Die infantile Sexualität.
Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechtstrieb, daß er
der Kindheit fehle und erst in der als Pubertät bezeichneten
Lebensperiode erwache. Allein dies ist nicht nur ein einfacher, sondern
sogar ein folgenschwerer Irrtum, da er hauptsächlich unsere gegenwärtige
Unkenntnis der grundlegenden Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet.
Ein gründliches Studium der Sexualäußerungen in der Kindheit würde uns
wahrscheinlich die wesentlichen Züge des Geschlechtstriebes aufdecken,
seine Entwicklung verraten und seine Zusammensetzung aus verschiedenen
Quellen zeigen.
* * * * *
Vernachlässigung der Infantilen.
Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der Erklärung der
Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen Individuums beschäftigen,
jener Vorzeit, welche durch die Lebensdauer der Ahnen gegeben ist, so
viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr
Einfluß zugesprochen haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in
die individuelle Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man
sollte doch meinen, der Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu
verstehen und hätte ein Anrecht, vor dem der Erblichkeit berücksichtigt
zu werden(34). Man findet zwar in der Literatur gelegentliche Notizen
über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen Kindern, über Erektionen,
Masturbation und selbst koitusähnliche Vornahmen, aber immer nur als
ausnahmsweise Vorgänge, als Kuriosa oder als abschreckende Beispiele
voreiliger Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat meines Wissens die
Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar erkannt und in
den zahlreich gewordenen Schriften über die Entwicklung des Kindes wird
das Kapitel »Sexuelle Entwicklung« meist übergangen(35).
(34) Es ist ja auch nicht möglich, den der Erblichkeit gebührenden
Anteil richtig zu erkennen, ehe man den der Kindheit zugehörigen
gewürdigt hat.
(35) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst
nachträglich als so gewagt, daß ich mir vorsetzte, sie durch
nochmalige Durchsicht der Literatur zu prüfen. Das Ergebnis dieser
Überprüfung war, daß ich sie unverändert stehen ließ. Die
wissenschaftliche Bearbeitung der leiblichen wie der seelischen
Phänomene der Sexualität im Kindesalter befindet sich in den ersten
Anfängen. Ein Autor S. _Bell_ (A preliminary study of the Emotion of
love between the sexes. American Journal of Psychology, XIII, 1902)
äußert: I know of no scientist, who has given a careful analysis of
the emotion as it is seen in the adolescent. -- Somatische
Sexualäußerungen aus der Zeit vor der Pubertät haben nur im
Zusammenhange mit Entartungserscheinungen und als Zeichen von
Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. -- Ein Kapitel über das Liebesleben
der Kinder fehlt in allen Darstellungen der Psychologie dieses Alters,
die ich gelesen habe, so in den bekannten Werken von _Preyer_,
_Baldwin_ (Die Entwicklung des Geistes beim Kinde und bei der Rasse,
1898), _Pérez_ (L'enfant de 3-7 ans, 1894), _Strümpell_ (Die
pädagogische Pathologie, 1899), Karl _Groos_ (Das Seelenleben des
Kindes, 1904), Th. _Heller_ (Grundriß der Heilpädagogik, 1904),
_Sully_ (Untersuchungen über die Kindheit, 1897) u. a. Den besten
Eindruck von dem heutigen Stande auf diesem Gebiet holt man sich aus
der Zeitschrift »Die Kinderfehler« (von 1896 an). -- Doch gewinnt man
die Überzeugung, daß die Existenz der Liebe im Kindesalter nicht mehr
entdeckt zu werden braucht. _Pérez_ (l. c.) tritt für sie ein; bei K.
_Groos_ (Die Spiele der Menschen, 1899) findet sich als allgemein
bekannt erwähnt, »daß manche Kinder schon sehr früh für sexuelle
Regungen zugänglich sind und dem anderen Geschlecht gegenüber einen
Drang nach Berührungen empfinden« (S. 336); der früheste Fall von
Auftreten geschlechtlicher Liebesregungen (sex-love) in der
Beobachtungsreihe von S. _Bell_ betraf ein Kind in der Mitte des
dritten Jahres. -- Vergleiche hiezu noch _Havelock Ellis_, Das
Geschlechtsgefühl (übersetzt von _Kurella_), 1903, Appendix, II.
Das obenstehende Urteil über die Literatur der infantilen Sexualität
braucht seit dem Erscheinen des groß angelegten Werkes von _Stanley
Hall_ (Adolescence, its psychology and its relations to physiology,
anthropology, sociology, sex, crime, religion and education. Two
volumes, New York, 1908) nicht mehr aufrecht erhalten zu werden. --
Das rezente Buch von A. _Moll_, Das Sexualleben des Kindes, Berlin
1909, bietet keinen Anlaß zu einer solchen Modifikation. Siehe
dagegen: _Bleuler_, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. (Jahrbuch der
schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.)
Ein Buch von Frau Dr. H. v. _Hug-Hellmuth_, Aus dem Seelenleben des
Kindes, 1913, hat seither dem vernachlässigten sexuellen Faktor
vollauf Rechnung getragen.
* * * * *
Infantile Amnesie.
Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich zum Teil in
den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren infolge ihrer eigenen
Erziehung Rechnung tragen, zum anderen Teil in einem psychischen
Phänomen, welches sich bis jetzt selbst der Erklärung entzogen hat. Ich
meine hiemit die eigentümliche _Amnesie_, welche den meisten Menschen
(nicht allen!) die ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8.
Lebensjahre verhüllt. Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns über
die Tatsache dieser Amnesie zu verwundern; aber wir hätten guten Grund
dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen Jahren, von denen wir
später nichts im Gedächtnis behalten haben als einige unverständliche
Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke reagiert hätten, daß wir
Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu äußern verstanden, Liebe,
Eifersucht und andere Leidenschaften gezeigt, die uns damals heftig
bewegten, ja daß wir Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute
Beweise für Einsicht und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. Und
von alledem wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. Warum bleibt
unser Gedächtnis so sehr hinter unseren anderen seelischen Tätigkeiten
zurück? Wir haben doch Grund zu glauben, daß es zu keiner anderen
Lebenszeit aufnahms- und reproduktionsfähiger ist als gerade in den
Jahren der Kindheit(36).
(36) Eines der mit den frühesten Kindheitserinnerungen verknüpften
Probleme habe ich in einem Aufsatze »Über Deckerinnerungen«
(Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899) zu lösen
versucht.
Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können uns durch
psychologische Untersuchung an anderen davon überzeugen, daß die
nämlichen Eindrücke, die wir vergessen haben, nichtsdestoweniger die
tiefsten Spuren in unserem Seelenleben hinterlassen haben und bestimmend
für unsere ganze spätere Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um
gar keinen wirklichen Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern
um eine Amnesie, ähnlich jener, die wir bei den Neurotikern für spätere
Erlebnisse beobachten, und deren Wesen in einer bloßen Abhaltung von
Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber welche Kräfte bringen diese
Verdrängung der Kindheitseindrücke zustande? Wer dieses Rätsel löste,
hätte wohl auch die hysterische Amnesie aufgeklärt.
Immerhin wollen wir nicht versäumen hervorzuheben, daß die Existenz der
infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt zwischen dem
Seelenzustand des Kindes und dem des Psychoneurotikers schafft. Einem
anderen sind wir schon früher begegnet, als sich uns die Formel
aufdrängte, daß die Sexualität der Psychoneurotiker den kindlichen
Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn zurückgeführt worden ist. Wenn nicht
am Ende die infantile Amnesie selbst wieder mit den sexuellen Regungen
der Kindheit in Beziehung zu bringen ist!
Es ist übrigens mehr als ein bloßes Spiel des Witzes, die infantile
Amnesie mit der hysterischen zu verknüpfen. Die hysterische Amnesie, die
der Verdrängung dient, wird nur durch den Umstand erklärlich, daß das
Individuum bereits einen Schatz von Erinnerungsspuren besitzt, welche
der bewußten Verfügung entzogen sind, und die nun mit assoziativer
Bindung das an sich reißen, worauf vom Bewußten her die abstoßenden
Kräfte der Verdrängung wirken(37). Ohne infantile Amnesie, kann man
sagen, gäbe es keine hysterische Amnesie.
(37) Man kann den Mechanismus der Verdrängung nicht verstehen, wenn
man nur einen dieser beiden zusammenwirkenden Vorgänge berücksichtigt.
Zum Vergleich möge die Art dienen, wie der Tourist auf die Spitze der
großen Pyramide von _Gizeh_ befördert wird; er wird von der einen
Seite gestoßen, von der anderen Seite gezogen.
Ich meine nun, daß die infantile Amnesie, die für jeden einzelnen seine
Kindheit zu einer gleichsam _prähistorischen_ Vorzeit macht und ihm die
Anfänge seines eigenen Geschlechtslebens verdeckt, die Schuld daran
trägt, wenn man der kindlichen Lebensperiode einen Wert für die
Entwicklung des Sexuallebens im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner
Beobachter kann die so entstandene Lücke in unserem Wissen nicht
ausfüllen. Ich habe bereits 1896 die Bedeutung der Kinderjahre für die
Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben abhängiger Phänomene
betont und seither nicht aufgehört, das infantile Moment für die
Sexualität in den Vordergrund zu rücken.
Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen.
Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regelwidrigen und
ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit sowie die Aufdeckung
der bis dahin unbewußten Kindheitserinnerungen der Neurotiker gestatten
etwa folgendes Bild von dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu
entwerfen(38):
Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen Regungen
mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln, dann aber einer
fortschreitenden Unterdrückung unterliegen, welche selbst wieder durch
regelrechte Vorstöße der Sexualentwicklung durchbrochen und durch
individuelle Eigenheiten aufgehalten werden kann. Über die
Gesetzmäßigkeit und die Periodizität dieses oszillierenden
Entwicklungsganges ist nichts Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß
das Sexualleben der Kinder sich zumeist um das dritte oder vierte
Lebensjahr in einer der Beobachtung zugänglichen Form zum Ausdruck
bringt(39).
(38) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung
verwertbar, daß die Kinderjahre der späteren Neurotiker hierin nicht
wesentlich, nur in Hinsicht der Intensität und Deutlichkeit, von denen
später Gesunder abweichen dürften.
(39) Eine mögliche anatomische Analogie zu dem von mir behaupteten
Verhalten der infantilen Sexualfunktion wäre durch den Fund von
_Bayer_ (Deutsches Archiv für klinische Medizin, Bd. 73) gegeben, daß
die inneren Geschlechtsorgane (Uterus) Neugeborener in der Regel
größer sind als die älterer Kinder. Indes ist die Auffassung dieser
durch _Halban_ auch für andere Teile des Genitalapparates
festgestellten Involution nach der Geburt nicht sichergestellt. Nach
_Halban_ (Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie, LIII, 1904)
ist dieser Rückbildungsvorgang nach wenigen Wochen des Extrauterinlebens
abgelaufen.
Die Autoren, welche den interstitiellen Anteil der Keimdrüse als das
geschlechtsbestimmende Organ betrachten, sind durch anatomische
Untersuchungen dazu geführt worden, ihrerseits von infantiler
Sexualität und sexueller Latenzzeit zu reden. Ich zitiere aus dem
S. 13 erwähnten Buche von _Lipschütz_ über die Pubertätsdrüse:
». . . . Man wird den Tatsachen viel eher gerecht, wenn man sagt, daß
die Ausreifung der Geschlechtsmerkmale, wie sie sich in der Pubertät
vollzieht, nur auf einem um diese Zeit stark beschleunigten Ablauf von
Vorgängen beruht, die schon viel früher begonnen haben -- unserer
Auffassung nach schon im embryonalen Leben.« (S. 169.) -- »_Was man
bisher als Pubertät schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich nur
eine »zweite große Phase der Pubertät«, die um die Mitte des zweiten
Jahrzehntes einsetzt_. . . . . Das Kindesalter, von der Geburt bis zu
Beginn der zweiten großen Phase gerechnet, könnte man als die
»_intermediäre Phase der Pubertät_« bezeichnen.« (S. 170.)
Diese in einem Referat von _Ferenczi_ (Int. Zeitschr. f.
Psychoanalyse VI, 1920) hervorgehobene Übereinstimmung anatomischer
Befunde mit der psychologischen Beobachtung wird durch die eine Angabe
gestört, daß der »_erste Gipfelpunkt_« der Entwicklung des
Sexualorgans in die frühe Embryonalzeit fällt, während die kindliche
Frühblüte des Sexuallebens in das dritte und vierte Lebensjahr zu
verlegen ist. Die volle Gleichzeitigkeit der anatomischen Ausbildung
mit der psychischen Entwicklung ist natürlich nicht erforderlich. Die
betreffenden Untersuchungen sind an der Keimdrüse des Menschen gemacht
worden. Da den Tieren eine Latenzzeit im psychologischen Sinne nicht
zukommt, läge viel daran zu wissen, ob die anatomischen Befunde, auf
deren Grund die Autoren zwei Gipfelpunkte der Sexualentwicklung
annehmen, auch an anderen höheren Tieren nachweisbar sind.
* * * * *
Die Sexualhemmungen.
Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz werden die
seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in
den Weg treten und gleich wie Dämme seine Richtung beengen werden (der
Ekel, das Schamgefühl, die ästhetischen und moralischen
Idealanforderungen). Man gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, daß der
Aufbau dieser Dämme ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die
Erziehung viel dazu. In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine
organisch bedingte, hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ganz
ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durchaus
in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf einschränkt,
das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es etwas sauberer und
tiefer auszuprägen.
* * * * *
Reaktionsbildung und Sublimierung.
Mit welchen Mitteln werden diese, für die spätere persönliche Kultur und
Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt? Wahrscheinlich auf
Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, deren Zufluß also auch in
dieser Latenzperiode nicht aufgehört hat, deren Energie aber -- ganz
oder zum größten Teil -- von der sexuellen Verwendung abgeleitet und
anderen Zwecken zugeführt wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in
der Annahme, daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von
sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den
Namen _Sublimierung_ verdient, mächtige Komponenten für alle kulturellen
Leistungen gewonnen werden. Wir würden also hinzufügen, daß der nämliche
Prozeß in der Entwicklung des einzelnen Individuums spielt und seinen
Beginn in die sexuelle Latenzperiode der Kindheit verlegen(40).
(40) Die Bezeichnung »sexuelle Latenzperiode« entlehne ich ebenfalls
von W. _Fließ_.
Auch über den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann man eine
Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser Kinderjahre wären
einerseits unverwendbar, da die Fortpflanzungsfunktionen aufgeschoben
sind, was den Hauptcharakter der Latenzperiode ausmacht, anderseits
wären sie an sich pervers, d. h. von erogenen Zonen ausgehend und von
Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung des Individuums
nur Unlustempfindungen hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische
Gegenkräfte (Reaktionsregungen) wach, die zur wirksamen Unterdrückung
solcher Unlust die erwähnten psychischen Dämme: Ekel, Scham und Moral,
aufbauen(41).
(41) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller
Triebkräfte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen
darf man aber Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene
Prozesse begrifflich voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierungen
durch andere und einfachere Mechanismen geben.
* * * * *
Durchbrüche der Latenzzeit.
Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte Klarheit
unserer Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- oder
Aufschubsperiode zu täuschen, wollen wir zur Wirklichkeit zurückkehren,
um anzugeben, daß solche Verwendung der infantilen Sexualität ein
Erziehungsideal darstellt, von dem die Entwicklung der einzelnen meist
an irgend einer Stelle und oft in erheblichem Maße abweicht. Es bricht
zeitweise ein Stück Sexualäußerung durch, das sich der Sublimierung
entzogen hat, oder es erhält sich eine sexuelle Betätigung durch die
ganze Dauer der Latenzperiode bis zum verstärkten Hervorbrechen des
Sexualtriebes in der Pubertät. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie
überhaupt der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als
teilten sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen
Abwehrmächte auf Kosten der Sexualität und als wüßten sie, daß sexuelle
Betätigung das Kind unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle sexuellen
Äußerungen des Kindes als »Laster«, ohne viel gegen sie ausrichten zu
können. Wir aber haben allen Grund, diesen von der Erziehung
gefürchteten Phänomenen Interesse zuzuwenden, denn wir erwarten von
ihnen den Aufschluß über die ursprüngliche Gestaltung des
Geschlechtstriebes.
Die Äußerungen der infantilen Sexualität.
Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den infantilen
Sexualäußerungen das _Ludeln_ (Wonnesaugen) zum Muster nehmen, dem der
ungarische Kinderarzt _Lindner_ eine ausgezeichnete Studie gewidmet
hat(42).
(42) Im Jahrbuch für Kinderheilkunde, N. F., XIV. 1879.
* * * * *
Das Lutschen.
Das _Ludeln_ und _Lutschen_, das schon beim Säugling auftritt und bis in
die Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich durchs ganze Leben
erhalten kann, besteht in einer rhythmisch wiederholten saugenden
Berührung mit dem Munde (den Lippen), wobei der Zweck der
Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein Teil der Lippe selbst, die
Zunge, eine beliebige andere erreichbare Hautstelle -- selbst die große
Zehe --, werden zum Objekt genommen, an dem das Saugen ausgeführt wird.
Ein dabei auftretender Greiftrieb äußert sich etwa durch gleichzeitiges
rhythmisches Zupfen an Ohrläppchen und kann sich eines Teiles einer
anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemächtigen. Das
Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerksamkeit verbunden,
führt entweder zum Einschlafen oder selbst zu einer motorischen Reaktion
in einer Art von Orgasmus(43). Nicht selten kombiniert sich mit dem
Wonnesaugen die reibende Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen,
der Brust, der äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder
vom Ludeln zur Masturbation.
