Menschen, welche vermöge der angeborenen oder angewöhnten Originalität
ihres Aeußeren, oder ihres Lebens oder Charakters eine besondere
Beachtung finden, können nur in kleineren und allenfalls in
Mittelstädten gedeihen. Im Getriebe der Großstadt treten sie um so
weniger hervor, als in dem großstädtischen Hasten und Jagen nach Erwerb
und des Lebens sonstigen, oft nur eingebildeten Gütern, der Einzelne
nur wenig hervortritt oder seine Originalität nur einem kleinen Kreise
bekannt wird. Diese -- sogenannten -- Originale theilen sich entweder
in solche, welche ihren Wirkungskreis in das öffentliche Leben und
Volkstreiben verlegen und andererseits wieder in solche, welche sich
vom Verkehr mit der übrigen Welt möglichst abschließen, und wenn
Erstere eben durch ihren Verkehr mit dem übrigen Publicum schnell
bekannt werden, so geschieht dies in der Regel erst recht, wenn sich
ein Mensch inmitten des bürgerlichen Lebens von der übrigen Welt
aus irgend einem Grunde abzusondern versucht. Die liebe Neugierde,
welche oft selbst da Geheimnißvolles sucht, wo ganz und gar nichts
zu verbergen ist und die Verhältnisse offen vor Jedermanns Auge
liegen, entwickelt in solchen Fällen eine kaum glaubliche Phantasie,
und vermag man absolut nichts in den pecuniären Verhältnissen des
sich Abschließenden zu entdecken, so kommt man schließlich auf
allerlei Vermuthungen, von denen meist eine immer toller ist als
die andere, keine aber toll genug, als daß sie nicht Glauben und
ihre Nachbeter und Vergrößerer fände. Genau so liegt die Sache auch
bezüglich derjenigen Originale, welche im öffentlichen Leben verkehren,
und dasselbe geradezu aufsuchen, wenn die sonstigen Verhältnisse
derselben nicht näher bekannt sind. Ein wahrer Sagenkreis spinnt sich
bald um die betreffenden Personen und es ist kein Wunder, wenn sich
dieselben zuletzt auf ihre Originalität selbst Allerlei einbilden und
eine Beachtung finden, die sie im Grunde eigentlich in keiner Weise
verdienen.
Auch in unserem Leipzig hat es, als sich seine Einwohnerzahl noch in
den bescheidenen Grenzen des dritten Viertels vom ersten Hunderttausend
bewegte, also vor 30—40 Jahren, niemals an Originalen gemangelt, und
dieselben waren bei dem damals noch geringen Stadtumfang Jedermann wohl
bekannt.
Eines derselben führte im Volksmunde den -- mindestens seltsamen --
Namen: »_Der hohe Seeler!_«, und trotz des eigenthümlichen Beiwortes
war er von den damaligen bekannten Stadtoriginalen nicht blos das
älteste, sondern auch ein sehr ehrenwerther Mann.
Ein gewissermaßen romantischer Winkel des alten damaligen Leipzigs
war die kleine Burggasse, damals eine Sackgasse, welche westwärts
nur einen Ausgang durch die schmale kaum mannshohe Hausflur einer an
der Pleiße liegenden Fischerhütte hatte. Vorn, quervor -- kaum zehn
Schritte von der Zeitzer Straße -- dem jetzigen Peterssteinweg --
bis zwei Drittel in die Gasse hineinragend, stand angelehnt an das
alte Bezirksgericht, nur links eine schmale Passage nach dem hintern
Theil der Gasse lassend, das kleine Töpferhaus mit seinem Wahrzeichen
über der Thür; hinter ihm war rechts die Mauer des Bezirksgerichts.
