„Nun, jedenfalls sind Sie in dem besten--im Heiratsalter. Was, liebes
Kind?“ unterbrach sie sich entschuldigend, als plötzlich Eva hinter
ihren Stuhl trat und eine Frage an sie richtete.
Teut schob sich artig zurück, während die Damen einige Worte
austauschten, und zugleich beobachtete er Olgas Tochter genauer. Eva
glich einer wilden Rose in ihrer Erscheinung: sie war in der That sehr
hübsch, aber das Gesicht war geistlos.
„Ich bitte um Verzeihung!“ wandte sich Frau Olga wieder zu ihrem Gast.
„Ein schönes junges Mädchen,“ sagte Teut verbindlich und von einer
gewissen Absicht beherrscht. „Sie haben hier gleich einen Beweis, daß es
unmöglich ist, die Frauen nicht zu verehren.“
Frau Olga sah mit einem Anflug angenehmer Überraschung den Sprechenden
an. Hatte sie recht gehört? Sie wußte von Teut, daß er wohl Derbheiten,
aber selten Artigkeiten zu sagen pflegte.
„Ah, Sie Spötter!“ erwiderte sie, in der Absicht, mehr zu hören. Teut
aber lächelte und schwieg. Es gefiel ihm, sie in Zweifel zu lassen.
Endlich sagte er:
„Ihre beiden Jüngsten--Zwillinge, wenn ich nicht irre?--sind gleich
liebreizend. Das ist sehr schlimm.“
„Schlimm? Wie so? selbst unter der Voraussetzung der Richtigkeit Ihrer
schmeichelhaften Behauptung.“
„Nun schlimm insofern, gnädige Frau! als doch niemand beide Damen zu
heiraten vermag, und weil eine von ihnen zu wählen, neben der höchsten
Befriedigung des Besitzes zugleich den höchsten Schmerz über einen
sicheren Verlust hervorrufen würde.“
„Ich vermute, Sie wollen ein wenig Spott treiben,“ sagte Frau Olga.
„Überhaupt--und damit zugleich ein offenes Bekenntnis--, nachdem ich
endlich das Glück habe, Sie näher kennen lernen zu dürfen, finde ich
doch die Bestätigung dessen, was man mir so oft erzählt hat.“
„Nur eine Bestätigung?“ scherzte Teut. „Ich hatte gehofft, daß meine
Person die Beschreibung weit überträfe, denn ich bin überzeugt, Sie
finden nur Gutes.“
„Wer weiß! Sie sind der erste Mann, der mir im Leben begegnet ist, vor
dessen Sarkasmus ich mich fürchte.“
Dergleichen halbe Artigkeiten und halben Tadel enthaltende Äußerungen
liebte Frau Olga. Sie hatte unzählige bereit, wenn sie jemanden fesseln
wollte.
Zu ihrem Erstaunen sagte Teut ernst:
„Es liegt vielleicht etwas Berechtigtes darin, gnädige Frau. Ich bin ein
so ehrlicher Hasser der gesellschaftlichen Lüge und Vergeltung, daß ich
rücksichtslos meine Meinung, oft genug meinen Abscheu dagegen
ausspreche. Und natürlich, jeder, der nicht mit Komödie spielt, wird
naturgemäß gefürchtet.“
Frau Olga kam in eine etwas unbequeme Stimmung; es war ja fast
undenkbar, daß ein Mann von so guter Erziehung wie Teut diese Bemerkung
gegen sie persönlich zugespitzt hatte, aber andererseits konnte sie kaum
anders, als diese auf sich beziehen.
Es lag auch in ihrer Art, dergleichen nicht zu übergehen, denn ihre
Klugheit verließ sie nur allzu häufig, wenn ihre Empfindlichkeit oder
ihre Eitelkeit verletzt wurden. Sie entgegnete deshalb in einem recht
schroffen Tone:
„Nein, meine Furcht stützt sich auf etwas anderes, Herr Rittmeister. Was
Sie hervorheben, könnte ja in unserem Verkehr überhaupt keinen Anlaß zu
einer solchen geben!“
„Natürlich,“ sagte Teut ernsthaft, ließ aber einen infam ironischen Zug
um seine Mundwinkel spielen. „Und bitte, weiter, meine Gnädige?“
Frau Olga hob in einiger Erregung das Glas empor, das Teut eben gefüllt
hatte, trank es hastig aus und erwiderte, mühsam ihren Unmut
versteckend:
„Ich liebe die Gradheit und Offenheit wie Sie. Diese kann mich nur mit
Respekt erfüllen und wird mir nie Unbehagen einflößen. Aber Ihre--“ Sie
stockte.
„Nun, gnädige Frau?“
„Ah, gleichviel!“ machte Olga und zuckte die Achseln.
„Wie, meine gnädige Frau,“ sagte Teut in einem verbindlichen Tone und
doch mit demselben teuflischen Lächeln, „Sie laden mich in Ihr sonst so
unvergleichliches Haus und wollen mich auf die Folter spannen? Ist das
christlich? Ich bitte--wenn nicht etwas Bedenkliches für mich die Folge
sein soll--“
„Ja, ja! Das ist es! Sie sind boshaft! Sie sind's auch jetzt! Das ist
eine Eigenschaft, die mir allerdings Furcht einflößt, ja, die ich hasse,
denn es giebt gegen diese keine Waffen.“
In diesem Augenblick schlug Herr von Ink ans Glas und brachte eine
seiner gewöhnlichen geistlosen Gesundheiten aus.
Auch das reizte Frau Olga.
„Sehr, sehr hübsch!“ warf Teut hin und bewegte den Kopf.
Frau Olga hätte ihn mit dem silbernen Fischmesser töten können.
Nach dem Diner ging man in den Garten und nahm den Kaffee. Sodann wurde
ein Ausflug zu Pferde und Wagen geplant.
Vor dem Inkschen Hause hielten bereits die Stallknechte mit den
Reitpferden, und die Kutscher warteten auf dem Bock.
Teut, der meistens in einem zierlich gebauten, für zwei Personen
berechneten Wagen kutschierte und dessen langgeschweifte, dunkelschwarze
Renner ihm allseitig beneidet wurden, bot Frau Olga den Platz in seinem
Wagen an. Sie war sehr glücklich über diese Auszeichnung, um so mehr,
als bisher nur Frau Ange Clairefort eine solche genossen, freilich so
oft genossen hatte, daß der verleumdungssüchtige Mund der Stadt dies
Fuhrwerk schon mit einem Spottnamen belegt hatte.
Der Nachmittag war herrlich. Man hatte mit Rücksicht auf den Ausflug
früher gespeist, und es winkten angenehme Stunden.
Als alles sich passend zusammengefunden hatte, gab Rittmeister von Zirp,
der häufigste Gast des Hauses, ein nicht ganz übler, aber wegen seiner
unbedachtsamen Schwätzereien Teut nicht allzu sympathischer Kamerad,
das Zeichen zum Aufbruch, und die lustige Kavalkade setzte sich in
Bewegung.
