Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin;

Ein Märchen ans alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt, 5

Und ruhig fließt der Rhein;

Der Gipfel des Berges funkelt

Im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet

Dort oben wunderbar, 10

Ihr goldnes Geschmeide blitzet,

Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme,

Und singt ein Lied dabei;

Das hat eine wundersame, 15

Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe

Ergreift es mit wildem Weh;

Er schaut nicht die Felsenriffe,

Er schaut nur hinauf in die Höh'. 20

Ich glaube, die Wellen verschlingen

Am Ende Schiffer und Kahn;

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei getan.

* * * * *

49.

Du bist wie eine Blume

So hold und schön und rein:

Ich schau' dich an, und Wehmut

Schleicht mir ins Herz hinein.

Mir ist, als ob ich die Hände 5

Aufs Haupt dir legen sollt',

Betend, daß Gott dich erhalte

So rein und schön und hold.

* * * * *

50.

Auf Flügeln des Gesanges,

Herzliebchen, trag' ich dich fort,

Fort nach den Fluren des Ganges,

Dort weiß ich den schönsten Ort.

Dort liegt ein rotblühender Garten 5

Im stillen Mondenschein;

Die Lotosblumen erwarten

Ihr trautes Schwesterlein.

Die Veilchen kichern und kosen,

Und schaun nach den Sternen empor; 10

Heimlich erzählen die Rosen

Sich duftende Märchen ins Ohr.

Es hüpfen herbei und lauschen

Die frommen, klugen Gazell'n;

Und in der Ferne rauschen 15

Des heiligen Stromes Well'n.

Dort wollen wir niedersinken

Unter dem Palmenbaum,

Und Liebe und Ruhe trinken

Und träumen seligen Traum. 20

* * * * *

51.

Die Lotosblume ängstigt

Sich vor der Sonne Pracht,

Und mit gesenktem Haupte

Erwartet sie träumend die Nacht.

Der Mond, der ist ihr Buhle, 5

Er weckt sie mit seinem Licht,

Und ihm entschleiert sie freundlich

Ihr frommes Blumengesicht.

Sie blüht und glüht und leuchtet,

Und starret stumm in die Höh'; 10

Sie duftet und weinet und zittert

Vor Liebe und Liebesweh.

* * * * *

52.

Ein Fichtenbaum steht einsam

Im Norden auf kahler Höh'.

Ihn schläfert; mit weißer Decke

Umhüllen ihn Eis und Schnee.

Er träumt von einer Palme, 5

Die fern im Morgenland

Einsam und schweigend trauert

Auf brennender Felsenwand.

* * * * *

53.

Mein Liebchen, wir saßen beisammen,

Traulich im leichten Kahn.

Die Nacht war still, und wir schwammen

Auf weiter Wasserbahn.

Die Geisterinsel, die schöne, 5

Lag dämmrig im Mondenglanz;

Dort klangen liebe Töne,

Und wogte der Nebeltanz.

Dort klang es lieb und lieber,

Und wogt' es hin und her; 10

Wir aber schwammen vorüber

Trostlos auf weitem Meer.

* * * * *

54.

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,

Die hat einen ändern erwählt;

Der andre liebt eine andre,

Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger 5

Den ersten besten Mann,

Der ihr in den Weg gelaufen;

Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu; 10

Und wem sie just passieret,

Dem bricht das Herz entzwei.

* * * * *

[Illustration: Das Schweigen im Walde, by Arnold Böcklin]

* * * * *

55.

Dämmernd liegt der Sommerabend

Über Wald und grünen Wiesen;

Goldner Mond im blauen Himmel

Strahlt herunter, duftig labend.

An dem Bache zirpt die Grille, 5

Und es regt sich in dem Wasser,

Und der Wandrer hört ein Plätschern

Und ein Atmen in der Stille.

Dorten, an dem Bach alleine

Badet sich die schöne Elfe; 10

Arm und Nacken, weiß und lieblich,

Schimmern in dem Mondenscheine.

* * * * *

56.

Es fällt ein Stern herunter

Aus seiner funkelnden Höh'!

