Mit der geleerten Schale
Ausschwebst, um sie am ew'gen Born
Eilig wieder zu füllen:
Einmal schwenke sie noch, o Glück, 5
Einmal, lächelnde Göttin!
Sieh, ein einziger Tropfen hängt
Noch verloren am Rande,
Und der einzige Tropfen genügt,
Eine himmlische Seele, 10
Die hier unten in Schmerz erstarrt,
Wieder in Wonne zu lösen.
Ach! sie weint dir süßeren Dank,
Als die anderen alle,
Die du glücklich und reich gemacht; 15
Laß ihn fallen, den Tropfen!
* * * * *
94. ABENDGEFÜHL
Friedlich bekämpfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu dämpfen,
Wie das zu lösen vermag!
Der mich bedrückte, 5
Schläfst du schon, Schmerz?
Was mich beglückte,
Sage, was war's doch, mein Herz?
Freude wie Kummer,
Fühl' ich, zerrann, 10
Aber den Schlummer
Führten sie leise heran.
Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben 15
Ganz wie ein Schlummerlied vor.
* * * * *
95. ICH UND DU
Wir träumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in Nacht.
Du tratst aus meinem Traume, 5
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.
Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund, 10
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
* * * * *
96. SOMMERBILD
Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
"So weit im Leben ist zu nah' am Tod."
Es regte sich kein Hauch am heißen Tag, 5
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.
* * * * *
97. HERBSTBILD
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum.
Und dennoch fallen, raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Banm.
O stört sie nicht, die Feier der Natur! 5
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
* * * * *
[Illustration: VITA SOMNIUM BREVE, by Arnold Böcklin]
* * * * *
98. DER LETZTE BAUM
So wie die Sonne untergeht,
Gibt's einen letzten Baum,
Der wie in Morgenflammen steht
Am fernsten Himmelsraum.
Es ist ein Baum und weiter nichts,^ 5
Doch denkt man in der Nacht
Des letzten wunderbaren Lichts,
So wird auch sein gedacht.
Auf gleiche Weise denk' ich dein,
Nun mich die Jugend läßt, 10
Du hältst mir ihren letzten Schein
Für alle Zeiten fest.
GOTTFRIED KELLER
99. AN DAS VATERLAND
O mein Heimatland! O mein Vaterland!
Wie so innig, feurig lieb' ich dich!
Schönste Ros', ob jede mir verblich,
Duftest noch an meinem öden Strand!
Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, 5
Königsglanz mit deinen Bergen maß,
Thronenflitter bald ob dir vergaß,
Wie war da der Bettler stolz auf dich!
Als ich fern dir war, o Helvetia!
Faßte manchmal mich ein tiefes Leid; 10
Doch wie kehrte schnell es sich in Freud',
Wenn ich einen deiner Söhne sah!
O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab'
Wann dereinst die letzte Stunde kommt,
Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, 15
Nicht versage mir ein stilles Grab!
Werf' ich von mir einst dies mein Staubgewand,
Beten will ich dann zu Gott dem Herrn:
"Lasse strahlen deinen schönsten Stern
Nieder auf mein irdisch Vaterland!" 20
* * * * *
100. WINTERNACHT
Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.
Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf, 5
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix' herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.
Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied; 10
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit, Glied um Glied.
Mit ersticktem Jammer tastet sie
An der harten Decke her und hin,
Ich vergess' das dunkle Antlitz nie, 15
Immer, immer liegt es mir im Sinn.
* * * * *
101. ABENDLIED
Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!
Fallen einst die müden Lider zu, 5
Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh';
Tastend streift sie ab die Wanderschuh',
Legt sich auch in ihre finstre Truh'.
Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, 10
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Flügelwehn.
Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,
Nur dem finkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, 15
Von dem goldnen Überfluß der Welt!
THEODOR STORM
102. OKTOBERLIED
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!
Und geht es draußen noch so toll, 5
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!
Und wimmert auch einmal das Herz,--
Stoß an und laß es klingen! 10
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.
Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag 15
Vergolden, ja vergolden!
Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen. 20
Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!
* * * * *
103. WEIHNACHTSLIED
Vom Himmel in die tiefsten Klüfte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Düfte
Und hauchen durch die Winterlüfte,
Und kerzenhelle wird die Nacht. 5
Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich höre fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In märchenstille Heimlichkeit. 10
Ein frommer Zauber hält mich wieder,
Anbetend, staunend muß ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fühl's: ein Wunder ist geschehn. 15
* * * * *
104. SOMMERMITTAG
Nun ist es still um Hof und Scheuer
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.