Schon bei der Abfahrt hatte sich viel Volk zusammengefunden, das die
Kutscher in ihren bunten Livreen und die prächtigen Reitpferde
anstaunte. Allen voran fuhr Teut mit Frau Olga. Seine Renner flogen
dahin, und in der That war es begreiflich, daß die Augen der Einwohner
sich besonders auf dieses Gefährt richteten. War man doch gewohnt, nur
Ange an der Seite des Rittmeisters zu sehen, während jetzt die nicht
minder viel besprochene Frau von Ink neben dem bizarren Rittmeister
dahinkutschierte.
Mit einer großen Spannung sah Olga dem Augenblick entgegen, wo sie an
der Clairefortschen Villa vorbeifahren würden. Ob Teut wohl
hinüberschauen, ob wohl zufällig die Gräfin auf dem Balkon oder im
Garten sein werde? Olgas Triumph über die viel beneidete Frau wäre ein
vollendeter gewesen! Aber als sie die Villa erreichten, lag das Haus
inmitten seines herrlichen Parkes wie ausgestorben. Nicht einmal eins
der Kinder, auch niemand von der Dienerschaft war sichtbar.
Plötzlich machten die Pferde--gewohnt, hier zu halten--eine rasche
Seitenbewegung, und Olga ergriff unwillkürlich Teuts Arm, indem sie
einen leisen Schrei ausstieß.
„Was ist, meine Gnädige?“ fragte Teut kurz und wandte den Blick in
raschem Wechsel von der Villa zu den Tieren und von diesen zu ihr.
Olga erklärte entschuldigend, und der Wagen eilte weiter.
„Sie scheinen etwas ängstlich zu sein! Wünschen Sie, daß ich langsamer
fahre?“ fuhr er fort und zog die Zügel an.
Olga verneinte, obgleich das Gegenteil der Fall war.
„Neben einem so vollendeten Pferdelenker kann man keine Furcht
empfinden,“ sagte sie, in ihren schmeichelnden Ton zurückfallend; aber
sie bereite, gerade dieses Wort gebraucht zu haben, denn Teut fiel ein
und rief lachend:
„Ah, also auf dem Bock bin ich nicht gefährlich, gnädige Frau? Wenn Sie
sich nur nicht täuschen werden!“
Nach einigen Zwischengesprächen brachte Olga nochmals die Rede auf Ange.
Sie wollte durchaus etwas Näheres über sie aus seinem Munde hören.
„Frau von Clairefort ist wohl eine treffliche Reiterin und soll, wie ich
höre, selbst mit Vieren erstaunlich sicher fahren?“
„Allerdings, sie sucht ihresgleichen!“ erwiderte Teut, kurz abbrechend,
machte Olga--mit der Peitsche in die Ferne weisend--auf einen hübschen
Punkt aufmerksam und erging sich über diesen und die Umgegend in
lebhafte Lobeserhebungen.
Olga verstand. Er wollte nicht von Claireforts sprechen. Es ärgerte sie,
daß er diese Menschen gleichsam wie seine Domäne betrachtete und durch
Sein Ausweichen den Abstand andeuten zu wollen schien, der zwischen ihr
und Ange lag.
Sie beschloß aber doch noch einen Versuch zu machen. Vielleicht stand
sie auch nur unter einem Vorurteil! Sie nahm letzteres an, weil sie es
wünschte.
„Es interessiert mich sehr, etwas über Frau von Clairefort zu erfahren,“
begann sie. „Ich erinnere mich nicht, jemals einer so schönen und
interessanten Frau begegnet zu sein, und würde es als eine Bevorzugung
ansehen, ihr einmal persönlich näher treten zu dürfen. Sie soll
neuerdings sehr ernst geworden sein und sich fast ausschließlich der
Erziehung ihrer Kinder widmen? Übrigens, welch eine Schar von
entzückenden Geschöpfen!“
Teut fiel bei diesen Worten Anges Trauer und alles das wieder ein, was
ihn so lebhaft beschäftigte. Auch reizte ihn die etwas zudringliche Art
Olgas, nachdem er hinlänglich an den Tag gelegt hatte, daß er über
seine Freunde nicht sprechen wollte. Er sagte deshalb, ganz entsprechend
seiner Art:
„Meine Freunde haben ihren Umgang aus vorher schon erwähnten Gründen
wesentlich eingeschränkt und leben sehr zurückgezogen. Ich würde sonst
mit Vergnügen bereit sein, der Frau Gräfin Ihre Wünsche zu übermitteln,
gnädige Frau, und bin überzeugt, daß Sie bestätigt finden würden, was
ich Ihnen bereits bei Tisch über die Familie mitteilte. Überdies ist es
möglich, daß uns Claireforts verlassen werden, sobald der Graf seinen
Abschied genommen hat.“
„Nimmt er seinen Abschied?“ fragte Olga, zugleich durch eine Bewegung
ihren Dank für Teuts Bereitwilligkeit ausdrückend. „Ich denke, man giebt
ihn dem Herrn Grafen.“
„Wer sagt das?“ fuhr Teut auf und lenkte mit rascher Biegung in einen
Seitenpfad.
„Nun, ich hörte so, Herr Rittmeister. Ich bin indes durch den Ton Ihrer
Frage belehrt und bitte um Verzeihung. Übrigens zirkulieren über die
Clairefortsche Familie so viele widersprechende Nachrichten und sie
bildet so oft den Gegenstand des Gespräches, daß es schwer ist, sich ein
einigermaßen zutreffendes Bild von derselben zu entwerfen.“
Teut horchte gespannt auf. Beide Hände waren beschäftigt; nur allzu gern
hätte er seinen Schnurrbart gedreht. „Wie? Meine ruhig lebenden,
liebenswürdigen Freunde werden so viel besprochen? Es ist das erste Mal,
daß ich dies höre. Nun, ich denke, man kann nur Gutes von ihnen sagen,
gnädige Frau,“ entgegnete er mit gezwungener Sorglosigkeit.
Olga schwieg. Da sie ihre Pläne vereitelt sah, wollte sie wenigstens
ihre kleine Frauenrache.
Teut ließ die Pferde im Schritt gehen, sah mit einem nicht
mißzuverstehenden Blick seine Begleiterin an und sagte:
„Sie schweigen, meine gnädige Frau. Ich bitte da Sie selbst das Thema
berührten.“
Nun gut! dachte Olga und fuhr laut fort: „Setzt es Sie in Verwunderung,
daß man über eine Dame spricht, die so abweichende Gewohnheiten hat wie
Frau von Clairefort, die reitet und selbst auf dem Bock sitzt, die so
schön und so lebhaft ist, deren Mann sich vor der Welt mit seinem
geheimnisvollen Kammerdiener verschließt, und der mit einem so
ungewöhnlichen Aufwande sein Hauswesen einrichtete, um plötzlich man
sagt so--eine fast ängstliche Sparsamkeit einzuführen?“
Olga brach ab. Was sie sagte, war nicht verletzend, aber sie wußte, daß
jedes Wort Teut kränken mußte.
„Sie sprachen noch nicht von mir. Ich gehöre doch auch zu den
Gegenständen dieser sehr überflüssigen Betrachtungen des verehrlichen
Publikums. Wollen Sie nicht die Güte haben, nun auch die Ansichten über
mich beizufügen,“ erwiderte Teut, ohne eine Miene zu verziehen.
