elle Buckskin 42 gute Groschen (24 = einen Thaler)
zu stehen kam. Auch das damals bedeutend höhere Porto, welches in
den verschiedenen Staaten Deutschlands stets differirte, zwang ihn
zum Rechen; lag ihm doch als Lehrling die alleinige Führung und
Verantwortung über die Portocasse ob. Und nun erst die Cassenscheine
und Banknoten der vielen Einzelstaaten und Privatgesellschaften, da
gab es welche, die heute mit ¼, morgen mit ⅜ und übermorgen mit ⅙%
unter dem Nennwerth angenommen wurden, die Oesterreicher mit ihrem
schwankenden Cours, die wilden und -- -- die gefährlichsten -- die
verfallenen. Der Courszettel mußte also damals schon vom Lehrling sehr
fleißig studirt werden.
Alles dies aber machte den Lehrling _umsichtig_. Aber was ihm dabei
ein gewisses Selbstgefühl gab, war das Bewußtsein, einer mächtigen,
alten und hochangesehenen Corporation, wenn auch zunächst nur als
deren niedrigstes Glied anzugehören. Er wußte, daß, wenn er seine
Pflichten getreu erfüllte, auch sein Lehrherr ihm gegenüber sehr ernst
verpflichtet war, und Beide nahmen daher die Sache nicht so leicht, wie
dies zum großen Teil jetzt geschieht.
[Illustration: Das Kramerhaus zu Leipzig.]
Kurz nach Ostern jeden Jahres, wenn die Confirmationsfeierlichkeiten
vorüber waren, fand auf dem Kramerhaus im Saale desselben in
feierlicher Sitzung der versammelten Innungsmitglieder unter Leitung
des »amtsführenden Kramermeisters« zunächst die Freisprechung der
»ausgelernten« Lehrlinge und darauf in einer zweiten Sitzung die ebenso
feierliche »Verpflichtung und Aufnahme« der neueintretenden Lehrlinge
statt. Zu diesem Behufe begaben sich die Angehörigen des Knaben mit
demselben und seinem zukünftigen Lehrherrn an dem bestimmten Tage und
zu der bestimmten Stunde in das genannte Sitzungslocal, wo die Knaben
auf einigen Holzbänken neben einander Platz nahmen. Wie manchem von
ihnen, die erst vor wenigen Tagen die trauliche Schule verlassen hatten
und nun auch das Elternhaus, wenigstens zum Theil, verlassen sollten,
denn meist wohnten die Lehrlinge in der Familie des Principals,
klopfte es etwas ängstlich in der Brust, angesichts der stattlichen
Reihe alter, theilweise noch mit mächtiger Allongeperrücke oder
herausfordernden steifen Vatermördern angethanen und streng aus ihrem
einfachen Holzrahmen auf den jungen Nachwuchs herabblickenden Bilder
früherer Kramermeister, welche die Wände des Saales zierten.
Mit einem einfachen Gebet ward die Sitzung eröffnet, und nachdem der
amtsführende Meister die Anwesenden begrüßt, legte er sowohl den
Lehrherren wie den Lehrlingen ihre gegenseitigen Pflichten dar, worauf
er dieselben fragte, ob sie bereit seien, denselben jederzeit und
in allen Stücken nachzukommen. War dies von den Betheiligten bejaht
worden, so nahm der Vorsitzende die neuen Lehrlinge als nunmehrige
Glieder der Innung mittelst Handschlages jedes Einzelnen in Pflicht,
worauf wiederum ein kurzes Gebet die Feier schloß.
Der Knabe war nun Lehrling und diente von der Pike an, doch war die
jeweilige Zeit seiner verschiedenen Verwendung im Laufe der Lehrzeit
genau contractlich formulirt und festgesetzt.
