III.

Die Umgestaltungen der Pubertät.

Mit dem Eintritt der Pubertät setzen die Wandlungen ein, welche das

infantile Sexualleben in seine endgültige normale Gestaltung überführen

sollen. Der Sexualtrieb war bisher vorwiegend autoerotisch, er findet

nun das Sexualobjekt. Er betätigte sich bisher von einzelnen Trieben und

erogenen Zonen aus, die unabhängig voneinander eine gewisse Lust als

einziges Sexualziel suchten. Nun wird ein neues Sexualziel gegeben, zu

dessen Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, während die

erogenen Zonen sich dem Primat der Genitalzone unterordnen(60). Da das

neue Sexualziel den beiden Geschlechtern sehr verschiedene Funktionen

anweist, geht deren Sexualentwicklung nun weit auseinander. Die des

Mannes ist die konsequentere, auch unserem Verständnis leichter

zugängliche, während beim Weibe sogar eine Art Rückbildung auftritt. Die

Normalität des Geschlechtslebens wird nur durch das exakte

Zusammentreffen der beiden auf Sexualobjekt und Sexualziel gerichteten

Strömungen, der zärtlichen und der sinnlichen, gewährleistet, von denen

die erstere in sich faßt, was von der infantilen Frühblüte der

Sexualität erübrigt. Es ist wie der Durchschlag eines Tunnels von beiden

Seiten her.

(60) Die im Text gegebene schematische Darstellung will die

Differenzen hervorheben. Inwieweit sich die infantile Sexualität durch

ihre Objektwahl der definitiven Sexualorganisation annähert, ist

vorhin S. 63 ausgeführt worden.

Das neue Sexualziel besteht beim Manne in der Entladung der

Geschlechtsprodukte; es ist dem früheren, der Erreichung von Lust

keineswegs fremd, vielmehr ist der höchste Betrag von Lust an diesen

Endakt des Sexualvorganges geknüpft. Der Sexualtrieb stellt sich jetzt

in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion; er wird sozusagen

altruistisch. Soll diese Umwandlung gelingen, so muß beim Vorgang

derselben mit den ursprünglichen Anlagen und allen Eigentümlichkeiten

des Triebes gerechnet werden.

Wie bei jeder anderen Gelegenheit, wo im Organismus neue Verknüpfungen

und Zusammensetzungen zu komplizierten Mechanismen stattfinden sollen,

ist auch hier die Gelegenheit zu krankhaften Störungen durch

Unterbleiben dieser Neuordnungen gegeben. Alle krankhaften Störungen des

Geschlechtslebens sind mit gutem Rechte als Entwicklungshemmungen zu

betrachten.

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust.

Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und Endziel klar

vor unseren Augen. Die vermittelnden Übergänge sind uns noch vielfach

dunkel; wir werden an ihnen mehr als ein Rätsel bestehen lassen müssen.

Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum Wesentlichen

derselben gewählt, das manifeste Wachstum der äußeren Genitalien, an

denen sich die Latenzperiode der Kindheit durch relative

Wachstumshemmung geäußert hatte. Gleichzeitig ist die Entwicklung der

inneren Genitalien so weit vorgeschritten, daß sie Geschlechtsprodukte

zu liefern, respektive zur Gestaltung eines neuen Lebewesens aufzunehmen

vermögen. Ein höchst komplizierter Apparat ist so fertig geworden, der

seiner Inanspruchnahme harrt.

Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden und nun läßt uns

die Beobachtung erkennen, daß Reize ihn auf dreierlei Wegen angreifen

können, von der Außenwelt her durch Erregung der uns schon bekannten

erogenen Zonen, von dem organischen Innern her auf noch zu erforschenden

Wegen und von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungsstätte

äußerer Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen

darstellt. Auf allen drei Wegen wird das nämliche hervorgerufen,

ein Zustand, der als »sexuelle Erregtheit« bezeichnet wird

und sich durch zweierlei Zeichen kundgibt, seelische und

somatische. Das seelische Anzeichen besteht in einem eigentümlichen

Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den

mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von

Veränderungen an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn haben,

den der _Bereitschaft_, der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die Erektion

des männlichen Gliedes, das Feuchtwerden der Scheide.)

* * * * *

Die Sexualspannung.

An den Spannungscharakter der sexuellen Erregtheit knüpft ein Problem

an, dessen Lösung ebenso schwierig wie für die Auffassung der

Sexualvorgänge bedeutsam wäre. Trotz aller in der Psychologie darüber

herrschenden Meinungsverschiedenheiten muß ich daran festhalten, daß ein

Spannungsgefühl den Unlustcharakter an sich tragen muß. Für mich ist

entscheidend, daß ein solches Gefühl den Drang nach Veränderung der

psychischen Situation mit sich bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der

empfundenen Lust völlig fremd ist. Rechnet man aber die Spannung der

sexuellen Erregtheit zu den Unlustgefühlen, so stößt man sich an der

Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft lustvoll empfunden wird. Überall

ist bei der durch die Sexualvorgänge erzeugten Spannung Lust dabei;

selbst bei den Vorbereitungsveränderungen der Genitalien ist eine Art

von Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese Unlustspannung

und dieses Lustgefühl zusammen?

Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt, rührt an eine

der wundesten Stellen der heutigen Psychologie. Wir wollen versuchen,

möglichst aus den Bedingungen des uns vorliegenden Falles zu lernen und

es vermeiden, dem Problem in seiner Gänze näher zu treten. Werfen wir

zunächst einen Blick auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen

Ordnung einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der

sexuellen Erregung zu. Die dem Sexualobjekt entlegenste, das Auge, kommt

unter den Verhältnissen der Objektwerbung am häufigsten in die Lage,

durch jene besondere Qualität der Erregung, deren Anlaß wir am

Sexualobjekt als Schönheit bezeichnen, gereizt zu werden. Die Vorgänge

des Sexualobjektes werden darum auch »Reize« geheißen. Mit dieser

Reizung ist einerseits bereits Lust verbunden, andererseits ist eine

Steigerung der sexuellen Erregtheit oder ein Hervorrufen derselben, wo

sie noch fehlt, ihre Folge. Kommt die Erregung einer anderen erogenen

Zone, z. B. der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt der gleiche,

Lustempfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den

Bereitschaftsveränderungen verstärkt, weitere Steigerung der

Sexualspannung andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht,

wenn ihr nicht gestattet wird, weitere Lust herbeizuführen.

Durchsichtiger ist vielleicht noch ein anderer Fall, wenn z. B. bei

einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa die

Brusthaut eines Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese Berührung

ruft bereits ein Lustgefühl hervor, ist aber gleichzeitig wie nichts

anderes geeignet, die sexuelle Erregung zu wecken, die nach einem Mehr

von Lust verlangt. Wie es zugeht, daß die empfundene Lust das Bedürfnis

nach größerer Lust hervorruft, das ist eben das Problem.

* * * * *

Vorlustmechanismus.

Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufällt, ist klar. Was für

eine galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu verwendet, durch ihre

geeignete Reizung einen gewissen Betrag von Lust zu liefern, von dem die

Steigerung der Spannung ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische

Energie aufzubringen hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das

vorletzte Stück desselben ist wiederum die geeignete Reizung einer

erogenen Zone, der Genitalzone selbst an der Glans Penis, durch das dazu

geeignetste Objekt, die Schleimhaut der Scheide, und unter der Lust,

welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf reflektorischem Wege die

motorische Energie gewonnen, welche die Herausbeförderung der

Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust ist ihrer Intensität nach

die höchste, in ihrem Mechanismus von der früheren verschieden. Sie wird

ganz durch Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und mit

ihr erlischt zeitweilig die Spannung der Libido.

Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem Wesen der

Lust durch Erregung erogener Zonen und der anderen bei Entleerung der

Sexualstoffe durch eine Namengebung zu fixieren. Die erstere kann

passend als _Vorlust_ bezeichnet werden im Gegensatz zur _Endlust_ oder

Befriedigungslust der Sexualtätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe,

was bereits der infantile Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße,

ergeben konnte; die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an Bedingungen

geknüpft, die erst mit der Pubertät eingetreten sind. Die Formel für die

neue Funktion der erogenen Zonen lautete nun: Sie werden dazu verwendet,

um mittels der von ihnen wie im infantilen Leben zu gewinnenden Vorlust

die Herbeiführung der größeren Befriedigungslust zu ermöglichen.

Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz verschiedenen

Gebiet des seelischen Geschehens erläutern können, in welchem

gleichfalls ein größerer Lusteffekt vermöge einer geringfügigeren

Lustempfindung, die dabei wie eine Verlockungsprämie wirkt, erzielt

wird. Dort ergab sich auch die Gelegenheit, auf das Wesen der Lust näher

einzugehen(61).

(61) Siehe meine 1905 erschienene Studie »_Der Witz und seine

Beziehung zum Unbewußten_«. Die durch die Witztechnik gewonnene

»Vorlust« wird dazu verwendet, eine größere Lust durch die Aufhebung

innerer Hemmungen frei zu machen.

* * * * *

Gefahren der Vorlust.

Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Sexualleben wird

durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen kann, bekräftigt. Aus dem

Mechanismus, in den die Vorlust aufgenommen ist, ergibt sich für die

Erreichung des normalen Sexualziels offenbar eine Gefahr, die dann

eintritt, wenn an irgend einer Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge

die Vorlust zu groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte.

Dann entfällt die Triebkraft, um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen,

der ganze Weg verkürzt sich, die betreffende vorbereitende Aktion tritt

an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser schädliche Fall hat

erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene Zone oder der

entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in ungewöhnlichem

Maße zur Lustgewinnung beigetragen hat. Kommen noch Momente hinzu,

welche auf die Fixierung hinwirken, so entsteht leicht fürs spätere

Leben ein Zwang, welcher sich der Einordnung dieser einen Vorlust in

einen neuen Zusammenhang widersetzt. Solcher Art ist in der Tat der

Mechanismus vieler Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden

Akten des Sexualvorganges darstellen.