Die Bienen summen so verschlafen; 5
Und in der offnen Bodenluk',
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.
Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus; 10
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.
Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
"Nun küsse mich, verliebter Junge; 15
Doch sauber, sauber, nicht zu laut."
* * * * *
105. DIE STADT
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt. 5
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn' Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras. 10
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer. 15
* * * * *
106. ÜBER DIE HEIDE
Über die Heide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herbst ist gekommen, Frühling ist weit---
Gab es denn einmal selige Zeit?
Brauende Nebel geisten umher; 5
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.
Wär' ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe,--wie flog es vorbei!
* * * * *
107. LUCIE
Ich seh sie noch, ihr Büchlein in der Hand,
Nach jener Bank dort an der Gartenwand
Vom Spiel der andern Kinder sich entfernen;
Sie wußte wohl, es mühte sie das Lernen.
Nicht war sie klug, nicht schön; mir aber war 5
Ihr blaß Gesichtchen und ihr blondes Haar,
Mir war es lieb; aus der Erinnrung Düster
Schaut es mich an; wir waren recht Geschwister.
Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir,
Und nächtens Wang' an Wange schliefen wir; 10
Das war so schön! Noch weht ein Kinderfrieden
Mich an aus jenen Zeiten, die geschieden.
Ein Ende kam;--ein Tag, sie wurde krank
Und lag im Fieber viele Wochen lang;
Ein Morgen dann, wo sanft die Winde gingen, 15
Da ging sie heim; es blühten die Springen.
Die Sonne schien; ich lief ins Feld hinaus
Und weinte laut; dann kam ich still nach Haus.
Wohl zwanzig Jahr und drüber sind vergangen--
An wie viel andrem hat mein Herz gehangen! 20
Was hab' ich heute denn nach dir gebangt?
Bist du mir nah und hast nach mir verlangt?
Willst du, wie einst nach unsern Kinderspielen,
Mein Knabenhaupt an deinem Herzen fühlen?
* * * * *
108. EINE FRÜHLINGSNACHT
Im Zimmer drinnen ist's so schwül;
Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.
Im Fieber hat er die Nacht verbracht;
Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.
Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand; 5
Er hält die Uhr in der weißen Hand.
Er zählt die Schläge, die sie pickt,
Er forschet, wie der Weiser rückt;
Es fragt ihn, ob er noch leb' vielleicht,
Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht. 10
Die Wartfrau sitzet geduldig dabei,
Harrend, bis alles vorüber sei.--
Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;
Und draußen dämmert das Morgenrot.
An die Fenster klettert der Frühlingstag, 15
Mädchen und Vögel werden wach.
Die Erde lacht in Liebesschein,
Pfingstglocken läuten das Brautfest ein;
Singende Burschen ziehn übers Feld
Hinein in die blühende, klingende Welt.-- 20
Und immer stiller wird es drin;
Die Alte tritt zum Kranken hin.
Der hat die Hände gefaltet dicht;
Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.
Dann geht sie fort. Stumm wird's und leer, 25
Und drinnen wacht kein Auge mehr.
* * * * *
109. APRIL
Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt.
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum-- 5
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
* * * * *
110. MAI
Die Kinder schreien Vivat hoch!
In die blaue Luft hinein;
Den Frühling setzen sie ans den Thron.
Der soll ihr König sein.
* * * * *
Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, 5
All, all, die da blühten am Mühlengraben.
Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest
In ihren kleinen Fäusten haben.
* * * * *
111. ELISABETH
Meine Mutter hat's gewollt,
Den andern ich nehmen sollt';
Was ich zuvor besessen,
Mein Herz sollt es vergessen;
Das hat es nicht gewollt. 5
Meine Mutter klag' ich an,
Sie hat nicht wohl getan;
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde.
Was fang' ich an? 10
Für all mein Stolz und Freud'
Gewonnen hab' ich Leid.
Ach, wär' das nicht geschehen,
Ach, könnt' ich betteln gehen
Über die braune Heid'! 15
* * * * *
112. FRAUENHAND
Ich weiß es wohl, kein klagend Wort
Wird über deine Lippen gehen;
Doch was so sanft dein Mund verschweigt,
Muß deine blasse Hand gestehen.
