Dem Freunde aber sandte er nur seine Karte und schrieb:
„Ich besuche Sie kurz vor der Theestunde in Ihrem Zimmer.
v.T.“
Als aber der Nachmittag kam, änderte Teut seinen Entschluß. Es fiel ihm
ein, daß er den Kameraden versprochen hatte, abends den Besuch eines
Freundes im Kasino zu feiern. Er ging deshalb früher zu Claireforts. Als
er die Wohnung erreichte, stieg er, in Gedanken verloren und ohne sich
umzusehen, die Treppe empor. Er wünschte, obgleich er das Richtige zu
vermuten glaubte, zunächst von Ange zu erfahren, was vorgefallen sei,
und dann Clairefort aufzusuchen. Zu seiner Überraschung fand er alle
Thüren offen und weder jemanden im Empfangssalon noch in Anges
Gemächern, überall aber eine große Unordnung.
Hier stand das Schaukelpferd eines der Knaben, dort hing, neben
fortgeworfenem Spielzeug, eine Puppe mit gesenktem Kopf und schlaffen
Armen rückwärts über einem Stuhlpolster. Auf dem Tisch des Wohngemaches
lagen Kinderhüte und der hastig abgestreifte Paletot eines der Kinder.
In Anges Schreibtisch war eine Schublade aufgezogen, und eine Sammlung
von zartgefärbten Handschuhen lag in wilder Unordnung durcheinander.
Einer hing mit schlaffen Fingern über den Rand des Schubfaches hinaus.
Teut schritt weiter bis an die Kinderzimmer. Er fand auch hier
niemanden, aber ein ähnliches Durcheinander.
Die Wohnung machte den Eindruck, als ob eine Familie in fliegender Hast,
vor einer Gefahr flüchtend und alles im Stiche lassend, davongeeilt sei.
Kopfschüttelnd ging Teut weiter und trat gegenüber in Claireforts
Privatgemach. Er klopfte. Keine Antwort. Er öffnete behutsam. Hier fand
er es wie stets: dieselbe peinlich-übertriebene Ordnung, derselbe
düstere Ernst, derselbe Mangel an freundlichen, belebenden Eindrücken.
Keine Blume, keine lebhaften Bilder! Ein Hauch von Schwermut lag über
dem Gemach ausgebreitet und nur allzu deutlich drückte sich in den
Räumen der Charakter seines Bewohners aus.
Natürlich that auch die Dienerschaft, unter solchem Beispiel und keine
strenge Hand über sich fühlend, was sie wollte. Nirgends ein männliches
oder ein weibliches Wesen, das nach dem Fortgang der Herrschaft die
Thüren geschlossen und in den Zimmern Ordnung geschaffen hätte.
Teut wandte sich zurück, und während er noch überlegte, ob er nach Hause
zurückkehren oder warten solle, bis die offenbar auf einer Ausfahrt
begriffene Familie wiederkommen werde, hörte er Schritte. Er horchte auf
und trat einen Augenblick beiseite. Es war Tibet, der geschäftig
ausräumte, hier sich nach einem Spielzeug, dort nach einem
Kleidungsstück bückte und ordnend die Hand an Tisch und Stühle legte.
Ja, Tibet, Tibet! Er übernahm die Pflichten aller.
„Die Herrschaften sind aus gefahren?“ fragte Teut, nun hervortretend und
den Kammerdiener begrüßend.
„Jawohl, Herr Baron. Frau Gräfin macht Besuche mit den Kindern; der Herr
Graf ist schon früher fortgeritten.“ Er sprach in seiner gewohnten
ehrerbietigen Weise und schob eine Puppe, die er gerade in der Hand
hatte, verlegen hinter sich.
Teut nickte und ließ sich nieder. Es kam ihm sehr gelegen, den
Vertrauten des Hauses einmal allein zu treffen, und er beschloß, ein
Gespräch mit ihm anzuknüpfen.
„Wie lange sind Sie eigentlich schon in der gräflichen Familie, Tibet?“
„Seit meinem fünfundzwanzigsten Jahre,“ erwiderte dieser mit einem
melancholischen Anflug in der Stimme.
„Im Hause der Familie Butin oder bei Claireforts?“
„Bei Claireforts.“
„Und Sie hatten nie eine andere Beschäftigung oder Tätigkeit?“
„Doch, Herr Baron!“
„Und welche?“
„Ich wollte mich ursprünglich dem Kaufmannsstande widmen.“
„So so! Hatten Ihre Eltern schon Beziehungen zu der Familie?“
„Nein, Herr Baron.“
„Sie sind wohl schon ein guter Vierziger, Tibet?“
„Ja, Herr Baron.“
Nein--ja, Herr Baron! Auch im Verfolg des Gespräches gab er diese
einsilbigen Antworten. Dieser Mensch sprach nur, wenn man ihn fragte,
und dann lediglich das Notwendigste. Teut beschloß, es anders
anzufangen, und indem er in bekannter Weise die Stiefelhacken
zusammenschlug und den Schnurrbart drehte, sagte er mit starker
Betonung.