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch die Schuld der

Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das Primat der Genitalzonen

gleichfalls bereits im infantilen Leben vorgezeichnet ist. Dazu scheinen

die Anstalten wirklich in der zweiten Hälfte der Kinderzeit (von 8 Jahren

bis zur Pubertät) getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in

diesen Jahren bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie

werden der Sitz von Erregungssensationen und Bereitschaftsveränderungen,

wenn irgendwelche Lust durch Befriedigung anderer erogener Zonen

empfunden wird, obwohl dieser Effekt noch zwecklos bleibt, d. h. nichts

dazu beiträgt, den Sexualvorgang fortzusetzen. Es entsteht also bereits

in den Kinderjahren neben der Befriedigungslust ein gewisser Betrag von

Sexualspannung, obwohl minder konstant und weniger ausgiebig, und nun

können wir verstehen, warum wir bei der Erörterung der Quellen der

Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen konnten, der betreffende Vorgang

wirke sexuell befriedigend, wie er wirke sexuell erregend. Wir merken,

daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die Unterschiede des infantilen

und des reifen Sexuallebens zunächst übertrieben groß vorgestellt haben,

und tragen nun die Korrektur nach. Nicht nur die Abweichungen vom

normalen Sexualleben, sondern auch die normale Gestaltung desselben wird

durch die infantilen Äußerungen der Sexualität bestimmt.

Das Problem der Sexualerregung.

Es ist uns durchaus unaufgeklärt geblieben, woher die Sexualspannung

rührt, die bei der Befriedigung erogener Zonen gleichzeitig mit der Lust

entsteht, und welches das Wesen derselben ist(62). Die nächste

Vermutung, diese Spannung ergebe sich irgendwie aus der Lust selbst, ist

nicht nur an sich sehr unwahrscheinlich, sie wird auch hinfällig, da bei

der größten Lust, die an die Entleerung der Geschlechtsprodukte geknüpft

ist, keine Spannung erzeugt, sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust

und Sexualspannung können also nur in indirekter Weise zusammenhängen.

(62) Es ist überaus lehrreich, daß die deutsche Sprache der im Text

erwähnten Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche

gleichzeitig einen Anteil Befriedigung und einen Beitrag zur

Sexualspannung liefern, im Gebrauche des Wortes »Lust« Rechnung trägt.

»Lust« ist doppelsinnig und bezeichnet ebensowohl die Empfindung der

Sexualspannung (Ich habe Lust = ich möchte, ich verspüre den Drang)

als auch die der Befriedigung.

* * * * *

Rolle der Sexualstoffe.

Außer der Tatsache, daß normalerweise allein die Entlastung von den

Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat man noch andere

Anhaltspunkte, die Sexualspannung in Beziehung zu den Sexualprodukten zu

bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt der Geschlechtsapparat in

wechselnden, aber nicht regellosen Perioden nächtlicherweise sich unter

Lustempfindung und während der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes

der Sexualstoffe zu entledigen, und für diesen Vorgang -- die nächtliche

Pollution -- ist die Auffassung schwer abzuweisen, daß die

Sexualspannung, die den kurzen halluzinatorischen Weg zum Ersatz des

Aktes zu finden weiß, eine Funktion der Samenanhäufung in den Reservoirs

für die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen Sinne sprechen die

Erfahrungen, die man über die Erschöpfbarkeit des sexuellen Mechanismus

macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur die Ausführung des

Sexualaktes unmöglich, es versagt auch die Reizbarkeit der erogenen

Zonen, deren geeignete Erregung dann keine Lust hervorrufen kann. Wir

erfahren so nebenbei, daß ein gewisses Maß sexueller Spannung selbst für

die Erregbarkeit der erogenen Zonen erforderlich ist.

Man würde so zur Annahme gedrängt, die, wenn ich nicht irre, ziemlich

allgemein verbreitet ist, daß die Anhäufung der Sexualstoffe die

Sexualspannung schafft und unterhält, etwa indem der Druck dieser

Produkte auf die Wandung ihrer Behälter als Reiz auf ein spinales

Zentrum wirkt, dessen Zustand von höheren Zentren wahrgenommen wird und

dann für das Bewußtsein die bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn

die Erregung erogener Zonen die Sexualspannung steigert, so könnte dies

nur so zugehen, daß die erogenen Zonen in vorgebildeter anatomischer

Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus der Erregung daselbst

erhöhen, bei genügender Sexualspannung den sexuellen Akt in Gang bringen

und bei ungenügender die Produktion der Geschlechtsstoffe anregen.

Die Schwäche dieser Lehre, die man z. B. in v. _Krafft-Ebings_

Darstellung der Sexualvorgänge angenommen findet, liegt darin, daß sie,

für die Geschlechtstätigkeit des reifen Mannes geschaffen, auf dreierlei

Verhältnisse wenig Rücksicht nimmt, deren Aufklärung sie gleichfalls

liefern sollte. Es sind dies die Verhältnisse beim Kinde, beim Weibe und

beim männlichen Kastraten. In allen drei Fällen ist von einer Anhäufung

von Geschlechtsprodukten im gleichen Sinne wie beim Manne nicht die

Rede, was die glatte Anwendung des Schemas erschwert; doch ist

ohneweiters zuzugeben, daß sich Auskünfte finden ließen, welche die

Unterordnung auch dieser Fälle ermöglichen würden. Auf jeden Fall bleibt

die Warnung bestehen, dem Faktor der Anhäufung der Geschlechtsprodukte

nicht Leistungen aufzubürden, deren er unfähig scheint.

* * * * *

Einschätzung der inneren Geschlechtsteile.

Daß die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhängig von der

Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die Beobachtungen

an männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen gelegentlich die Libido

der Beeinträchtigung durch die Operation entgeht, wenngleich das

entgegengesetzte Verhalten, das ja die Operation motiviert, die Regel

ist. Überdies weiß man ja längst, daß Krankheiten, welche die Produktion

der männlichen Geschlechtszellen vernichtet haben, die Libido und Potenz

des nun sterilen Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs

so verwunderlich, wie C. _Rieger_ es hinstellt, daß der Verlust der

männlichen Keimdrüsen im reiferen Alter ohne weiteren Einfluß auf das

seelische Verhalten des Individuums bleiben kann. Die im zarten Alter

vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert sich zwar in ihrer

Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der Geschlechtscharaktere, allein auch

dabei könnte außer dem Verlust der Geschlechtsdrüsen an sich eine mit

deren Wegfall verknüpfte Entwicklungshemmung anderer Faktoren in

Betracht kommen.

* * * * *

Chemische Theorie.

Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und Ovarien) und

entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher Organe bei

Wirbeltieren (s. das zitierte Werk von _Lipschütz_, S. 13) haben endlich

ein partielles Licht auf die Herkunft der Sexualerregung geworfen und

dabei die Bedeutung einer etwaigen Anhäufung der zelligen

Geschlechtsprodukte noch weiter zurückgedrängt. Es ist dem Experiment

möglich geworden (E. _Steinach_), ein Männchen in ein Weibchen und

umgekehrt ein Weibchen in ein Männchen zu verwandeln, wobei sich das

psychosexuelle Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen

Geschlechtscharakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser

geschlechtsbestimmende Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse

zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfäden und Ei)

erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben, welches darum von

den Autoren als »Pubertätsdrüse« hervorgehoben wird. Es ist sehr wohl

möglich, daß weitere Untersuchungen ergeben, die Pubertätsdrüse sei

normalerweise zwittrig angelegt, wodurch die Lehre von der Bisexualität

der höheren Tiere anatomisch begründet würde, und es ist schon jetzt

wahrscheinlich, daß sie nicht das einzige Organ ist, welches mit der

Produktion der Sexualerregung und der Geschlechtscharaktere zu tun hat.

Jedenfalls schließt dieser neue biologische Fund an das an, was wir

schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für die Sexualität erfahren

haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen Anteil der

Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, die vom Blutstrom

aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile des Zentralnervensystems mit

sexueller Spannung zustande kommen lassen, wie wir ja solche Umsetzung

eines toxischen Reizes in einen besonderen Organreiz von anderen dem

Körper als fremd eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung

durch Reizung erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen

Apparate entsteht, und welche Verwicklungen von rein toxischen und

physiologischen Reizwirkungen sich bei diesen Sexualvorgängen ergeben,

das auch nur hypothetisch zu behandeln, kann keine zeitgemäße Aufgabe

sein. Es genüge uns als wesentlich an dieser Auffassung der

Sexualvorgänge, die Annahme besonderer, dem Sexualstoffwechsel

entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese anscheinend willkürliche

Aufstellung wird durch eine wenig beachtete, aber höchst beachtenswerte

Einsicht unterstützt. Die Neurosen, welche sich nur auf Störungen des

Sexuallebens zurückführen lassen, zeigen die größte klinische

Ähnlichkeit mit den Phänomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche

sich durch die habituelle Einführung Lust erzeugender Giftstoffe

(Alkaloide) ergeben.

Die Libidotheorie.

Mit diesen Vermutungen über die chemische Grundlage der Sexualerregung

stehen in guter Übereinstimmung die Hilfsvorstellungen, die wir uns zur

Bewältigung der psychischen Äußerungen des Sexuallebens geschaffen

haben. Wir haben uns den Begriff der _Libido_ festgelegt als einer

quantitativ veränderlichen Kraft, welche Vorgänge und Umsetzungen auf

dem Gebiete der Sexualerregung messen könnte. Diese Libido sondern wir

von der Energie, die den seelischen Prozessen allgemein unterzulegen

ist, mit Beziehung auf ihren besonderen Ursprung und verleihen ihr so

auch einen qualitativen Charakter. In der Sonderung von libidinöser und

anderer psychischer Energie drücken wir die Voraussetzung aus, daß sich

die Sexualvorgänge des Organismus durch einen besonderen Chemismus von

den Ernährungsvorgängen unterscheiden. Die Analyse der Perversionen und

Psychoneurosen hat uns zur Einsicht gebracht, daß diese Sexualerregung

nicht von den sogenannten Geschlechtsteilen allein, sondern von allen

Körperorganen geliefert wird. Wir bilden uns also die Vorstellung eines

Libidoquantums, dessen psychische Vertretung wir die _Ichlibido_ heißen,

dessen Produktion, Vergrößerung oder Verminderung, Verteilung und

Verschiebung uns die Erklärungsmöglichkeiten für die beobachteten

psychosexuellen Phänomene bieten soll.