Die Hand, an der mein Auge hängt, 5
Zeigt jenen feinen Zug der Schmerzen,
Und daß in schlummerloser Nacht
Sie lag auf einem kranken Herzen.
* * * * *
113. SCHLIESSE MIR DIE AUGEN BEIDE
Schließe mir die Augen beide
Mit den lieben Händen zu!
Geht doch alles, was ich leide,
Unter deiner Hand zur Ruh'.
Und wie leise sich der Schmerz 5
Well' um Welle schlafen leget,
Wie der letzte Schlag sich reget,
Füllest du mein ganzes Herz.
* * * * *
[Illustration: Elfenreigen, by Moritz von Schwind]
* * * * *
CONRAD FERDINAND MEYER
114. LIEDERSEELEN
In der Nacht, die die Bäume mit Blüten deckt,
Ward ich von süßen Gespenstern erschreckt,
Ein Reigen schwang im Garten sich,
Den ich mit leisem Fuß beschlich;
Wie zarter Elfen Chor im Ring 5
Ein weißer lebendiger Schimmer ging.
Die Schemen hab' ich keck befragt:
Wer seid ihr, luftige Wesen? Sagt!
"Ich bin ein Wölkchen, gespiegelt im See."
"Ich bin eine Reihe von Stapfen im Schnee." 10
"Ich bin ein Seufzer gen Himmel empor!"
"Ich bin ein Geheimnis, geflüstert ins Ohr."
"Ich bin ein frommes, gestorbnes Kind."
"Ich bin ein üppiges Blumengewind--"
"Und die du wählst, und der's beschied 15
Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied."
* * * * *
115. NACHTGERÄUSCHE
Melde mir die Nachtgeräusche, Muse,
Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!--
Erst das traute Wachtgebell der Hunde,
Dann der abgezählte Schlag der Stunde,
Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer, 5
Dann? Nichts weiter als der ungewisse
Geisterlaut der ungebrochnen Stille,
Wie das Atmen eines jungen Busens,
Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens,
Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders, 10
Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.
* * * * *
116. DAS TOTE KIND
Es hat den Garten sich zum Freund gemacht,
Dann welkten er und es im Herbste sacht,
Die Sonne ging, und es und er entschlief,
Gehüllt in eine Decke weiß und tief.
Jetzt ist der Garten unversehns erwacht,
Die Kleine schlummert fest in ihrer Nacht.
"Wo steckst du?" summt es dort und summt es hier.
Der ganze Garten frägt nach ihr, nach ihr.
Die blaue Winde klettert schlank empor
Und blickt ins Haus: "Komm hinterm Schrank hervor!
Wo birgst du dich? Du tust dir's selbst zu leid!
Was hast du für ein neues Sommerkleid?"
* * * * *
117. IM SPÄTBOOT
Aus der Schiffsbank mach' ich meinen Pfühl,
Endlich wird die heiße Stirne kühl!
O wie süß erkaltet mir das Herz!
O wie weich verstummen Lust und Schmerz!
Über mir des Rohres schwarzer Rauch 5
Wiegt und biegt sich in des Windes Hauch.
Hüben hier und drüben wieder dort
Hält das Boot an manchem kleinen Port:
Bei der Schiffslaterne kargem Schein
Steigt ein Schatten aus und niemand ein. 10
Nur der Steurer noch, der wacht und steht!
Nur der Wind, der mir im Haare weht!
Schmerz und Lust erleiden sanften Tod.
Einen Schlumm'rer trägt das dunkle Boot.
* * * * *
118. VOR DER ERNTE
Am wolkenreinen Himmel geht
Die blanke Sichel schön,
Im Korne drunten wogt und weht
Und wühlt und rauscht der Föhn.
Sie wandert voller Melodie 5
Hochüber durch das Land.
Früh morgen schwingt die Schnitt'rin sie
Mit sonnenbrauner Hand.
* * * * *
119. DER RÖMISCHE BRUNNEN
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich. 5
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
* * * * *
120. NEUJAHRSGLOCKEN
In den Lüften schwellendes Gedröhne,
Leicht wie Halme biegt der Wind die Töne
Leis' verhallen, die zum ersten riefen,
Neu Geläute hebt sich aus den Tiefen.
Große Heere, nicht ein einzler Rufer! 5
Wohllaut flutet ohne Strand und Ufer.
* * * * *
121. SÄERSPRUCH
Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!