„Tibet!“
„Herr Baron!“
„Ich weiß, daß Sie eine große Anhänglichkeit an den Herrn Grafen und
besonders auch an die Frau Gräfin haben. Sie wissen zugleich, daß ich
ein aufrichtiger Freund der Familie bin. Nicht wahr, Sie glauben das?“
Statt zu antworten, sah Tibet Teut einen Augenblick mit höchster
Befremdung an. „Ja, ich verehre die Frau Gräfin wie niemand sonst.“ Die
zweite Frage überging er.
„Gut. So dachte ich. Aber zu mir haben Sie wenig Vertrauen, Tibet, nicht
wahr?“ lächelte Teut.
„Ich verstehe nicht, Herr Baron.“ Tibet schlug verlegen die Augen zu
Boden.
„Sie verstehen recht gut. Sprechen wir einmal offen miteinander.“
Tibet stand noch immer mit der Puppe in der Hand, die wie gelähmt Arme
und Beine hängen ließ. Wenn man diesen großen, hageren, ernsthaft
dreinschauenden Mann in der dunklen Kleidung so dastehen sah, mußte man
unwillkürlich lächeln.
Als Teut die letzten Worte sprach, überfiel Tibet--man sah es
deutlich--ein starkes Unbehagen. Zuletzt malten sich eine gewisse
Abwehr, ja Trotz in seinen Mienen.
„Also, Tibet,“ fuhr Teut unbekümmert fort, „ohne Umschweife! Hier im
Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Die Gräfin weiß keine
Wirtschaft zu führen, der Graf leidet darunter--nicht nur in seiner
Schatulle. Sie wissen das alles.--Das muß anders werden. Beide wünschen
es auch, aber die Gräfin versteht es nicht zu ändern, und den Grafen
halten andere Gründe zurück. Ich möchte bei Zeiten etwas verhindern, was
sonst unabänderlich scheint. Wollen Sie mir helfen?“
„Ich?“ fragte Tibet kurz, starrköpfig und fast aus der Rolle des
Untergebenen fallend. „Ich bin ein Diener! Wie dürfte ich wagen, mich in
die Angelegenheiten meiner Herrschaft zu mischen?“
„Sie sind kein Diener hier im Hause, sondern ein Freund, zudem ein
braver, ehrlicher Mann, Tibet. Versprechen Sie mir, um dieser
Freundschaft willen, die Sie für die Familie hegen, mein treuer
Verbündeter zu werden!“
Einige Augenblicke stand Tibet unbeweglich; die Puppe war jetzt so tief
herabgesunken, daß die kleinen lackledernen Schuhe mit Kreuzbändern den
Fußboden berührten. Endlich sagte er aufschauend:
„Herr Baron, ich will es mir überlegen. Ich danke Ihnen für Ihre gute
Meinung. Gestatten Sie mir indessen jetzt--Ah, da kommen die
Herrschaften bereits!“
Und offenbar erleichtert und mit einer entschuldigenden Bewegung eilte
er ans Fenster, guckte rasch hier- und dorthin und entfernte sich
endlich, alle Siebensachen unter den Arm raffend, durch die nach dem
Ausgang führende Thür.
Teut sah nach der Uhr. Es war Tischzeit geworden und für seine Absichten
somit zu spät. Während er noch zauderte, trat Clairefort von der
entgegengesetzten Seite in den Salon, blickte überrascht auf, als er
Teut in dem Stuhl sitzend fand, schritt förmlich auf ihn zu und sagte
gezwungen:
„Ah, ich glaubte Sie erst heut abend erwarten zu dürfen! Aber wenn es
Ihnen gefällig ist--Zugleich meinen Dank für Ihre Artigkeit. Ich wäre
natürlich zu Ihnen--“
„Bitte, bitte!“ erwiderte Teut in seiner kurzen Weise. „Ich bin ja Ihr
täglicher Gast! Weshalb wollten Sie sich zu mir bemühen? Ich stehe also
ganz zu Ihrer Verfügung.“
Mit diesen Worten machte er einige Schritte, Clairefort zu folgen. Aber
zu gleicher Zeit öffnete sich auch die Thür und Ange, in einem reizenden
Promenadenkostüm, das goldene Haar rückwärts in zwei nachlässige Knoten
geschlungen, die Wangen von der kalten Luft sanft gerötet, das Gesicht
ganz umrahmt von einem kleinen, rosaseidenen Hütchen, trat rasch und
lebhaft ins Zimmer. Ihr folgte die Schar ihrer Engel, eins schöner;
graziöser und vornehmer als das andere. In der That ein entzückender
Anblick.
Des Grafen nicht achtend, ganz beschäftigt mit dem Bilde, das sich ihm
bot, eilte ihr Teut entgegen, und sie begrüßten sich mit einer
Herzlichkeit, als ob sie eine lange Zeit getrennt gewesen wären.
Aber in demselben Augenblick und während die Kinder Teut jubelnd
umringten, veränderten sich Anges Züge und erhielten einen furchtsamen
Ausdruck.
Da stand der Graf, finster, bleich, und biß sich auf die Lippen. Da
stand er, der Herr des Hauses und weder Frau noch Kinder näherten sich
ihm. Aber alle umringten ihn--ihn, den Hausfreund, dem auch er sein
größtes Vertrauen geschenkt und den er doch in diesem Augenblick mehr
haßte als den Tod.
„Wartet mit dem Essen!“ sagte Clairefort, seinen Unmut schlecht
verbergend, und machte eine Bewegung gegen Teut, ihm zu folgen.