Dem analytischen Studium bequem zugänglich wird diese Ichlibido aber

nur, wenn sie die psychische Verwendung zur Besetzung von Sexualobjekten

gefunden hat, also zur _Objektlibido_ geworden ist. Wir sehen sie dann

sich auf Objekte konzentrieren, an ihnen fixieren oder aber diese

Objekte verlassen, von ihnen auf andere übergehen und von diesen

Positionen aus die Sexualbetätigung des Individuums lenken, die zur

Befriedigung, d. h. zum partiellen und zeitweisen Erlöschen der Libido

führt. Die Psychoanalyse der sogenannten Übertragungsneurosen (Hysterie

und Zwangsneurose) gestattet uns hier einen sicheren Einblick.

Von den Schicksalen der Objektlibido können wir noch erkennen, daß sie

von den Objekten abgezogen, in besonderen Spannungszuständen schwebend

erhalten und endlich ins Ich zurückgeholt wird, so daß sie wieder zur

Ichlibido geworden ist. Die Ichlibido heißen wir im Gegensatz zur

Objektlibido auch _narzißtische_ Libido. Von der Psychoanalyse aus

schauen wir wie über eine Grenze, deren Überschreitung uns nicht

gestattet ist, in das Getriebe der narzißtischen Libido hinein und

bilden uns eine Vorstellung von dem Verhältnis der beiden. Die

narzißtische oder Ichlibido erscheint uns als das große Reservoir, aus

welchem die Objektbesetzungen ausgeschickt und in welches sie wieder

einbezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als der in

der ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die späteren

Aussendungen der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben

erhalten geblieben ist.

Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psychotischen

Störungen müßte sein, alle beobachteten Phänomene und erschlossenen

Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie auszudrücken. Es ist leicht

zu erraten, daß den Schicksalen der Ichlibido dabei die größere

Bedeutung zufallen wird, besonders wo es sich um die Erklärung der

tieferen psychotischen Störungen handelt. Die Schwierigkeit liegt dann

darin, daß das Mittel unserer Untersuchung, die Psychoanalyse, uns

vorläufig nur über die Wandlungen an der Objektlibido sichere Auskunft

bringt, die Ichlibido aber von den anderen im Ich wirkenden Energien

nicht ohneweiters zu scheiden vermag(63). Eine Fortführung der

Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege der Spekulation

möglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus der bisherigen

psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach dem Vorgang von C. G.

_Jung_ den Begriff der Libido selbst verflüchtigt, indem man sie mit der

psychischen Triebkraft überhaupt zusammenfallen läßt.

(63) S. Zur Einführung des Narzißmus, Jahrbuch der Psychoanalyse VI,

1913. -- Der Terminus »Narzißmus« ist nicht, wie dort irrtümlich

angegeben, von _Naecke_, sondern von H. _Ellis_ geschaffen worden.

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen und somit die

Einschränkung des Begriffes Libido auf diese ersteren findet eine starke

Unterstützung in der vorhin erörterten Annahme eines besonderen

Chemismus der Sexualfunktion.

Differenzierung von Mann und Weib.

Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe Sonderung des

männlichen und weiblichen Charakters herstellt, ein Gegensatz, der dann

wie kein anderer die Lebensgestaltung der Menschen entscheidend

beeinflußt. Männliche und weibliche Anlage sind allerdings schon im

Kindesalter gut kenntlich; die Entwicklung der Sexualitätshemmungen

(Scham, Ekel, Mitleid usw.) erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger

und gegen geringeren Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur

Sexualverdrängung erscheint überhaupt größer; wo sich Partialtriebe der

Sexualität bemerkbar machen, bevorzugen sie die passive Form. Die

autoerotische Betätigung der erogenen Zonen ist aber bei beiden

Geschlechtern die nämliche und durch diese Übereinstimmung ist die

Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er sich nach der

Pubertät herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit Rücksicht auf die

autoerotischen und masturbatorischen Sexualäußerungen könnte man den

Satz aufstellen, die Sexualität der kleinen Mädchen habe durchaus

männlichen Charakter. Ja, wüßte man den Begriffen »männlich und

weiblich« einen bestimmteren Inhalt zu geben, so ließe sich auch die

Behauptung vertreten, _die Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig

männlicher Natur, ob sie nun beim Manne oder beim Weibe vorkomme und,

abgesehen von ihrem Objekt, mag dies der Mann oder das Weib sein_(64).

(64) Es ist unerläßlich, sich klar zu machen, daß die Begriffe

»männlich« und »weiblich«, deren Inhalt der gewöhnlichen Meinung so

unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten

gehören und nach mindestens _drei_ Richtungen zu zerlegen sind. Man

gebraucht männlich und weiblich bald im Sinne von _Aktivität_ und

_Passivität_, bald im _biologischen_ und dann auch im _soziologischen_

Sinne. Die erste dieser drei Bedeutungen ist die wesentliche und die

in der Psychoanalyse allein verwertbare. Ihr entspricht es, wenn die

Libido oben im Text als männlich bezeichnet wird, denn der Trieb ist

immer aktiv, auch wo er sich ein passives Ziel gesetzt hat. Die

zweite, biologische, Bedeutung von männlich und weiblich ist die,

welche die klarste Bestimmung zuläßt. Männlich und weiblich sind hier

durch die Anwesenheit der Samen- respektive Eizelle und durch die von

ihnen ausgehenden Funktionen charakterisiert. Die Aktivität und ihre

Nebenäußerungen, stärkere Muskelentwicklung, Aggression, größere

Intensität der Libido, sind in der Regel mit der biologischen

Männlichkeit verlötet, aber nicht notwendigerweise verknüpft, denn es

gibt Tiergattungen, bei denen diese Eigenschaften vielmehr dem

Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische, Bedeutung erhält

ihren Inhalt durch die Beobachtung der wirklich existierenden

männlichen und weiblichen Individuen. Diese ergibt für den Menschen,

daß weder im psychologischen noch im biologischen Sinne eine reine

Männlichkeit oder Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson weist

vielmehr eine Vermengung ihres biologischen Geschlechtscharakters mit

biologischen Zügen des anderen Geschlechts und eine Vereinigung von

Aktivität und Passivität auf, sowohl insofern diese psychischen

Charakterzüge von den biologischen abhängen als auch insoweit sie

unabhängig von ihnen sind.

Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualität bekannt geworden

bin, halte ich dieses Moment für das hier maßgebende und meine, ohne der

Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man kaum zum Verständnis der

tatsächlich zu beobachtenden Sexualäußerungen von Mann und Weib gelangen

können.

* * * * *

Leitzonen bei Mann und Weib.

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen: Die

leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an der Klitoris

gelegen, der männlichen Genitalzone an der Eichel also homolog. Alles,

was ich über Masturbation bei kleinen Mädchen in Erfahrung bringen

konnte, betraf die Klitoris und nicht die für die späteren

Geschlechtsfunktionen bedeutsamen Partien des äußeren Genitales. Ich

zweifle selbst daran, daß das weibliche Kind unter dem Einflusse der

Verführung zu etwas anderem als zur Klitorismasturbation gelangen kann,

es sei denn ganz ausnahmsweise. Die gerade bei kleinen Mädchen so

häufigen Spontanentladungen der sexuellen Erregtheit äußern sich in

Zuckungen der Klitoris, und die häufigen Erektionen derselben

ermöglichen es den Mädchen, die Sexualäußerungen des anderen

Geschlechtes richtig auch ohne Unterweisung zu beurteilen, indem sie

einfach die Empfindungen der eigenen Sexualvorgänge auf die Knaben

übertragen.

Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen, so muß man die

weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit verfolgen. Die Pubertät,

welche dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet

sich für das Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungswelle, von der

gerade die Klitorissexualität betroffen wird. Es ist ein Stück

männlichen Sexuallebens, was dabei der Verdrängung verfällt. Die bei

dieser Pubertätsverdrängung des Weibes geschaffene Verstärkung der

Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz für die Libido des Mannes und

nötigt dieselbe zur Steigerung ihrer Leistungen; mit der Höhe der Libido

steigt dann auch die Sexualüberschätzung, die nur für das sich

weigernde, seine Sexualität verleugnende Weib im vollen Maße zu haben

ist. Die Klitoris behält dann die Rolle, wenn sie beim endlich

zugelassenen Sexualakt selbst erregt wird, diese Erregung an die

benachbarten weiblichen Teile weiter zu leiten, etwa wie ein Span

Kienholz dazu benützt werden kann, das härtere Brennholz in Brand zu

setzen. Es nimmt oft eine gewisse Zeit in Anspruch, bis sich diese

Übertragung vollzogen hat, während welcher dann das junge Weib

anästhetisch ist. Diese Anästhesie kann eine dauernde werden, wenn die

Klitoriszone ihre Erregbarkeit abzugeben sich weigert, was gerade durch

ausgiebige Betätigung im Kinderleben vorbereitet wird. Es ist bekannt,

daß die Anästhesie der Frauen häufig nur eine scheinbare, eine lokale

ist. Sie sind anästhetisch am Scheideneingang, aber keineswegs

unerregbar von der Klitoris oder selbst von anderen Zonen aus. Zu diesen

erogenen Anlässen der Anästhesie gesellen sich dann noch die

psychischen, gleichfalls durch Verdrängung bedingten.

Ist die Übertragung der erogenen Reizbarkeit von der Klitoris auf den

Scheideneingang gelungen, so hat damit das Weib seine für die spätere

Sexualbetätigung leitende Zone gewechselt, während der Mann die seinige

von der Kindheit an beibehalten hat. In diesem Wechsel der leitenden

erogenen Zone sowie in dem Verdrängungsschub der Pubertät, der gleichsam

die infantile Männlichkeit beiseite schafft, liegen die Hauptbedingungen

für die Bevorzugung des Weibes zur Neurose, insbesondere zur Hysterie.

Diese Bedingungen hängen also mit dem Wesen der Weiblichkeit innigst

zusammen.

Die Objektfindung.

Während durch die Pubertätsvorgänge das Primat der Genitalzonen

festgelegt wird und das Vordrängen des erigiert gewordenen Gliedes beim

Manne gebieterisch auf das neue Sexualziel hinweist, auf das Eindringen

in eine die Genitalzone erregende Körperhöhle, vollzieht sich von

psychischer Seite her die Objektfindung, für welche von der frühesten

Kindheit an vorgearbeitet worden ist. Als die anfänglichste

Sexualbefriedigung noch mit der Nahrungsaufnahme verbunden war, hatte

der Sexualtrieb ein Sexualobjekt außerhalb des eigenen Körpers in der

Mutterbrust. Er verlor es nur später, vielleicht gerade zur Zeit, als es

dem Kinde möglich wurde, die Gesamtvorstellung der Person, welcher das

ihm Befriedigung spendende Organ angehörte, zu bilden. Der

Geschlechtstrieb wird dann in der Regel autoerotisch und erst nach

Überwindung der Latenzzeit stellt sich das ursprüngliche Verhältnis

wieder her. Nicht ohne guten Grund ist das Saugen des Kindes an der

Brust der Mutter vorbildlich für jede Liebesbeziehung geworden. Die

Objektfindung ist eigentlich eine Wiederfindung(65).

(65) Die Psychoanalyse lehrt, daß es zwei Wege der Objektfindung gibt,

erstens die im Text besprochene, die in _Anlehnung_ an die

frühinfantilen Vorbilder vor sich geht, und zweitens die

_narzißtische_, die das eigene Ich sucht und im anderen wiederfindet.

Diese letztere hat eine besonders große Bedeutung für die

pathologischen Ausgänge, fügt sich aber nicht in den hier behandelten

Zusammenhang.

* * * * *

Sexualobjekt der Säuglingszeit.

Aber von dieser ersten und wichtigsten aller sexuellen Beziehungen

bleibt auch nach der Abtrennung der Sexualtätigkeit von der

Nahrungsaufnahme ein wichtiges Stück übrig, welches die Objektwahl

vorbereiten, das verlorene Glück also wiederherstellen hilft. Die ganze

Latenzzeit über lernt das Kind andere Personen, die seiner Hilflosigkeit

abhelfen und seine Bedürfnisse befriedigen, _lieben_, durchaus nach dem

Muster und in Fortsetzung seines Säuglingsverhältnisses zur Amme. Man

wird sich vielleicht sträuben wollen, die zärtlichen Gefühle und die

Wertschätzung des Kindes für seine Pflegepersonen mit der

geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine

genauere psychologische Untersuchung wird diese Identität über jeden

Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des Kindes mit seiner

Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle

sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen aus, zumal da

letztere -- in der Regel doch die Mutter -- das Kind selbst mit Gefühlen

bedenkt, die aus ihrem Sexualleben stammen, es streichelt, küßt und

wiegt und ganz deutlich zum Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt

nimmt(66). Die Mutter würde wahrscheinlich erschrecken, wenn man ihr die

Aufklärung gäbe, daß sie mit all ihren Zärtlichkeiten den Sexualtrieb

ihres Kindes weckt und dessen spätere Intensität vorbereitet. Sie hält

ihr Tun für asexuelle »reine« Liebe, da sie es doch sorgsam vermeidet,

den Genitalien des Kindes mehr Erregungen zuzuführen, als bei der

Körperpflege unumgänglich ist. Aber der Geschlechtstrieb wird nicht nur

durch Erregung der Genitalzone geweckt, wie wir ja wissen; was wir

Zärtlichkeit heißen, wird unfehlbar eines Tages seine Wirkung auch auf

die Genitalzonen äußern. Verstünde die Mutter mehr von der hohen

Bedeutung der Triebe für das gesamte Seelenleben, für alle ethischen und

psychischen Leistungen, so würde sie sich übrigens auch nach der

Aufklärung alle Selbstvorwürfe ersparen. Sie erfüllt nur ihre Aufgabe,

wenn sie das Kind lieben lehrt; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit

energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all das

vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt. Ein Zuviel von

elterlicher Zärtlichkeit wird freilich schädlich werden, indem es die

sexuelle Reifung beschleunigt, auch dadurch, daß es das Kind »verwöhnt«,

es unfähig macht, im späteren Leben auf Liebe zeitweilig zu verzichten

oder sich mit einem geringeren Maß davon zu begnügen. Es ist eines der

besten Vorzeichen späterer Nervosität, wenn das Kind sich unersättlich

in seinem Verlangen nach Zärtlichkeit der Eltern erweist, und

andererseits werden gerade neuropathische Eltern, die ja meist zur

maßlosen Zärtlichkeit neigen, durch ihre Liebkosungen die Disposition

des Kindes zur neurotischen Erkrankung am ehesten erwecken. Man ersieht

übrigens aus diesem Beispiel, daß es für neurotische Eltern direktere

Wege als den der Vererbung gibt, ihre Störung auf die Kinder zu

übertragen.

(66) Wem diese Auffassung »frevelhaft« dünkt, der lese die fast

gleichsinnige Behandlung des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind

bei _Havelock Ellis_ nach. (Das Geschlechtsgefühl, S. 16.)

* * * * *

Infantile Angst.

Die Kinder selbst benehmen sich von frühen Jahren an, als sei ihre

Anhänglichkeit an ihre Pflegepersonen von der Natur der sexuellen Liebe.

Die Angst der Kinder ist ursprünglich nichts anderes als der Ausdruck

dafür, daß sie die geliebte Person vermissen; sie kommen darum jedem

Fremden mit Angst entgegen; sie fürchten sich in der Dunkelheit, weil

man in dieser die geliebte Person nicht sieht, und lassen sich

beruhigen, wenn sie dieselbe in der Dunkelheit bei der Hand fassen

können. Man überschätzt die Wirkung aller Kinderschrecken und gruseligen

Erzählungen der Kinderfrauen, wenn man diesen Schuld gibt, daß sie die

Ängstlichkeit der Kinder erzeugen. Kinder, die zur Ängstlichkeit neigen,

nehmen nur solche Erzählungen auf, die an anderen durchaus nicht haften

wollen; und zur Ängstlichkeit neigen nur Kinder mit übergroßem oder

vorzeitig entwickeltem oder durch Verzärtelung anspruchsvoll gewordenem

Sexualtrieb. Das Kind benimmt sich hiebei wie der Erwachsene, indem es

seine Libido in Angst verwandelt, sowie es sie nicht zur Befriedigung zu

bringen vermag, und der Erwachsene wird sich dafür, wenn er durch

unbefriedigte Libido neurotisch geworden ist, in seiner Angst wie ein

Kind benehmen, sich zu fürchten beginnen, sowie er allein, d. h. ohne

eine Person ist, deren Liebe er sicher zu sein glaubt, und diese seine

Angst durch die kindischesten Maßregeln beschwichtigen wollen(67).

(67) Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke

ich einem dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer

bitten hörte: »Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so

dunkel ist.« Die Tante rief ihn an: »Was hast du denn davon? Du siehst

mich ja nicht.« »Das macht nichts,« antwortete das Kind, »wenn jemand

spricht, wird es hell.« -- Er fürchtete sich also nicht vor der

Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person vermißte, und konnte

versprechen sich zu beruhigen, sobald er einen Beweis von deren

Anwesenheit empfangen hatte. -- Daß die neurotische Angst aus der

Libido entsteht, ein Umwandlungsprodukt derselben darstellt, sich also

etwa so zu ihr verhält, wie der Essig zum Wein, ist eines der

bedeutsamsten Resultate der psychoanalytischen Forschung. Eine weitere

Diskussion dieses Problems siehe in meinen »Vorlesungen zur Einführung

in die Psychoanalyse« 1917, woselbst wohl auch nicht die endgültige

Aufklärung erreicht worden ist.

* * * * *

Inzestschranke.

Wenn die Zärtlichkeit der Eltern zum Kinde es glücklich vermieden hat,

den Sexualtrieb desselben vorzeitig, d. h. ehe die körperlichen

Bedingungen der Pubertät gegeben sind, in solcher Stärke zu wecken, daß

die seelische Erregung in unverkennbarer Weise zum Genitalsystem

durchbricht, so kann sie ihre Aufgabe erfüllen, dieses Kind im Alter der

Reife bei der Wahl des Sexualobjektes zu leiten. Gewiß läge es dem Kinde

am nächsten, diejenigen Personen selbst zu Sexualobjekten zu wählen, die

es mit einer sozusagen abgedämpften Libido seit seiner Kindheit

liebt(68). Aber durch den Aufschub der sexuellen Reifung ist die Zeit

gewonnen worden, neben anderen Sexualhemmnissen die Inzestschranke

aufzurichten, jene moralischen Vorschriften in sich aufzunehmen, welche

die geliebten Personen der Kindheit als Blutsverwandte ausdrücklich von

der Objektwahl ausschließen. Die Beachtung dieser Schranke ist vor allem

eine Kulturforderung der Gesellschaft, welche sich gegen die Aufzehrung

von Interessen durch die Familie wehren muß, die sie für die Herstellung

höherer sozialer Einheiten braucht, und darum mit allen Mitteln dahin

wirkt, bei jedem einzelnen, speziell beim Jüngling, den in der Kindheit

allein maßgebenden Zusammenhang mit seiner Familie zu lockern(69).

(68) Vgl. hiezu das auf S. 64 über die Objektwahl des Kindes Gesagte:

die »zärtliche Strömung«.

(69) Die Inzestschranke gehört wahrscheinlich zu den historischen

Erwerbungen der Menschheit und dürfte wie andere Moraltabu bereits bei

vielen Individuen durch organische Vererbung fixiert sein. (Vgl. meine

Schrift: Totem und Tabu 1913.) Doch zeigt die psychoanalytische

Untersuchung, wie intensiv noch der Einzelne in seinen Entwicklungszeiten

mit der Inzestversuchung ringt, und wie häufig er sie in

Phantasien und selbst in der Realität übertritt.

Die Objektwahl wird aber zunächst in der Vorstellung vollzogen und das

Geschlechtsleben der eben reifenden Jugend hat kaum einen anderen

Spielraum, als sich in Phantasien, d. h. in nicht zur Ausführung

bestimmten Vorstellungen zu ergehen(70). In diesen Phantasien treten bei

allen Menschen die infantilen Neigungen, nun durch den somatischen

Nachdruck verstärkt, wieder auf, und unter ihnen in gesetzmäßiger

Häufigkeit und an erster Stelle die meist bereits durch die

Geschlechtsanziehung differenzierte Sexualregung des Kindes für die

Eltern, des Sohnes für die Mutter und der Tochter für den Vater(71).

Gleichzeitig mit der Überwindung und Verwerfung dieser deutlich

inzestuösen Phantasien wird eine der bedeutsamsten, aber auch

schmerzhaftesten, psychischen Leistungen der Pubertätszeit vollzogen,

die Ablösung von der Autorität der Eltern, durch welche erst der für den

Kulturfortschritt so wichtige Gegensatz der neuen Generation zur alten

geschaffen wird. Auf jeder der Stationen des Entwicklungsganges, den die

Individuen durchmachen sollen, wird eine Anzahl derselben

zurückgehalten, und so gibt es auch Personen, welche die Autorität der

Eltern nie überwunden und ihre Zärtlichkeit von denselben nicht oder nur

sehr unvollständig zurückgezogen haben. Es sind zumeist Mädchen, die so

zur Freude der Eltern weit über die Pubertät hinaus bei der vollen

Kinderliebe verbleiben, und da wird es dann sehr lehrreich zu finden,

daß es diesen Mädchen in ihrer späteren Ehe an dem Vermögen gebricht,

ihren Männern das Gebührende zu schenken. Sie werden kühle Ehefrauen und

bleiben sexuell anästhetisch. Man lernt daraus, daß die anscheinend

nicht sexuelle Liebe zu den Eltern und die geschlechtliche Liebe aus

denselben Quellen gespeist werden, d. h. daß die erstere nur einer

infantilen Fixierung der Libido entspricht.

(70) Die Phantasien der Pubertätszeit knüpfen an die in der Kindheit

verlassene infantile Sexualforschung an, reichen wohl auch ein Stück

in die Latenzzeit zurück. Sie können ganz oder zum großen Teil

unbewußt gehalten werden, entziehen sich darum häufig einer genauen

Datierung. Sie haben große Bedeutung für die Entstehung mannigfaltiger

Symptome, indem sie geradezu die Vorstufen derselben abgeben, also die

Formen herstellen, in denen die verdrängten Libidokomponenten ihre

Befriedigung finden. Ebenso sind die Vorlagen der nächtlichen

Phantasien, die als Träume bewußt werden. Träume sind häufig nichts

anderes als Wiederbelebungen solcher Phantasien unter dem Einfluß und

in Anlehnung an einen aus dem Wachleben erübrigten Tagesreiz.

(»Tagesreste«.) -- Unter den sexuellen Phantasien der Pubertätszeit

ragen einige hervor, welche durch allgemeinstes Vorkommen und

weitgehende Unabhängigkeit vom Erleben des Einzelnen ausgezeichnet

sind. So die Phantasien von der Belauschung des elterlichen

Geschlechtsverkehrs, von der frühen Verführung durch geliebte

Personen, von der Kastrationsdrohung, die Mutterleibsphantasien, deren

Inhalt Verweilen und selbst Erlebnisse im Mutterleib sind, und der

sogenannte »Familienroman«, in welchem der Heranwachsende auf den

Unterschied seiner Einstellung zu den Eltern jetzt und in der Kindheit

reagiert. Die nahen Beziehungen dieser Phantasien zum Mythus hat für

das letzte Beispiel O. _Rank_ in seiner Schrift »Der Mythus von der

Geburt des Helden« 1909 aufgezeigt.

Man sagt mit Recht, daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen

ist, das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm

gipfelt die infantile Sexualität, welche durch ihre Nachwirkungen die

Sexualität des Erwachsenen entscheidend beeinflußt. Jedem menschlichen

Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, den Ödipuskomplex zu

bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose verfallen.

Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des

Ödipuskomplexes immer schärfer gezeichnet; seine Anerkennung ist das

Schiboleth geworden, welches die Anhänger der Psychoanalyse von ihren

Gegnern scheidet.

(71) Vergleiche die Ausführungen über das unvermeidliche Verhängnis in

der Ödipusfabel (»Traumdeutung«, 4. Auflage, S. 198).

Je mehr man sich den tieferen Störungen der psychosexuellen Entwicklung

nähert, desto unverkennbarer tritt die Bedeutung der inzestuösen

Objektwahl hervor. Bei den Psychoneurotikern verbleibt infolge von

Sexualablehnung ein großes Stück oder das Ganze der psychosexuellen

Tätigkeit zur Objektfindung im Unbewußten. Für die Mädchen mit

übergroßem Zärtlichkeitsbedürfnis und eben solchem Grausen vor den

realen Anforderungen des Sexuallebens wird es zu einer unwiderstehlichen

Versuchung, sich einerseits das Ideal der asexuellen Liebe im Leben zu

verwirklichen und andererseits ihre Libido hinter einer Zärtlichkeit,

die sie ohne Selbstvorwurf äußern dürfen, zu verbergen, indem sie die

infantile, in der Pubertät aufgefrischte Neigung zu Eltern oder

Geschwistern fürs Leben festhalten. Die Psychoanalyse kann solchen

Personen mühelos nachweisen, daß sie in diese ihre Blutsverwandten im

gemeinverständlichen Sinne des Wortes _verliebt_ sind, indem sie mit

Hilfe der Symptome und anderen Krankheitsäußerungen ihre unbewußten

Gedanken aufspürt und in bewußte übersetzt. Auch wo ein vorerst Gesunder

nach einer unglücklichen Liebeserfahrung erkrankt ist, kann man als den

Mechanismus solcher Erkrankung die Rückwendung seiner Libido auf die

infantil bevorzugten Personen mit Sicherheit aufdecken.

* * * * *

Nachwirkung der infantilen Objektwahl.

Auch wer die inzestuöse Fixierung seiner Libido glücklich vermieden hat,

ist dem Einfluß derselben nicht völlig entzogen. Es ist ein deutlicher

Nachklang dieser Entwicklungsphase, wenn die erste ernsthafte

Verliebtheit des jungen Mannes, wie so häufig, einem reifen Weibe, die

des Mädchens einem älteren, mit Autorität ausgestatteten Manne gilt, die

ihnen das Bild der Mutter und des Vaters beleben können(72). In freierer

Anlehnung an diese Vorbilder geht wohl die Objektwahl überhaupt vor

sich. Vor allem sucht der Mann nach dem Erinnerungsbild der Mutter, wie

es ihn seit den Anfängen der Kindheit beherrscht; im vollen Einklang

steht es damit, wenn sich die noch lebende Mutter gegen diese ihre

Erneuerung sträubt und ihr mit Feindseligkeit begegnet. Bei solcher

Bedeutung der kindlichen Beziehungen zu den Eltern für die spätere Wahl

des Sexualobjektes ist es leicht zu verstehen, daß jede Störung dieser

Kindheitsbeziehungen die schwersten Folgen für das Sexualleben nach der

Reife zeitigt; auch die Eifersucht des Liebenden ermangelt nie der

infantilen Wurzel oder wenigstens der infantilen Verstärkung.

Zwistigkeiten zwischen den Eltern selbst, unglückliche Ehe derselben,

bedingen die schwerste Prädisposition für gestörte Sexualentwicklung

oder neurotische Erkrankung der Kinder.

(72) S. meinen Aufsatz Ȇber einen besonderen Typus der Objektwahl

beim Manne« 1910 in Sammlung klein. Schriften z. Neurosenlehre,

IV. Folge.

Die infantile Neigung zu den Eltern ist wohl die wichtigste, aber nicht

die einzige der Spuren, die, in der Pubertät aufgefrischt, dann der

Objektwahl den Weg weisen. Andere Ansätze derselben Herkunft gestatten

dem Manne noch immer in Anlehnung an seine Kindheit mehr als eine

einzige _Sexualreihe_ zu entwickeln, ganz verschiedene Bedingungen für

die Objektwahl auszubilden(73).

(73) Ungezählte Eigentümlichkeiten des menschlichen Liebeslebens sowie

das Zwanghafte der Verliebtheit selbst sind überhaupt nur durch die

Rückbeziehung auf die Kindheit und als Wirkungsreste derselben zu

verstehen.

* * * * *

Verhütung der Inversion.

Eine bei der Objektwahl sich ergebende Aufgabe liegt darin, das

entgegengesetzte Geschlecht nicht zu verfehlen. Sie wird, wie bekannt,

nicht ohne einiges Tasten gelöst. Die ersten Regungen nach der Pubertät

gehen häufig genug -- ohne dauernden Schaden -- irre. _Dessoir_ hat mit

Recht darauf aufmerksam gemacht, welche Gesetzmäßigkeit sich in den

schwärmerischen Freundschaften von Jünglingen und Mädchen für

ihresgleichen verrät. Die größte Macht, welche eine dauernde Inversion

des Sexualobjektes abwehrt, ist gewiß die Anziehung, welche die

entgegengesetzten Geschlechtscharaktere für einander äußern; zur

Erklärung derselben kann im Zusammenhange dieser Erörterungen nichts

gegeben werden. Aber dieser Faktor reicht für sich allein nicht hin, die

Inversion auszuschließen; es kommen wohl allerlei unterstützende Momente

hinzu. Vor allem die Autoritätshemmung der Gesellschaft; wo die

Inversion nicht als Verbrechen betrachtet wird, da kann man die

Erfahrung machen, daß sie den sexuellen Neigungen nicht weniger

Individuen voll entspricht. Ferner darf man für den Mann annehmen, daß

die Kindererinnerung an die Zärtlichkeit der Mutter und anderer

weiblicher Personen, denen er als Kind überantwortet war, energisch

mithilft, seine Wahl auf das Weib zu lenken, während die von seiten des

Vaters erfahrene frühzeitige Sexualeinschüchterung und die

Konkurrenzeinstellung zu ihm vom gleichen Geschlechte ablenkt. Beide

Momente gelten aber auch für das Mädchen, dessen Sexualbetätigung unter

der besonderen Obhut der Mutter steht. Es ergibt sich so eine feindliche

Beziehung zum eigenen Geschlecht, welche die Objektwahl entscheidend in

dem für normal geltenden Sinn beeinflußt. Die Erziehung der Knaben durch

männliche Personen (Sklaven in der antiken Welt) scheint die

Homosexualität zu begünstigen; beim heutigen Adel wird die Häufigkeit

der Inversion wohl durch die Verwendung männlicher Dienerschaft wie

durch die geringere persönliche Fürsorge der Mütter für ihre Kinder um

etwas verständlicher. Bei manchen Hysterischen ergibt sich, daß der

frühzeitige Wegfall einer Person des Elternpaares (durch Tod,

Ehescheidung, Entfremdung), worauf dann die übrigbleibende die ganze

Liebe des Kindes an sich gezogen hatte, die Bedingung für das Geschlecht

der später zum Sexualobjekt gewählten Person festgestellt und damit auch

die dauernde Inversion ermöglicht hat.

Zusammenfassung.

Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir sind von den

Abirrungen des Geschlechtstriebes in bezug auf sein Objekt und sein Ziel

ausgegangen, haben die Fragestellung vorgefunden, ob diese aus

angeborener Anlage entspringen oder infolge der Einflüsse des Lebens

erworben werden. Die Beantwortung dieser Frage ergab sich uns aus der

Einsicht in die Verhältnisse des Geschlechtstriebes bei den

Psychoneurotikern, einer zahlreichen und den Gesunden nicht ferne

stehenden Menschengruppe, welche Einsicht wir durch psychoanalytische

Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, daß bei diesen Personen die

Neigungen zu allen Perversionen als unbewußte Mächte nachweisbar sind

und sich als Symptombildner verraten, und konnten sagen, die Neurose sei

gleichsam ein Negativ der Perversion. Angesichts der nun erkannten

großen Verbreitung der Perversionsneigungen drängte sich uns der

Gesichtspunkt auf, daß die Anlage zu den Perversionen die ursprüngliche

allgemeine Anlage des menschlichen Geschlechtstriebes sei, aus welcher

das normale Sexualverhalten infolge organischer Veränderungen und

psychischer Hemmungen im Laufe der Reifung entwickelt werde. Die

ursprüngliche Anlage hofften wir im Kindesalter aufzeigen zu können;

unter den die Richtung des Sexualtriebes einschränkenden Mächten hoben

wir Scham, Ekel, Mitleid und die sozialen Konstruktionen der Moral und

Autorität hervor. So mußten wir in jeder fixierten Abirrung vom normalen

Geschlechtsleben ein Stück Entwicklungshemmung und Infantilismus

erblicken. Die Bedeutung der Variationen der ursprünglichen Anlage

mußten wir in den Vordergrund stellen, zwischen ihnen und den Einflüssen

des Lebens aber ein Verhältnis von Kooperation und nicht von

Gegensätzlichkeit annehmen. Anderseits erschien uns, da die

ursprüngliche Anlage eine komplexe sein mußte, der Geschlechtstrieb

selbst als etwas aus vielen Faktoren Zusammengesetztes, das in den

Perversionen gleichsam in seine Komponenten zerfällt. Somit erwiesen

sich die Perversionen einerseits als Hemmungen, andererseits als

Dissoziationen der normalen Entwicklung. Beide Auffassungen vereinigten

sich in der Annahme, daß der Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die

Zusammenfassung vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit,

einer Strebung mit einem einzigen Ziel entstehe.

Wir fügten noch die Aufklärung für das Überwiegen der perversen

Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem wir dieses als

kollaterale Füllung von Nebenbahnen bei Verlegung des Hauptstrombettes

durch die »Verdrängung« erkannten, und wandten uns dann der Betrachtung

des Sexuallebens im Kindesalter zu(74). Wir fanden es bedauerlich, daß

man dem Kindesalter den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu

beobachtenden Sexualäußerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse

beschrieben hat. Es schien uns vielmehr, daß das Kind Keime von

Sexualtätigkeit mit zur Welt bringt und schon bei der Nahrungsaufnahme

sexuelle Befriedigung mitgenießt, die es sich dann in der gut gekannten

Tätigkeit des »Ludelns« immer wieder zu verschaffen sucht. Die

Sexualbetätigung des Kindes entwickle sich aber nicht im gleichen

Schritt wie seine sonstigen Funktionen, sondern trete nach einer kurzen

Blüteperiode vom 2. bis zum 5. Jahre in die sogenannte Latenzperiode

ein. In derselben würde die Produktion sexueller Erregung keineswegs

eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie, der

großenteils zu anderen als sexuellen Zwecken verwendet werde, nämlich

einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten für soziale Gefühle,

andererseits (vermittels Verdrängung und Reaktionsbildung) zum Aufbau

der späteren Sexualschranken. Demnach würden die Mächte, die dazu

bestimmt sind, den Sexualtrieb in gewissen Bahnen zu erhalten, im

Kindesalter auf Kosten der großenteils perversen Sexualregungen und

unter Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein anderer Teil der infantilen

Sexualregungen entgehe diesen Verwendungen und könne sich als

Sexualbetätigung äußern. Man könne dann erfahren, daß die Sexualerregung

des Kindes aus vielerlei Quellen fließe. Vor allem entstehe Befriedigung

durch die geeignete sensible Erregung sogenannter erogener Zonen als

welche wahrscheinlich jede Hautstelle und jedes Sinnesorgan,

wahrscheinlich jedes Organ, fungieren könne, während gewisse

ausgezeichnete erogene Zonen existieren, deren Erregung durch gewisse

organische Vorrichtungen von Anfang an gesichert sei. Ferner entstehe

sexuelle Erregung gleichsam als Nebenprodukt bei einer großen Reihe von

Vorgängen im Organismus, sobald dieselben nur eine gewisse Intensität

erreichen, ganz besonders bei allen stärkeren Gemütsbewegungen, seien

sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen aus all diesen Quellen setzten

sich noch nicht zusammen, sondern verfolgten jede vereinzelt ihr Ziel,

welches bloß der Gewinn einer gewissen Lust ist. Der Geschlechtstrieb

sei also im Kindesalter _nicht zentriert_ und zunächst objektlos,

_autoerotisch_.

(74) Dies gilt nicht nur für die in der Neurose »negativ« auftretenden

Perversionsneigungen, sondern ebenso für die positiven, eigentlich so

benannten Perversionen. Diese letzteren sind also nicht bloß auf die

Fixierung der infantilen Neigungen zurückzuführen, sondern auch auf

die Regression zu denselben infolge der Verlegung anderer Bahnen der

Sexualströmung. Darum sind auch die positiven Perversionen der

psychoanalytischen Therapie zugänglich.

Noch während der Kinderjahre beginne die erogene Zone der Genitalien

sich bemerkbar zu machen, entweder in der Art, daß sie wie jede andere

erogene Zone auf geeignete sensible Reizung Befriedigung ergebe, oder

indem auf nicht ganz verständliche Weise mit der Befriedigung von

anderen Quellen her gleichzeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, die

zu der Genitalzone eine besondere Beziehung erhalte. Wir haben es

bedauern müssen, daß eine genügende Aufklärung des Verhältnisses

zwischen Sexualbefriedigung und Sexualerregung sowie zwischen der

Tätigkeit der Genitalzone und der übrigen Quellen der Sexualität nicht

zu erreichen war.

Durch das Studium der neurotischen Störungen haben wir gemerkt, daß sich

im kindlichen Sexualleben von allem Anfang an Ansätze zu einer

Organisation der sexuellen Triebkomponenten erkennen lassen. In einer

ersten sehr frühen Phase steht die _Oral_erotik im Vordergrunde; eine

zweite dieser »_prägenitalen_« Organisationen wird durch die

Vorherrschaft des _Sadismus_ und der _Anal_erotik charakterisiert, erst

in einer dritten Phase wird das Sexualleben durch den Anteil der

eigentlichen Genitalzonen mitbestimmt.

Wir haben dann als eine der überraschendsten Ermittlungen feststellen

müssen, daß diese Frühblüte des infantilen Sexuallebens (2-5 Jahre) auch

eine Objektwahl mit all den reichen, seelischen Leistungen zeitigt, so

daß die daran geknüpfte, ihr entsprechende Phase trotz der mangelnden

Zusammenfassung der einzelnen Triebkomponenten und der Unsicherheit des

Sexualzieles als bedeutsamer Vorläufer der späteren endgültigen

Sexualorganisation einzuschätzen ist.

Die Tatsache des _zweizeitigen Ansatzes_ der Sexualentwicklung beim

Menschen, also die Unterbrechung dieser Entwicklung durch die

Latenzzeit, erschien uns besonderer Beachtung würdig. Sie scheint eine

der Bedingungen für die Eignung des Menschen zur Entwicklung einer

höheren Kultur, aber auch für seine Neigung zur Neurose zu enthalten.

Bei der tierischen Verwandtschaft des Menschen ist unseres Wissens etwas

Analoges nicht nachweisbar. Die Ableitung der Herkunft dieser

menschlichen Eigenschaft müßte man in der Urgeschichte der Menschenart

suchen.

Welches Maß von sexuellen Betätigungen im Kindesalter noch als normal,

der weiteren Entwicklung nicht abträglich, bezeichnet werden darf,

konnten wir nicht sagen. Der Charakter der Sexualäußerungen erwies sich

als vorwiegend masturbatorisch. Wir stellten ferner durch Erfahrungen

fest, daß die äußeren Einflüsse der Verführung vorzeitige Durchbrüche

der Latenzzeit bis zur Aufhebung derselben hervorrufen können, und daß

sich dabei der Geschlechtstrieb des Kindes in der Tat als polymorph

pervers bewährt; ferner, daß jede solche frühzeitige Sexualtätigkeit die

Erziehbarkeit des Kindes beeinträchtigt.

Trotz der Lückenhaftigkeit unserer Einsichten in das infantile

Sexualleben mußten wir dann den Versuch machen, die durch das Auftreten

der Pubertät gesetzten Veränderungen desselben zu studieren. Wir griffen

zwei derselben als die maßgebenden heraus, die Unterordnung aller

sonstigen Ursprünge der Sexualerregung unter das Primat der Genitalzonen

und den Prozeß der Objektfindung. Beide sind im Kinderleben bereits

vorgebildet. Die erstere vollzieht sich durch den Mechanismus der

Ausnützung der Vorlust, wobei die sonst selbständigen sexuellen Akte,

die mit Lust und Erregung verbunden sind, zu vorbereitenden Akten für

das neue Sexualziel, die Entleerung der Geschlechtsprodukte werden,

dessen Erreichung unter riesiger Lust der Sexualerregung ein Ende macht.