Die Lehrzeit betrug in der Regel vier Jahre, das Lehrgeld, welches an
den Principal, jedoch nur dann gezahlt wurde, wenn der Lehrling bei
ihm Kost und Logis genoß, schwankte, je nach der Größe des Geschäftes,
zwischen 300 und 900 Mark, außerdem mußte er noch ein vollständiges
Gebett guter Betten mitbringen, welches er während seiner Lehrzeit
benutzte, das aber nach Beendigung derselben Eigenthum des Lehrherrn
verblieb. Im ersten Jahre mußte der junge Handlungsbeflissne so
ziemlich alle Arbeiten machen, welche in der niederen Region, in
der er sich befand, vorkamen. War er Materialist, so mußte er bei
der täglichen Oeffnung und Reinigung des Ladens helfen, erlernte
die Geheimnisse des Zuckerschlagens und richtigen Schwenkens des
Kaffeesiebes, er mußte Düten kleben und Kaffee, Rosinen und Mandeln
lesen und sah mit Neid auf den _Aeltesten_ (Lehrling), der verzweifelt
einige unter seinen Ohren sprossende Haare zu einem Anfluge von
Backenbart pflegte und beim Erscheinen feinerer Kundschaft blitzschnell
aus dem Contor hervorschoß, um dieselbe mit einem Schwall süßer Reden
zu bedienen, wobei er den _Kleinen_ stetig kommandirte oder bei Seite
schob. In Manufacturwaaren erlernte er die Aus- und Umpackung der
Waaren, die Auszeichnung derselben und das Geheimniß mit der Scheere
_fadenrecht_ zu schneiden, die Waarenstöße in schnurgerader Linie
aufzuführen und drang in die Anfangsgründe der Wissenschaft der
Appretur und des Unterschiedes zwischen Seide, Wolle, Baumwolle und
Leinen, sowie der Mysterien vom Gebrauche des Fadenzählers. Dabei gab
es Facturen kunstgerecht in die richtige Fächerbreite zu falzen, Briefe
zu copiren, Wege zu laufen, das Portobuch und die Portocasse richtig
zu führen, allmälig in die Geheimnisse der Farben-Nüancen und das
richtige Zusammenpassen derselben einzudringen -- und so ging es von
Morgens früh bis Abends spät, immer arbeiten, immer Neues zu erlernen,
Sonntags und Wochentags, und die Zeit flog dabei schnell vorüber.
Im zweiten Jahre lernte der Materialist selbstständig verkaufen, er
begann barfüßige Jungen, die er noch im ersten Jahre voll Hochachtung
nach ihren Wünschen fragte, ziemlich von oben herab zu behandeln und
ließ sich, wenn dieselben für »n’en Dreier Pfeffer« holten, nicht mehr
preußische Dreier für vollwerthig aufhängen; er lernte mit Grazie mit
der einen Hand einen Hering und mit der anderen eine sauere Gurke aus
den Fässern nehmen, handhabte gewandt den Oeltrichter und verstand der
Waage das richtige »Schnippchen« zu geben. Der Manufacturist wurde
zur Bedienung bescheiden auftretender Bauersleute oder baumwollene
Cravatten kaufender Dienstmädchen zugelassen, er lernte Tuche nach dem
Faden reißen, machte die Anfangsgründe der Decoration der Schaufenster
durch, überwand jetzt spielend die complicirten Verhältnisse der
»Wiener, Brabanter, Berliner und Leipziger Elle, der Yards und der
Meter« zueinander, knüpfte allmälig sein halbseidenes Halstuch immer
zierlicher um die bescheidenen Vatermörder und spielte kleinen
Mädchen gegenüber, die für die Mutter (Mamas gab es damals noch
wenig) anderthalb Elle Franzleinwand zur Taillenfütterung holten, den
angehenden Schwerenöther.