„Ich glaube nur die Thatsachen, aus denen Urteile und Ansichten sich
folgern, wiedergegeben zu haben, Herr Rittmeister.“
„Ganz recht, meine Gnädige. Und die Thatsachen, die sich auf mich
beziehen?“
„Sie sind täglicher Gast im Hause und erscheinen öffentlich stets neben
Frau von Clairefort--“
„Allerdings, und weiter, wenn ich bitten darf?“
„Nun, deshalb glaubt das Publikum ein Recht zu haben, Bemerkungen zu
machen, die freilich und natürlich jeder Unbefangene verdammt.“
„Ah, vortrefflich! Und zu diesen Unbefangenen gehören auch Sie, gnädige
Frau, und der Intimus Ihres Hauses, Herr von Zirp?“
Der Ton, in dem Teut diese Worte sprach, war allerdings impertinent, ja
beleidigend; aber der Blick, mit dem Olga erwiderte, gab nichts nach.
Das Gespräch verstummte, und unter einer recht peinlichen Stimmung
legten beide den übrigen Teil des Weges zurück. Vor Teut war ein Vorhang
zurückgezogen, dessen Hintergrund ihn erschreckte. Er biß sich auf die
Lippen und knirschte mit den Zähnen. Diesen Engel hatte man zu
verdächtigen gewagt, und eine Frau wie seine Begleiterin fand eine
boshafte Freude an der Wiedergabe solchen Geschwätzes.
Teut durchschaute Olga nur zu gut. Da er ihr die Aussicht genommen, mit
Ange in Berührung zu treten, ließ sie die Maske fallen und zeigte ihr
wahres Gesicht--
Ärger und Reue wühlten in ihr. Sie fühlte, daß sie durch dieses Gespräch
alles verloren hatte. Ihr entging vielleicht sogar das, was sie mit
etwas mehr Selbstbeherrschung sich hätte erhalten können: der künftige
Umgang mit dem für sie doch allzu interessanten Rittmeister.
Und diese Einsicht, aber auch die Hoffnung, daß er vielleicht vergessen
könne, veranlaßte sie, zuerst wieder das Wort zu ergreifen und in
möglichst unbefangener Weise gleichgültige Gesprächsgegenstände zu
berühren. Es ward ihr dies erleichtert, da man inzwischen nahe dem Ziele
war, und einige Herren, darunter mehrere von Teuts Kameraden,
herangaloppierend, sich dem Wagen näherten.
„Wir fürchteten schon, daß Herr Rittmeister von Teut Sie zu entführen
gedenke, gnädige Frau!“ rief einer von ihnen, ein junger Assessor. „Sie
waren uns gänzlich entrückt, und wir haben Mühe gehabt, Sie einzuholen.
Aber da kommen auch die übrigen,“ fuhr er fort, und in der That stob
eine Wolke auf, in deren grauem Staubnebel man Pferdeköpfe, blitzende
Knöpfe und blanke Uniformen erkannte.
Teut, der an alles dachte, hatte seinen Reitknecht vorausgesandt. Als
man am Bestimmungsort eintraf, stand dieser schon wartend da und nahm
das Gefährt in Empfang.
Während Teut Olga vom Wagen hob, drückte sie ihm leicht die Hand und
flüsterte: „Sie sind verstimmt, Herr Rittmeister. Unsere gute, eben
begonnene Freundschaft hat doch keinen Stoß erlitten? Ich hoffe es
nicht.“
Teut aber sagte: „Sie hatten doch recht mit Ihrer Befürchtung, meine
gnädige Frau. Ich nehme den halben Zweifel, den ich bei Tisch aussprach,
jetzt ganz zurück.“
Nach diesen Worten verbeugte er sich artig und ließ Olga betroffen und
nach einer Deutung seiner Worte suchend, stehen.
Wie sehr deren Laune durch diesen Zwischenfall gelitten hatte, davon
erhielt Klara einen nachdrücklichen Beweis, die, einer guten Regung
folgend, auf sie zugeeilt kam, und sich nach ihrem Befinden erkundigte.
Ohne ihr darauf zu antworten oder gar zu danken, herrschte Olga sie an:
„Mein Gott, wie Dir nur wieder der Hut sitzt und wie Du Dein Kleid
zugerichtet hast! Sieh nur! Wie ein Harfenmädchen siehst Du aus! Geh und
ordne Deine Toilette!“
Und unmittelbar nach diesen in einem empörenden Ton gesprochenen Worten
wandte sie sich mit ihrem liebenswürdigen Lächeln zu einem der Herren,
der an sie herantrat und ihr den Arm bot.
Klara stand einen Augenblick leichenblaß. Ihre Augen füllten sich mit
Thränen des Zorns, und ihr Gesicht glühte vor Erregung.
Die Gesellschaft nahm nach einem kurzen Spaziergang, dessen Ziel ein
hübsches Wäldchen gewesen war, das Abendessen auf einer Terrasse ein,
welche einen zu dem Wirtshause gehörenden Garten begrenzte. Links- und
rechtsseitig von derselben zog sich die Landstraße hin, und geradezu
schaute man auf den Fluß.
Es war in der That ein außerordentlich schöner Punkt. Langsam zogen, von
der Abenddämmerung schon halb verschlungen, große Segelfahrzeuge
vorüber, die, aus der Flut geheimnisvoll auftauchend, einem Traumbilde
anzugehören, nicht aber die Vermittler harten Tagewerkes zu sein
schienen.
Aber drüben sah man auf der stahlgrauen, vom zarten, rötlichen
Abendsonnenschein umrahmten Wasserfläche die größeren Segelfahrzeuge
wie abgelöst von der spiegelstillen Flut, und die zwischen ihnen hin-
und herirrenden kleineren Böte erhöhten durch den Gegensatz die
majestätische Ruhe ihrer Erscheinung.
Im Nachtschlaf ruhten schon die Wälder, von drüben erscholl friedlicher
Gesang, mitunter ertönte auch ein helles Hallo über das Wasser; und vom
jenseitigen Ufer, an dem die glitzernden Lichter der Wirtshäuser
aufblitzten, drang einmal leise Militärmusik herüber.
Und über all diesem: über der silbernen Stahlflut, über den stummen
Gebüschen, über den traumselig dahingleitenden Fahrzeugen, über den
Menschen mit ihren ernsten oder sorglosen Gedanken, schwamm der Mond am
blaudunklen Himmel und sandte sein weltdurchleuchtendes, geisterhaftes
Licht herab.
Im ganzen weiten Umkreis eine einzige gewaltige, schneeweiße Wolke mit
Riesenfangarmen und Flügeln, unmittelbar über der Mondscheibe schwebend,
gebannt, unbeweglich, gleichsam im Schönheitszauber erstarrt.
Teut stand an dem Rande der Brüstung und überschaute die Landschaft.
Auch die übrigen hatten sich erhoben, denn nun rasselte es über der
nahen Brücke, und in überschnellem Lauf flog ein Wagen dahin. Deutlich
waren Menschen und Dinge noch erkennbar.
Und dann plötzlich erscholl aus Kindermund der laute und jubelnde Ruf:
„Onkel Axel! Onkel Axel!“ und aus dem vorübereilenden Wagen winkten
Händchen, und eine schöne junge Frau, die den Wagen lenkte, nickte
lebhaft, und neigte, die Gesellschaft bemerkend, mit verlegener
Artigkeit das Haupt. Es war Ange, die, von einem ihrer Ausflüge
heimkehrend, jetzt rasch nach Hause drängte.