Wir hatten dabei die Differenzierung des geschlechtlichen Wesens zu Mann

und Weib zu berücksichtigen und fanden, daß zum Weibwerden eine

neuerliche Verdrängung erforderlich ist, welche ein Stück infantiler

Männlichkeit aufhebt und das Weib für den Wechsel der leitenden

Genitalzone vorbereitet. Die Objektwahl endlich fanden wir geleitet

durch die infantilen, zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexueller

Neigung des Kindes zu seinen Eltern und Pflegepersonen und durch die

mittlerweile aufgerichtete Inzestschranke von diesen Personen weg auf

ihnen ähnliche gelenkt. Fügen wir endlich noch hinzu, daß während der

Übergangszeit der Pubertät die somatischen und die psychischen

Entwicklungsvorgänge eine Weile unverknüpft nebeneinander hergehen, bis

mit dem Durchbruch einer intensiven seelischen Liebesregung zur

Innervation der Genitalien die normalerweise erforderte Einheit der

Liebesfunktion hergestellt wird.

* * * * *

Entwicklungsstörende Momente.

Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann zur

Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zusammensetzung zum

Anlaß der Dissoziation des Geschlechtstriebes werden, wie wir bereits an

verschiedenen Beispielen erörtert haben. Es erübrigt uns noch, eine

Übersicht der verschiedenen, die Entwicklung störenden, inneren und

äußeren Momente zu geben und beizufügen, an welcher Stelle des

Mechanismus die von ihnen ausgehende Störung angreift. Was wir da in

einer Reihe anführen, kann freilich unter sich nicht gleichwertig sein,

und wir müssen auf Schwierigkeiten rechnen, den einzelnen Momenten die

ihnen gebührende Abschätzung zuzuteilen.

* * * * *

Konstitution und Heredität.

An erster Stelle ist hier die angeborene _Verschiedenheit der sexuellen

Konstitution_ zu nennen, auf die wahrscheinlich das Hauptgewicht

entfällt, die aber, wie begreiflich, nur aus ihren späteren Äußerungen

und dann nicht immer mit großer Sicherheit zu erschließen ist. Wir

stellen uns unter ihr ein Überwiegen dieser oder jener der mannigfachen

Quellen der Sexualerregung vor und glauben, daß solche Verschiedenheit

der Anlagen in dem Endergebnis jedenfalls zum Ausdruck kommen muß, auch

wenn dies sich innerhalb der Grenzen des Normalen zu halten vermag.

Gewiß sind auch solche Variationen der ursprünglichen Anlage denkbar,

welche notwendigerweise und ohne weitere Mithilfe zur Ausbildung eines

abnormen Sexuallebens führen müssen. Man kann dieselben dann

»degenerative« heißen und als Ausdruck ererbter Verschlechterung

betrachten. Ich habe in diesem Zusammenhange eine merkwürdige Tatsache

zu berichten. Bei mehr als der Hälfte meiner psychotherapeutisch

behandelten schweren Fälle von Hysterie, Zwangsneurose usw. ist mir der

Nachweis der vor der Ehe überstandenen Syphilis der Väter sicher

gelungen, sei es, daß diese an Tabes oder progressiver Paralyse gelitten

hatten, sei es, daß deren luetische Erkrankung sich anderswie

anamnestisch feststellen ließ. Ich bemerke ausdrücklich, daß die später

neurotischen Kinder keine körperlichen Zeichen von hereditärer Lues an

sich trugen, so daß eben die abnorme sexuelle Konstitution als der

letzte Ausläufer der luetischen Erbschaft zu betrachten war. So fern es

mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen Eltern als regelmäßige

oder unentbehrliche ätiologische Bedingung der neuropathischen

Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das von mir beobachtete

Zusammentreffen für nicht zufällig und nicht bedeutungslos.

Die hereditären Verhältnisse der positiv Perversen sind minder gut

bekannt, weil dieselben sich der Erkundung zu entziehen wissen. Doch hat

man Grund anzunehmen, daß bei den Perversionen ähnliches wie bei den

Neurosen gilt. Nicht selten findet man nämlich Perversion und

Psychoneurose in denselben Familien auf die verschiedenen Geschlechter

so verteilt, daß die männlichen Mitglieder oder eines derselben positiv

pervers, die weiblichen aber der Verdrängungsneigung ihres Geschlechts

entsprechend negativ pervers, hysterisch sind, ein guter Beleg für die

von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den beiden Störungen.

* * * * *

Weitere Verarbeitung.

Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit dem Ansatz der

verschiedenen Komponenten in der sexuellen Konstitution die Entscheidung

über die Gestaltung des Sexuallebens eindeutig bestimmt wäre. Die

Bedingtheit setzt sich vielmehr fort und weitere Möglichkeiten ergeben

sich je nach dem Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen

stammenden Sexualitätszuflüsse erfahren. Diese _weitere Verarbeitung_

ist offenbar das endgültig Entscheidende, während die der Beschreibung

nach gleiche Konstitution zu drei verschiedenen Endausgängen führen

kann. Wenn sich alle die Anlagen in ihrem, als abnorm angenommenen,

relativen Verhältnis erhalten und mit der Reifung verstärken, so kann

nur ein perverses Sexualleben das Endergebnis sein. Die Analyse solcher

abnormer konstitutioneller Anlagen ist noch nicht ordentlich in Angriff

genommen worden, doch kennen wir bereits Fälle, die in solchen Annahmen

mit Leichtigkeit ihre Erklärung finden. Die Autoren meinen z. B. von

einer ganzen Reihe von Fixationsperversionen, dieselben hätten eine

angeborene Schwäche des Sexualtriebs zur notwendigen Voraussetzung. In

dieser Form scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird aber

sinnreich, wenn eine konstitutionelle Schwäche des einen Faktors des

Sexualtriebs, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone späterhin die

Zusammenfassung der einzelnen Sexualbetätigungen zum Ziel der

Fortpflanzung als Funktion übernimmt. Diese in der Pubertät geforderte

Zusammenfassung muß dann mißlingen und die stärkste der anderen

Sexualitätskomponenten wird ihre Betätigung als Perversion

durchsetzen(75).

(75) Man sieht dabei häufig, daß in der Pubertätszeit zunächst eine

normale Sexualströmung einsetzt, welche aber infolge ihrer inneren

Schwäche vor den ersten äußeren Hindernissen zusammenbricht und dann

von der Regression auf die perverse Fixierung abgelöst wird.

* * * * *

Verdrängung.

Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung einzelne

der überstark angelegten Komponenten den Prozeß der _Verdrängung_

erfahren, von dem man festhalten muß, daß er einer Aufhebung nicht

gleichkommt. Die betreffenden Erregungen werden dabei wie sonst erzeugt,

aber durch psychische Verhinderung von der Erreichung ihres Zieles

abgehalten und auf mannigfache andere Wege gedrängt, bis sie sich als

Symptome zum Ausdruck gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annähernd

normales Sexualleben sein, -- meist ein eingeschränktes --, aber ergänzt

durch psychoneurotische Krankheit. Gerade diese Fälle sind uns durch die

psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut bekannt geworden. Das

Sexualleben solcher Personen hat wie das der Perversen begonnen, ein

ganzes Stück ihrer Kindheit ist mit perverser Sexualtätigkeit

ausgefüllt, die sich gelegentlich weit über die Reifezeit erstreckt;

dann erfolgt aus inneren Ursachen -- meist noch vor der Pubertät, aber

hie und da sogar spät nachher -- ein Verdrängungsumschlag, und von nun

an tritt, ohne daß die alten Regungen erlöschen, Neurose an die Stelle

der Perversion. Man wird an das Sprichwort »Junge Hure, alte

Betschwester« erinnert, nur daß die Jugend hier allzu kurz ausgefallen

ist. Diese Ablösung der Perversion durch die Neurose im Leben derselben

Person muß man ebenso wie die vorhin angeführte Verteilung von

Perversion und Neurose auf verschiedene Personen derselben Familie mit

der Einsicht, daß die Neurose das Negativ der Perversion ist,

zusammenhalten.

* * * * *

Sublimierung.

Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage wird durch den

Prozeß der »_Sublimierung_« ermöglicht, bei welchem den überstarken

Erregungen aus einzelnen Sexualitätsquellen Abfluß und Verwendung auf

andere Gebiete eröffnet wird, so daß eine nicht unerhebliche Steigerung

der psychischen Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen

Veranlagung resultiert. Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu

finden und, je nachdem solche Sublimierung eine vollständige oder

unvollständige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere

künstlerisch veranlagter Personen jedes Mengungsverhältnis zwischen

Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose ergeben. Eine Unterart der

Sublimierung ist wohl die Unterdrückung durch _Reaktionsbildung_, die,

wie wir gefunden haben, bereits in der Latenzzeit des Kindes beginnt, um

sich im günstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen. Was wir den

»Charakter« eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit dem Material

sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus seit der Kindheit

fixierten Trieben, aus durch Sublimierung gewonnenen und aus solchen

Konstruktionen zusammen, die zur wirksamen Niederhaltung perverser, als

unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind(76). Somit kann die

allgemein perverse Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe

unserer Tugenden geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung

zur Schaffung derselben Anstoß gibt(77).

(76) Bei einigen Charakterzügen ist selbst ein Zusammenhang mit

bestimmten erogenen Komponenten erkannt worden. So leiten sich Trotz,

Sparsamkeit und Ordentlichkeit aus der Verwendung der Analerotik ab.

Der Ehrgeiz wird durch eine starke urethralerotische Anlage bestimmt.

(77) Ein Menschenkenner wie E. _Zola_ schildert in »La Joie de vivre«

ein Mädchen, das in heiterer Selbstentäußerung alles, was es besitzt

und beanspruchen könnte, sein Vermögen und seine Lebenswünsche

geliebten Personen ohne Entlohnung zum Opfer bringt. Die Kindheit

dieses Mädchens ist von einem unersättlichen Zärtlichkeitsbedürfnis

beherrscht, das sie bei einer Gelegenheit von Zurücksetzung gegen eine

andere in Grausamkeit verfallen läßt.

* * * * *

Akzidentell Erlebtes.

Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben und

Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Bedingungen uns

völlig unbekannt sind, treten alle anderen Einflüsse weit an Bedeutung

zurück. Wer Verdrängungen und Sublimierungen mit zur konstitutionellen

Anlage rechnet, als die Lebensäußerungen derselben betrachtet, der hat

allerdings das Recht zu behaupten, daß die Endgestaltung des

Sexuallebens vor allem das Ergebnis der angeborenen Konstitution ist.