Das ist der Stern der Liebe,

Den ich dort fallen seh'.

Es fallen vom Apfelbaume 5

Der Blüten und Blätter viel

Es kommen die neckenden Lüfte

Und treiben damit ihr Spiel.

Es singt der Schwan im Weiher

Und rudert auf und ab, 10

Und immer leiser singend

Taucht er ins Flutengrab.

Es ist so still und dunkel!

Verweht ist Blatt und Blüt',

Der Stern ist knisternd zerstoben, 15

Verklungen das Schwanenlied.

* * * * *

57.

Der Tod, das ist die kühle Nacht,

Das Leben ist der schwüle Tag.

Es dunkelt schon, mich schläfert,

Der Tag hat mich müd' gemacht.

Über mein Bett erhebt sich ein Baum 5

Drin singt die junge Nachtigall;

Sie singt von lauter Liebe,

Ich hör' es sogar im Traum.

* * * * *

58.

"Sag, wo ist dein schönes Liebchen,

Das du einst so schön besungen,

Als die zaubermächt'gen Flammen

Wunderbar dein Herz durchdrungen?"

Jene Flammen sind erloschen 5

Und mein Herz ist kalt und trübe,

Und dies Büchlein ist die Urne

Mit der Asche meiner Liebe.

* * * * *

59. FRIEDEN

Hoch am Himmel stand die Sonne

Von weißen Wolken umwogt,

Das Meer war still,

Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes,

Träumerisch sinnend--und, halb im Wachen 5

Und halb im Schlummer, schaute ich Christus,

Den Heiland der Welt.

Im wallend weißen Gewande

Wandelt' er riesengroß

Über Land und Meer; 10

Es ragte sein Haupt in den Himmel,

Die Hände streckte er segnend

Über Land und Meer;

Und als ein Herz in der Brust

Trug er die Sonne, 15

Die rote, flammende Sonne;

Und das rote, flammende Sonnenherz

Goß seine Gnadenstrahlen

Und sein holdes, liebseliges Licht,

Erleuchtend und wärmend 20

Über Land und Meer.

Glockenklänge zogen feierlich

Hin und her, zogen wie Schwäne,

An Rosenbändern, das gleitende Schiff,

Und zogen es spielend ans grüne Ufer, 25

Wo Menschen wohnen, in hochgetürmter

Ragender Stadt.

O Friedenswunder! Wie still die Stadt!

Es ruhte das dumpfe Geräusch

Der schwatzenden, schwülen Gewerbe, 30

Und durch die reinen, hallenden Straßen

Wandelten Menschen, weißgekleidete,

Palmzweig-tragende,

Und wo sich zwei begegneten,

Sah'n sie sich an, verständnisinnig, 35

Und schauernd in Liebe und süßer Entsagung

Küßten sie sich auf die Stirne.

Und schauten hinauf

Nach des Heilands Sonnenherzen,

Das freudig versöhnend sein rotes Blut 40

Hinunterstrahlte.

Und dreimalselig sprachen sie:

"Gelobt sei Jesus Christ!"

* * * * *

60.

Leise zieht durch mein Gemüt

Liebliches Geläute.

Klinge, kleines Frühlingslied,

Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus, bis an das Haus, 5

Wo die Blumen sprießen.

Wenn du eine Rose schaust,

Sag, ich laß' sie grüßen.

* * * * *

61.

Es war ein alter König,

Sein Herz war schwer, sein Haupt war grau;

Der arme alte König,

Er nahm eine junge Frau.

Es war ein schöner Page, 5

Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn;

Er trug die seidne Schleppe

Der jungen Königin.

Kennst du das alte Liedchen?

Es klingt so süß, es klingt so trüb'! 10

Sie mußten beide sterben,

Sie hatten sich viel zu lieb.

* * * * *

62.

Es ziehen die brausenden Wellen

Wohl nach dem Strand;

Sie schwellen und zerschellen

Wohl auf dem Sand.

Sie kommen groß und kräftig 5

Ohn' Unterlaß;

Sie werden endlich heftig--

Was hilft uns das?

* * * * *

63.

Es ragt ins Meer der Runenstein,

Da sitz' ich mit meinen Träumen.