Im dritten Jahre siedelte der Materialist »aufs Lager« über, erlernte
die riesigen Zuckerfässer nachwiegen, den verschiedenen Inhalt der
Nudelkisten von außen erkennen, drang tief in die Geheimnisse der
Behandlung des »Schweizerkäses« mit Rum ein, zankte sich mit den
zahlreichen Frachtfuhrleuten und stellte denselben ihre Frachtbriefe
aus, wußte verblaßten Rosinen und Corinthen neuen Glanz aufzuwichsen,
röstete den Kaffee in schulgerechter Weise und wußte genau »blauen
Menado« von »Perl-Kaffee« zu unterscheiden. Er führte das Lagerbuch,
und die während seiner Anwesenheit im Geschäfte nie sein Ohr
verlassende Feder gab ihm eine gewisse Würde.
Der Manufacturist hatte die Geheimnisse der Gewebe- und
Farbenverschiedenheiten jetzt vollständig überwunden, er verstand,
etwas mundfaulen Kunden ihre Wünsche so ziemlich vom Gesicht abzulesen,
lernte ein der Kundschaft gefallendes Muster, wenn das Stück nicht
mehr genug Inhalt besaß, um den voraussichtlichen Bedarf der Kundin zu
decken, rechtzeitig unter der Ladentafel verschwinden zu lassen und
der Käuferin oft das Gegentheil des Gewünschten aufzuschwatzen, er
entwickelte große Kühnheit und Entschiedenheit in seinen Behauptungen
über das, was der Kundin »stehen« und »kleiden« müsse und wußte
bescheidene Widersprüche durch ein fast mitleidiges Lächeln auf das
Siegreichste zu überwinden.
Im vierten Jahre empfing der junge Kaufmann, entweder von der Hand des
Chefs selbst oder dessen erstem Vertreter, die Schlußpolitur, indem er
»ins Contor« versetzt wurde.
Da jeder Principal genau wußte, daß damals bei _jedem_ Stellenwechsel
eines jungen Mannes stets die erste Frage war: »Wo haben Sie gelernt?«
und somit sein Renommee als Kaufmann und als Lehrherr im Besonderen
auf dem Spiele stand, so war es Ehrensache für ihn, den jungen Mann
gut auszubilden. War er doch nach dem Lehrvertrag verpflichtet,
dem »Ausgelernten« eine Stelle als Commis zu beschaffen oder ihn
selbst mindestens ein Jahr als solchen mit einer bestimmten Summe zu
salairiren.
Der »Dreijährige« oder »Große« lernte nun von der simplen Strazze
bis zum Hauptbuch, vom Geschäftsunkostenconto bis zum Bilanzconto
die Buchführung gründlich kennen, er drang in die Geheimnisse der
Correspondenz, indem er nach Feierabend zahllose stilgerechte Briefe an
nur in seiner Phantasie existirende Firmen richtete, in denen er alle
nur denkbaren Vorkommnisse von der einfachen Bestellung eines Fasses
Schmierseife bis zur Uebersendung complicirter Contoauszüge und der
Anzeige discontirter Kundenwechsel mit »Damno«, Zinsenberechnung etc.
etc. zur Ausführung brachte, welche Briefe dann sein Chef gewissenhaft
prüfte und gemachte Fehler rügte. Der »Dreijährige« Manufakturist
verstand jetzt kunstvoll Chales und Saloppen in den vollendetsten
Falbenwurf zu bringen, nahm eine Gönnermiene gegen jüngere Markthelfer
und Burschen an, verwendete stets von seinen acht guten Groschen
Wochentaschengeld 25 Pfennige, um sich Sonntags die Haare kräuseln zu
lassen und machte an denselben Tagen weite Spaziergänge in möglichst
menschenleere Gegenden, um eine Dreipfennigcigarre aus Propsthaidaer
Deckblatt und Stötteritzer Einlage zu maltraitiren, was diese ihm mit
rührender Gewissenhaftigkeit wieder vergalt. Er bewegte sich, den ob
seiner Weisheit staunenden »neuen« Lehrlingen gegenüber, mit Vorliebe
in kaufmännischen Kunstausdrücken, warf mit »Sconto«, »Bilanzen«,
»Credit und Debet« um sich und ärgerte sich über sein Rothwerden, wenn
ihn eine hübsche Kundin schelmisch anlachte. Die Hauptsache aber war
und blieb Lernen, ernstes, eifriges Lernen und -- so war es in allen
Branchen.
Hatte sich nun aber der Lehrling tadellos gehalten und war der
Lehrherr nicht besonders skeptischer Natur, so rief er wohl schon zur
Weihnachtsfeier vor Ostern des vierten Jahres den Lehrling ins Contor
und theilte dem Hocherfreuten mit, daß er ihm in Anbetracht seiner
guten Führung den Rest der Lehrzeit erlasse und von heute ab als Commis
betrachte und als solchen salairire.
Das Personal, welches aber in der Regel bereits Wind von dem Vorhaben
des Chefs bekommen hatte, trat nach Geschäftsschluß ~in corpore~
vor den frischgebackenen Commis und überreichte ihm als Zeichen der
Anerkennung seiner neuen Würde und treuer Collegialität Cylinderhut
und Spazierstock, sowie eine blumengeschmückte Cigarrenspitze mit
darin steckender Cigarre. Diese neue Attribute eines »Commis« mußte
der Ueberraschte nun zur allgemeinen Freude sofort anlegen und die
Cigarre anstecken, worauf obligates Gratuliren und Händeschütteln und
schließlich ein kleines Zechgelage folgte, bei dem der »neue Commis«
oft einen kleinen Haarbeutel davon trug.
[Illustration: Die Ueberreichung der Attribute eines Commis!]
Zu Ostern aber saß der junge Commis wieder in der feierlichen
Versammlung im »Kramerhause« (in Leipzig, Ecke des Neumarktes und
Kupfergäßchens), aber die alten Herren da oben schienen ihm diesmal um
Vieles freundlicher auf ihn herabzublicken; gewandt beantwortete er die
prüfenden Fragen des amtsführenden Kramermeisters, dann erfolgte seine
und der übrigen Genossen feierliche Lossprechung, die Ueberreichung
seines Lehrbriefes, und erhobenen Herzens stimmte der junge Gehilfe
in das gemeinschaftliche Gebet ein, welches die ernste und würdige
Feierlichkeit schloß.
Der junge Mann trat nun hinaus in das Getriebe des kaufmännischen
Lebens, aber nicht hin- und hertastend und schwankend, sondern festen
Fußes, denn er wußte, daß er etwas Ordentliches gelernt hatte und
zwar _praktisch_ gelernt, was sich um Vieles fester einprägt als das
theoretisch Erlernte. Er war weder an einen bestimmten Theil des
Geschäftsbetriebes, noch _unbedingt_ an eine Branche gebunden, und all’
dieses verlieh ihm eine Sicherheit, die seinem weiteren Fortkommen
große Vortheile brachte.
Längst sind jene Zeiten mit ihren ehrwürdigen Gebräuchen in das Meer
der Ewigkeit versunken. In den Räumen des alten Kramerhauses haben sich
Miethbewohner eingerichtet. Gleichgültig geht jetzt der kaum der Schule
entwachsene Kaufmannslehrling mit qualmender Cigarette an jener Pforte
vorüber, welche vor 40 Jahren sein Standes- und Altersgenosse nur
zagend und schon auf der Straße den Hut ziehend, überschritt.
Die Bilder der alten Herren Kramermeister sind aus jenen Räumen
verschwunden und fristen unter allerlei Gerümpel in irgend einer
abgelegenen Bodenkammer ihr fragwürdiges Dasein. Ohne Achtung vor ihren
strengen Mienen, ihren steifen Gesichtern und ihren vollen, weißen
Perrücken spielen die Mäuse auf ihren Rahmen und nagen an ihnen herum,
bis sie zerfallen und vermodern, wie schon längst ihre eigenen Körper
zerfallen und vermodert sind.
Alles ist anders geworden. Ob auch besser? Wir glaubens nicht!