Wie sie so dasaß mit dem vornehmen, auf den feinen Schultern ruhenden
Kopf, umweht von dem weißen Schleier, der in die Abendluft
hinausflatterte, so leicht und graziös in der Erscheinung und doch so
fest und sicher die Zügel der raschen und ungeduldigen Pferde regierend,
mußte sie die Blicke der Menschen fesseln. In wenigen Sekunden jedoch
war sie den Nachschauenden entschwunden, und unwillkürlich wandten sich
aller Augen auf Teut.
Es gab wohl niemanden in der Gesellschaft, den nicht der gleiche Gedanke
beherrschte, und einer von ihnen gab diesem auch Ausdruck. Es war der
Assessor, der mit zudringlicher Vertraulichkeit an Teut herantrat und
leicht hinwarf:
„Da war ja Ihre kleine, entzückende Gräfin, Herr Rittmeister--“
Aber er sprach nicht aus, denn Teut wandte sich mit seinem
starkknochigen Gnugesicht zu ihm, und indem er den Sprechenden mit einem
Blicke musterte, vor dem jener unwillkürlich den seinigen zu Boden
senkte, sagte er mit schneidender Zurückweisung:
„Da war die Frau Gräfin Ange von Clairefort, mein Herr! Der von Ihnen
beliebte Ausdruck war respektwidrig und äußerst unpassend! Sie werden
die Güte haben, sich dies für kommende Fälle zu merken!“
Und dann drehte er dem gemaßregelten Assessor den Rücken und ging auf
Klara von Ink zu, mit der er sich, ohne die übrige Gesellschaft für den
Rest des Abends sonderlich zu beachten, ausschließlich beschäftigte.
Auch bot er, den Augenblick erspähend, wo Olga einen Platz neben Baron
von Zirp wählte, jener seinen Wagen an und kutschierte, seinen
Reitknecht hinter sich, eilend in die Stadt zurück. Seine Verabschiedung
von Inks war überaus höflich, aber förmlich. Auch lehnte es Teut ab, an
diesem Abend der Aufforderung seiner Kameraden zum weiteren
Beisammenbleiben zu folgen.
Als der Wächter die Morgenstunde abrief, saß er, die Hand an die Stirn
gestützt, noch immer grübeln in seinem juchtenduftenden Arbeitszimmer.
Ein wilder Kampf von Empfindungen, der in seiner Brust tobte, raubte ihm
Ruhe und Schlaf.
* * * * *
Ange ward, als sie dem Wagen entstieg und ihre kleine Schar von der
Dienerschaft herabgehoben wurde, von dem ernsten Ausdruck überrascht,
der sich in Tibets dienen widerspiegelte. Er stand, wie immer, wenn sie
zurückkehrte, vorn auf dem Treppenausbau der Villa und öffnete
ehrerbietig die Thür.
„Was ist?“ fragte sie ängstlich und hieß ihn durch ihre lebhaften
Gebärden rascher sprechen, als es seine Gewohnheit war.
„Carlitos hat heute nachmittag einen heftigen Anfall von Ohnmacht und
Erbrechen gehabt; wir haben ihn gleich ins Bett gebracht, Frau Gräfin.“
Ange schrie auf und flog die Stufen empor.
„War der Arzt schon da? Ist der Graf in seinem Zimmer?“ redete sie
hastig im Vorübereilen die Kammerjungfer an, ohne die Antwort
abzuwarten. Sie durcheilte die Wohnräume und erreichte das Kinderzimmer.
Hinter ihr schoß wie immer der Strom der Kleinen, die rasch abgezogenen
Kleider und Hüte in den Händen und achtlos nach sich schleifend.
„Stille, stille, süße Kinder! Unser Carlitos ist nicht wohl!“ dämpfte
sie, als jene ins Gemach stürmten. Sie saß bereits an dem Bett ihres
Knaben und ließ die Hand auf seiner heißen Stirn ruhen. „Wachst Du, mein
Carlitos?“ flüsterte sie und neigte sich zu ihm herab.
Er wachte nicht und er schlief nichts; er wälzte sich unruhig hin und
her, und die Hände erglühten in trockener Fieberhitze. Ange übergab die
lebhafte Jorinde und die übrigen Kinder der eintretenden Jungfer und
hieß sie ins Speisezimmer hinübergehen. Sie selbst eilte, nachdem sie
kühle Tücher über Carlitos' Stirn gelegt, zunächst in das Zimmer ihres
Mannes.
Der Graf saß--ein schmerzerweckender Anblick--in seinem großen Stuhl und
hatte den Kopf in die Hände vergraben. Die Vorhänge waren fest
zugezogen, die mit einem grünen Schirm umgebene Lampe verbreitete ein
mattes, schwermütiges Licht, und eine atembeengende Luft erfüllte das
Gemach. Dazu die unheimliche Stille und diese peinliche, den Dingen ihr
fröhliches Gesicht raubende Ordnung. Ange erschien der dumpfe Raum wie
eine Gruft; unwillkürlich schrak sie zusammen. Und kein Lebenszeichen
von ihm, als sie die Thür öffnete. Er war entweder eingeschlafen oder
eine Erschöpfung hatte ihn in einen halbwachen, willenlosen Zustand
versetzt.
„Lieber Carlos!“ sagte Ange weich und trat an den Stuhl, in dem die
große gebrochene Gestalt ruhte.
„Du wünschest?“ fragte eine tiefe Stimme.
„Weißt Du denn nicht, daß unser Carlitos krank ist? Ich komme, Dich zu
fragen, was der Arzt gesagt hat. Ich bin in großer Sorge.“
Er neigte langsam und müde den Kopf zur Bestätigung.
„Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei
unserem Knaben. Er schläft. Der Doktor meint, man müsse die Nacht
abwarten, es würden vielleicht kalte Bäder nötig sein.“
„Und was ist es?“ fragte Ange äußerlich ruhig, innerlich von einer
unbeschreiblichen Angst verzehrt.
„Ich weiß es nicht,“ sagte Clairefort tonlos und ließ das Haupt wieder
in die gestützte Rechte zurückfallen.
Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhängende Linke.
„Mein Carlos!“ hauchte sie leise und innig.
Er gab den Druck sanft zurück, aber er hob sie nicht auf, und für
Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises
Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedrängter Seele emporstieg.
Sie wußten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm
hingesunken war und weinte.
War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der
kräftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte?
Wie hatte man Ange ihr Glück geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum
ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Lächeln, ihr sanfter Blick berauschten ihn,
ihre Fröhlichkeit riß auch ihn mit fort, und jede noch so thörichte
Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glückes teilte er mit ihr.
Und wie Carlitos geboren ward und später Jorinde und Erna--hatte er
nicht im ungestümen Freudentaumel das Haus mit Blumen schmücken lassen,
seine Umgebung beschenkt und täglich stundenlang dankerfüllt an ihrem
Bett gesessen? Und ähnlich war's noch, als die beiden schönen Knaben zur
Welt kamen. Er plante mit Ange, was sie dermaleinst werden sollten, wie
er für ihre, für der übrigen Zukunft sorgen könne.
