Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich
1911-12.
Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie
sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein
Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig,
seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die
unsern Augen zugehört statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um
dessen Bildkreis zu erraten.
* * * * *
In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine
Kristallisationskraft zu prüfen.
Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein,
in dem wir Maler uns bewegen.
* * * * *
Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf
er liegt?
Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das
Problem auf »Kugel und Fläche« stellt, so fällt der Begriff Apfel im
Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns
wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den
schönen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche?
* * * * *
Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es
irgendwelchen vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu
malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil
wir die Welt kubistisch fühlen?
Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als
»Reh«, die Landschaft muß also »Reh« sein. Das ist ihr Prädikat. Die
künstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist
vollkommen und einwandfrei; sie »sehen« das Reh gar nicht und kümmern
sich nicht darum; sie gaben »ihre« innerliche Welt, -- das Subjekt im
Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das
Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem
Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. Das Objekt
ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert.
Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann
aber auch ein Bild malen wollen: »Das Reh fühlt«.
Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die
Ägypter haben es gemacht. Die »Rose«. Manet hat sie gemalt. Die Rose
»blüht«, wer hat das »Blühen« der Rose gemalt? Die Inder. Das
_Prädikat_.
* * * * *
Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man
gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit
gebe ich seine äußere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt,
nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch
den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist,
sein Prädikat.
Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das
Subjekt, sondern von dem Raum etwas »ausgesagt haben«, das Prädikat des
Subjekts gegeben haben.
Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die
sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen.
* * * * *
Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu
geben, bleibt ungelöstes Problem.
* * * * *
Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum
Schemen, um zur großen künstlerischen Form zu kommen.
* * * * *
Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer
kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker).
* * * * *
Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende
Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten
Schluß ziehen, ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen
Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein
eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft.
* * * * *
Das Groteske:
aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat
das Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt,
wie Märchen.
Größer ist die _naive Darstellung_, die die Wirkung des Grotesken (das
oft ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht.
1912?
Einzelne Blätter.
3.
Was wir unter »abstrakter Kunst« verstehen.
Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das
Existierende ist Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt
unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen.
Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler stellte die Welt
künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte;
der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich
befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, -- er hat aber auch
alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den
Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Präparat zu ersetzen,
Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer nach. Selbst die
Kunst zwang er zu Handlangerdiensten.
Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch
nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der »anderen Seite«, auf
der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können
und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins
redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: die Befreiung der
Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den
Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen.
Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein.
Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir
werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen
oder scheinen, sondern _wie sie wirklich sind_, wie sich der Wald oder
das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein
lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns
gelingt, die traditionelle »Logik« von Jahrtausenden beim künstlerischen
Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist alogisch. Es
gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen
unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie
getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an
sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der »anderen Seite«.
4.
Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu
beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das
ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, -- oh des
glücklichen Tages! -- vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat _seine_
Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern
plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade
fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk
bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, -- aber
glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb
suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind
hinter dem Schein?
5.
Die absolute Malerei.
Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir
dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir
nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden,
je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung
vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort,
ganz aus eurem Geiste weg, -- denkt euch fort samt eurem Weltbild, --
die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese
Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in
Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt.
Grenzen der Kunst.
-- -- -- Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen
Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum
durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man
darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber
lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf
den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z.
B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent »Pegasus«
darunter schreiben.
Religiöses.
Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen.
Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie
könnten _alles_ daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine
große und reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto
künstlerischer war, je religiöser sie gewesen (und umso künstlicher, je
unreligiöser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen,
daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit
unvereinbar ist, -- nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß die
Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik
zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der
Taumel über unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird
wieder zum großen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden
wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschütterten
Herzen einziehen.
Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über
den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas
Beschränkteres und Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle
Religionen überwunden zu haben? Das glauben sie nämlich, die »guten
Mitteleuropäer«. Auf was stützen sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen.
Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die nicht schlechteste Imitation
vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist
verhungert. Eisenbahn -- die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine,
-- kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A nach
B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil
höchst plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer
gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten,
_Geist zu sparen_. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen
Verkehrsstörung in Haft genommen oder überfahren. Es wird aber eine Zeit
kommen, in Bälde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft
grenzenlos langweilig finden; man wird sie _vollkommen liegen_ lassen,
ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen
Gütern handeln wird.
Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.
Geschrieben Anfang 1915 im Felde.
1.
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--
Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und
Wahrheit. Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß
wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die
Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, --
was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?
9.
Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf
gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich
verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu
sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht
blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der
Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen.
Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das
erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal,
wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen
fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus »wider Willen«.
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15.
Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich
verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und
20. Jahrhunderts zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen
Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte.
Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer
Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen,
um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren.
Alles, das Größte ist heute in den Anfängen.
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23.
Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung
des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen
und Müden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille
bestimmt das weiße Schicksal.
25.
Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern
und unerhörten Klängen leben.
Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen
als eine Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den
Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und
die Welt hat Zeit.
30.
Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen
die Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches,
Unmögliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo
ein Bedürfnis, eine Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon
keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr.
31.
-- -- -- -- --
Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen,
nicht von Traditionen leben.
32.
Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den
Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten
in der Tradition; sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr
dauerhaft erwiesen. Die großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im
Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten
Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können sie ihre Formen aufrichten.
Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische
Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar
wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der
Oberfläche, niemals im Vordergrund.
Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt,
sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt:
das »Wissen um das Heil«, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der
»Kultur« vorausgeht.
35.
Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, -- die wenigen
Europäer, die es erst geben wird, -- der große Schmerz seiner
Gestaltlosigkeit überfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre
Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der
Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, in der stilisierten Fassade
der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen
Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in
Weltdurchschauung verwandelt hat.
Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen
Überzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere
Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung,
Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat.
38.
Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um
die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen
Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen
dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die
Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre
Jenseitigkeit zu zeigen, -- wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen,
da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet.
Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen
Kurven vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch
weiter vor in Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind.
Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein
Ärgernis zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben
und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und
an seiner Würde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir
seine Zukunftsart.
39.
Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen
läßt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie
wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren
ihr »Vermögen« dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das
naive Vermögen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging.
45.
Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch
ein Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen
Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute für unser Auge die
»neue Buntheit der Welt« ausmachen.
Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz,
eine Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und
Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und
Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze.
Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, --
wir werden sie mit voller Sicherheit finden -- werden wir vielleicht das
dritte Gesicht haben.
55.
Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem
»Jenseits« zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch
in die Formen der sichtbaren Welt. Heute träumen wir nicht mehr
eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu
jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen.
Gott kam einst in einer Krippe »zur Welt«. Heute steht sie leer. Wir
suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären,
in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur.
Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische
Kraft wandeln.
70.
Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres
Geistes.
78.
An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das
religiöse Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird
zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst längstvergangener,
primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annäherung an
diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos
wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die ihrerseits
wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im
Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer
Zeit.
79.
Den Menschen graut vor Leichen und Moder, -- warum thut er so vertraut
und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die
einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung
und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen
Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur »ihre« Bazillen.
80.
Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und
Bazillenträger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das
Paradigma des Geistes ist.
Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der
Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft
anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurückstehenden, murmelnden
Menge. Man frägt die Mediziner nicht einmal, wie unmöglich dieses sei
und wie gewiß sein Gegenteil.
Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist
Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist
verseucht und erkrankt.
Wer lebt heute zwischen frischen Dingen?
Was ist _Reinheit_?
82.
Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es
untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das
Blau der flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte
Auftauchen an einem andern Ort, -- erkennt, meine Freunde, was Bilder
sind: das Auftauchen an einem andern Ort.
83.
Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz.
Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen.
Das Aufblühen des Unbekannten.
85.
Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz
einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen
Pochen wieder langsam aufzuhämmern der Zukunft entgegen.
Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit.
Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig?
Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg
nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben.
87.
Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine
hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen
gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte
liebten wie wir.
In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht
uns mit seltsamen Augen an.
Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten
möglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen
Möglichkeiten des abstrakten Denkens?
Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als
unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des
_sentimentalen Geistes_. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen
noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte.
89.
So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche
Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als
hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens.
Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen
alternd dieser Krankheit.