Die Erde bleibt noch lange jung!
Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.
Die Ruh' ist süß. Es hat es gut.
Hier eins das durch die Scholle bricht. 5
Es hat es gut. Süß ist das Licht.
Und keines fällt aus dieser Welt
Und jedes fällt, wie 's Gott gefällt.
* * * * *
122. SCHNITTERLIED
Wir schnitten die Saaten, wir Buben und Dirnen,
Mit nackenden Armen und triefenden Stirnen,
Von donnernden dunklen Gewittern bedroht--
Gerettet das Korn und nicht einer, der darbe!
Von Garbe zu Garbe 5
Ist Raum für den Tod---
Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!
Hoch thronet ihr Schönen auf güldenen Sitzen,
In strotzenden Garben umflimmert von Blitzen--
Nicht eine, die darbe! Wir bringen das Brot! 10
Zum Reigen! Zum Tanze! Zur tosenden Runde!
Von Munde zu Munde
Ist Raum für den Tod---
Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!
* * * * *
123. NACH EINEM NIEDERLÄNDER
Der Meister malt ein kleines zartes Bild,
Zurückgelehnt, beschaut er's liebevoll.
Es pocht. "Herein." Ein flämischer Junker ist's.
Mit einer drallen, aufgedonnerten Dirn',
Der vor Gesundheit fast die Wange birst. 5
Sie rauscht von Seide, flimmert von Geschmeid.
"Wir haben's eilig, lieber Meister. Wißt,
Ein wackrer Schelm stiehlt mir das Töchterlein.
Morgen ist Hochzeit. Malet mir mein Kind!"
"Zur Stunde, Herr! Nur noch den Pinselstrich!" 10
Sie treten lustig vor die Staffelei:
Auf einem blanken Kissen schlummernd liegt
Ein feiner Mädchenkopf. Der Meister fetzt
Des Blumenkranzes tiefste Knospe noch
Auf die verblichne Stirn mit leichter Hand. 15
--"Nach der Natur?" --"Nach der Natur. Mein Kind.
Gestern beerdigt. Herr, ich bin zu Dienst."
* * * * *
124. EINGELEGTE RUDER
Meine eingelegten Ruder triefen,
Tropfen fallen langsam in die Tiefen.
Nichts, das mich verdroß! Nichts, das mich freute!
Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!
Unter mir--ach, aus dem Licht verschwunden-- 5
Träumen schon die schönern meiner Stunden.
Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:
Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?
* * * * *
125. EWIG JUNG IST NUR DIE SONNE
Heute fanden meine Schritte mein vergeßnes Jugendtal,
Seine Sohle lag verödet, seine Berge standen kahl.
Meine Bäume, meine Träume, meine buchendunkeln Höh'n--
Ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.
Drüben dort in schilf'gem Grunde, wo die müde Lache liegt, 5
Hat zu meiner Jugendstunde sich lebend'ge Flut gewiegt,
Durch die Heiden, durch die Weiden ging ein wandernd
Herdgetön---
Ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.
* * * * *
126. REQUIEM
Bei der Abendsonne Wandern
Wann ein Dorf den Strahl verlor,
Klagt sein Dunkel es den andern
Mit vertrauten Tönen vor.
Noch ein Glöcklein hat geschwiegen 5
Auf der Höhe his zuletzt.
Nun beginnt es sich zu wiegen,
Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!
* * * * *
127. ABENDWOLKE
So stille ruht im Hafen
Das tiefe Wasser dort,
Die Ruder sind entschlafen,
Die Schifflein sind im Port.
Nur oben in dem Äther 5
Der lauen Maiennacht,
Dort segelt noch ein später
Friedfert'ger Ferge sacht.
Die Barke still und dunkel
Fährt hin im Dämmerschein 10
Und leisem Sterngefunkel
Am Himmel und hinein.
* * * * *
128. DAS GLÖCKLEIN
Er steht an ihrem Pfühl in herber Qual,
Den jungen Busen muß er keuchen sehn--
Er ist ein Arzt. Er weiß, sein traut Gemahl
Erblaßt, sobald die Morgenschauer wehn.
Sie hat geschlummert: "Lieber, du bei mir? 5
Mir träumte, daß ich auf der Alpe war,
Wie schön mir träumte, das erzähl' ich dir--
Du schickst mich wieder hin das nächste Jahr!