Es pfeift der Wind, die Möwen schrein,

Die Wellen, die wandern und schäumen.

Ich habe geliebt manch schönes Kind 5

Und manchen guten Gesellen--

Wo sind sie hin? Es pfeift der Wind,

Es schäumen und wandern die Wellen.

* * * * *

64. IN DER FREMDE

Ich hatte einst ein schönes Vaterland.

Der Eichenbaum

Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft.

Es war ein Traum.

Das küßte mich auf deutsch und sprach auf deutsch 5

(Man glaubt es kaum,

Wie gut es klang) das Wort: "Ich liebe dich!"

Es war ein Traum.

* * * * *

65. WO?

Wo wird einst des Wandermüden

Letzte Ruhestätte sein?

Unter Palmen in dem Süden?

Unter Linden an dem Rhein?

Werd' ich wo in einer Wüste 5

Eingescharrt von fremder Hand?

Oder ruh' ich an der Küste

Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin! Mich wird umgeben

Gotteshimmel, dort wie hier, 10

Und als Totenlampen schweben

Nachts die Sterne über mir.

AUGUST, GRAF VON PLATEN

66. DAS GRAB IM BUSENTO

Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder;

Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt

es wieder!

Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer

Goten,

Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.

Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn begraben, 5

Während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben.

Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette,

Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.

In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde,

Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf 10

dem Pferde.

Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe,

Daß die hohen Stromgewächse wüchsen ans dem Heldengrabe.

Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluß herbeigezogen:

Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.

Und es sang ein Chor von Männern: "Schlaf in deinen 15

Heldenehren!

Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab

versehren!"

Sangen's, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere;

Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!

* * * * *

67.

Im Wasser wogt die Lilie, die blanke, hin und her,

Doch irrst du, Freund, sobald du sagst, sie schwanke hin und her:

Es wurzelt ja so fest ihr Fuß im tiefen Meeresgrund,

Ihr Haupt nur wiegt ein lieblicher Gedanke hin und her!

* * * * *

68.

Wie rafft' ich mich auf in der Nacht, in der Nacht,

Und fühlte mich fürder gezogen,

Die Gassen verließ ich, vom Wächter bewacht,

Durchwandelte sacht

In der Nacht, in der Nacht, 5

Das Tor mit dem gotischen Bogen.

Der Mühlbach rauschte durch felsigen Schacht,

Ich lehnte mich über die Brücke,

Tief unter mir nahm ich der Wogen in acht,

Die wallten so sacht 10

In der Nacht, in der Nacht,

Doch wallte nicht eine zurücke.

Es drehte sich oben, unzählig entfacht,

Melodischer Wandel der Sterne,

Mit ihnen der Mond in beruhigter Pracht, 15

Sie funkelten sacht

In der Nacht, in der Nacht,

Durch täuschend entlegene Ferne.

Ich blickte hinauf in der Nacht, in der Nacht,

Ich blickte hinunter aufs neue: 20

O wehe, wie hast du die Tage verbracht,

Nun stille du sacht

In der Nacht, in der Nacht,

Im pochenden Herzen die Reue!

* * * * *

69.

Ich möchte, wann ich sterbe, wie die lichten

Gestirne schnell und unbewußt erbleichen,

Erliegen möcht' ich einst des Todes Streichen,

Wie Sagen uns vom Pindaros berichten.

Ich will ja nicht im Leben oder Dichten 5

Den großen Unerreichlichen erreichen,

Ich möcht', o Freund, ihm nur im Tode gleichen;

Doch höre nun die schönste der Geschichten!

Er saß im Schauspiel, vom Gesang beweget,

Und hatte, der ermüdet war, die Wangen 10

Auf seines Lieblings schönes Knie geleget:

Als nun der Chöre Melodien verklangen,

Will wecken ihn, der ihn so sanft geheget,

Doch zu den Göttern war er heimgegangen.

NIKOLAUS LENAU

70. BITTE

Weil' auf mir, du dunkles Auge,

Übe deine ganze Macht,

Ernste, milde, träumerische,

Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel 5

Diese Welt von hinnen mir,

Daß du über meinem Leben

Einsam schwebest für und für.