Bei der Geburt der kleinen Ange hatte sich schon manches anders
gestaltet. Clairefort war nicht mehr so herzlich, so teilnehmend: andere
Dinge beschäftigten ihn.
Es schien, als ob ihn etwas heftig bedrücke, als ob ein schwerer Kummer
an ihm nage. Die Rückkehr zu einer heiteren, sorgloseren Stimmung war
immer nur eine vorübergehende, und sie war stets mit einem sichtlichen
Zwang verbunden. Und dann wurde er immer finsterer, immer wortkarger,
immer ausweichender, lebte nur für sich, schalt wohl einmal in heftigem
Zorn, aber flüchtete sich doch wieder in seine Einsamkeit.
Bei der Übersiedelung nach C. ergriff ihn scheinbar noch einmal die alte
Freude am Leben. Er überschüttete Ange mit Zärtlichkeit, lauschte ihre
Wünsche ab und sprach von einem neuen Leben in neuen Verhältnissen. Auch
verkehrte er nicht mehr so abgeschlossen und geheimnisvoll mit Tibet.
Aber bald war's wieder wie ehedem, ja schlimmer, denn der alte Kummer
schien ihn von neuem zu bedrücken, und auch die Eifersucht verzehrte
ihn. Und doch suchte er sein Weib nicht an sich heranzuziehen, und nur
vorübergehend war er verständigen Auseinandersetzungen zugänglich.
Allmählich ward er leidend die nervösen Beschwerden nahmen zu. Der Arzt
hatte es ausgesprochen, es war nicht zu verbergen: ein unheilbares
Rückenmarkleiden zehrte an ihm. Zuletzt kam er um seinen Abschied ein.
Nun saß er da; kein Mann, kein Soldat, kein Reitersmann mehr, gebrochen,
ein lebensmüder Greis, leise oder laut in Schmerzen wimmernd.
Aber nicht körperliche Leiden hatten allein ihn gelähmt. Er hatte
geklagt über jede Ausgabe und doch nicht die Kraft gehabt, etwas zu
ändern, oder etwas zu verweigern.
Ja, gewiß, auch die Sorgen quälten und verfolgten ihn.
Und neben diesem gedachte Ange Teuts. Welch ein Mann, welch ein Freund!
Wie er eingegriffen hatte in die Verhältnisse, wie er alles so wohl
gestaltet, und wie mürrisch ihm Carlos gedankt hatte.
Was sollte nur werden! Wie traurig, wie trostlos starrte der Frau das
Leben und die Zukunft entgegen! Heute war sie, von Teut wiederholt
ermuntert, einmal wieder hinausgefahren und hatte sich hineingeträumt
für Stunden in die alten sorglosen Zeiten.
Ihre Gedanken wurden aber durch die Erinnerung an Carlitos unterbrochen.
„Carlos, mein Carlos!“ flüsterte sie. „Ich leide entsetzlich, weil ich
weiß, daß Du leidest. Sag, Carlos“--sie stockte; sie drückte seine Hand
und legte ihr Köpfchen an seine Schulter--„liebst Du mich noch?“
„O Ange--Ange!“ preßte der Mann hervor. „Ob ich Dich liebe?“
Plötzlich wandte er sich mit mühsamer, aber rascher Bewegung zu ihr,
umfaßte sie mit seinen Armen, hob sie empor und bedeckte ihr Gesicht
mit Küssen und--mit Thränen.
„Sag mir, was Dich beunruhigt, mein Carlos, was Dich bedrückt neben
Deiner Krankheit, um die ich Tag und Nacht sorge,“ hob Ange endlich an
und schmiegte sich fester an die Brust ihres Mannes.
Clairefort zitterte, als ob er an ein Verbrechen erinnert werde. Sie
fühlte es. Ein drängendes, unerklärlich angstvolles Gefühl jagte durch
ihr Inneres.
Aber er stand ihr nicht Rede, selbst jetzt nicht, wo ihre Seelen in
Liebe und Zärtlichkeit zusammenschmolzen, selbst jetzt nicht, wo das
Höchste sie ergriff, was Menschenbrust zu durchdringen vermag.
Sie war zu vornehm geartet, etwas erzwingen zu wollen, was ihr nicht
freiwillig gewährt wurde. Und um ihn nicht im Zweifel zu lassen,
flüsterte sie besänftigend:
„Nicht Neugierde läßt mich bitten, mein einziger teurer Carlos, nur
Sorge--Sorge--um Dich--“
Die letzten Worte wurden erdrückt durch ihr Schluchzen. Er aber seufzte,
von Seelenschmerz gefoltert, tief auf, und nun sein Haupt an ihrer Brust
bergend wie ein Kind, hauchte er: „O Ange, Ange, Du Engel--nicht nur dem
Namen nach ein Engel!“
Nachdem Ange ihren Mann verlassen hatte, beherrschte sie nur der einzige
Gedanke, wie sie ihrem Kinde helfen könne. Sie ordnete an, daß noch
einmal zum Doktor gesandt werde, und widerrief es doch wieder, weil er
kaum vor einer Stunde das Haus verlassen hatte. Sie befahl, anzuspannen,
um zu ihm zu fahren, und doch sandte sie den Wagen wieder fort. Endlich
beschloß sie noch einen anderen Arzt zu Rate zu ziehen und dies bei
jenem am nächsten Tage durch ihre Angst und Sorge zu entschuldigen. Sie
schrieb auch wirklich ein Billet, und ein Diener mußte damit forteilen;
aber er kam unverrichtet Sache zurück, da jener aufs Land gerufen war.
Nun endlich wandte sie sich mit ihren Gedanken zu Teut.
Konnte sie den Freund in so später Abendstunde zu sich bitten?
Sie hockte an dem Bett des Knaben und betrachtete jede seiner
Bewegungen. Ach, wenn sie ihm doch nicht nachgegeben hätte, als er
darauf bestand, zurückzubleiben, um in dem nahgelegenen Weiher zu
fischen! Dort konnten giftige Dünste emporgestiegen sein--er mochte sich
heftig erkältet haben--oder ihm war gar ein Unfall zugestoßen, den er
verschwiegen hatte. So ging es in ihr auf und ab. Immer von neuem kühlte
sie des Knaben Stirn, rückte ihm das Kopfkissen, horchte, lauschte auf
seine Atemzüge und war zärtlich und ängstlich um ihn besorgt.
Aber die Krankheit nahm nach Mitternacht einen heftigeren Charakter an.
Carlitos wollte aus dem Bett und sprach wirre Dinge.
Er kämpfte mit ihr, während sie ihm weinend widerstand.
„Ach, sei doch ruhig, mein lieber Carlitos, ich flehe Dich an! Siehst Du
nicht, daß Deine Mama bei Dir ist! Bitte, bitte, Carlitos, bleibe liegen
und rege Dich nicht auf!“
Aber er kannte sie schon nicht mehr, er raste in heftigem Fieber.
In Todesängsten zog Ange die Schnur. Tibet erschien. Er saß geduldig
wartend im Nebenzimmer. „Gehen Sie, gehen Sie und sehen Sie, ob der Graf
noch wacht. Wenn er kommen kann, bitten Sie ihn zu mir; sollte er aber
ruhen--“ Jetzt rührte sich der Knabe wieder und schlug um sich.