"Dort vor dem Dorf--du weißt den moos'gen Stein--
Saß ich umhallt von lauter Herdgetön, 10
An mir vorüber zogen mit Schalmei'n
Die Herden nieder von den Sommerhöh'n.
"Die Herden kehren alle heut nach Haus--
Das ist die letzte wohl? Nein, eine noch:
Noch ein Geläut klingt an und eins klingt aus! 15
Das endet nicht! Da kam das letzte doch!
"Mich überflutete das Abendrot,
Die Matten dunkelten so grün und rein,
Die Firnen brannten aus und waren tot,
Darüber glomm ein leiser Sternenschein-- 20
"Du horch! ein Glöcklein läutet in der Schlucht,
Verirrt, verspätet, wandert's ohne Ruh,
Ein armes Glöcklein, das die Herde sucht--
Aufwacht' ich dann, und bei mir warest du!
"O bring mich wieder auf die lieben Höh'n-- 25
Sie haben, sagst du, mich gesund gemacht ...
Dort war es schön! Dort war es wunderschön!
Das Glöcklein! Wieder! Hörst du's? Gute Nacht...."
* * * * *
129. DIE BANK DES ALTEN
Ich bin einmal in einem Tal gegangen,
Das fern der Welt, dem Himmel nahe war.
Durch das Gelände seiner Wiesen klangen
Die Sensen rings der zweiten Mahd im Jahr.
Ich schritt durch eines Dörfchens stille Gassen. 5
Kein Laut. Vor einer Hütte saß allein
Ein alter Mann, von seiner Kraft verlassen,
Und schaute feiernd auf den Firneschein.
Zuweilen, in die Hand gelegt die Stirne,
Seh' ich den Himmel jenes Tales blaun, 10
Den Müden seh ich wieder auf die Firne,
Die nahen, selig klaren Firnen schaun.
's ist nur ein Traum. Wohl ist der Greis geschieden
Aus dieser Sonne Licht von Jahren schwer;
Er schlummert wohl in seines Grabes Frieden, 15
Und seine Bank steht vor der Hütte leer.
Noch pulst mein Leben feurig. Wie den andern
Kommt mir ein Tag, da mich die Kraft verrät;
Dann will ich langsam in die Berge wandern
Und suchen, wo die Bank des Alten steht. 20
DETLEV VON LILIENCRON
130. DIE MUSIK KOMMT
Klingling, bumbum und tschingdada,
Zieht im Triumph der Perserschah?
Und um die Ecke brausend bricht's
Wie Tubaton des Weltgerichts,
Voran der Schellenträger. 5
Brumbrum, das große Bombardon,
Der Beckenschlag, das Helikon,
Die Piccolo, der Zinkenist,
Die Türkentrommel, der Flötist,
Und dann der Herre Hauptmann. 10
Der Hauptmann naht mit stolzem Sinn,
Die Schuppenkette unterm Kinn,
Die Schärpe schnürt den schlanken Leib,
Beim Zeus! das ist kein Zeitvertreib,
Und dann die Herren Leutnants. 15
Zwei Leutnants, rosenrot und braun,
Die Fahne schützen sie als Zaun,
Die Fahne kommt, den Hut nimm ab,
Der bleiben treu wir bis ans Grab!
Und dann die Grenadiere. 20
Der Grenadier im strammen Tritt,
In Schritt und Tritt und Tritt und Schritt,
Das stampft und dröhnt und klappt und flirrt,
Laternenglas und Fenster klirrt,
Und dann die kleinen Mädchen. 25
Die Mädchen alle, Kopf an Kopf,
Das Auge blau und blond der Zopf,
Aus Tür und Tor und Hof und Haus
Schaut Mine, Trine, Stine aus,
Vorbei ist die Musike. 30
Klingling, tschingtsching und Paukenkrach,
Noch aus der Ferne tönt es schwach,
Ganz leise bumbumbumbum tsching;
Zog da ein bunter Schmetterling,
Tschingtsching, bum, um die Ecke? 35
* * * * *
131. TOD IN ÄHREN
Im Weizenfeld, in Korn und Mohn,
Liegt ein Soldat, unaufgefunden,
Zwei Tage schon, zwei Nächte schon,
Mit schweren Wunden, unverbunden.
Durstüberquält und fieberwild, 5
Im Todeskampf den Kopf erhoben.
Ein letzter Traum, ein letztes Bild,
Sein brechend Auge schlägt nach oben.