(43) Hier erweist sich bereits, was fürs ganze Leben Gültigkeit hat,
daß sexuelle Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten
Fälle von nervöser Schlaflosigkeit gehen auf sexuelle Unbefriedigung
zurück. Es ist bekannt, daß gewissenlose Kinderfrauen die schreienden
Kinder durch Streichen an den Genitalien einschläfern.
_Lindner_ selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt und
rückhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludeln häufig den
anderen sexuellen »Unarten« des Kindes gleichgestellt. Von seiten
zahlreicher Kinder- und Nervenärzte ist ein sehr energischer Einspruch
gegen diese Auffassung erhoben worden, der zum Teil gewiß auf der
Verwechslung von »sexuell« und »genital« beruht. Dieser Widerspruch
wirft die schwierige und nicht abzuweisende Frage auf, an welchem
allgemeinen Charakter wir die sexuellen Äußerungen des Kindes erkennen
wollen. Ich meine, daß der Zusammenhang der Erscheinungen, in welchen
wir durch die psychoanalytische Untersuchung Einsicht gewonnen haben,
uns berechtigt, das Ludeln als eine sexuelle Äußerung in Anspruch zu
nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge der infantilen
Sexualbetätigung zu studieren(44).
(44) Ein Dr. _Galant_ hat 1919 im Neurol. Zentralbl. Nr. 20 unter dem
Titel »Das Lutscherli« das Bekenntnis eines erwachsenen Mädchens
veröffentlicht, welches diese kindliche Sexualbetätigung nicht
aufgegeben hat und die Befriedigung durch das Lutschen als völlig
analog einer sexuellen Befriedigung, insbesondere durch den Kuß des
Geliebten, schildert.
»Nicht alle Küsse gleichen einem Lutscherli: nein, nein, lange nicht
alle! Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den ganzen
Körper beim Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man
ist ganz zufrieden und wunschlos glücklich. Es ist ein wunderbares
Gefühl; man verlangt nichts als Ruhe, Ruhe, die gar nicht unterbrochen
werden soll. Es ist einfach unsagbar schön: man spürt keinen Schmerz,
kein Weh und, ach, man ist entrückt in eine andere Welt.«
* * * * *
Autoerotismus.
Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu würdigen.
Heben wir als den auffälligsten Charakter dieser Sexualbetätigung
hervor, daß der Trieb nicht auf andere Personen gerichtet ist; er
befriedigt sich am eigenen Körper, er ist _autoerotisch_, um es mit
einem glücklichen, von _Havelock Ellis_ eingeführten Namen zu sagen(45).
(45) H. _Ellis_ hat den Terminus »autoerotisch« allerdings etwas
anders bestimmt, im Sinne einer Erregung, die nicht von außen
hervorgerufen wird, sondern im Innern selbst entspringt. Für die
Psychoanalyse ist nicht die Genese, sondern die Beziehung zu einem
Objekt das Wesentliche.
Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes durch
das Suchen nach einer -- bereits erlebten und nun erinnerten -- Lust
bestimmt wird. Durch das rhythmische Saugen an einer Haut- oder
Schleimhautstelle findet es dann im einfachsten Falle die Befriedigung.
Es ist auch leicht zu erraten, bei welchen Anlässen das Kind die ersten
Erfahrungen dieser Lust gemacht hat, die es nun zu erneuern strebt. Die
erste und lebenswichtigste Tätigkeit des Kindes, das Saugen an der
Mutterbrust (oder an ihren Surrogaten), muß es bereits mit dieser Lust
vertraut gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes haben
sich benommen wie eine _erogene Zone_, und die Reizung durch den warmen
Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung. Anfangs war wohl die
Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des
Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich
zunächst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und
macht sich erst später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von
der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln
in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch
für den Ausdruck der sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend
bleibt. Nun wird das Bedürfnis nach Wiederholung der sexuellen
Befriedigung von dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme getrennt, eine
Trennung, die unvermeidlich ist, wenn die Zähne erscheinen und die
Nahrung nicht mehr ausschließlich eingesogen, sondern gekaut wird. Eines
fremden Objektes bedient sich das Kind zum Saugen nicht, sondern lieber
einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil es sich so
von der Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch nicht
vermag, und weil es sich solcher Art gleichsam eine zweite, wenngleich
minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minderwertigkeit dieser zweiten
Stelle wird es später mit dazu veranlassen, die gleichartigen Teile, die
Lippen, einer anderen Person zu suchen. (»Schade, daß ich mich nicht
küssen kann«, möchte man ihm unterlegen.)
Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder dazu
gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell
verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese Kinder als
Erwachsene Kußfeinschmecker werden, zu perversen Küssen neigen oder als
Männer ein kräftiges Motiv zum Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt
aber die Verdrängung hinzu, so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden
und hysterisches Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der
Lippenzone wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Viele
meiner Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus, Schnüren im
Hals und Erbrechen waren in den Kinderjahren energische Ludlerinnen
gewesen.
Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei wesentlichen
Charaktere einer infantilen Sexualäußerung bemerken können. Dieselbe
entsteht in _Anlehnung_ an eine der lebenswichtigen Körperfunktionen,
sie kennt noch kein Sexualobjekt, ist _autoerotisch_, und ihr Sexualziel
steht unter der Herrschaft einer _erogenen Zone_. Nehmen wir vorweg, daß
diese Charaktere auch für die meisten anderen Betätigungen der
infantilen Sexualtriebe gelten.
Das Sexualziel der infantilen Sexualität.
Charaktere erogener Zonen.
Aus dem Beispiel des Ludelns ist zur Kennzeichnung einer erogenen Zone
noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- oder Schleimhautstelle,
an der Reizungen von gewisser Art eine Lustempfindung von bestimmter
Qualität hervorrufen. Es ist kein Zweifel, daß die lusterzeugenden Reize
an besondere Bedingungen gebunden sind; wir kennen dieselben nicht. Der
rhythmische Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie
mit dem Kitzelreiz drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, ob man
den Charakter der durch den Reiz hervorgerufenen Lustempfindung als
einen »besonderen« bezeichnen darf, wo in dieser Besonderheit eben das
sexuelle Moment enthalten wäre. In Sachen der Lust und Unlust tappt die
Psychologie noch so sehr im Dunkeln, daß die vorsichtigste Annahme die
empfehlenswerteste sein wird. Wir werden später vielleicht auf Gründe
stoßen, welche die Besonderheitsqualität der Lustempfindung zu
unterstützen scheinen.
Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in ausgezeichneter
Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen, wie das Beispiel
des Ludelns zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber auch, daß jede beliebige
andere Haut- oder Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen Zone auf
sich nehmen kann, also eine gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die
Qualität des Reizes hat also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr
zu tun als die Beschaffenheit der Körperstelle. Das ludelnde Kind sucht
an seinem Körper herum und wählt sich irgend eine Stelle zum Wonnesaugen
aus, die ihm dann durch Gewöhnung die bevorzugte wird; wenn es zufällig
dabei auf eine der prädestinierten Stellen stößt (Brustwarze,
Genitalien), so verbleibt freilich dieser der Vorzug. Die ganz analoge
Verschiebbarkeit kehrt dann in der Symptomatologie der Hysterie wieder.
Bei dieser Neurose betrifft die Verdrängung die eigentlichen
Genitalzonen am allermeisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die
übrigen, sonst im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen Zonen ab, die
sich dann ganz wie Genitalien gebärden. Aber außerdem kann ganz wie beim
Ludeln jede beliebige andere Körperstelle mit der Erregbarkeit der
Genitalien ausgestattet und zur erogenen Zone erhoben werden. Erogene
und hysterogene Zonen zeigen die nämlichen Charaktere(46).
(46) Weitere Überlegungen und die Verwertung anderer Beobachtungen
führen dazu, die Eigenschaft der Erogeneität allen Körperstellen und
inneren Organen zuzusprechen. Vgl. hiezu weiter unten über den
Narzißmus.
* * * * *
Infantiles Sexualziel.
Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die Befriedigung
durch die geeignete Reizung der so oder so gewählten erogenen Zone
hervorzurufen. Diese Befriedigung muß vorher erlebt worden sein, um ein
Bedürfnis nach ihrer Wiederholung zurückzulassen, und wir dürfen darauf
vorbereitet sein, daß die Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um
dieses Erleben der Befriedigung nicht dem Zufalle zu überlassen(47). Die
Veranstaltung, welche diesen Zweck für die Lippenzone erfüllt, haben wir
bereits kennen gelernt, es ist die gleichzeitige Verknüpfung dieser
Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme. Andere ähnliche Vorrichtungen
werden uns noch als Quellen der Sexualität begegnen. Der Zustand des
Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung verrät sich durch
zweierlei: durch ein eigentümliches Spannungsgefühl, welches an sich
mehr vom Charakter der Unlust hat, und durch eine _zentral bedingte_, in
die peripherische erogene Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung.
Man kann das Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an,
die projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen
äußeren Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt, indem er
die Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser äußere Reiz wird
zumeist in einer Manipulation bestehen, die analog dem Saugen ist.