„O Tibet, Tibet, mein Kind! Nein, nein, hören Sie! Eilen Sie! Man soll
eine Wanne bringen, Eiswasser und dann--Ich danke Ihnen im voraus,
Tibet! Eilen Sie zu Herrn von Teut, sagen Sie ihm, ich ließe ihn
flehentlich bitten, zu kommen! Nicht wahr, der Doktor sagte, man solle,
wenn das Fieber schlimmer werde, ihn kalt begießen? Ah, und die Fenster
sind geschlossen! Wir müssen sie öffnen! Ich hörte, Luft, frische Luft
sei vor allem nötig!“
Und Tibet eilte fort, und die Frau war wieder allein mit ihrer Sorge
und Angst.
Teut war erschienen, hatte getröstet und hatte geholfen. Er setzte den
Kleinen in die Wanne und tropfte Wasser aus großen Schwämmen über das
heißglühende Haupt; er hob ihn vom Lager und bettete ihn von neuem; er
ordnete an, daß die übrigen Kinder in andere Gemächer geschafft wurden,
und bewirkte durch seine Fürsorge, daß Carlitos gegen Morgen in einen
ruhigeren Schlaf versank.
Aber war es, daß gegen dieses Rasen des Fiebers keine menschliche Hilfe
etwas vermochte, oder daß das unerforschliche Schicksal es bestimmt
hatte--das Herz dieser holden Frau sollte brechen. Nach zeitweiliger
Besserung tobte die Krankheit nur noch heftiger, und was man mit allen
Mitteln zu bannen suchte, schien sich lediglich zu verstärken.
Die Ärzte suchten zu trösten, aber das Kind war verloren. Nach
mehrtägigem Ringen fielen des Knaben Wangen ein, eine seltsame Farbe
bedeckte sein Gesicht, trocken wurde Stirn und Hände, aus dem Munde
drang ein Hauch, vor dem Ange erbebte, und endlich--es ging ein Schrei
durch das Krankenzimmer--erlosch der Herzschlag des Kindes.
* * * * *
„Teut,“ sagte Ange, die in einem Zimmer nach Garten gebettet war
und--einem Marmorbild vergleichbar, das Thränen vergießt--jedes
menschliche Mitleid wachrufen mußte, einige Tage später, „eine Bitte
habe ich an Sie, wenn mein süßer Knabe--“--hier brach die Stimme und
verlor sich in ein so verzehrendes Schluchzen, daß des starken Mannes
Inneres erbebte--„wenn morgen Carlitos begraben wird, lassen Sie Lux und
Lady Anna den Totenwagen ziehen. Wissen Sie noch, Teut, wie Carlitos die
Tiere liebte? Sie zu besitzen, war sein höchster Wunsch. Er wollte ganz
werden wie Sie, Teut. Alles, was Sie thaten, was Sie besaßen, war
unnachahmlich. Nicht wahr, Sie haben ihn auch geliebt--?“
Thränen erstickten von neuem ihre Stimme.
Teut wandte sich ab und trat ans Fenster. Ja, ihr Wunsch sollte erfüllt
werden, aber es bedurfte dazu einer Vorbereitung, vor der Teut einen
Augenblick zurückschreckte. Diese wilden Geschöpfe gingen in keinem
bedächtigen Trauerschritt; sie mußten gejagt, erschöpft werden, um
sanften Schrittes des Knaben sterbliche Überreste an den Totenacker zu
führen. „Es giebt nichts, was ich Ihnen verweigern würde, Ange,“ sagte
Teut bewegt und reichte der blassen Kranken die Hand. „Ich gehe jetzt,
um alles vorzubereiten.“
Er riß sich gewaltsam von ihr los, besuchte Clairefort, der ganz
gebrochen daniederlag, und eilte nach Hause. Hier traf er noch einige
auf das Begräbnis bezügliche Anordnungen, und dann ließ er anspannen.
Seine zwei Diener mußten sich auf den Rücksitz setzen und nun verließ er
die Stadt.
Im Carriere jagte Teut über die Landstraßen, fuhr die ganze Nacht,
erbarmungslos auf die Tiere einhauend, und als sie endlich
zurückkehrten, als Lux und Lady Anna standen, zitterten sie wie in
Fieberschauern und keuchten wie gemarterte Schlachtrufe. Ein Geschirr,
mit weißen Rosen, Lilien und Kamelien völlig übersät, war bereits
eingetroffen. Es ward Lux und Lady Anna angelegt, und sie selbst vor den
dunklen Trauerwagen gespannt, von dem unzählige Rosenbüschel in
denselben Farben herabhingen oder zu Blumenkronen aufgebunden waren.
So erreichte Teut, von Scharen Neugieriger gefolgt, die Villa.
Im Hause roch es scharf und unheimlich nach Lebensblumen und Lorbeer,
zudem erfüllte eine betäubende Luft alle Räume, denn Kränze und
schleifenverzierte Bouquets lagen berghoch in den Vorzimmern.
Endlich war der Augenblick gekommen. Man hob den mit Blüten und
Blättern überschütteten Sarg empor und trug ihn hinab.
Teut führte Clairefort und Ange, die jetzt thränenlos vor Schmerz, mit
irrem Blick, an seinem Arme hing, ans Fenster, öffnete es und ließ sie
hinausschauen.
In diesem Augenblick ertönte in sanften Akkorden ein Trauermarsch,
langgezogen, schmerzvoll und jeden Anwesenden bis ins Herz rührend.
Und dann sah Ange auf Teuts Lieblingspferde, die mit gesenkten Köpfen,
gleichsam mittrauernd und mitempfindend, dastanden und deren schwarze
Leiber von den weißen Abschiedsblumen umwunden waren, die Teut seinem
kleinen Freunde Carlitos mit auf den Weg gab.
„Carlitos, Carlitos--mein einziger süßer Knabe!--O Carlos! Teut--Teut!“
brach es aus Ange hervor, und in den ersterbenden Blick mischte sich ein
Ausdruck dankbarer Hingebung, der Teut für alles belohnen konnte.
Endlich überließen die Männer Ange den Händen der Frauen und schlossen
sich den in Trauerkleidern harrenden Geschwistern des Verdorbenen an.
Wie sie schön waren mit ihren seinen, blassen Gesichtern und mit ihrem
goldenen Haar, und vor allem, wie rührend die kleine Ange aussah, die
hinter dem Sarge einherschritt.
Es war, als sei die Mutter noch einmal jung geworden, nun aber kein
menschliches Gebilde mehr, sondern ein herabgestiegener Engel mit jenem
schwermütigen Verzicht in den ernsten Zügen, welche wir in den
Heiligenbildern großer Meister bewundern.
Als die Klänge der Musik in der Ferne verhallt, als die letzten dunklen
Gestalten Anges Blick entrückt waren, als nun Wirklichkeit geworden,
wogegen sich die Gedanken und Empfindungen der Frau in überqualvollen
Tag- und Nachstunden aufgelehnt hatten, da schoß auch der Schmerz noch
einmal empor, stieß seine brennenden Zungen in das Herz der geprüften
Frau und bewirkte, daß sie mit einem dumpfen Schrei zu Boden fiel.
So fand Tibet, der im Nebenzimmer, bleich wie ein Verurteilter, den
Vorgängen draußen mit dem Blick gefolgt war und nun erschrocken
herbeieilte, seine schöne, arme, geliebte Herrin.