Letzterer sah noch Anges erbleichendes Gesicht und warf ihr einen
beruhigenden Blick zu. Dann schloß sich hinter beiden Männern die Thür.
Als sie Platz genommen, knöpfte Clairefort den Rock auf und holte tief
Atem. Teut aber sagte nachlässig und mit einem Anflug von Ungeduld:
„Nun, was steht zu Diensten, Clairefort?“
Durch diesen Ton war jener schon halb entwaffnet; jedenfalls fand er
nicht gleich das Wort. Und als er es noch immer nicht fand und, um es zu
gewinnen, aufstand und das Fenster öffnete, obgleich von draußen der
Spätherbstnachmittag kühl ins Zimmer drang, erhob sich Teut und sagte:
„Nun, Clairefort, dann will ich zuerst sprechen. Sie wünschen abermals
über Ihre Frau mit mir zu reden, oder richtiger über Ihre Frau und mich,
und Sie wollen mir sagen, daß es besser ist, wenn alles beim alten
bleibt, ja noch mehr, daß Sie mich mehr aus der Entfernung schätzen als
in Ihrer Nähe und deshalb--nein, ich bitte, lieber Clairefort, wir
wollen einmal deutsch sprechen!--und deshalb wünschen, daß ich meine
Besuche einstelle. Sie sind in blinder, thörichter Eifersucht befangen
und zeigen dadurch, wie wenig Sie den Charakter Ihrer edlen Frau zu
schätzen wissen, wie gering Sie auch von mir denken. Aber da ich Ihnen
nachfühlen kann, ja heute mich ganz hineinzuversetzen vermag, weshalb es
Ihnen schwer wird, zu thun, was Sie als recht befunden, was auszuführen
aber eine heilige Pflicht ist gegen Ihre Familie, gegen Ihr künftiges
Wohlergehen, deshalb sagte ich als Freund, der Ihre Frau wie eine
Schwester liebt und der Ihnen warm und herzlich zugethan ist: ‚ich will
Dir helfen. Lasse mich handeln, und wenn's gelungen ist, dann heiße mich
meinethalben gehen.‘ So wollte ich es, so dachte ich es! Sie,
Clairefort, zweifelten schon bei dem ersten Schritt, den ich that, wie
mir scheinen will, an meiner Aufrichtigkeit und an der Reinheit meiner
Gesinnungen. Als Ihre Frau mir dankte und es in ihrem kindlichen Herzen
überströmte, standen Sie da wie ein zorniger Brigant und kämpften nur
mühsam Ihre Leidenschaft nieder. Und nun noch eins! Jederzeit bin ich
für Ihre Frau auf der Welt--für sie und ihre Kinder! Aber ich bitte Sie
auch um derentwillen, unterdrücken Sie so falsche, durch nichts
gerechtfertigte Regungen! Habe ich durch meine Rede unangenehme
Empfindungen geweckt, habe ich Ihnen gar wehe gethan, Clairefort, so
sehen Sie mir dies nach! Vergessen Sie! Es mußte Klarheit zwischen uns
sein! So, und jetzt lassen Sie mich gehen. Ich wünsche noch, Ihrer Frau
zu sagen, daß wir uns als Männer ausgesprochen haben. Ich wünsche es,
weil ich den furchtsamen Blick in ihrem lieben Gesicht beobachtete und
sie niemals leiden sehen möchte, wo immer es in meiner Macht steht, dies
zu verhindern.“
Clairefort hatte das Fenster wieder geschlossen. Er stand, das Gesicht
der Scheibe zugewendet, bewegungslos. Einigemal hatte es in seinem
Körper gezuckt, mehreremal ballte er die Faust--aber er hatte kein Wort
entgegnet und sprach auch jetzt nicht. Als Teut sich zur Thür wandte,
als sich in seinem langsamen Schritt nicht Zwang, wohl aber die
Erwartung einer Erwiderung von jener Seite ausdrückte, kehrte sich
Clairefort zu ihm.
Es war feucht in seinen Augen, ein unsagbarer Schmerz irrte um seine
zuckenden Mundwinkel, und er sah Teut mit einem so hilflosen Blicke an,
daß dieser auf ihn zueilte und ihm die Hand drückte.--
War nun endlich alles im alten Geleise? Teut war darüber nicht im
klaren. Ange aber schmiegte sich ängstlich und fragend an den Freund,
als er ihr Gemach betrat. Sobald er aber auf ihre hastigen Fragen mit
jener vertrauenerweckenden Ruhe antwortete, die ihn so anziehend machte,
entwichen die ernsten Schatten auf ihrem Gesicht, wiederbelebte Hoffnung
verschönte ihre Züge und in ihrem unzerstörbaren Sanguinismus glaubte
sie schon wieder das Beste.
„Sie bleiben heute nicht zu Tisch, Teut? Wann kommen Sie? Wann reiten
wir aus? Sie sind doch morgen bei dem Diner? Sehen wir uns noch?“ So
fragte sie und so schien bereits alles wieder verwischt, was sie noch
eben so zaghaft berührt hatte.
* * * * *
Die Zeit war vergangen.
Teut hatte durchgesetzt, was er wollte. Der größte Teil der Dienerschaft
wurde entfernt. In das Hauswesen, in Küche und Keller kam eine andere
Ordnung, in die Erziehung der Kinder ein anderer Geist. Die neue
Gouvernante erhielt die gemessensten Befehle und empfing Vollmachten,
die verhinderten, daß das frühere planlose Treiben fortgesetzt wurde.
Unter dem Vorgeben, daß ein trauriges Familienereignis verbiete,
Gesellschaften mitzumachen und in gewohnter Weise Besuch im Hause zu
empfangen, ward auch diese kostspielige Seite des bisherigen Lebens
einschränkt, und Ange mußte sich dazu verstehen, mit einer streng
begrenzten Summe die eigene Toilette und die ihrer Kinder zu bestreiten.
Das alles schaute sie mit harter Nüchternheit an; die Schule des Lebens
schlägt ihre Pfade nicht durch blühende Büsche, sie fordert Entbehrungen
und Kämpfe.
„Wo sind die Kinder?“ fragte Ange, und die Antwort hieß: „Sie lernen,
sie haben Unterricht.“ Wenn sie den Kopf in die Thür steckte, sah sie
das strenge, unbewegliche Gesicht der neuen Gouvernante und oft genug
ein Thränlein in den Augen ihrer Lieblinge. Die Befriedigung
augenblicklicher Neigungen stieß auf Schwierigkeiten. Wenn sie Einkäufe
gemacht hatte und die Rechnung vorgelegt wurde, gab es Szenen mit
Carlos. Er sandte den Diener ohne Geld zurück und dieser stand ratlos
da. Tibet lief mit bedrückter Miene hin und her, und durch die offene
Thür sah Ange den wartenden Boten, der nicht befriedigt wurde, und die
betroffenen Gesichter ihrer Umgebung, die ihre stummen Bemerkungen
machten.
„Konrad soll anspannen!“ befahl sie, und wenn sie zum Ausfahren
gerüstet, hinabsteigen wollte, stand statt des Wagens der Kutscher vor
ihr und erklärte, das eine Pferd sei krank. Ange fragte nicht, weshalb
man statt der Schimmel nicht die Braunen anspanne; die Braunen waren
verkauft worden.
Wenn es ihr plötzlich durch den Kopf fuhr, wie früher Freunde um sich zu
versammeln, schüttelte Carlos den Kopf, und statt des reich beladenen
Frühstückstisches, welcher für gern gesehene Gäste immer bereit gewesen
war, standen nun kleine Brotschnittchen neben einer bereits
angebrochenen Flasche Wein auf der sauber gedeckten, aber kargen Tafel.
Nichts durfte mehr angeschrieben werden. Tibet erklärte, lediglich Geld
für die täglichen Bedürfnisse zu haben und besondere Ausgaben nur nach
Rücksprache mit dem Grafen bestreiten zu können.
Drunten in Küche und Stall begegnete man mürrischen Mienen. Teils
wirkte die Kündigung nach, teils verglich man die alten Zeiten mit den
neuen und fand sich enttäuscht. Die reichlichen Trinkgelder, welche die
Gäste bei dem täglichen Verkehr und nach den vielen Gesellschaften in
die Hände der Dienerschaft hatten gleiten lassen, blieben jetzt aus.
Die Familie Clairefort ward von ihrer eigenen Umgebung hämisch und
tadelnd beschwatzt, und an die plötzlichen Veränderungen und
Einschränkungen knüpften sich zudem die übertriebenen Vermutungen.
Bisweilen wandte sich Ange in ihrer Ratlosigkeit an Carlos und bat ihn,
in einigen Dingen nachzugeben. Sie schilderte ihm die vielen kleinen
Ungelegenheiten, berichtete von diesem und jenem und forderte Abhilfe.
Wenn sie dann so eindringlich auf ihn einsprach und mit ihrer
bezaubernden Art durchzusetzen versuchte, was sie wünschte, gab er wohl
nach; ja einigemal brauste er sogar auf, und böse Worte gegen Teut
entschlüpften ihm.
Aber nur, wenn Erinnerungen an frühere Zeiten seinen Stolz weckten, wenn
er Teuts Hand allzu deutlich zu erkennen glaubte, dann überfiel ihn ein
eigensinniger Widerstand, und die Eifersucht verführte ihn zu falschen
Deutungen. Es erfolgten dann Auseinandersetzungen mit dem Rittmeister,
der aber stets ruhig blieb und immer wieder auf die festen Abmachungen
verwies, welche von Anbeginn vereinbart waren.
Anges Klagen entstanden freilich immer nur aus Hilflosigkeit; sie dachte
niemals an sich. Wenn aber das Schluchzen der Kinder über die ihnen
geraubte Freiheit an ihr Ohr schlug, verließen sie alte guten Vorsätze.
Oft flüchtete sie sich mit ihrem Kummer in ein entfernteres Gemach und
weinte sich dort aus. Es gab Augenblicke, wo sie hätte Teut hassen
können.
Aber dieser feste Charakter ließ sich nicht beirren. Es schien, als ob
er unempfindlich sei gegen jeden Angriff, jeden Vorwurf und Tadel. In
seiner kurzen, bestimmten Art verteidigte er seinen Standpunkt, ließ
sich nicht überreden und nicht überzeugen, und nur einmal, als es ihm
gar zu arg wurde, riß er an dem langen Schnurrbart und rief:
„Entweder--oder! Ich habe Euer beiderseitiges Wort! Reut es Euch,
macht's nach Eurem Behagen!“
Freilich sah Teut auch, nachdem er alles geordnet, daß die Fröhlichkeit
ihren. Auszug aus dem Hause gehalten hatte. Clairefort ward ernster,
mißmutiger, unzugänglicher als je, und Ange, der leichtbeschwingte
Vogel, der Freiheit und Bewegung, Licht und Luft um sich fühlen mußte,
ließ die Flügel hängen. Einigemal griff sich Teut an die Stirn und
überlegte, ob er auch recht gehandelt habe. Allerdings, verständige
Verhältnisse waren geschaffen, aber alles schien in dem Hause geknickt.
Die Kinder, diese frischen, ungebundenen und zärtlichen Geschöpfe,
schlichen eingeschüchtert und befangen umher. Die Zucht in den
Schulstunden, die Arbeiten, die sie außer diesen beschäftigten, der
jetzt fehlende fröhliche Trost, den sie früher bei Mama Ange fanden,
machte sie verdrossen und verschlossen, und es zeigte sich, daß sie der
Geist der Mutter beherrsche, der nun einmal nur im hellen Sonnenlicht
und in der Freiheit gedeihen konnte. Und die Rückwirkung blieb auch bei
Teut trotz äußerer Unempfindlichkeit nicht aus. Mit Wehmut sah er, wie
ernst Ange geworden war und wie sie sich nach dem alten, zwanglosen
Leben zurücksehnte. Selten noch tönte ihr helles, herzliches Lachen
durch die Räume.
Einmal fand er sie weinend unter den Kindern sitzen und sich mühend,
ihnen bei ihren Arbeiten zu helfen. Kein heiterer Zug glitt über ihr
Gesicht, als Teut sich näherte, und die wohlerzogenen Kleinen erhoben
sich, gaben ihre Händchen und machten ihre Knixe, statt wie früher
stürmisch auf ihn zuzueilen und ihn zu umschlingen.
Jeden Tag sandte Teut das frische Bouquet, jeden Tag nahm es Ange
entgegen, aber sie hatte keine Freude mehr daran. „Ach, schicken Sie
doch nicht die schönen Blumen, Teut; sie verwelken ja doch--und es ist
überflüssig--und kostspielig--“
Sie wandte sich ab und suchte ihre Thränen zu verbergen.
„Ange! Ange!“ rief Teut. „Das von Ihnen? Sagen Sie mir, was Sie
bekümmert, weshalb Sie so hart, so ungerecht gegen mich sind?“
„Schaffen Sie die Gouvernante aus dem Hause; ich hasse die Person!“ rief
Ange in furchtbarer Erregung. „Aber bald, bald, sonst passiert ein
Unglück! Sie vergiftet meine süßen Kinder mit ihrer Strenge, ihrer
Pedanterie und ihrer scheinheiligen Christenlehre. Sehen Sie doch--was
man aus ihnen gemacht hat? Ist das noch mein feuriger Carlitos, sind das
meine Erna und Jorinde; und die beiden besten Kinder, Ben und Fred? Was
ist aus ihnen geworden? Ange habe ich ihr schon entzogen! Sie hat das
kleine Geschöpf mit einem Lineal geschlagen! O, ich erwürge diese Person
nächstens!“
„Ange, Ange, beruhigen Sie sich! Vieles kann ja nach Ihren Wünschen
geschehen! Carlos wird gewiß gutheißen, was Sie verständigerweise
anordnen.“
„Er? Der? Sitzt er nicht auf seinem Zimmer und grübelt den ganzen Tag?
Sehen wir ihn anders als bei den Mahlzeiten? Ist er noch mein bester,
heißgeliebter Mann?--Ein verdrießlicher Hypochonder, ein rauher,
abwehrender Mensch hockt drüben, der an nichts Freude hat--nicht
einmal“--jetzt traf bitterliches Schluchzen Teuts Ohr--„an seiner
Familie, an seinen Kindern! O, wie grenzenlos unglücklich bin ich! Wo
ist die alte, gute Zeit geblieben! Unser Haus ist ja eine Totengruft
geworden!“
Unter heftiger Bewegung hörte Teut das alles an. Trug er denn die
Schuld? Hatte er das alles heraufbeschworen?--Vielleicht! Er erkannte,
daß meistens nur die Not selbst zur Lehrmeisterin der Menschen wird. Er
hatte eingegriffen in die Pläne des Schicksals. Statt aus dem Regen den
Sonnenschein von neuem hervorbrechen zu lassen, hatte er diesem zu
frühzeitig ein Dach gebaut, und ein Dach, welches das goldene Licht
verscheuchte.
* * * * *
Teut saß in seinem Zimmer und arbeitete. Seit Stunden war er nicht vom
Schreibtisch gewichen, und einige Male lehnte er sich zurück und blickte
sinnend und verloren die Pinselstriche der flüchtigen Malerei zählend,
zur Decke empor. Die letzten Vorgänge hatten einen tiefen Eindruck auf
ihn gemacht. Er litt mit seiner geliebten Ange und verstand alles und
sann, wie ihr zu helfen sei. Aber konnte er ihr die sorglose
Fröhlichkeit zurückgeben? Konnte er sie wieder jung machen? Was sie
innerlich litt, übertrug sich auf ihre Erscheinung. Schon begann sich
etwas von dem holden Zauber zu lösen, der sie vor Jahren so
unwiderstehlich gemacht hatte.
Und dann sagte er sich doch, daß nicht die veränderte Lebensweise schuld
sein könne, sondern ganz andere Dinge Ange beschäftigen müßten. Ja, das
war es! Sie war nicht glücklich in ihrer Ehe, und den Ersatz, welchen
sie früher in ihren Kindern fand, entbehrte sie jetzt doppelt, da man
sie ihr halb genommen hatte. Aber das letztere konnte doch wieder ins
rechte Geleis gebracht werden. Ein Wechsel in der Persönlichkeit, die
den Unterricht erteilte, war schnell zu bewerkstelligen. Es brauchte
nicht alles wie bisher auf die Spitze getrieben zu werden: es gab auch
freundliche Ermahnungen statt rücksichtslose Strenge, und es handelte
sich nicht um Lernen und Wissen allein. Der gute Mittelweg war auch hier
der richtige, und indem man diesen einschlug, würde wiederkehren, wonach
Ange verlangte. Eines stand fest in Teut: auch jetzt mußte er
eingreifen, da Clairefort zu keiner Initiative zu bewegen war.
Wie oft hatte Ange geklagt, daß sie nicht auszukommen vermöge, wie sehr
sie sich einschränken müsse. Clairefort blieb bei alledem taub. Aus ihm
war jetzt ein ängstlicher Sparer, ein Geizhals geworden.
„Kann ich Sie heute einmal ruhig sprechen? Sind Sie zu hören aufgelegt,
liebe Ange?“ fragte Teut an einem der nächsten Tage. Sie nickte und
legte die Hände in den Schoß. Seltsam! Teut bemerkte, daß sie sich
vernachlässigte, keinen sonderlichen Wert mehr auf ihr Äußeres legte:
auf Blumen und Schmuck wie früher.
Auch heute sah sie unvorteilhaft aus. Das graue Hauskleid stand ihr
nicht eben gut, und das wundervolle Haar saß versteckt unter einer
Haube, die sie um viele Jahre älter machte.
„Ich wollte Ihnen nach unserem letzten Gespräch eine Bitte vorlegen,“
fuhr Teut fort. „Ich habe viel über das nachgedacht, was Sie mir gesagt
haben.“
Sie neigte das Haupt, ohne Ausdruck in ihrem stillen Gesicht.
„Ich höre, daß Carlos seinen Abschied nehmen will, daß er ihn nehmen
muß--“
„Wie?“ unterbrach ihn Ange ängstlich.
„Ja! Sein Zustand--sein hartnäckiges Nervenleiden macht ihm die Ausübung
seiner militärischen Pflichten unmöglich. Besser denn, bei Zeiten die
anstrengende Thätigkeit einstellen. Aber--dadurch wird sich--Ihre
Einnahme noch mehr verkleinern, Ange--“
„Ja gewiß!“ sagte sie tonlos.
„Da wollte ich denn--“--er zögerte, riß an seinem Schnurrbart und eine
seltsame Röte trat auf seine starken Backenknochen--„Sie bitten, Ange.
daß Sie mich wie einen Bruder ansehen mögen, daß Sie--ich weiß nicht, ob
Sie mich verstehen, Ange--daß wenn Sie etwa einmal einen Wunsch
haben--etwa für die Kinder einen Wunsch haben sollten--wenn--wenn--Sie
hören nicht, Ange?“
„O, o!“ hauchte die junge Frau. „Nicht weiter!“ Ihre Stimme versagte vor
Rührung; sie vermochte nicht zu sprechen, und sie trocknete die Thränen
mit dem Tüchelchen, das sie hervorgezogen hatte.
„Doch, doch,“ sagte Teut weich und ergriff ihre Hand, ihre kleine Hand,
die so schmal und krank heute aussah. Aber weiter wagte er nicht zu
sprechen; es trat eine längere Pause ein. Die Dinge ringsum erschienen
noch ernster, stummer als sonst. Es wehte ein Hauch von trostloser Öde
durch das Haus, in dem das Lachen erstorben war.
„Und die Gouvernante? die Gouvernante? Schicken wir sie fort?“
flüsterte Ange zaghaft. Sie dachte nicht an sich: immer waren es die
Kinder, mit denen sie sich in ihren Gedanken beschäftigte.
„Gewiß, gewiß!“ betätigte Teut lebhaft. „Noch heute spreche ich mit
Carlos! Alles, alles soll sich nach Ihren Wünschen gestalten! Alles, was
Sie, meine teure Ange, wieder fröhlich--und glücklich machen kann!“
„Ein Gott, kein Mensch sind Sie!“ tönte es von Anges Lippen. Sie verbarg
ihr Gesicht in den Händen und schluchzte.
Teut stand auf und trat ihr näher. Sie erhob den Blick--einen Blick, in
dem der Abglanz ihrer Seele sich spiegelte, einen Blick, in dem der Mann
alles fand, was er je zu hoffen gewünscht, und alles, was im Austausch
Liebe gegen Liebe zu geben vermag!
Es war vorauszusehen, daß von dem, was sich im Laufe der Zeit in der
Clairefortschen Familie zugetragen hatte, mancherlei hinausdrang, und
daß die öffentliche Meinung sich begierig und mit wenig Wohlwollen
eines Gegenstandes bemächtigte, der zu so verschiedenen Deutungen Anlaß
gab.
In erster Linie ward das Verhältnis Teuts zu Frau Ange besprochen,
und es fand kaum ein mündlicher Austausch in den C.schen
Gesellschaftskreisen statt, ohne daß die holde Frau mit bösen Nachreden
überschüttet ward. Wie der Sturm rücksichtslos über ein in seinem
unschuldigen weißen Blütenschmuck stehendes Bäumchen dahinwütet, so
zerpflückte man Anges Ehre und guten Ruf. Da der Graf, hieß es, ein
bedauernswerter, durch sein Nervenleiden kaum mehr zurechnungsfähiger
Mann wäre, sei es nicht zu verwundern, daß das empörende Treiben
ungeahndet unter seinen Augen sich vollziehe. Auch könne man es einem
lebenslustigen, unverheirateten Husarenrittmeister nicht verübeln, wenn
er die süßen Früchte, welche eine so verführerische und gefallsüchtige
Frau ihm darbiete, nicht zurückweise. Ärgererregend genug sei es, daß er
nicht einmal die gewöhnlichen Rücksichten beobachte und das Verhältnis
so offen zu Tage treten lasse; aber auch das werde durch ihr
exzentrisches und leichtfertiges Wesen eher entschuldigt.
In dieser und ähnlicher Weise erging sich die Gesellschaft in ihrem
Urteil und hielt es--selbst nur allzu erprobt in Dingen, die man jenen
unterzuschieben sich unterfing--für unmöglich, daß Menschen etwas
anderes verbinden könne als eine strafbare Leidenschaft.
Aber man blieb dabei nicht stehen. Die Vermögensverhältnisse Claireforts
wurden gleichfalls einer Beurteilung unterzogen. Es sei nichts mit dem
großen Reichtum! Nur der maßlosen Verschwendungssucht der Frau
widerstandslos nachgebend, habe Clairefort die Villa in solcher
luxuriösen Weise herrichten lassen und einen Aufwand gutgeheißen, der
jeder Beschreibung spotte.
Nun sei der Rückschlag bereits eingetreten. Niemand wolle mehr Kredit
geben; ja, man habe den Dienstboten, welche man entlassen mußte, kaum
den Lohn zahlen können. Des Grafen schwermütiges Leiden sei auf diese
mit täglicher Sorge verknüpften Verhältnisse zurückzuführen, und wenn
von seinem Abschied die Rede, so sei dieser wohl kein freiwilliger.
Ah, und diese Kinder! Habe man jemals eine unverantwortlichere Erziehung
erlebt? Wie die Affen wandelten sie einher und erregten Ärger bei alt
und jung durch ihre Geziertheit und ihr hochmütiges Auftreten. Zuletzt
gedachte man auch noch des geheimnisvollen Verhältnisses zwischen Tibet
und dem Grafen und bezeichnete den Kammerdiener als einen gefährlichen
Menschen, der im Trüben fische und das sonderbar erscheinende
Vertrauen, das man ihm schenke, lediglich zu seinem Vorteil ausbeute.
Bisher war Teut nichts von allen diesen Dingen zu Ohren gekommen. Es lag
auch in der Natur der Sache, daß man gegen ihn Verhältnisse nicht
berührte, in denen er selbst eine so hervortretende Rolle spielte.
Inzwischen aber ereignete sich etwas, das ihm über die Anschauungen der
Menge die Augen öffnete und was nicht ohne Rückwirkung auf ihn selbst
blieb. Die Offiziere verkehrten häufig in der Familie eines Herrn von
Ink, eines Gutsbesitzers, der vor längeren Jahren, bei Gelegenheit einer
zweiten Heirat, seinen Besitz verkauft und eine Übersiedelung in die
Stadt bewirkt hatte. Er war ein mehr als harmloser Mensch, der niemandem
sonderlich gefiel, aber auch niemandem im Wege stand. Seine Gattin
dagegen gehörte zu jenen Frauen, deren rücksichtsloser Egoismus und
deren mit einem bedeutenden Verstand verbundene Thatkraft oftmals
bedauern lassen, daß ihnen nicht eine andere Stellung und ein anderer
Wirkungskreis in der Welt angewiesen ist.
Frau Olga konnte nur hassen oder lieben; richtiger gesagt: nur hassen
oder die Menschen sich dienstbar machen, denn sie besaß neben einem
übertriebenen Hochmut, wenig Herz und zertrat ohne Bedenken, was sich
ihr hindernd in den Weg stellte. Es war indessen bei allen diesen
Eigenschaften bezeichnend, daß sie gegen Menschen, die eine Stellung in
der Gesellschaft einnahmen, sich von einer geschmeidigen Höflichkeit
zeigte und nicht ruhte, bis es ihr gelang, in einen engeren Verkehr mit
ihnen zu treten.
Ihr Hauswesen war musterhaft geordnet; man amüsierte sich gut in dem
Inkschen Hause. Frau Olga befolgte eine weise Lehre, die so wenigen
bekannt ist und jedenfalls selten befolgt wird. Sie betrachtete den Gast
wie einen Vogel, der sich nach seiner Neigung hier oder dort unter den
Baum flüchtet, nascht, zwitschert und nach Geschmack und Laune wieder
davonfliegt.
Der Verkehr mit dem sprichwörtlich reichen Rittmeister Baron von
Teut-Eder war seit Jahren für Frau Olga eine unerfüllte Hoffnung
geblieben. Alle ihre Versuche, ihn heranzuziehen, scheiterten an seiner
höflichen, aber entschiedenen Abwehr. Dies reizte Frau von Ink um so
mehr, als Widerstand in solchen Fällen den Wert erhöht. Überdies besaß
sie drei Töchter, von denen eine aus der ersten Ehe ihres Gatten
stammte.
Klara von Ink, ein blasses, äußerst graziöses, aber nicht mehr ganz
junges Mädchen, sah man häufig mit verweinten Augen. Zwei Menschen
konnten sich nicht ehrlicher hassen als Mutter und Stieftochter, aber
selten fand man auch zwei so verschiedene Charaktern.
Klara war eine offene, aufrichtige, allem Schein abgeneigte Natur,
während die Tiefen der Seele einer Frau Olga noch niemand ergründet
hatte. Natürlich wünschte Frau von Ink ihre beiden recht hübschen Kinder
zu verheiraten, aber nicht minder lag ihr daran, sich endlich Klaras zu
entledigen. Teut war eine überaus glänzende Partie. Beide paßten im
Alter zusammen, und aus dieser Verbindung konnten sich ebensoviele
Annehmlichkeiten entwickeln, wie jetzt Mißhelligkeiten an der
Tagesordnung waren. Im übrigen würde Frau Olga auch ihrer Tochter
gleichen Namens oder der hübschen Eva nichts in den Weg gestellt haben,
obgleich der Rittmeister fast deren Vater hätte sein können.
Ink und Teut hatten sich neuerdings bei einem Pferdehandel berührt.
Daraus entwickelte sich eine mehrfache Begegnung, die mit sich führte,
daß Herr von Ink den Rittmeister eines Vormittags in sein Haus
einzutreten und ihn an dem eben servierten Frühstück teil zu nehmen bat.
Teut konnte sich dem nicht entziehen, und nun hatte die ehrsüchtige Frau
endlich ihren Wunsch erreicht! Bevor der Gast Abschied nahm, mußte er
wohl oder übel noch eine Einladung zu einem unmittelbar bevorstehenden
Diner annehmen. Welch ein Triumph für Frau Olga, die sicher eine der
gewohnheitsmäßigen Absagen im letzten Augenblick gefürchtet hatte, als
der vielbesprochene Baron wirklich zu der festgesetzten Stunde eintraf
und damit dauernd für das Inksche Haus gewonnen zu sein schien. Aber
auch noch einen anderen längst verfolgten Plan hoffte Frau Olga durch
die Annäherung an den Rittmeister zu erreichen. Auch Claireforts
gehörten zu den Personen, mit denen es ihr nicht gelungen war, in nähere
Berührung zu treten, und nun fand sie eine bequeme und, wie sie
vermeinte, sichere Anknüpfung durch Teut. Die gräfliche Familie einmal
bei sich zu sehen, einen Blick in das dortige Hauswesen werfen zu können
oder gar mit Claireforts dauernd zu verkehren, gehörte zu jenen
sehnsüchtigen Wünschen, deren Erfüllung sie kaum zu hoffen gewagt.
Schon bei dem Mittagessen--Teut hatte als letzter eingetretener Gast die
Ehre, die Frau des Hauses zu führen--brachte Olga das Gespräch auf
Claireforts, aber dieser wich geschickt aus. Er erzählte kurz und
bedauernd, daß es seinem Freunde körperlich und geistig schlecht gehe,
daß die Frau Gräfin sich infolgedessen mehr und mehr von aller
Geselligkeit habe zurückziehen müssen und im übrigen die vollendetste
Frau unter Gottes Sonne sei. Er ließ auch einiges über seine Person und
seine Verhältnisse fallen und erwähnte, daß die Verwaltung seiner
Besitztümer durch fremde Hand manche Unzuträglichkeiten mit sich führe.
Er sei aber, wie er hinzufügte, ein Gewohnheitsmensch und zudem ein
eingereichter Soldat, der nur sein Handwerk, seine Pferde und die Jagd
liebe und dabei doch so bequem werde, daß er beispielsweise eine
Einladung seines Vetters zu einem auf acht Tage berechneten Feste auf
dessen Gütern ausgeschlagen habe.
Nur eins hätte ihn bestimmen können, seines Verwandten Aufforderung
Folge zu leisten, und zwar der Wunsch, darauf hinzuwirken, daß dieser
unverbesserliche Junggeselle nun endlich heirate.
„Ah, das sagen Sie?“ rief Frau von Ink, von diesem Gespräch besonders
gefesselt, „Sie, der Sie ja fast ein Weiberfeind sind, das heißt--mit
einer Ausnahme,“ fügte sie lächelnd hinzu.
„Ich bestreite dies entschieden, gnädige Frau,“ erwiderte Teut, ohne den
Schlußsatz zu beachten. „Ich verehre die Frauen wie alles Schöne auf der
Welt, aber ich habe kein Glück und kein Geschick im Verkehr mit ihnen.
Zudem--je älter man wird--“
„Sie sprechen von Alter!?“