(47) Man kann es in biologischen Erörterungen kaum vermeiden, sich der
teleologischen Denkweise zu bedienen, obwohl man weiß, daß man im
einzelnen Falle gegen den Irrtum nicht gesichert ist.
Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen Wissen, wenn
es vorkommt, daß das Bedürfnis auch peripherisch, durch eine wirkliche
Veränderung an der erogenen Zone geweckt wird. Es wirkt nur einigermaßen
befremdend, da der eine Reiz zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an
derselben Stelle angebrachten, zu verlangen scheint.
Die masturbatorischen Sexualäußerungen(48).
(48) Vgl. hiezu die sehr reichhaltige, aber meist in den
Gesichtspunkten unorientierte Literatur über Onanie, z. B. _Rohleder_,
Die Masturbation, 1899, ferner das II. Heft der Wiener Diskussionen
»Die Onanie«, Wiesbaden 1912.
Es kann uns nur höchst erfreulich sein zu finden, daß wir von der
Sexualbetätigung des Kindes nicht mehr viel Wichtiges zu lernen haben,
nachdem uns der Trieb von einer einzigen erogenen Zone her verständlich
geworden ist. Die deutlichsten Unterschiede beziehen sich auf die zur
Befriedigung notwendige Vornahme, die für die Lippenzone im Saugen
bestand und die je nach Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch
andere Muskelaktionen ersetzt werden muß.
* * * * *
Betätigung der Afterzone.
Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage geeignet,
eine _Anlehnung_ der Sexualität an andere Körperfunktionen zu
vermitteln. Man muß sich die erogene Bedeutung dieser Körperstelle als
ursprünglich sehr groß vorstellen. Durch die Psychoanalyse erfährt man
dann nicht ohne Verwunderung, welche Umwandlungen mit den von hier
ausgehenden sexuellen Erregungen normalerweise vorgenommen werden, und
wie häufig der Zone noch ein beträchtliches Stück genitaler Reizbarkeit
fürs Leben verbleibt(49). Die so häufigen Darmstörungen der Kinderjahre
sorgen dafür, daß es der Zone an intensiven Erregungen nicht fehle.
Darmkatarrhe im zartesten Alter machen »nervös«, wie man sich ausdrückt;
bei späterer neurotischer Erkrankung nehmen sie einen bestimmenden
Einfluß auf den symptomatischen Ausdruck der Neurose, welcher sie die
ganze Summe von Darmstörungen zur Verfügung stellen. Mit Hinblick auf
die wenigstens in Umwandlung erhalten gebliebene erogene Bedeutung der
Darmausgangszone darf man auch die hämorrhoidalen Einflüsse nicht
verlachen, denen die ältere Medizin für die Erklärung neurotischer
Zustände soviel Gewicht beigelegt hat.
(49) Vgl. den Aufsatz »Charakter und Analerotik« in der »Sammlung
kleiner Schriften zur Neurosenlehre«, zweite Folge 1909. Ferner: »Über
Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik«, Sammlung usw., vierte
Folge 1918.
Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, verraten
sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis dieselben durch
ihre Anhäufung heftige Muskelkontraktionen anregen und beim Durchgang
durch den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausüben können.
Dabei muß wohl neben der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande
kommen. Es ist eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit
oder Nervosität, wenn ein Säugling sich hartnäckig weigert, den Darm zu
entleeren, wenn er auf den Topf gesetzt wird, also wenn es dem Pfleger
beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen Belieben vorbehält. Es
kommt ihm natürlich nicht darauf an, sein Lager schmutzig zu machen; er
sorgt nur, daß ihm der Lustnebengewinn bei der Defäkation nicht entgehe.
Die Erzieher ahnen wiederum das Richtige, wenn sie solche Kinder, die
sich diese Verrichtungen »aufheben«, schlimm nennen.
Der Darminhalt, der als Reizkörper für eine sexuell empfindliche
Schleimhautfläche sich wie der Vorläufer eines anderen Organs benimmt,
welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion treten soll, hat für den
Säugling noch andere wichtige Bedeutungen. Er wird offenbar wie ein
zugehöriger Körperteil behandelt, stellt das erste »Geschenk« dar, durch
dessen Entäußerung die Gefügigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz
des kleinen Wesens gegen seine Umgebung ausgedrückt werden kann. Vom
»Geschenk« aus gewinnt er dann später die Bedeutung des »Kindes«, das
nach einer der infantilen Sexualtheorien durch Essen erworben und durch
den Darm geboren wird.
Die Zurückhaltung der Fäkalmassen, die also anfangs eine absichtliche
ist, um sie zur gleichsam masturbatorischen Reizung der Afterzone zu
benützen, oder in der Relation zu den Pflegepersonen zu verwenden, ist
übrigens eine der Wurzeln der bei den Neuropathen so häufigen
Obstipation. Die ganze Bedeutung der Afterzone spiegelt sich dann in der
Tatsache, daß man nur wenige Neurotiker findet, die nicht ihre
besonderen skatologischen Gebräuche, Zeremonien u. dgl. hätten, die von
ihnen sorgfältig geheim gehalten werden(50).
(50) In einer Arbeit, welche unser Verständnis für die Bedeutung der
Analerotik außerordentlich vertieft (»Anal« und »Sexual«, Imago IV.,
1916), hat _Lou Andreas-Salomé_ ausgeführt, daß die Geschichte des
ersten Verbots, welches an das Kind herantritt, des Verbots aus der
Analtätigkeit und ihren Produkten Lust zu gewinnen, für seine ganze
Entwicklung maßgebend wird. Das kleine Wesen muß bei diesem Anlasse
zuerst die seinen Triebregungen feindliche Umwelt ahnen, sein eigenes
Wesen von diesem Fremden sondern lernen, und dann die erste
»Verdrängung« an seinen Lustmöglichkeiten vollziehen. Das »Anale«
bleibt von da an das Symbol für alles zu Verwerfende, vom Leben
Abzuscheidende. Der später geforderten reinlichen Scheidung von Anal-
und Genitalvorgängen widersetzen sich die nahen anatomischen und
funktionellen Analogien und Beziehungen zwischen beiden. Der
Genitalapparat bleibt der Kloake benachbart, »ist ihr beim Weibe sogar
nur abgemietet«.
Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe des Fingers,
durch zentral bedingtes oder peripherisch unterhaltenes Jucken
hervorgerufen, ist bei älteren Kindern keineswegs selten.
* * * * *
Betätigung der Genitalzonen.
Unter den erogenen Zonen des kindlichen Körpers befindet sich eine, die
gewiß nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die Trägerin der ältesten
sexuellen Regungen sein kann, die aber zu großen Dingen in der Zukunft
bestimmt ist. Sie ist beim männlichen wie beim weiblichen Kind in
Beziehung zur Harnentleerung gebracht (Eichel, Klitoris) und beim
ersteren in einen Schleimhautsack einbezogen, so daß es ihr an Reizungen
durch Sekrete, welche die sexuelle Erregung frühzeitig anfachen können,
nicht fehlen kann. Die sexuellen Betätigungen dieser erogenen Zone, die
den wirklichen Geschlechtsteilen angehört, sind ja der Beginn des später
»normalen« Geschlechtslebens.
Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten, durch die
Waschungen und Reibungen der Körperpflege und durch gewisse akzidentelle
Erregungen (wie die Wanderungen von Eingeweidewürmern bei Mädchen) wird
es unvermeidlich, daß die Lustempfindung, welche diese Körperstelle zu
ergeben fähig ist, sich dem Kinde schon im Säuglingsalter bemerkbar
mache und ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. Überblickt man
die Summe der vorliegenden Einrichtungen und bedenkt, daß die Maßregeln
zur Reinhaltung kaum anders wirken können als die Verunreinigung, so
wird man sich kaum der Auffassung entziehen können, daß durch die
Säuglingsonanie, der kaum ein Individuum entgeht, das künftige Primat
dieser erogenen Zone für die Geschlechtstätigkeit festgelegt wird. Die
den Reiz beseitigende und die Befriedigung auslösende Aktion besteht in
einer reibenden Berührung mit der Hand oder in einem gewiß reflektorisch
vorgebildeten Druck durch die zusammenschließenden Oberschenkel.
Letztere Vornahme ist die beim Mädchen weitaus häufigere. Beim Knaben
weist die Bevorzugung der Hand bereits darauf hin, welchen wichtigen
Beitrag zur männlichen Sexualtätigkeit der Bemächtigungstrieb einst
leisten wird(51).
(51) Ungewöhnliche Techniken bei der Ausführung der Onanie in späteren
Jahren scheinen auf den Einfluß eines überwundenen Onanieverbots
hinzuweisen.
Es wird der Klarheit nur förderlich sein, wenn ich angebe, daß man drei
Phasen der infantilen Masturbation zu unterscheiden hat. Die erste von
ihnen gehört der Säuglingszeit an, die zweite der kurzen Blütezeit der
Sexualbetätigung um das vierte Lebensjahr, erst die dritte entspricht
der oft ausschließlich gewürdigten Pubertätsonanie.