Indes wird kein Einsichtiger bestreiten, daß in solchem Zusammenwirken

von Faktoren auch Raum für die modifizierenden Einflüsse des akzidentell

in der Kindheit und späterhin Erlebten bleibt. Es ist nicht leicht, die

Wirksamkeit der konstitutionellen und der akzidentellen Faktoren in

ihrem Verhältnis zueinander abzuschätzen. In der Theorie neigt man immer

zur Überschätzung der ersteren; die therapeutische Praxis hebt die

Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte auf keinen Fall

vergessen, daß zwischen den beiden ein Verhältnis von Kooperation und

nicht von Ausschließung besteht. Das konstitutionelle Moment muß auf

Erlebnisse warten, die es zur Geltung bringen, das akzidentelle bedarf

einer Anlehnung an die Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann

sich für die Mehrzahl der Fälle eine sogenannte »Ergänzungsreihe«

vorstellen, in welcher die fallenden Intensitäten des einen Faktors

durch die steigenden des anderen ausgeglichen werden, hat aber keinen

Grund, die Existenz extremer Fälle an den Enden der Reihe zu leugnen.

Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser, wenn man den

Erlebnissen der frühen Kindheit unter den akzidentellen Momenten eine

Vorzugsstellung einräumt. Die eine ätiologische Reihe zerlegt sich dann

in zwei, die man die _dispositionelle_ und die _definitive_ heißen kann.

In der ersteren wirken Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse

ebenso zusammen wie in der zweiten Disposition und spätere traumatische

Erlebnisse. Alle die Sexualentwicklung schädigenden Momente äußern ihre

Wirkung in der Weise, daß sie eine _Regression_, eine Rückkehr zu einer

früheren Entwicklungsphase hervorrufen.

Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflußreich für die

Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente aufzuzählen, sei es, daß

diese wirksame Mächte oder bloß Äußerungen solcher darstellen.

* * * * *

Frühreife.

Ein solches Moment ist die spontane sexuelle _Frühreife_, die wenigstens

in der Ätiologie der Neurosen mit Sicherheit nachweisbar ist, wenngleich

sie so wenig wie andere Momente für sich allein zur Verursachung

hinreicht. Sie äußert sich in Durchbrechung, Verkürzung oder Aufhebung

der infantilen Latenzzeit und wird zur Ursache von Störungen, indem sie

Sexualäußerungen veranlaßt, die einerseits wegen des unfertigen

Zustandes der Sexualhemmungen, andererseits infolge des unentwickelten

Genitalsystems nur den Charakter von Perversionen an sich tragen können.

Diese Perversionsneigungen mögen sich nun als solche erhalten oder nach

eingetretenen Verdrängungen zu Triebkräften neurotischer Symptome

werden; auf alle Fälle erschwert die sexuelle Frühreife die

wünschenswerte spätere Beherrschung des Sexualtriebs durch die höheren

seelischen Instanzen und steigert den zwangartigen Charakter, den die

psychischen Vertretungen des Triebes ohnedies in Anspruch nehmen. Die

sexuelle Frühreife geht häufig vorzeitiger intellektueller Entwicklung

parallel; als solche findet sie sich in der Kindheitsgeschichte der

bedeutendsten und leistungsfähigsten Individuen; sie scheint dann nicht

ebenso pathogen zu wirken, wie wenn sie isoliert auftritt.

* * * * *

Zeitliche Momente.

Ebenso wie die Frühreife fordern andere Momente Berücksichtigung, die

man als »_zeitliche_« mit der Frühreife zusammenfassen kann. Es scheint

phylogenetisch festgelegt, in welcher Reihenfolge die einzelnen

Triebregungen aktiviert werden, und wie lange sie sich äußern können,

bis sie dem Einfluß einer neu auftretenden Triebregung oder einer

typischen Verdrängung unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen

Aufeinanderfolge wie in der Zeitdauer derselben scheinen Variationen

vorzukommen, die auf das Endergebnis einen bestimmenden Einfluß üben

müssen. Es kann nicht gleichgültig sein, ob eine gewisse Strömung früher

oder später auftritt als ihre Gegenströmung, denn die Wirkung einer

Verdrängung ist nicht rückgängig zu machen; eine zeitliche Abweichung in

der Zusammensetzung der Komponenten ergibt regelmäßig eine Änderung des

Resultats. Andererseits nehmen besonders intensiv auftretende

Triebregungen oft einen überraschend schnellen Ablauf, z. B. die

heterosexuelle Bindung der später manifest Homosexuellen. Die am

heftigsten einsetzenden Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht

die Befürchtung, daß sie den Charakter des Erwachsenen dauernd

beherrschen werden; man darf ebensowohl erwarten, daß sie verschwinden

werden, um ihrem Gegenteile Platz zu machen. (Gestrenge Herren regieren

nicht lange.) Worauf solche zeitliche Verwirrungen der Entwicklungsvorgänge

rückführbar sind, vermögen wir auch nicht in Andeutungen

anzugeben. Es eröffnet sich hier ein Ausblick auf eine tiefere

Phalanx von biologischen, vielleicht auch historischen Problemen,

denen wir uns noch nicht auf Kampfesweite angenähert haben.

* * * * *

Haftbarkeit.

Die Bedeutung aller frühzeitigen Sexualäußerungen wird durch einen

psychischen Faktor unbekannter Herkunft gesteigert, den man derzeit

freilich nur als eine psychologische Vorläufigkeit hinstellen kann. Ich

meine die erhöhte _Haftbarkeit_ oder _Fixierbarkeit_ dieser Eindrücke

des Sexuallebens, die man bei späteren Neurotikern wie bei Perversen zur

Ergänzung des Tatbestands hinzunehmen muß, da die gleichen vorzeitigen

Sexualäußerungen bei anderen Personen sich nicht so tief einprägen

können, daß sie zwangartig auf Wiederholung hinwirken und dem

Sexualtrieb für alle Lebenszeit seine Wege vorzuschreiben vermögen.

Vielleicht liegt ein Stück der Aufklärung für diese Haftbarkeit in einem

anderen psychischen Moment, welches wir in der Verursachung der Neurosen

nicht missen können, nämlich in dem Übergewicht, welches im Seelenleben

den Erinnerungsspuren im Vergleich mit den rezenten Eindrücken zufällt.

Dieses Moment ist offenbar von der intellektuellen Ausbildung abhängig

und wächst mit der Höhe der persönlichen Kultur. Im Gegensatz hiezu ist

der Wilde als das »unglückselige Kind des Augenblickes« charakterisiert

worden(78). Wegen der gegensätzlichen Beziehung zwischen Kultur und

freier Sexualitätsentwicklung, deren Folgen weit in die Gestaltung

unseres Lebens verfolgt werden können, ist es auf niedriger Kultur- oder

Gesellschaftsstufe so wenig, auf höherer so sehr fürs spätere Leben

bedeutsam, wie das sexuelle Leben des Kindes verlaufen ist.

(78) Möglicherweise ist die Erhöhung der Haftbarkeit auch der Erfolg

einer besonders intensiven somatischen Sexualäußerung früherer Jahre.

* * * * *

Fixierung.

Die Begünstigung durch die eben erwähnten psychischen Momente kommt nun

den akzidentell erlebten Anregungen der kindlichen Sexualität zugute.

Die letzteren (Verführung durch andere Kinder oder Erwachsene in erster

Linie) bringen das Material bei, welches mit Hilfe der ersteren zur

dauernden Störung fixiert werden kann. Ein guter Teil der später

beobachteten Abweichungen vom normalen Sexualleben ist so bei

Neurotikern wie bei Perversen durch die Eindrücke der angeblich

sexualfreien Kindheitsperiode von Anfang an festgelegt. In die

Verursachung teilen sich das Entgegenkommen der Konstitution, die

Frühreife, die Eigenschaft der erhöhten Haftbarkeit und die zufällige

Anregung des Sexualtriebs durch fremden Einfluß.

Der unbefriedigende Schluß aber, der sich aus diesen Untersuchungen über

die Störungen des Sexuallebens ergibt, geht dahin, daß wir von den

biologischen Vorgängen, in denen das Wesen der Sexualität besteht, lange

nicht genug wissen, um aus unseren vereinzelten Einsichten eine zum

Verständnis des Normalen wie des Pathologischen genügende Theorie zu

gestalten.

[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei

jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile

steht.

_Bloch_, M. _Hirschfeld_ und aus den Arbeiten in den vom letzteren

_Bloch_, M. _Hirschfeld_ und aus den Arbeiten in dem vom letzteren

Führen wir zwei Termine an: heißen wir die Person, von welcher die

Führen wir zwei Termini ein: heißen wir die Person, von welcher die

der männlichen Intervierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im

der männlichen Invertierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im

Einpfanzung von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei

Einpflanzung von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei

Auftreten neuer Absichten

Auftreten neuer Absichten.

Strebungen, sind, denen durch einen besonderen psychischen Prozeß (_die

Strebungen sind, denen durch einen besonderen psychischen Prozeß (_die

psychische Tätigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande der

psychische Tätigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande des

Sexuallebens studiert haben;

Sexuallebens studiert haben.

Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und Aftereröffnung

Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und Afteröffnung

Charaktere erogener Zonen

Charaktere erogener Zonen.

durch den After einen starken Reiz auf die Schleimheit ausüben können.

durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausüben können.

Die zweite Phase der kindlichen Masturbation

Die zweite Phase der kindlichen Masturbation.

Das Rätsel der Sphinx

Das Rätsel der Sphinx.

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen muß man

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, muß man

b) durch geeignete peripherische Reizung erogener Zone, c) als Ausdruck

b) durch geeignete peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck

in welcher Situation außer der allgemeinen Muskelantsrengung noch die

in welcher Situation außer der allgemeinen Muskelanstrengung noch die

Richtung gangbar sein müssen. Ist wz. B. der beiden Funktionen gemeinsame

Richtung gangbar sein müssen. Ist z. B. der beiden Funktionen gemeinsame

dessen Erreichtung alle Partialtriebe zusammenwirken, während die

dessen Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, während die

von der Pubertät vorgenommene Kastration nähert sich zwar in ihrer

vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert sich zwar in ihrer

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von dem anderen und somit die

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen und somit die

unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrendsten

unzweideutig erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten

Der Fortschritt der psychoanalitischen Arbeit hat diese Bedeutung des

Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie · 第 13 / 13 题