Die Sense sirrt im Ährenfeld,
Er sieht sein Dorf im Arbeitsfrieden, 10
Ade, ade du Heimatwelt--
Und beugt das Haupt, und ist verschieden.
* * * * *
132. IN ERINNERUNG
Wilde Rosen überschlugen
Tiefer Wunden rotes Blut.
Windverwehte Klänge trugen
Siegesmarsch und Siegesflut.
Nacht. Entsetzen überspülte 5
Dorf und Dach in Lärm und Glut.
"Wasser!" Und die Hand zerwühlte
Gras und Staub in Dursteswut.
Morgen. Gräbergraber. Grüfte.
Manch ein letzter Atemzug. 10
Weither, witternd, durch die Lüfte
Braust und graust ein Geierflug.
* * * * *
133. WER WEISS WO
(Schlacht bei Kolin, 18. Juni 1757.)
Auf Blut und Leichen, Schutt und Qualm,
Auf roßzerstampften Sommerhalm
Die Sonne schien.
Es sank die Nacht. Die Schlacht ist aus,
Und mancher kehrte nicht nach Haus 5
Einst von Kolin.
Ein Junker auch, ein Knabe noch,
Der heut das erste Pulver roch,
Er mußte dahin.
Wie hoch er auch die Fahne schwang, 10
Der Tod in seinen Arm ihn zwang,
Er mußte dahin.
Ihm nahe lag ein frommes Buch,
Das stets der Junker bei sich trug
Am Degenknauf. 15
Ein Grenadier von Bevern fand
Den kleinen erdbeschmutzten Band
Und hob ihn auf.
Und brachte heim mit schnellem Fuß
Dem Vater diesen letzten Gruß, 20
Der klang nicht froh.
Dann schrieb hinein die Zitterhand:
"Kolin. Mein Sohn verscharrt im Sand.
Wer weiß wo."
Und der gesungen dieses Lied, 25
Und der es liest, im Leben zieht
Noch frisch und froh.
Doch einst bin ich, und bist auch du,
Verscharrt im Sand, zur ewigen Ruh',
Wer weiß wo. 30
* * * * *
134. SOMMERNACHT
An ferne Berge schlug die Donnerkeulen
Ein rasch verrauschtes Nachmittaggewitter.
Die Bauern zogen heim auf müden Gäulen,
Und singend kehrten Winzervolk und Schnitter.
Auf allen Dächern qualmten blaue Säulen 5
Genügsam himmelan, ein luftig Gitter.
Nun ist es Nacht, es geistern schon die Eulen,
Einsam aus einer Laube klingt die Zither.
* * * * *
135. MEINER MUTTER
Wie oft sah ich die blassen Hände nähen,
Ein Stück für mich--wie liebevoll du sorgtest!
Ich sah zum Himmel deine Augen flehen,
Ein Wunsch für mich--wie liebevoll du sorgtest!
Und an mein Bett kamst du mit leisen Zehen, 5
Ein Schutz für mich--wie sorgenvoll du horchtest!
Längst schon dein Grab die Winde überwehen.
Ein Gruß für mich--wie liebevoll du sorgtest!
* * * * *
136. WIEGENLIED
Vor der Türe schläft der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 5
Schlaf, mein Wulff. In später Stund
Küss' ich deinen roten Mund.
Streck dein kleines dickes Bein,
Steht noch nicht auf Weg und Stein.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 10
Schlaf, mein Wulff. Es kommt die Zeit,
Regen rinnt, es stürmt und schneit.
Lebst in atemloser Hast,
Hättest gerne Schlaf und Rast.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 15
Vor der Türe steht der Baum,
Durch den Garten zieht ein Traum.
Langsam schwimmt der Mondeskahn,
Und im Schlafe kräht der Hahn.
Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. 20
* * * * *
137. VIERERZUG
Vorne vier nickende Pferdeköpfe,
Neben mir zwei blonde Mädchenzöpfe,
Hinten der Groom mit wichtigen Mienen,
An den Rädern Gebell.
In den Dörfern windstillen Lebens Genüge, 5
Auf den Feldern fleißige Spaten und Pflüge,
Alles das von der Sonne beschienen
So hell, so hell.
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138. SCHÖNE JUNITAGE
Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuß,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muß--
Flußüberwärts singt eine Nachtigall. 5
Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht--
Flußüberwärts singt eine Nachtigall. 10