* * * * *
Die zweite Phase der kindlichen Masturbation.
Die Säuglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwinden, doch kann mit
der ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis zur Pubertät bereits die
erste große Abweichung von der für den Kulturmenschen anzustrebenden
Entwicklung gegeben sein. Irgend einmal in den Kinderjahren nach der
Säuglingszeit, gewöhnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der Sexualtrieb
dieser Genitalzone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeitlang
bis zu einer neuen Unterdrückung anzuhalten oder sich ohne Unterbrechung
fortzusetzen. Die möglichen Verhältnisse sind sehr mannigfaltig und
können nur durch genauere Zergliederung einzelner Fälle erläutert
werden. Aber alle Einzelheiten dieser _zweiten_ infantilen
Sexualbetätigung hinterlassen die tiefsten (unbewußten) Eindrucksspuren
im Gedächtnis der Person, bestimmen die Entwicklung ihres Charakters,
wenn sie gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie nach
der Pubertät erkrankt(52). Im letzteren Falle findet man diese
Sexualperiode vergessen, die für sie zeugenden bewußten Erinnerungen
verschoben; -- ich habe schon erwähnt, daß ich auch die normale
infantile Amnesie mit dieser infantilen Sexualbetätigung in Zusammenhang
bringen möchte. Durch psychoanalytische Erforschung gelingt es, das
Vergessene bewußt zu machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom
unbewußten psychischen Material ausgeht.
(52) Warum das Schuldbewußtsein der Neurotiker regelmäßig, wie noch
kürzlich _Bleuler_ anerkannt hat, an die erinnerte onanistische
Betätigung, meist der Pubertätszeit, anknüpft, harrt noch einer
erschöpfenden analytischen Aufklärung. Der gröbste und wichtigste
Faktor dieser Bedingtheit dürfte wohl die Tatsache sein, daß die
Onanie ja die Exekutive der ganzen infantilen Sexualität darstellt und
darum befähigt ist, das dieser anhaftende Schuldgefühl zu übernehmen.
* * * * *
Wiederkehr der Säuglingsmasturbation.
Die Sexualerregung der Säuglingszeit kehrt in den bezeichneten
Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder, der zur
onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutionsartiger
Vorgang, der analog der Pollution der Reifezeit die Befriedigung ohne
Mithilfe einer Aktion erreicht. Letzterer Fall ist der bei Mädchen und
in der zweiten Hälfte der Kindheit häufigere, in seiner Bedingtheit
nicht ganz verständlich und scheint oft -- nicht regelmäßig -- eine
Periode früherer aktiver Onanie zur Voraussetzung zu haben. Die
Symptomatik dieser Sexualäußerungen ist armselig; für den noch
unentwickelten Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat, gleichsam
als sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden dieser
Zeit sind sexuelle Störungen; die Enuresis nocturna entspricht, wo sie
nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution.
Für das Wiederauftreten der sexuellen Tätigkeit sind innere Ursachen und
äußere Anlässe maßgebend, die beide in neurotischen Erkrankungsfällen
aus der Gestaltung der Symptome zu erraten und durch die
psychoanalytische Forschung mit Sicherheit aufzudecken sind. Von den
inneren Ursachen wird später die Rede sein; die zufälligen äußeren
Anlässe gewinnen um diese Zeit eine große und nachhaltige Bedeutung.
Voran steht der Einfluß der Verführung, die das Kind vorzeitig als
Sexualobjekt behandelt und es unter eindrucksvollen Umständen die
Befriedigung von den Genitalzonen kennen lehrt, welche sich onanistisch
zu erneuern es dann meist gezwungen bleibt. Solche Beeinflussung kann
von Erwachsenen oder anderen Kindern ausgehen; ich kann nicht
zugestehen, daß ich in meiner Abhandlung 1896 »Über die Ätiologie der
Hysterie« die Häufigkeit oder die Bedeutung derselben überschätzt habe,
wenngleich ich damals noch nicht wußte, daß normal gebliebene Individuen
in ihren Kinderjahren die nämlichen Erlebnisse gehabt haben können, und
darum die Verführung höher wertete als die in der sexuellen Konstitution
und Entwicklung gegebenen Faktoren(53). Es ist selbstverständlich, daß
es der Verführung nicht bedarf, um das Sexualleben des Kindes zu wecken,
daß solche Erweckung auch spontan aus inneren Ursachen vor sich gehen
kann.
(53) _Havelock Ellis_ bringt in einem Anhang zu seiner Studie über das
»Geschlechtsgefühl« (1903) eine Anzahl autobiographischer Berichte von
später vorwiegend normal gebliebenen Personen über ihre ersten
geschlechtlichen Regungen in der Kindheit und die Anlässe derselben.
Diese Berichte leiden natürlich an dem Mangel, daß sie die durch
infantile Amnesie verdeckte, prähistorische Vorzeit des
Geschlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch Psychoanalyse bei
einem neurotisch gewordenen Individuum ergänzt werden kann. Dieselben
sind aber trotzdem in mehr als einer Hinsicht wertvoll und
Erkundigungen der gleichen Art haben mich zu der im Text erwähnten
Modifikation meiner ätiologischen Annahmen bestimmt.
* * * * *
Polymorph perverse Anlage.
Es ist lehrreich, daß das Kind unter dem Einfluß der Verführung
polymorph pervers werden, zu allen möglichen Überschreitungen verleitet
werden kann. Dies zeigt, daß es die Eignung dazu in seiner Anlage
mitbringt; die Ausführung findet darum geringe Widerstände, weil die
seelischen Dämme gegen sexuelle Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral,
je nach dem Alter des Kindes noch nicht aufgeführt oder erst in Bildung
begriffen sind. Das Kind verhält sich hierin nicht anders als etwa das
unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche polymorph perverse
Veranlagung erhalten bleibt. Dieses kann unter den gewöhnlichen
Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter der Leitung eines
geschickten Verführers wird es an allen Perversionen Geschmack finden
und dieselben für seine Sexualbetätigung festhalten. Die nämliche
polymorphe, also infantile, Anlage beutet dann die Dirne für ihre
Berufstätigkeit aus, und bei der riesigen Anzahl der prostituierten
Frauen und solcher, denen man die Eignung zur Prostitution zusprechen
muß, obwohl sie dem Berufe entgangen sind, wird es endgültig unmöglich,
in der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht das allgemein
Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen.
* * * * *
Partialtriebe.
Im übrigen hilft der Einfluß der Verführung nicht dazu, die anfänglichen
Verhältnisse des Geschlechtstriebes zu enthüllen, sondern verwirrt
unsere Einsicht in dieselben, indem er dem Kinde vorzeitig das
Sexualobjekt zuführt, nach dem der infantile Sexualtrieb zunächst kein
Bedürfnis zeigt. Indes müssen wir zugestehen, daß auch das kindliche
Sexualleben, bei allem Überwiegen der Herrschaft erogener Zonen,
Komponenten zeigt, für welche andere Personen als Sexualobjekte von
Anfang an in Betracht kommen. Solcher Art sind die in gewisser
Unabhängigkeit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau- und
Zeigelust und der Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen zum
Genitalleben erst später eintreten, aber schon in den Kinderjahren als
zunächst von der erogenen Sexualtätigkeit gesonderte selbständige
Strebungen bemerkbar werden. Das kleine Kind ist vor allem schamlos und
zeigt in gewissen frühen Jahren ein unzweideutiges Vergnügen an der
Entblößung seines Körpers mit besonderer Hervorhebung der
Geschlechtsteile. Das Gegenstück dieser als pervers geltenden Neigung,
die Neugierde, Genitalien anderer Personen zu sehen, wird wahrscheinlich
erst in etwas späteren Kinderjahren offenkundig, wenn das Hindernis des
Schamgefühles bereits eine gewisse Entwicklung erreicht hat. Unter dem
Einfluß der Verführung kann die Schauperversion eine große Bedeutung für
das Sexualleben des Kindes erreichen. Doch muß ich aus meinen
Erforschungen der Kinderjahre Gesunder wie neurotisch Kranker den Schluß
ziehen, daß der Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualäußerung
aufzutreten vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerksamkeit einmal auf die
eigenen Genitalien -- meist masturbatorisch -- gelenkt ist, pflegen den
weiteren Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und lebhaftes
Interesse für die Genitalien ihrer Gespielen zu entwickeln. Da sich die
Gelegenheit, solche Neugierde zu befriedigen, meist nur bei der
Befriedigung der beiden exkrementellen Bedürfnisse ergibt, werden solche
Kinder zu Voyeurs, eifrigen Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung
anderer. Nach eingetretener Verdrängung dieser Neigungen bleibt die
Neugierde, fremde Genitalien (des eigenen oder des anderen Geschlechtes)
zu sehen, als quälender Drang bestehen, der bei manchen neurotischen
Fällen dann die stärkste Triebkraft für die Symptombildung abgibt.