* * * * *

71. SCHILFLIED

Auf dem Teich, dem regungslosen,

Weilt des Mondes holder Glanz,

Flechtend seine bleichen Rosen

In des Schilfes grünen Kranz.

Hirsche wandeln dort am Hügel, 5

Blicken in die Nacht empor;

Manchmal regt sich das Geflügel

Träumerisch im tiefen Rohr.

Weinend muß mein Blick sich senken;

Durch die tiefste Seele geht 10

Mir ein süßes Deingedenken

Wie ein stilles Nachtgebet!

* * * * *

72. DER EICHWALD

Ich trat in einen heilig düstern

Eichwald, da hört' ich leis' und lind

Ein Bächlein unter Blumen flüstern,

Wie das Gebet von einem Kind;

Und mich ergriff ein süßes Grauen, 5

Es rauscht' der Wald geheimnisvoll,

Als möcht' er mir was anvertrauen,

Das noch mein Herz nicht wissen soll;

Als möcht' er heimlich mir entdecken,

Was Gottes Liebe sinnt und will: 10

Doch schien er plötzlich zu erschrecken

Vor Gottes Näh'--und wurde still.

* * * * *

73. DER POSTILLION

Lieblich war die Maiennacht,

Silberwölklein flogen,

Ob der holden Frühlingspracht

Freudig hingezogen.

Schlummernd lagen Wies' und Hain, 5

Jeder Pfad verlassen;

Niemand als der Mondenschein

Wachte auf der Straßen.

Leise nur das Lüftchen sprach,

Und es zog gelinder 10

Durch das stille Schlafgemach

All der Frühlingskinder.

Heimlich nur das Bächlein schlich,

Denn der Blüten Träume

Dufteten gar wonniglich 15

Durch die stillen Räume.

Rauher war mein Postillion,

Ließ die Geißel knallen,

Uber Berg und Tal davon

Frisch sein Horn erschallen. 20

Und von flinken Rossen vier

Scholl der Hufe Schlagen,

Die durchs blühende Revier

Trabten mit Behagen.

Wald und Flur im schnellen Zug 25

Kaum gegrüßt--gemieden;

Und vorbei, wie Traumesflug,

Schwand der Dörfer Frieden.

Mitten in dem Maienglück

Lag ein Kirchhof innen, 30

Der den raschen Wanderblick

Hielt zu ernstem Sinnen.

Hingelehnt an Bergesrand

War die bleiche Mauer,

Und das Kreuzbild Gottes stand 35

Hoch, in stummer Trauer.

Schwager ritt aus seiner Bahn

Stiller jetzt und trüber;

Und die Rosse hielt er an,

Sah zum Kreuz hinüber: 40

"Halten muß hier Roß und Rad,

Mag's Euch nicht gefährden;

Drüben liegt mein Kamerad

In der kühlen Erden!

"Ein gar herzlieber Gesell! 45

Herr, 's ist ewig schade!

Keiner blies das Horn so hell,

Wie mein Kamerade!

"Hier ich immer halten muß,

Dem dort unterm Rasen 50

Zum getreuen Brudergruß

Sein Leiblied zu blasen!"

Und dem Kirchhof sandt' er zu

Frohe Wandersänge,

Daß es in die Grabesruh' 55

Seinem Bruder dränge.

Und des Hornes heller Ton

Klang vom Berge wieder,

Ob der tote Postillion

Stimmt' in seine Lieder.-- 60

Weiter ging's durch Feld und Hag

Mit verhängtem Zügel;

Lang mir noch im Ohre lag

Jener Klang vom Hügel.

* * * * *

74. DIE DREI

Drei Reiter nach verlorner Schlacht,

Wie reiten sie so sacht, so sacht!

Aus tiefen Wunden quillt das Blut,

Es spürt das Roß die warme Flut.

Vom Sattel tropft das Blut, vom Zaum, 5

Und spült hinunter Staub und Schaum.

Die Rosse schreiten sanft und weich,

Sonst flöß' das Blut zu rasch, zu reich.

Die Reiter reiten dicht gesellt,

Und einer sich am andern hält. 10

Sie sehn sich traurig ins Gesicht,

Und einer um den andern spricht:

"Mir blüht daheim die schönste Maid,

Drum tut mein früher Tod mir leid."

"Hab' Haus und Hof und grünen Wald, 15

Und sterben muß ich hier so bald!"

"Den Blick hab' ich in Gottes Welt,

Sonst nichts, doch schwer mir's Sterben fällt."

Und lauernd auf den Todesritt

Ziehn durch die Luft drei Geier mit. 20

Sie teilen kreischend unter sich:

"Den speisest du, den du, den ich".

* * * * *

75. DER OFFENE SCHRANK

Mein liebes Mütterlein war verreist,

Und kehrte nicht heim, und lag in der Grube;

Da war ich allein und recht verwaist.

Und traurig trat ich in ihre Stube.

Ihr Schrank stand offen, ich fand ihn noch heut', 5

Wie sie, abreisend, ihn eilig gelassen.

Wie alles man durcheinander streut

Wenn vor der Tür die Pferde schon passen.

Ein aufgeschlagnes Gebetbuch lag

Bei mancher Rechnung, von ihr geschrieben; 10

Von ihrem Frühstück am Scheidetag

War noch ein Stücklein Kuchen geblieben.

Ich las das aufgeschlagne Gebet,

Es war: wie eine Mutter um Segen

Für ihre Kinder zum Himmel fleht; 15

Mir pochte das Herz in bangen Schlägen.

Ich las ihre Schrift, und ich verbiß

Nicht länger meine gerechten Schmerzen,

Ich las die Zahlen, und ich zerriß

Die Freudenrechnung in meinem Herzen. 20

Zusammen sucht' ich den Speiserest,

Das kleinste Krümlein, den letzten Splitter,

Und hätt' es mir auch den Hals gepreßt,

Ich aß vom Kuchen und weinte bitter.

* * * * *

76. AUF EINE HOLLÄNDISCHE LANDSCHAFT

Müde schleichen hier die Bäche,

Nicht ein Lüftchen hörst du wallen,

Die entfärbten Blätter fallen

Still zu Grund', vor Altersschwäche.

Krähen, kaum die Schwingen regend, 5

Streichen langsam; dort am Hügel

Läßt die Windmühl' ruhn die Flügel;

Ach, wie schläfrig ist die Gegend!

Lenz und Sommer sind verflogen;

Dort das Hüttlein, ob es trutze, 10

Blickt nicht aus, die Strohkapuze

Tief ins Aug' herabgezogen.

Schlummernd, oder träge sinnend,

Ruht der Hirt bei seinen Schafen,

Die Natur, Herbstnebel spinnend, 15

Scheint am Rocken eingeschlafen.

* * * * *

77. STIMME DES REGENS

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,

Die Disteln sind so regungslos zu schauen,

So starr, als wären sie aus Stein gehauen,

Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd' und Himmel haben keine Scheide, 5

In eins gefallen sind die nebelgrauen,

Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,

Und mein und dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wieder,

Und heftig rauschend bricht der Regen nieder, 10

Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,

Er hört die windgepeitschte Distel sausen,

Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

* * * * *

78. HERBST

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:

Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,

Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;

Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise, 5

Die Zeit der Liebe ist verklungen,

Die Vögel haben ausgesungen,

Und dürre Blätter sinken leise.

Die Vögel zogen nach dem Süden,

Aus dem Verfall des Laubes tauchen 10

Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,

Die Blätter fallen stets, die müden.

In dieses Waldes leisem Rauschen

Ist mir, als hör' ich Kunde wehen,

Daß alles Sterben und Vergehen 15

Nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

EDUARD MÖRIKE

79. UM MITTERNACHT

Gelassen stieg die Nacht ans Land,

Lehnt träumend an der Berge Wand;

Ihr Auge sieht die goldne Wage nun

Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.

Und kecker rauschen die Quellen hervor, 5

Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr

Vom Tage,

Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied--

Sie achtet's nicht, sie ist es müd'; 10

Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,

Der flücht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch.

Doch immer behalten die Quellen das Wort,

Es singen die Wasser im Schlafe noch fort

Vom Tage, 15

Vom heute gewesenen Tage.

* * * * *

80. SEPTEMBERMORGEN

Im Nebel ruhet noch die Welt,

Noch träumen Wald und Wiesen:

Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,

Den blauen Himmel unverstellt,

Herbstkräftig die gedämpfte Welt 5

In warmem Golde fließen.

* * * * *

[Illustration: Flora, die Blumen weckend, by Arnold Böcklin]

* * * * *

81. ER IST'S

Frühling läßt sein blaues Band

Wieder flattern durch die Lüfte;

Süße, wohlbekannte Düfte

Streifen ahnungsvoll das Land.

Veilchen träumen schon, 5

Wollen balde kommen.--

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist's!

Dich hab' ich vernommen!

* * * * *

82. IN DER FRÜHE

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,

Dort gehet schon der Tag herfür

An meinem Kammerfenster.

Es wühlet mein verstörter Sinn

Noch zwischen Zweifeln her und hin 5

Und schaffet Nachtgespenster.--

Ängste, quäle

Dich nicht länger, meine Seele!

Freu dich! schon sind da und dorten

Morgenglocken wach geworden. 10

* * * * *

83. DER FEUERREITER

Sehet ihr am Fensterlein

Dort die rote Mütze wieder?

Nicht geheuer muß es sein,

Denn er geht schon auf und nieder.

Und auf einmal welch Gewühle 5

Bei der Brücke, nach dem Feld!

Horch! das Feuerglöcklein gellt:

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Brennt es in der Mühle. 10

Schaut! da sprengt er wütend schier

Durch das Tor, der Feuerreiter,

Auf dem rippendürren Tier,

Als auf einer Feuerleiter.

Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle 15

Rennt er schon und ist am Ort!

Drüben schallt es fort und fort:

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Brennt es in der Mühle. 20

Der so oft den roten Hahn

Meilenweit von fern gerochen

Mit des heil'gen Kreuzes Span

Freventlich die Glut besprochen--

Weh! dir grinst vom Dachgestühle 25

Dort der Feind im Höllenschein.

Gnade Gott der Seele dein!

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Rast er in der Mühle. 30

Keine Stunde hielt es an,

Bis die Mühle borst in Trümmer;

Doch den kecken Reitersmann

Sah man von der Stunde nimmer.

Volk und Wagen im Gewühle 35

Kehren heim von all dem Graus

Auch das Glöcklein klinget aus:

Hinterm Berg,

Hinterm Berg

Brennt's-- 40

Nach der Zeit ein Müller fand

Ein Gerippe samt der Mützen

Aufrecht an der Kellerwand

Auf der beinern Mähre sitzen.

Feuerreiter, wie so kühle 45

Reitest du in deinem Grab!

Husch! da fällt's in Asche ab.

Ruhe wohl,

Ruhe wohl

Drunten in der Mühle! 50

* * * * *

84. DAS VERLASSENE MÄGDLEIN

Früh, wann die Hähne krähn,

Eh' die Sternlein verschwinden,

Muß ich am Herde stehn,

Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein, 5

Es springen die Funken;

Ich schaue so drein,

In Leid versunken.

Plötzlich da kommt es mir,

Treuloser Knabe, 10

Daß ich die Nacht von dir

Geträumet habe.

Träne auf Träne dann

Stürzet hernieder:

So kommt der Tag heran-- 15

O ging' er wieder!

* * * * *

85. LEBEWOHL

"Lebe wohl!"--Du fühlest nicht,

Was es heißt, dies Wort der Schmerzen;

Mit getrostem Angesicht

Sagtest du's und leichtem Herzen.

Lebe wohl!--Ach, tausendmal 5

Hab' ich mir es vorgesprochen,

Und in nimmersatter Qual

Mir das Herz damit gebrochen!

* * * * *

86. SCHÖN-ROHTRAUT

Wie heißt König Ringangs Töchterlein?

Rohtraut, Schön-Rohtraut.

Was tut sie denn den ganzen Tag,

Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?

Tut fischen und jagen. 5

O daß ich doch ihr Jäger wär'!

Fischen und Jagen freute mich sehr.--

Schweig stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil',

Rohtraut, Schön-Rohtraut, 10

So dient der Knab' auf Ringangs Schloß

In Jägertracht und hat ein Roß,

Mit Rohtraut zu jagen.

O daß ich doch ein Königssohn wär'!

Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so sehr.-- 15

Schweig stille, mein Herze!

Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,

Da lacht Schön-Rohtraut:

"Was siehst mich an so wunniglich?

Wenn du das Herz hast, küsse mich!" 20

Ach, erschrak der Knabe!

Doch denket er: Mir ist's vergunnt,

Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.--

Schweig stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim, 25

Rohtraut, Schön-Rohtraut;

Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:

Und würdst du heute Kaiserin,

Mich sollt's nicht kränken!

Ihr tausend Blätter im Walde, wißt! 30

Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt--

Schweig stille, mein Herze!

* * * * *

87. AUF EINE LAMPE

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,

An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,

Die Decke des nun fast vergeßnen Lustgemachs.

Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand

Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht, 5

Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.

Wie reizend alles! lachend und ein sanfter Geist

Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form:

Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?

Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst. 10

* * * * *

88. GEBET

Herr, schicke, was du willt,

Ein Liebes oder Leides!

Ich bin vergnügt, daß beides

Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden 5

Und wollest mit Leiden

Mich nicht überschütten!

Doch in der Mitten

Liegt holdes Bescheiden.

* * * * *

89. DENK' ES, O SEELE

Ein Tännlein grünet wo,

Wer weiß? im Walde,

Ein Rosenstrauch, wer sagt,

In welchem Garten?

Sie sind erlesen schon-- 5

Denk' es, o Seele!--

Auf deinem Grab zu wurzeln

Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden

Auf der Wiese, 10

Sie kehren heim zur Stadt

In muntern Sprüngen.

Sie werden schrittweis gehn

Mit deiner Leiche,

Vielleicht, vielleicht noch eh' 15

An ihren Hufen

Das Eisen los wird,

Das ich blitzen sehe.

FRIEDRICH HEBBEL

90. NACHTLIED

Quellende, schwellende Nacht,

Voll von Lichtern und Sternen

In den ewigen Fernen,

Sage, was ist da erwacht?

Herz in der Brust wird beengt, 5

Steigendes, neigendes Leben,

Riesenhaft fühle ich's weben,

Welches das meine verdrängt.

Schlaf, da nahst du dich leis,

Wie dem Kinde die Amme, 10

Und um die dürftige Flamme

Ziehst du den schützenden Kreis.

* * * * *

91. DAS KIND

Die Mutter lag im Totenschrein,

Zum letztenmal geschmückt;

Da spielt das kleine Kind herein,

Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron' im blonden Haar 5

Gefällt ihm gar zu sehr,

Die Busenblumen, bunt und klar,

Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:

"Du liebe Mutter, gib 10

Mir eine Blum' aus deinem Strauß,

Ich hab' dich auch so lieb."

Und als die Mntter es nicht tut,

Da denkt das Kind für sich:

"Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht, 15

So tut sie's sicherlich."

Schleicht fort, so leis' es immer kann,

Und schließt die Türe sacht

Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,

Ob Mutter noch nicht wacht. 20

* * * * *

92. NACHTGEFÜHL

Wenn ich mich abends entkleide,

Gemachsam, Stück für Stück,

So tragen die müden Gedanken

Mich vorwärts oder zurück.

Ich denke der alten Tage, 5

Da zog die Mutter mich aus;

Sie legte mich still in die Wiege,

Die Winde brausten ums Haus.

Ich denke der letzten Stunde,

Da werden's die Nachbarn tun; 10

Sie senken mich still in die Erde,

Da werd' ich lange ruhn.

Schließt nun der Schlaf mein Auge,

Wie träum' ich oftmals das:

Es wäre eins von beidem, 15

Nur wüßt' ich selber nicht, was.

* * * * *

93. GEBET

A Book of German Lyrics · 第 2 / 9 段