Kaum zwanzig Schritte weiter, auf der linken Seite, nur rechts eine
kleine Passage lassend, stand ein anderes kleines Haus, in welchem
Dirnen zur Miethe wohnten. Hinter diesem Hause aber erhob sich -- ein
Wahrzeichen des damaligen Leipzig -- thurmhoch und langgestreckt das
»hohe Seilerhaus«, angestaunt, nicht blos von den Leipzigern, sondern
auch, besonders zur Meßzeit, von vielen Fremden ob seiner gigantischen
Höhe. Bis zum siebenten Stockwerke war es bewohnt, dann kamen einige
Etagen Böden und zuletzt das langgestreckte, von einem Gitter umgebene
flache Dach, auf welchem der Besitzer des Hauses, Seilermeister X. in
alleiniger Gesellschaft eines das Rad drehenden Jungen und der das Haus
umschwärmenden Vögel seine Spinnbahn aufgerichtet hatte. Oft, wenn
stürmische Winde das Haus umsausten, so daß die Dachsparren knarrten
und die Dachbalken seufzten, mag es wohl dem Jungen unheimlich auf der
luftigen Höhe geworden sein, aber der Meister schien unempfindlich
gegen das Walten der Elemente, ruhig und sicher setzte er seinen
Rückschritt fort, selten kam ein Wort über seine Lippen, wohl aber
blieb er manchmal wie träumend stehen und warf einen Blick auf das
prächtige Rundgemälde, welches ihm die Natur hier oben auf der Höhe
seines Hauses bot. -- Das war im Sommer und allenfalls an schönen
Frühjahrs- und Herbsttagen; im Winter und bei rauhem Wetter, das letzte
Jahrzehnt seines Lebens aber, als ihm wohl seine allmälig abnehmenden
Kräfte das Ersteigen der vielen Treppen nicht mehr gestatteten, das
ganze Jahr über, hielt er sich in seinem Verkaufsgewölbe in der
damaligen Zeitzer Straße auf und hier war es wo seine Originalität
im Verkehr mit dem Publicum immer mehr bekannt wurde, ihm aber auch
zugleich zu dem von uns bereits erwähnten Beiwort verhalf.
Johann Gottfried X. war im Jahre 1790 in Liebertwolkwitz geboren;
nachdem er das Seilerhandwerk erlernt hatte, sowie kurze Zeit auf
der Wanderschaft gewesen war, zog er kurz nach der Völkerschlacht
nach Leipzig, wo er im Jahre 1818 das Bürgerrecht erwarb und sich als
Seilermeister niederließ. Schon nach einigen Jahren erkaufte er das
damals Zeitzer Straße Nr. 4, jetzt Peterssteinweg Nr. 5 gelegene,
freilich damals viel niedrigere, unscheinbare Haus, das sich jetzt
-- 1866 umgebaut -- um vieles freundlicher präsentirt. Im Parterre
des schmalen Häuschens, neben dem Hauseingang, befand sich der noch
nach alterthümlicher Weise mit schmaler Bogenthür und vergittertem
Fenster versehene Laden, dessen eisenbeschlagene Thür und Fensterladen
zur Nachtzeit inwendig an Vorlegebalken angeschraubt wurden. Hinter
dem selbst zur Tageszeit stets halbfinstern Laden befand sich ein
Raum, der eigentlich eine Ladenstube sein sollte, der aber damals dem
Meister zur Aufbewahrung von Oel, Fett, Hanf, Roßhaaren, Stricken und
Seilen etc. diente. Der Laden machte schon an und für sich keinen
freundlichen Eindruck, obwohl man damals durch keinerlei Eleganz
verwöhnt war. Hatte doch damals selbst Gustav Steckner’s schon zu jener
Zeit bedeutendes Modenwaarengeschäft nur zwei winzige Auslegefenster
und unter seinen Geschäftsräumen sogar die meist von den ärmeren
Volksklassen frequentirte Schank- und Speisewirthschaft der Mutter
Jummel, deren Düfte den die Auslagen bewundernden Damen in die Näschen
stiegen. Aber der an nur etwas Sauberkeit gewöhnte Besucher oder
Käufer fuhr denn doch ein Wenig zurück, wenn er unvorbereitet den
Seilerladen betrat. Thüren und Fenster, Ladentisch und Regale, Wände
und Dielen, ja selbst länger liegende Waaren waren von einer förmlichen
Schmutzkruste überzogen. Gewaltige, dicke Netze von Spinnweben hingen
in den Ecken und an den aufgestapelten Pech- und Oelfässern, so daß
man sofort merkte, daß hier gewiß seit Jahren keine reinigende Hand
thätig gewesen war. Das Glanzstück des Ganzen aber, wenn man hier
anders vom Glanze des Thrans, Oels und Talgs reden darf, war der
Besitzer dieses zierlichen Ladens in eigner Person. Eingehüllt in
einen uralten, defecten Schlafrock oder Ueberrock, im Winter auch in
einen alten Schafpelz, welcher die hagere Gestalt vom Hals bis zu
den Füßen einschloß, auf dem Kopfe eine alte Schirmmütze, Alles aber
überzogen mit einer dicken Kruste von Schmutz, kein Zeichen von Wäsche
verrathend, hauste hier einsam und allein Jahre lang, bis in sein hohes
Alter der Besitzer all dieser Herrlichkeiten.
Und doch war Meister X. nicht blos ein vermögender, sondern, wenigstens
nach damaligen Begriffen, sogar ein reicher Mann zu nennen. Was
machte ihn zum Sonderling? War es Menschenfeindlichkeit oder Geiz,
der ihn verursachte diesen öden, trostlosen Aufenthaltsort lieb zu
gewinnen? -- Keines von Beiden! -- Denn in des Alten Brust schlug
trotz seiner Einsilbigkeit und Absonderung von den Menschen ein
warmes mitfühlendes Herz, das wußten die Armen Leipzigs am besten,
von denen Keiner unbeschenkt den Laden verließ. Am meisten aber kam
sein Wohlthätikeitsgefühl zum Ausbruch, wenn die Weihnachtszeit
herannahte, und in den letzten Tagen vor dem Feste war ein Gedränge
von Jung und Alt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend vor dem
Laden, denn es war männiglich bekannt, daß »der hohe Seeler« keinen
Käufer ohne Weihnachtsgeschenk entließ, war auch das Kaufsobject noch
so gering und der Kaufende nur ein sogenannter Weihnachtskunde, der
sich sonst das ganze Jahr über nicht wieder sehen ließ. Daß natürlich
diese Freigebigkeit speculativ ausgenutzt wurde, ist selbstredend, und
zwar am meisten von der lieben Jugend, die auf solche Weise kleine
Weihnachtsgeschenke für Geschwister und Eltern billig erwarb; ja die
Kinder einzelner Familien behandelten die Gelegenheit theilweise
geschäftsmäßig, indem immer eines abwechselnd wieder zu dem Alten
ging, bis die wenigen Sparpfennige alle waren.
»Meester mir eene Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«
Der Käufer erhielt seine Streichhölzer und ein warmes Halstüchelchen im
Werthe von fünfzig Pfennigen zu.
»Mir vor e Dreier Brennöl!«
Ein rothgemustertes baumwollenes Taschentuch erfolgte als Zugabe.
Eine arme Frau mit einem blassen Kind auf dem Arme legte einen
Vierpfenniger auf den Tisch und ließ suchend ihre Augen umherschweifen,
als wüßte sie nicht, was sie für dieses Geld, ihr einziges, nehmen
sollte.
»Nu?« frug endlich der Alte mürrisch.
Aber ehe die Frau antworten konnte, schob er ihr den Vierpfenniger
wieder zu, nahm von unten ein gutes warmes Kopftuch für die Frau und
eine warme gestrickte Jacke und Mütze für das Kind, legte es vor beide
hin und kehrte sich ab, bis die Frau den Laden verlassen hatte.
»Meester -- ne Schachtel Streichhölzer vor zwee Pfenn’ge!«
»Du -- Du! Du warst schon zweemal da!«
»Ich? -- Nee Meester -- ich nich!«
Der Alte nahm ein Halstuch.
»Ach Meester! -- So eens habe ich schon!« sagte der Junge sich selbst
verrathend.
»Siehste -- Bengel?«
Aber er erhielt trotzdem das gewünschte rothe Taschentuch für den
Vater. -- -- --
So ging es fort und man kann sich wohl ausrechnen, daß diese vielen
Hunderte von Geschenken allein einen großen Betrag ausmachten,
abgesehen von den vielen Unterstützungen, die der »hohe Seeler«
thatsächlich so gab, daß -- wie die Schrift sagt, »die Rechte nicht sah
was die Linke gab.«
Auch Meister X. war einst ein lebensfroher Mann gewesen, aber seit er
Ende der dreißiger Jahre von seiner Frau geschieden wurde, zog er sich
immer mehr und mehr von der Gesellschaft Anderer zurück und wurde ein
einsamer Mann. Am 12. Oktober 1865, im Alter von 75 Jahren, starb er,
einsam wie er gelebt. Sein Sterbelager soll ein Haufen Roßhaare in
seiner Ladenstube gewesen sein. Das »hohe« Seilerhaus fiel beim Neubaue
des jetzigen Gerichtsgebäudes und der Anlegung der Harkortstraße.