In noch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an erogene Zonen
gebundenen Sexualbetätigung entwickelt sich beim Kinde die
Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausamkeit liegt dem
kindlichen Charakter überhaupt nahe, da das Hemmnis, welches den
Bemächtigungstrieb vor dem Schmerz des anderen Halt machen läßt, die
Fähigkeit zum Mitleiden, sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die
gründliche psychologische Analyse dieses Triebes ist bekanntlich noch
nicht geglückt; wir dürfen annehmen, daß die grausame Regung vom
Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben auftritt,
da die Genitalien noch nicht ihre spätere Rolle aufgenommen haben. Sie
beherrscht dann eine Phase des Sexuallebens, die wir später als
prägenitale Organisation beschreiben werden. Kinder, die sich durch
besondere Grausamkeit gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken
gewöhnlich mit Recht den Verdacht auf intensive und vorzeitige
Sexualbetätigung von erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger
Frühreife aller sexuellen Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung
doch die primäre zu sein. Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die
Gefahr mit sich, daß diese in der Kindheit erfolgte Verknüpfung der
grausamen mit den erogenen Trieben sich späterhin im Leben als unlösbar
erweise.
Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit (des
Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut allen Erziehern
seit dem Selbstbekenntnis J. J. _Rousseaus_ bekannt. Sie haben hieraus
mit Recht die Forderung abgeleitet, daß die körperliche Züchtigung, die
zumeist diese Körperpartie trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben
habe, bei denen durch die späteren Anforderungen der Kulturerziehung die
Libido auf die kollateralen Wege gedrängt werden mag(54).
(54) Zu den obenstehenden Behauptungen über die infantile Sexualität
war ich im Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate psychoanalytischer
Erforschung von Erwachsenen berechtigt. Die direkte Beobachtung
am Kinde konnte damals nicht im vollen Ausmaß benützt werden
und hatte nur vereinzelte Winke und wertvolle Bestätigungen
ergeben. Seither ist es gelungen, durch die Analyse einzelner Fälle
von nervöser Erkrankung im zarten Kindesalter einen direkten Einblick
in die infantile Psychosexualität zu gewinnen (Jahrbuch für
psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 1909 und
weitere). Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen, daß die direkte
Beobachtung die Schlüsse aus der Psychoanalyse voll bekräftigt und
somit ein gutes Zeugnis für die Verläßlichkeit dieser letzteren
Forschungsmethode abgegeben hat.
Die »Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben« (Jahrbuch Bd. I) hat
überdies manches Neue gelehrt, worauf man von der Psychoanalyse her
nicht vorbereitet war, z. B. das Hinaufreichen einer sexuellen
Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht sexuelle Objekte
und Relationen bis in diese ersten Jahre der Sprachbeherrschung.
Ferner wurde ich auf einen Mangel der obenstehenden Darstellung
aufmerksam gemacht, welche im Interesse der Übersichtlichkeit die
begriffliche Scheidung der beiden Phasen von _Autoerotismus_ und
_Objektliebe_ auch als eine zeitliche Trennung beschreibt. Man erfährt
aber aus den zitierten Analysen (sowie aus den Mitteilungen von _Bell_
s. o.), daß Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren einer sehr deutlichen,
von starken Affekten begleiteten _Objektwahl_ fähig sind.
Die infantile Sexualforschung.
Der Wißtrieb.
Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Blüte
erreicht, vom 3. bis zum 5. Jahr, stellen sich bei ihm auch die Anfänge
jener Tätigkeit ein, die man dem Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der
Wißtrieb kann weder zu den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch
ausschließlich der Sexualität untergeordnet werden. Sein Tun entspricht
einerseits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, anderseits
arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine Beziehungen zum
Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir haben aus der
Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der Kinder unvermutet früh und
in unerwartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen angezogen, ja
vielleicht erst durch sie geweckt wird.
* * * * *
Das Rätsel der Sphinx.
Kastrationskomplex und Penisneid.
Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die das Werk
der Forschertätigkeit beim Kinde in Gang bringen. Die Bedrohung seiner
Existenzbedingungen durch die erfahrene oder vermutete Ankunft eines
neuen Kindes, die Furcht vor dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust
an Fürsorge und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig. Das
erste Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend dieser
Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechtsunterschiedes,
sondern das Rätsel: Woher kommen die Kinder? In einer Entstellung, die
man leicht rückgängig machen kann, ist dies auch das Rätsel, welches die
thebaische Sphinx aufzugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter
nimmt das Kind vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es ist
dem männlichen Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie das seinige
bei allen Personen, die es kennt, vorauszusetzen, und unmöglich, den
Mangel eines solchen mit seiner Vorstellung dieser anderen zu vereinen.
Diese Überzeugung wird vom Knaben energisch festgehalten, gegen die sich
bald ergebenden Widersprüche der Beobachtung hartnäckig verteidigt und
erst nach schweren inneren Kämpfen (Kastrationskomplex) aufgegeben. Die
Ersatzbildungen dieses verloren gegangenen Penis des Weibes spielen in
der Gestaltung mannigfacher Perversionen eine große Rolle(55).
(55) Man hat das Recht, auch von einem Kastrationskomplex bei Frauen
zu sprechen. Männliche wie weibliche Kinder bilden die Theorie, daß
auch das Weib ursprünglich einen Penis hatte, der durch Kastration
verloren gegangen ist. Die endlich gewonnene Überzeugung, daß das Weib
keinen Penis besitzt, hinterläßt beim männlichen Individuum oft eine
dauernde Geringschätzung des anderen Geschlechtes.
Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen Menschen ist
die erste der merkwürdigen und folgenschweren infantilen Sexualtheorien.
Es nützt dem Kinde wenig, wenn die biologische Wissenschaft seinem
Vorurteile recht geben und die weibliche Klitoris als einen richtigen
Penisersatz anerkennen muß. Das kleine Mädchen verfällt nicht in
ähnliche Abweisungen, wenn es das anders gestaltete Genitale des Knaben
erblickt. Es ist sofort bereit, es anzuerkennen, und es unterliegt dem
Penisneide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch, auch ein Bub zu
sein, gipfelt.
* * * * *
Geburtstheorien.
Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie sich in der
Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben, woher die Kinder
kommen. Die anatomischen Lösungen lauteten damals ganz verschiedenartig:
sie kommen aus der Brust oder werden aus dem Leib geschnitten oder der
Nabel öffnet sich, um sie durchzulassen. An die entsprechende Forschung
der frühen Kinderjahre erinnert man sich nur selten außerhalb der
Analyse; sie ist längst der Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse
waren durchaus einheitliche. Man bekommt die Kinder, indem man etwas
Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und sie werden durch den Darm wie ein
Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen Theorien mahnen an Einrichtungen
im Tierreiche, speziell an die Kloake der Typen, die niedriger stehen
als die Säugetiere.
* * * * *
Sadistische Auffassung des Sexualverkehrs.
Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen Verkehrs
zwischen Erwachsenen, wozu die Überzeugung der Großen, das kleine Kind
könne noch nichts Sexuelles verstehen, die Anlässe schafft, so können
sie nicht umhin, den Sexualakt als eine Art von Mißhandlung oder
Überwältigung, also im sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse
läßt uns auch erfahren, daß ein solcher frühkindlicher Eindruck viel zur
Disposition für eine spätere sadistische Verschiebung des Sexualzieles
beiträgt. Des weiteren beschäftigen sich Kinder viel mit dem Problem,
worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es erfassen, das
Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die Lösung des Geheimnisses
meist in einer Gemeinschaft, die durch die Harn- oder Kotfunktion
vermittelt wird.
* * * * *
Das typische Mißlingen der kindlichen Sexualforschung.
Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien aussagen, daß
sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution des Kindes sind und
trotz ihrer grotesken Irrtümer von mehr Verständnis für die
Sexualvorgänge zeugen, als man ihren Schöpfern zugemutet hätte. Die
Kinder nehmen auch die Schwangerschaftsveränderungen der Mutter wahr und
wissen sie richtig zu deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hörern
erzählt, die ihr ein tiefes, aber meist stummes Mißtrauen
entgegenbringen. Aber da der kindlichen Sexualforschung zwei Elemente
unbekannt bleiben, die Rolle des befruchtenden Samens und die Existenz
der weiblichen Geschlechtsöffnung -- die nämlichen Punkte übrigens, in
denen die infantile Organisation noch rückständig ist --, bleibt das
Bemühen der infantilen Forscher doch regelmäßig unfruchtbar und endet in
einem Verzicht, der nicht selten eine dauernde Schädigung des Wißtriebes
zurückläßt. Die Sexualforschung dieser frühen Kinderjahre wird immer
einsam betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbständigen
Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung des Kindes
von den Personen seiner Umgebung, die vorher sein volles Vertrauen
genossen hatten.
Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation.
Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens
hervorgehoben, daß es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am
eigenen Leibe findet), und daß seine einzelnen Partialtriebe im ganzen
unverknüpft und unabhängig von einander dem Lusterwerb nachstreben. Den
Ausgang der Entwicklung bildet das sogenannte normale Sexualleben des
Erwachsenen, in welchem der Lusterwerb in den Dienst der
Fortpflanzungsfunktion getreten ist, und die Partialtriebe unter dem
Primat einer einzigen erogenen Zone eine feste Organisation zur
Erreichung des Sexualziels an einem fremden Sexualobjekt gebildet haben.