Wenige Wochen waren vergangen. Teut saß in dem Clairefortschen
Wohnzimmer und hatte die kleine Ange auf dem Schoß. Das Kind spielte mit
einer silbernen Kette, die aus dem Waffenrock hervorschaute, und zerrte
zuletzt daran. Schon oft hatte Ange auf das geheimnisvolle Ticken
gelauscht, nun trieb sie heute abermals die Neugierde. „Warte,“ sagte
Teut gutmütig, löste die Uhr und legte sie in die zarte Hand des holden
kleinen Mädchens.
„Carlitos hatte auch eine Uhr,“ hob Ange an, während sie mit den
Fingerspitzen auf das Glas tupfte. Und zu Teut aufblickend, fuhr sie
fort: „Hat er sie mitgenommen? Ist sie auch beim lieben Gott?“
Als Teut nicht gleich antwortete, glitt sie ihm vom Schoß und rief
lebhaft: „Danach muß ich Mama fragen!“
Er aber hielt sie fest und zog sie abermals an sich.
„Bleib, Ange. Mama schläft. Wir dürfen sie nicht stören. Ich will Dir
alles erzählen: Nein, mein Liebling, seine Uhr hat Carlitos nicht
mitgenommen. Die hat Dein Papa. Vielleicht, wenn Du erwachsen bist,
erhältst Du sie.“
„Die ist ja viel zu groß! Das ist ja eine Herrenuhr!“ rief Ange mit
abweisender Wichtigkeit; „Mama hat mir eine kleine versprochen--eine
ganz kleine, wie Bella ihre--“
„Bella? Wer ist Bella?“
„Das ist doch meine große Puppe.“
„Ach, verzeih, Ange, daß ich das nicht wußte.“
„Soll ich sie holen?“ nickte das Kind lebhaft. Und ohne Antwort
abzuwarten, lief sie fort und kam gleich zurück.
„Es geht jetzt nicht, Onkel,“ erklärte sie ernsthaft, „Bella schläft.“
„So? Sie schläft? Kannst Du sie nicht wecken? Bitte, bringe sie, damit
ich sie kennen lerne.“
Ange schüttelte den reizenden Kopf, aber in das bleiche Gesichtchen
stahl sich ein schelmischer Ausdruck.
„Da ist sie ja! Da ist sie ja! Und Du hast gar nichts gemerkt!“ jubelte
sie, zog das hinter dem Rücken versteckte Püppchen hervor und legte es
ihm in die Arme. „Ist sie hübsch, Onkel?“
„Sehr hübsch, Ange.“
„Ich habe noch eine, aber--“
„Nun?“
„Ben hat ihr ein Auge eingestoßen und auch die Nase.“
„Da muß ich Dir wohl eine neue schenken, Ange?“
Die Kleine schüttelte den Kopf.
„Nein? Weshalb nicht?“
„Mama sagt, Du schenktest uns schon so viel. Wir dürften Dich nie mehr
um etwas bitten.“
„So, das sagt Mama? Aber Du hast ja nicht gebeten, Ange. Ich habe sie
Dir ja angeboten.“
Einen Augenblick sann das Kind und dachte nach, dann nickte es lebhaft:
„Ja, eine recht große, die auch schlafen kann und ein seidenes Kleid
hat, Onkel Axel. Schenkst Du sie mir bald--heute?“
„Ich will sehen, Ange. Aber mir fällt etwas ein. Wenn ich Dir nun eine
Puppe bringe und den übrigen keine?“
„Die andern spielen ja gar nicht mehr mit Puppen!“ rief Ange, Teuts
Unwissenheit mit höchster Verachtung strafend.
„Ganz recht! Aber sie möchten gewiß etwas anderes haben, was ihnen
Freude macht. Erna wünscht sich vielleicht einen seidenen Sonnenschirm,
Jorinde einen neuen Hut, und Ben und Fred möchten gerne kleine Ponys
haben.“
„Ja, ja, Onkel Axel,“ rief Ange stürmisch, „schenk ihnen Ponys, dann
können wir zusammen ausfahren--“ Aber sie unterbrach sich ebenso rasch:
„Nein, Onkel, es geht doch nicht. Mama will ja nicht, daß Du uns etwas
schenkst. Papa erlaubt es nicht.“
Teut horchte auf.
„Er fragte Mama, woher sie ihr Geld hätte. Mama weinte und sagte, daß Du
uns Geld geschenkt hättest. Da wurde Papa so böse, daß wir auch alle
weinten und hinausgehen mußten. Mama darf nichts von Dir nehmen, Onkel.
Nein, Onkel, schenke Ben und Fred keine Ponys. Papa nimmt sie ihnen doch
weg, und sie werden bestraft. Aber ich will Papa bitten, ob Du mir eine
Puppe schenken darfst. Ja, Onkel? Mama soll ihn bitten.“
Teut antwortete nicht. Es schwirrte ihm noch in den Ohren, was das Kind
gesprochen, und seine Gedanken waren weit ab.
„Onkel Axel, Onkel Axel! Hörst Du denn gar nicht?“
„Ja, mein liebes Kind,“ flüsterte Teut, wie aus einem Traum erwachend.
„Du wirst Deine Puppe erhalten.“
Ange klatschte in die Hände und sprang von ihm fort.
* * * * *
Am selben Tage in der Nachmittagsstunde öffnete Jamp die Wohnstubenthür
seines Herrn und meldete den Rittmeister von Zirp.
„Ah, Zirp! Willkommen! Nehmen Sie Platz!“
„Ich störe doch nicht?“
„Keineswegs--bitte! hier Cigarren.“
Nach wenigen Augenblicken saßen sich die beiden Herren gegenüber.
„Ich komme,“ hob Zirp an, „Sie um eine große Gefälligkeit zu bitten,
Teut.“
„Bitte, wenn es in meiner Macht steht--“
„Also, ohne Einleitungen. Ich brauche fünftausend Mark, die ich
augenblicklich nicht habe, die ich aber durch Bürgschaft erhalten kann.
Ich wollte Sie nun bitten, liebster Teut, daß Sie--“
„Bürgschaften übernehme ich nie,“ erwiderte Teut. „Ich habe meinem Vater
einen Schwur geleistet, mich niemals in der Weise zu verpflichten. Also
dieser Fall ist ausgeschlossen.“
„Fatal! Ich brauche das Geld bereits morgen und weiß es sonst nicht
anzuschaffen.“
„Hm, bis morgen--?“ sagte Teut nachdenklich. Und nach einer Pause:
„Entschuldigen Sie die Frage, wie die Sache sich so auf die Stunde hat
zuspitzen können? Es wird gar nicht möglich sein, Ihnen so rasch zu
dienen.“
Teut schlug mit den Hacken zusammen, und in Zirps Mienen malte sich
einige Verlegenheit. Er streifte die Asche von der Cigarre auf den
Fußboden ab und benutzte dann mit einem nachträglichen „Pardon!“ den
bereit gestellten Aschbecher.
„Bitte, bitte!“ schob Teut phlegmatisch ein.
