Das Laub zeigte schon alle herbstlichen Farben. Gelb, violett, purpurn
und zinnoberrot wogte es in der abendlichen Luft. Ferne Waldstände
glichen einem Girlandenbehang in der tiefen Sonne, der Arnold langsam
entgegenging. Aus der Ebene ertönte bäuerlicher Gesang, vom leise
sausenden Oktoberwind bald verweht, bald überdeutlich gemacht. An einem
Tümpel in den Wiesen stand Maxim Specht, der Podoliner Lehrer, und
plätscherte mit einem Baumzweig im Wasser. Bisweilen blickte er gegen
den Ansorge-Hof, als ob er von dort jemand erwarte. Er war erst seit
zwei Monaten in Podolin; Arnold hatte noch nicht mit ihm gesprochen.
An der Zauntüre des Hofes angelangt, lehnte sich Arnold lässig an den
Pfosten und betrachtete die ruhig vorbeitrippelnden Hühner, die sich
langsam nach ihrer Schlafstätte in der Scheune aufmachten und bisweilen
leise gackerten, als ob sie einander gute Nacht wünschten. Draußen schob
sich Maxim Spechts Gestalt schwarz und scharf zwischen die Ebene und den
flammenden Himmel.
Kleiderrauschen veranlaßte Arnold, sich umzudrehen. Zu seinem Erstaunen
bemerkte er zwei Frauen, die aus dem Tor tretend, an ihm vorübergingen.
Die eine der beiden, ein junges Mädchen, lächelte verlegen und
verschmitzt mit halbabgewandtem Gesicht. Während er ihnen nachschaute,
kam der Lehrer voll Eile den beiden Frauen entgegen und schlug mit ihnen
die Richtung nach dem Dorf ein.
Als Arnold in die Stube trat, fragte er, wer dagewesen sei. Frau
Ansorge wandte ihm langsam das Gesicht zu, das so viele Falten zeigte
wie ein Baumblatt Adern. »Sie machen Besuche,« erwiderte sie vorsichtig,
»Nachbarsvisite; sie glauben, das muß so sein. Sie haben das Haus des
verstorbenen Michael Becker geerbt und sind nach Podolin übersiedelt.
Hanka heißen sie.«
Ursula brachte das Abendessen, und Arnold setzte sich hungrig zu Tisch.
Seine Wißbegierde war befriedigt. Er bemerkte nicht, daß die Mutter
durch die neuen Ansiedler nachdenklich geworden war, denn ein neuer
Mensch war ihr eine neue Gefahr. Der Pfarrer, der Doktor, die Post- und
Gerichtsbeamten waren außer den Bauern die einzigen, die man hier zu
Gesicht bekam.
Kaum war die Lampe angezündet, als es an die Tür klopfte und Maxim
Specht eintrat. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung,« sagte er gewandt
und liebenswürdig, »das Fräulein hat einen Schal hier vergessen.« Er
lächelte, wobei das Liebenswürdige, Gesellschaftliche noch stärker
hervortrat und daneben etwas Überlegenes wie bei jemand, der zu
beobachten fähig ist und sich dessen freut.
Das Tuch hing über einem Stuhl, und Arnold gab es dem Lehrer. »Es ist
sehr gelb, das Ding,« meinte er lachend. Er schnupperte und steckte die
Nase in den gestrickten Stoff. »Pfui!« rief er.
»Es ist parfümiert,« sagte Specht verwundert. »Finden Sie das schlecht?«
Er sah Arnold an wie einen jungen Bären, dessen Kraft und Dressur zu
allerlei geschäftlichen Unternehmungen locken. Er hatte in Podolin viel
reden hören von dem Leben auf dem Ansorge-Hof. Arnold seinerseits
betrachtete das Gesicht des Lehrers, das im vollen Lampenlicht ihm
zugewandt war, mit spöttischer Aufmerksamkeit. Er empfand Mißtrauen und
zugleich eine unklare Regung der Kameradschaft.
Dem Lehrer, der den abweisenden Blick Frau Ansorges auf sich ruhen
fühlte, geboten Takt und Bescheidenheit, sich zu entfernen. Mit einer
leichten Bewegung warf er das gelbe Tuch über die Schulter, verbeugte
sich galant und wünschte gute Nacht.