* * * * *
Prägenitale Organisationen.
Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem Entwicklungsgange mit
Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun Ansätze und Vorstufen einer
solchen Organisation der Partialtriebe zu erkennen, die gleichfalls eine
Art von sexuellem Regime ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation
werden normalerweise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als
Andeutungen zu verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie
aktiviert und für grobe Beobachtung kenntlich.
Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch nicht in
ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir _prägenitale_
heißen. Wir haben bisher zwei derselben kennen gelernt, die wie
Rückfälle auf frühtierische Zustände anmuten.
Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die _orale_ oder,
wenn wir wollen, _kannibalische_. Die Sexualtätigkeit ist hier von der
Nahrungsaufnahme noch nicht gesondert, Gegensätze innerhalb derselben
nicht differenziert. Das Objekt der einen Tätigkeit ist auch das der
anderen, das Sexualziel besteht in der _Einverleibung_ des Objektes, dem
Vorbild dessen, was späterhin als _Identifizierung_ eine so bedeutsame
psychische Rolle spielen wird. Als Rest dieser fiktiven, uns durch die
Pathologie aufgenötigten Organisationsphase kann das Lutschen angesehen
werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der Ernährungstätigkeit
abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper aufgegeben
hat(56).
(56) Vgl. über Reste dieser Phase bei erwachsenen Neurotikern die
Arbeit von _Abraham_, Untersuchungen über die früheste prägenitale
Entwicklungsstufe der Libido (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse IV,
1916).
Eine zweite prägenitale Phase ist die der _sadistisch-analen_
Organisation. Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexualleben
durchzieht, bereits ausgebildet; sie kann aber noch nicht _männlich_ und
_weiblich_, sondern muß _aktiv_ und _passiv_ benannt werden. Die
Aktivität wird durch den Bemächtigungstrieb von seiten der
Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit passivem Sexualziel macht
sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend; für beide Strebungen
sind Objekte vorhanden, die aber nicht zusammenfallen. Daneben betätigen
sich andere Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind
also die sexuelle Polarität und das fremde Objekt bereits nachweisbar.
Die Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungsfunktion
stehen noch aus.
* * * * *
Ambivalenz.
Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Leben
erhalten und ein großes Stück der Sexualbetätigung dauernd an sich
reißen. Die Vorherrschaft des Sadismus und die Kloakenrolle der analen
Zone geben ihr ein exquisit archaisches Gepräge. Als weiterer Charakter
gehört ihr an, daß die Triebgegensatzpaare in annähernd gleicher Weise
ausgebildet sind, welches Verhalten mit dem glücklichen, von _Bleuler_
eingeführten Namen _Ambivalenz_ bezeichnet wird.
Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens ruht auf
der Analyse der Neurosen und ist, unabhängig von deren Kenntnis, kaum zu
würdigen. Wir dürfen erwarten, daß die fortgesetzte analytische Bemühung
uns noch weit mehr Aufschlüsse über Aufbau und Entwicklung der normalen
Sexualfunktion vorbereitet.
Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, muß man
hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in den Kinderjahren eine
Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie als charakteristisch für die
Entwicklungsphase der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß
sämtliche Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen,
an der sie ihre Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte
Annäherung an die definitive Gestaltung des Sexuallebens nach der
Pubertät, die in den Kinderjahren möglich ist. Der Unterschied von
letzterer liegt nur noch darin, daß die Zusammenfassung der
Partialtriebe und deren Unterordnung unter das Primat der Genitalien in
der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durchgesetzt wird. Die
Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die
letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft.
* * * * *
Zweizeitige Objektwahl.
Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß die Objektwahl
zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste Schub nimmt in den Jahren
zwischen 2 und 5 seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum
Stillstand oder zur Rückbildung gebracht; er ist durch die infantile
Natur seiner Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der
Pubertät ein und bestimmt die definitive Gestaltung des Sexuallebens.
Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im wesentlichen auf
die Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird aber höchst bedeutungsvoll
für die Störung dieses Endzustandes. Die Ergebnisse der infantilen
Objektwahl ragen in die spätere Zeit hinein; sie sind entweder als
solche erhalten geblieben oder sie erfahren zur Zeit der Pubertät selbst
eine Auffrischung. Infolge der Verdrängungsentwicklung, welche zwischen
beiden Phasen liegt, erweisen sie sich aber als unverwendbar. Ihre
Sexualziele haben eine Milderung erfahren, und sie stellen nun das dar,
was wir als die _zärtliche_ Strömung des Sexuallebens bezeichnen können.
Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nachweisen, daß sich hinter
dieser Zärtlichkeit, Verehrung und Hochachtung die alten, jetzt
unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen der infantilen Partialtriebe
verbergen. Die Objektwahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen
Objekte verzichten und als _sinnliche_ Strömung von neuem beginnen. Das
Nichtzusammentreffen der beiden Strömungen hat oft genug die Folge, daß
eines der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller Begehrungen in
einem Objekt, nicht erreicht werden kann.
Quellen der infantilen Sexualität.
In dem Bemühen, die Ursprünge des Sexualtriebes zu verfolgen, haben wir
bisher gefunden, daß die sexuelle Erregung entsteht a) als Nachbildung
einer im Anschluß an andere organische Vorgänge erlebten Befriedigung,
b) durch geeignete peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck
einiger uns in ihrer Herkunft noch nicht voll verständlicher »Triebe«,
wie der Schautrieb und der Trieb zur Grausamkeit. Die aus späterer Zeit
auf die Kindheit zurückgreifende psychoanalytische Forschung und die
gleichzeitige Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um uns noch
andere regelmäßig fließende Quellen für die sexuelle Erregung
aufzuzeigen. Die Kindheitsbeobachtung hat den Nachteil, daß sie leicht
mißzuverstehende Objekte bearbeitet, die Psychoanalyse wird dadurch
erschwert, daß sie zu ihren Objekten wie zu ihren Schlüssen nur auf
großen Umwegen gelangen kann; in ihrem Zusammenwirken erzielen aber
beide Methoden einen genügenden Grad von Sicherheit der Erkenntnis.
Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits gefunden, daß
diese Hautstellen bloß eine besondere Steigerung einer Art von
Reizbarkeit zeigen, welche in gewissem Grade der ganzen Hautoberfläche
zukommt. Wir werden also nicht erstaunt sein zu erfahren, daß gewissen
Arten allgemeiner Hautreizung sehr deutliche erogene Wirkungen
zuzuschreiben sind. Unter diesen heben wir vor allen die Temperaturreize
hervor; vielleicht wird so auch unser Verständnis für die therapeutische
Wirkung warmer Bäder vorbereitet.
* * * * *
Mechanische Erregungen.
Ferner müssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung durch
rhythmische mechanische Erschütterungen des Körpers anreihen, an denen
wir dreierlei Reizeinwirkungen zu sondern haben, die auf den
Sinnesapparat der Vestibularnerven, die auf die Haut und auf die tiefen
Teile (Muskeln, Gelenkapparate). Wegen der dabei entstehenden
Lustempfindungen -- es ist der Hervorhebung wert, daß wir hier eine
ganze Strecke weit »sexuelle Erregung« und »Befriedigung«
unterschiedslos gebrauchen dürfen, und legt uns die Pflicht auf, später
nach einer Erklärung zu suchen --; es ist also ein Beweis für die durch
gewisse mechanische Körpererschütterungen erzeugte Lust, daß Kinder
passive Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr lieben
und unaufhörlich nach Wiederholung davon verlangen(57). Das Wiegen wird
bekanntlich zur Einschläferung unruhiger Kinder regelmäßig angewendet.
Die Erschütterungen der Wagenfahrt und später der Eisenbahnfahrt üben
eine so faszinierende Wirkung auf ältere Kinder aus, daß wenigstens alle
Knaben irgend einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden wollen.
Den Vorgängen auf der Eisenbahn pflegen sie ein rätselhaftes Interesse
von außerordentlicher Höhe zuzuwenden, und dieselben im Alter der
Phantasietätigkeit (kurz vor der Pubertät) zum Kern einer exquisit
sexuellen Symbolik zu machen. Der Zwang zu solcher Verknüpfung des
Eisenbahnfahrens mit der Sexualität geht offenbar von dem Lustcharakter
der Bewegungsempfindungen aus. Kommt dann die Verdrängung hinzu, die so
vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins Gegenteil umschlagen läßt,
so werden dieselben Personen als Heranwachsende oder Erwachsene auf
Wiegen und Schaukeln mit Üblichkeit reagieren, durch eine Eisenbahnfahrt
furchtbar erschöpft werden oder zu Angstanfällen auf der Fahrt neigen
und sich durch _Eisenbahnangst_ vor der Wiederholung der peinlichen
Erfahrung schützen.