„Hören Sie, lieber Teut,“ begann Zirp mit gezwungenem Anlauf, „ich will
offen reden. Ich habe Wechsel ausgestellt, die bereits gestern fällig
waren. Ich hoffte sie auf die Stunde bezahlen zu können. Allein meine
Schwester, auf die ich sicher rechnete, hat mir mein Ansuchen
abgelehnt.“
Er hielt inne, aber Teut kam ihm nicht zu Hilfe. Eine peinliche Pause
trat ein.
„Wohl,“ sagte Teut endlich und strich den langen Schnurrbart; „ich
begreife. Aber was ich durchaus nicht verstehe“--Zirp fand diesen
hochmütigen Ton, dieses etwas schulmeisterliche Wesen Teuts ganz
unerträglich--„wie wollen Sie denn nach der üblichen Frist von drei
Monaten zahlen?“
Zirp biß sich auf die Lippen und knipste abermals die Asche auf den
Teppich.
„Können Sie eine Garantie geben, daß Sie um jene Zeit die
Schwierigkeiten zu beseitigen vermögen?“
„Gewiß, gewiß!“ erwiderte Zirp leichtfertig.
„Und diese wäre?“ fuhr Teut unerbittlich fort.
„Nun, meine Schwester wird sich breitschlagen lassen--“
„Hm! Aber wenn Sie sich nun doch in dieser Annahme irren?“
„Ah, das ist ja nicht denkbar! Sie muß ja--“
„Sie muß? Weshalb? Entschuldigen Sie--“
„Nun es steht doch alles auf dem Spiel, wenn ich nicht zahle. Sie
kennen ja die Konsequenzen.“
Zirp wagte während der Schlußworte das Auge nicht emporzuschlagen.
Teut sah ihn an und schüttelte den Kopf; dann sagte er in einem milden
Ton:
„Zirp! Sie waren bisher leichtsinnig. Ich schätzte Sie aber als
Ehrenmann. Wäre es nicht besser, Sie beugten bei Zeiten einer
Katastrophe vor, die mir bei dieser Sachlage unausbleiblich erscheint?“
Zirp hatte sich erhoben und ordnete auf der Etagère Teuts zahlreiche
Cigarrentaschen. Halb gärte es in ihm auf, halb packte ihn die bessere
Einsicht. Endlich sagte er: „Ich sehe, daß Sie mir nicht helfen wollen.
Bitte--“ unterbrach er seine Rede, als Teut eine Bewegung machte, „ich
mache Ihnen daraus keinen Vorwurf. Da Sie aber in bester Absicht
gesprochen haben--ohne Zweifel--wie soll ich mit Ihren Ratschlägen und
Hindeutungen auf die Zukunft morgen meine Verpflichtungen erfüllen?“
Ohne eine unmittelbare Antwort zu geben, sagte Teut, sich gegen die
Fensterbank lehnend und einen Siegelring an seiner kräftigen Hand
drehend:
„Wer ist der Inhaber des Wechsels und wieviel sind Sie wirklich darauf
schuldig?“
„Matt hat das Papier in Händen,“ ertönte es kleinlaut.
„Ich dachte es mir! Und wie viel empfingen Sie darauf?“
„Dreitausend Mark hat mir der Schuft gegeben.“
Teut sann einen Augenblick nach. Dann erhob er den Blick, sah Zirp
freundlich an und sagte kurz entschlossen:
„Gut, dreitausend Mark und einen guten Zins über den landesüblichen will
ich Matt zahlen, auch selbst den Kerl vornehmen und alles für Sie
ordnen--“
„O Teut, lieber, braver Freund!“
„Halt, Zirp! Ich habe eine Bedingung: Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß
Sie nicht mehr spielen und nie mehr Wechsel unterzeichnen.“
Zirp machte eine zustimmende Bewegung.
„Nein, nein, nicht so rasch! Besinnen Sie sich wohl!--Ferner: Sie
beantworten mir eine Frage, wahrheitsgetreu, ohne Rückhalt, als
Kavalier.“
Zirp horchte gespannt auf. Des Sprechenden Stimme klang
verändert--ernster, fast drohend.
„Ich bitte, sprechen Sie, Teut.“
„Nein, Zirp, erst antworten Sie mir, ob Sie meine Bitte erfüllen wollen.
Was ich von Ihnen fordere, ist nichts, was Sie mit Ihren Grundsätzen in
Konflikt bringen kann, denn derjenige, der gut genug ist, in intimsten
Privatangelegenheiten als Freund zu helfen, ist wohl so viel wert wie
diejenigen, bei denen der Antragsteller die Stunden seiner Langenweile
vertreibt. Also?“
„Gut! Obgleich mir Ihre Rede unverständlich ist und obgleich ich fast
erschreckt bin durch den feierlichen Ton--ich gebe Ihnen hiermit mein
Ehrenwort, daß ich Ihre Frage nach bestem Wissen, wahrheitsgetreu,
beantworten werde.“
„Nun,“ hob Teut an, „dann frage ich Sie: Hat jemals jemand behauptet,
daß--die Gräfin Ange--Clairefort--meine--Geliebte--sei?“ Teut stieß die
Worte zögernd, in Absätzen hervor. In scharfer Abgrenzung markierten
sich die Linien seines mageren Gesichtes und seine Mundwinkel zuckten.
Zugleich schob er das Monocle ins Auge und schien Zirp mit seinen
Blicken durchbohren zu wollen.
„Sie schweigen?“ drang es heiser aus Teuts Munde. „Gut! Das ist auch
eine Antwort. Ich danke Ihnen. Rechnen Sie auf mich; aber“--und ein so
drohender Ernst malte sich auf des Rittmeisters Zügen, daß Zirp
unwillkürlich zusammenschrak--„ich rechne auch auf Sie, daß Sie in
Zukunft Ihre Reitpeitsche jedem ins Gesicht schlagen, der es wagen
sollte, diese edle Frau auch nur durch eine Miene zu verdächtigen!“
Für Augenblicke war es stumm zwischen beiden Männern. Teut hatte sich
abgewandt und schaute auf die Gasse. Endlich trat Zirp näher und ergriff
dessen Hand.
„Teut, welch ein Mensch sind Sie! Unter Tausenden ist nicht
Ihresgleichen. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich eingedenk sein werde
dieser Stunde und mich Ihnen bewähren werde als Freund. Dank, nochmals
Dank! Ich gehe jetzt. Adieu----.“ Zirp wartete. Keine Bewegung, keine
Antwort.
Erst nach geraumer Zeit veränderte der Mann, dem ein so braves Herz
unter des Königs Rock schlug, seine Stellung, und mit einem Blick, in
dem sich widerspiegelte das Leiden seiner Seele, drückte er jenem die
Hand und bat ihn durch eine Bewegung, das Zimmer zu verlassen.--
Vierzehn Tage später empfing Teut von Zirp die Anzeige, daß dieser sich
mit Eva von Ink verlobt habe. Anfänglich starrte Teut das Billet
überrascht an und schüttelte den Kopf, bald aber ergriff er die Feder
und schrieb unter Beifügung des inzwischen eingelösten Wechsels die
nachfolgenden Worte:
„Lieber Freund! Ich gratuliere. Sie haben den Weg eingeschlagen, der
Ihnen die Ausführung Ihrer Entschlüsse zu einem neuen Leben
erleichtert, ja, wie ich hoffe, sichert! Bravo deshalb!