Zweites Kapitel

Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn

und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände

glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam

entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise

sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem

Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und

plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen

den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit

zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.

An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den

Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich

langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen

leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob

sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den

flammenden Himmel.

Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen

bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen.

Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und

verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute,

kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen

die Richtung nach dem Dorf ein.

Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau

Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte

wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig,

»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des

verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt.

Hanka heißen sie.«

Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.

Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter

durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer

Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und

Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu

Gesicht bekam.

Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim

Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt

und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er

lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker

hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu

beobachten fähig ist und sich dessen freut.

Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist

sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die

Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er.

»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?«

Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu

allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel

reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits

betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm

zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und

zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.

Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen

fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer

leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte

sich galant und wünschte gute Nacht.

Der Moloch · 第 5 / 84 题