(57) Manche Personen wissen sich zu erinnern, daß sie beim Schaukeln
den Anprall der bewegten Luft an den Genitalien direkt als sexuelle
Lust verspürt haben.
Hier reiht sich dann -- noch unverstanden -- die Tatsache an, daß durch
Zusammentreffen von Schreck und mechanischer Erschütterung die schwere
hysteriforme traumatische Neurose erzeugt wird. Man darf wenigstens
annehmen, daß diese Einflüsse, die in geringen Intensitäten zu Quellen
sexueller Erregung werden, in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe
Zerrüttung des sexuellen Mechanismus hervorrufen.
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Muskeltätigkeit.
Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Bedürfnis ist,
aus dessen Befriedigung es außerordentliche Lust schöpft, ist bekannt.
Ob diese Lust etwas mit der Sexualität zu tun hat, ob sie selbst
sexuelle Befriedigung einschließt oder Anlaß zu sexueller Erregung
werden kann, das mag kritischen Erwägungen unterliegen, die sich ja auch
wohl gegen die im Vorigen enthaltene Aufstellung richten werden, daß die
Lust durch die Empfindungen passiver Bewegung sexueller Art ist oder
sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß eine Reihe von Personen
berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit an ihren
Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen erlebt,
in welcher Situation außer der allgemeinen Muskelanstrengung noch die
ausgiebige Hautberührung mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum
Muskelstreit mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum
Wortstreit (»Was sich liebt, das neckt sich«), gehört zu den guten
Vorzeichen der auf diese Person gerichteten Objektwahl. In der Beförderung
der sexuellen Erregung durch Muskeltätigkeit wäre eine der Wurzeln des
sadistischen Triebes zu erkennen. Für viele Individuen wird die infantile
Verknüpfung zwischen Raufen und sexueller Erregung mitbestimmend für die
später bevorzugte Richtung ihres Geschlechtstriebes(58).
(58) Die Analyse der Fälle von neurotischer Gehstörung und Raumangst
hebt den Zweifel an der sexuellen Natur der Bewegungslust auf. Die
moderne Kulturerziehung bedient sich bekanntlich des Sports im großen
Umfang, um die Jugend von der Sexualbetätigung abzulenken; richtiger
wäre es zu sagen, sie ersetzt ihr den Sexualgenuß durch die
Bewegungslust und drängt die Sexualbetätigung auf eine ihrer
autoerotischen Komponenten zurück.
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Affektvorgänge.
Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller Erregung
beim Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung wie durch
spätere Erforschung festzustellen, daß alle intensiveren Affektvorgänge,
selbst die schreckhaften Erregungen, auf die Sexualität übergreifen, was
übrigens einen Beitrag zum Verständnis der pathogenen Wirkung solcher
Gemütsbewegungen liefern kann. Beim Schulkinde kann die Angst geprüft zu
werden, die Spannung einer sich schwer lösenden Aufgabe, für den
Durchbruch sexueller Äußerungen wie für das Verhältnis zur Schule
bedeutsam werden, indem unter solchen Umständen häufig genug ein
Reizgefühl auftritt, welches zur Berührung der Genitalien auffordert,
oder ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen verwirrenden Folgen.
Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den Lehrern Rätsel genug
aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur keimenden Sexualität
derselben gesetzt zu werden. Die sexuell erregende Wirkung mancher an
sich unlustiger Affekte, des Ängstigens, Schauderns, Grausens erhält
sich bei einer großen Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist
wohl die Erklärung dafür, daß soviel Personen der Gelegenheit zu solchen
Sensationen nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die Angehörigkeit
zu einer Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst der Unlustempfindung
dämpfen.
Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften Empfindungen die
gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal wenn der Schmerz durch eine
Nebenbedingung abgetönt oder ferner gehalten wird, so läge in diesem
Verhältnis eine der Hauptwurzeln für den masochistisch-sadistischen
Trieb, in dessen vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich
Einblick gewinnen.
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Intellektuelle Arbeit.
Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der Aufmerksamkeit
auf eine intellektuelle Leistung und geistige Anspannung überhaupt bei
vielen jugendlichen wie reiferen Personen eine sexuelle Miterregung zur
Folge hat, die wohl als die einzig berechtigte Grundlage für die sonst
so zweifelhafte Ableitung nervöser Störungen von geistiger
»Überarbeitung« zu gelten hat.
Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch vollzählig
mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der kindlichen
Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemeinheiten ahnen oder
erkennen: Es scheint auf die ausgiebigste Weise dafür gesorgt, daß der
Prozeß der Sexualerregung -- dessen Wesen uns nun freilich recht
rätselhaft geworden ist -- in Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor
allem in mehr oder minder direkter Weise die Erregungen der sensiblen
Oberflächen -- Haut und Sinnesorgane --, am unmittelbarsten die
Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu bezeichnende Stellen.
Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die Qualität der Reize
das Maßgebende, wenngleich das Moment der Intensität (beim Schmerz)
nicht völlig gleichgültig ist. Aber überdies sind Veranstaltungen im
Organismus vorhanden, welche zur Folge haben, daß die Sexualerregung als
Nebenwirkung bei einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald
die Intensität dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen
überstiegen hat. Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt haben,
leitet sich entweder direkt aus diesen inneren Quellen der
Sexualerregung ab oder setzt sich aus Beiträgen von solchen Quellen und
von erogenen Zonen zusammen. Es ist möglich, daß nichts Bedeutsameres im
Organismus vorfällt, was nicht seine Komponente zur Erregung des
Sexualtriebes abzugeben hätte.
Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze zu
größerer Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache dafür zwei
Momente verantwortlich, erstens die Neuheit der ganzen Betrachtungsweise
und zweitens den Umstand, daß uns das Wesen der Sexualerregung völlig
unbekannt ist. Doch möchte ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten,
welche Ausblicke ins Weite zu eröffnen versprechen:
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Verschiedene Sexualkonstitutionen.
a) Sowie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine Mannigfaltigkeit
der angeborenen sexuellen Konstitutionen durch die verschiedenartige
Ausbildung der erogenen Zonen zu begründen, so können wir nun das
gleiche mit Einbeziehung der indirekten Quellen der Sexualerregung
versuchen. Wir dürfen annehmen, daß diese Quellen zwar bei allen
Individuen Zuflüsse liefern, aber nicht alle bei allen Personen gleich
starke, und daß in der bevorzugten Ausbildung der einzelnen Quellen zur
Sexualerregung ein weiterer Beitrag zur Differenzierung der
verschiedenen Sexualkonstitutionen gelegen sein wird(59).
(59) Als unabweisbare Folgerung aus den obigen Ausführungen ergibt
sich, daß jedem Individuum eine Oral-, Anal-, Harnerotik usw.
zugesprochen werden muß, und daß die Konstatierung der diesen
entsprechenden seelischen Komplexe kein Urteil auf Abnormität oder
Neurose bedeutet. Die Unterschiede, die das Normale vom Abnormen
trennen, können nur in der relativen Stärke der einzelnen Komponenten
des Sexualtriebes und in der Verwendung liegen, die sie im Laufe der
Entwicklung erfahren.
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Wege wechselseitiger Beeinflussung.
b) Indem wir die solange festgehaltene figürliche Ausdrucksweise fallen
lassen, in der wir von »Quellen« der Sexualerregung sprachen, können wir
auf die Vermutung gelangen, daß alle die Verbindungswege, die von
anderen Funktionen her zur Sexualität führen, auch in umgekehrter
Richtung gangbar sein müssen. Ist z. B. der beiden Funktionen gemeinsame
Besitz der Lippenzone der Grund dafür, daß bei der Nahrungsaufnahme
Sexualbefriedigung entsteht, so vermittelt uns dasselbe Moment auch das
Verständnis der Störungen in der Nahrungsaufnahme, wenn die erogenen
Funktionen der gemeinsamen Zone gestört sind. Wissen wir einmal, daß
Konzentration der Aufmerksamkeit Sexualerregung hervorzurufen vermag, so
wird uns die Annahme nahegelegt, daß durch Einwirkung auf demselben
Wege, nur in umgekehrter Richtung, der Zustand der Sexualerregung die
Verfügbarkeit über die lenkbare Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein gutes
Stück der Symptomatologie der Neurosen, die ich von Störungen der
Sexualvorgänge ableite, äußert sich in Störungen der anderen nicht
sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher unverständliche Einwirkung
wird minder rätselhaft, wenn sie nur das Gegenstück zu den
Beeinflussungen darstellt, unter denen die Produktion der Sexualerregung
steht.
Die nämlichen Wege aber, auf denen Sexualstörungen auf die übrigen
Körperfunktionen übergreifen, müßten auch in der Gesundheit einer
anderen wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen müßte sich die Heranziehung
der sexuellen Triebkräfte zu anderen als sexuellen Zielen, also die
Sublimierung der Sexualität vollziehen. Wir müssen mit dem Eingeständnis
schließen, daß über diese gewiß vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden
Richtungen gangbaren Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist.