Aufzeichnungen

Aufzeichnungen auf einzelnen Blättern aus früheren Jahren vermutlich

1911-12.

Gibt es für Künstler eine geheimnisvollere Idee als die Vorstellung, wie

sich wohl die Natur in dem Auge eines Tieres spiegelt? Wie sieht ein

Pferd die Welt? oder ein Adler, ein Reh oder ein Hund? Wie armselig,

seelenlos ist unsre Konvention, Tiere in eine Landschaft zu setzen, die

unsern Augen zugehört statt uns in die Seele des Tieres zu versenken, um

dessen Bildkreis zu erraten.

* * * * *

In diesem Gedanken stecken viele; versuchen wir seine

Kristallisationskraft zu prüfen.

Er zeigt uns verächtlich den strengen allzuengen Zirkel zum Bewußtsein,

in dem wir Maler uns bewegen.

* * * * *

Hat es einen Sinn, einen Apfel zu malen und dazu die Fensterbank, worauf

er liegt?

Was hat der schöne runde Apfel mit der Fensterbank gemein? Wenn man das

Problem auf »Kugel und Fläche« stellt, so fällt der Begriff Apfel im

Ernste weg; man geht dabei einen interessanten Seitenweg, den uns

wundervolle Maler heute entdeckt haben; wenn wir aber den Apfel, den

schönen Apfel malen wollen? oder das Reh im Wald? oder die Eiche?

* * * * *

Was hat das Reh mit dem Weltbild zu thun, das wir sehen? Hat es

irgendwelchen vernünftigen oder gar künstlerischen Sinn, das Reh zu

malen, wie es unsrer Netzhaut erscheint oder in kubistischer Form, weil

wir die Welt kubistisch fühlen?

Wer sagt uns, daß das Reh die Welt kubistisch fühlt; es fühlt sie als

»Reh«, die Landschaft muß also »Reh« sein. Das ist ihr Prädikat. Die

künstlerische Logik von Picasso, Kandinsky, Delaunay, Burljuk etc. ist

vollkommen und einwandfrei; sie »sehen« das Reh gar nicht und kümmern

sich nicht darum; sie gaben »ihre« innerliche Welt, -- das Subjekt im

Satze. Naturalisten gaben das Objekt. Das Schwerste, im Grunde auch das

Wichtigste, das Prädikat wird selten gegeben. Das Wichtigste in einem

Gedankensatze ist das Prädikat. Subjekt ist seine Prämisse. Das Objekt

ist belangloser Nachklang, der den Gedanken spezialisiert, banalisiert.

Ich kann ein Bild malen: Das Reh. Pisanello hat solche gemalt. Ich kann

aber auch ein Bild malen wollen: »Das Reh fühlt«.

Wie unendlich feineren Sinn muß ein Maler haben, das zu malen! Die

Ägypter haben es gemacht. Die »Rose«. Manet hat sie gemalt. Die Rose

»blüht«, wer hat das »Blühen« der Rose gemalt? Die Inder. Das

_Prädikat_.

* * * * *

Wenn ich einen Kubus darstellen will, kann ich ihn darstellen, wie man

gelehrt wird, eine Zigarrenkiste oder dergleichen zu zeichnen. Damit

gebe ich seine äußere Form wie sie mir optisch erscheint, das Objekt,

nichts weiter und kann es gut oder schlecht machen. Ich kann aber auch

den Kubus darstellen, nicht wie ich ihn sehe, sondern was der Kubus ist,

sein Prädikat.

Die Kubisten waren die ersten, die nicht den Raum gemalt haben, das

Subjekt, sondern von dem Raum etwas »ausgesagt haben«, das Prädikat des

Subjekts gegeben haben.

Typisch ist bei unsern besten Malern die Vermeidung des Lebendigen. Die

sogenannte tote Natur suchen sie mit ihrem Geist lebendig zu machen.

* * * * *

Man gibt das Prädikat der stillen Natur; das Prädikat des Lebendigen zu

geben, bleibt ungelöstes Problem.

* * * * *

Kandinsky liebt das Lebendige leidenschaftlich, macht es aber zum

Schemen, um zur großen künstlerischen Form zu kommen.

* * * * *

Wer vermag das Sein des Hundes zu malen, wie Picasso das Sein einer

kubischen Form malt? (im Themastil der Musiker).

* * * * *

Ich muß mich, ohne Aufforderung, gegen den Gedanken wehren, daß am Ende

Leser, aus der Thatsache, daß ich oft Tiere male, den unberechtigten

Schluß ziehen, ich dächte bei diesen Erörterungen an meine eigenen

Sachen. Die Sache liegt vielmehr so, daß die Unzufriedenheit über mein

eigenes Schaffen mich zum Nachdenken zwingt und diese Zeilen hervorruft.

* * * * *

Das Groteske:

aus der Alltäglichkeit herausgenommen, wirkt daher viel stärker; man hat

das Gefühl des Eigenlebens, dem man ohne Prämissen glaubt, gern glaubt,

wie Märchen.

Größer ist die _naive Darstellung_, die die Wirkung des Grotesken (das

oft ein billiges, gefährliches Mittel ist) erreicht.

1912?

Einzelne Blätter.

3.

Was wir unter »abstrakter Kunst« verstehen.

Was heute von abstrakter Kunst existiert, ist nicht viel und das

Existierende ist Stückwerk und Gestammel. Es ist der Versuch, statt

unsre vom Weltbild erregte Seele, die Welt selbst zum Reden zu bringen.

Der Grieche, Gothiker und Renaissancekünstler stellte die Welt

künstlerisch dar wie er sie sah, wie er sie fühlte, wie er sie wollte;

der Mensch früherer Zeiten wollte durch die Kunst vor allem sich

befruchten; er hat auch erreicht was er wollte, -- er hat aber auch

alles dafür hingegeben, alles hat er dem einen Ziel geopfert: den

Homunculus zu konstruieren, die Kraft durch das Präparat zu ersetzen,

Geist durch Technik. Der Affe äffte seinem Schöpfer nach. Selbst die

Kunst zwang er zu Handlangerdiensten.

Der Berg ist erklommen. Der Gipfel ist eine Öde, in der sich der Mensch

nicht lange aufhalten wird. Wir leben schon auf der »anderen Seite«, auf

der Seite der Nichteitelkeit, der Nichtanwendung des Wissens. Das Können

und das Wissen tragen wir in uns; tonlos; über die Technik des Daseins

redet der Edle nicht. Nur das Eine muß geschehen: die Befreiung der

Kunst aus ihrer Maskierung. Die Kunst ist heute nicht mehr dazu da, den

Menschen zu großen oder kleinen Vorwänden zu dienen.

Die Kunst ist metaphysisch, wird es sein; sie kann es erst heute sein.

Die Kunst wird sich von Menschenzwecken und Menschenwollen befreien. Wir

werden nicht mehr den Wald oder das Pferd malen, wie sie uns gefallen

oder scheinen, sondern _wie sie wirklich sind_, wie sich der Wald oder

das Pferd selbst fühlen, ihr absolutes Wesen, das hinter dem Schein

lebt, den wir nur sehen; es wird uns soweit gelingen, als es uns

gelingt, die traditionelle »Logik« von Jahrtausenden beim künstlerischen

Schaffen zu überwinden. Alles künstlerische Schaffen ist alogisch. Es

gibt künstlerische Formen, die abstrakt sind, mit Menschenwissen

unbeweisbar; sie hat sie zu allen Zeiten gegeben, aber stets wurden sie

getrübt von Menschenwissen, Menschenwollen. Der Glaube an die Kunst an

sich fehlte, wir wollen ihn aufrichten: er lebt auf der »anderen Seite«.

4.

Wir müssen von nun an verlernen, die Tiere und Pflanzen auf uns zu

beziehen und unsre Beziehungen zu ihnen in der Kunst darzustellen. Das

ist vorbei, muß vorbei sein oder wird wenigstens eines Tages, -- oh des

glücklichen Tages! -- vorbei sein. Jedes Ding auf der Welt hat _seine_

Formen, seine Formel, die nicht wir erfinden, die wir nicht mit unsern

plumpen Händen abtasten können, sondern die wir intuitiv in dem Grade

fassen, als wir künstlerisch begabt sind. Es wird immer Stückwerk

bleiben, solange wir in diesem erdgebundenen Dasein stehen, -- aber

glauben wir nicht alle an die Metamorphose? Wir Künstler alle, weshalb

suchten wir ewig die metamorphen Formen? Die Dinge wie sie wirklich sind

hinter dem Schein?

5.

Die absolute Malerei.

Die Dinge reden: in den Dingen ist Wille und Form, warum wollen wir

dazwischen sprechen? Wir haben nichts Kluges ihnen zu sagen. Haben wir

nicht die tausendjährige Erfahrung, daß die Dinge um so stummer werden,

je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung

vorhalten? Der Schein ist ewig flach, aber zieht ihn fort, ganz fort,

ganz aus eurem Geiste weg, -- denkt euch fort samt eurem Weltbild, --

die Welt bleibt in ihrer wahren Form zurück und wir Künstler ahnen diese

Form; ein Dämon gibt uns zwischen die Spalten der Welt zu sehen und in

Träumen führt er uns hinter die bunte Bühne der Welt.

Grenzen der Kunst.

-- -- -- Am freiesten arbeiten glaub ich die zwar äußerst seltenen

Dichter; wenigstens haben die Schriftsteller es beim Publikum

durchgesetzt, daß bei ihnen der Mond in die Zimmer spazieren darf; man

darf sogar eine Sonne im Herzen tragen, Sterne herunterholen usw. Aber

lassen Sie einmal einen Maler den Mond in einer Stube aufhängen oder auf

den Tisch legen usw. Manches ist auf Verordnungswegen erlaubt worden, z.

B. einem Pferde Flügel ansetzen; aber man muß das Patent »Pegasus«

darunter schreiben.

Religiöses.

Es ist unglaublich, wie wenig die Menschen von heute aus Museen lernen.

Warum schaffen sie Museen, wenn sie nicht daraus lernen wollen? Und sie

könnten _alles_ daraus lernen, nämlich das Eine, Große, daß es keine

große und reine Kunst ohne Religion gibt, daß die Kunst desto

künstlerischer war, je religiöser sie gewesen (und umso künstlicher, je

unreligiöser die Zeit war). Auch haben die vollkommen recht, die sagen,

daß echte Kunst mit unsrer wissenschaftlichen und technischen Zeit

unvereinbar ist, -- nur glaube ich, irren sie, wenn sie denken, daß die

Kunst sterben wird. Vielmehr ist gewiß, daß die Wissenschaft und Technik

zu kleinen Nebendisziplinen unseres Lebens herabsinken werden; der

Taumel über unsre Klugheit wird sich bald legen und die Kunst wird

wieder zum großen Gott, ja die Begriffe Gott, Kunst und Religion werden

wiederkommen; neue Symbole und Legenden werden in unsre erschütterten

Herzen einziehen.

Gibt es ein kläglicheres Schauspiel als das Entzücken unsrer Leute über

den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik? Gibt es etwas

Beschränkteres und Traurigeres als das Triumphgefühl unsrer Leute, alle

Religionen überwunden zu haben? Das glauben sie nämlich, die »guten

Mitteleuropäer«. Auf was stützen sie ihren Dünkel? z. B. auf Maschinen.

Als ob es irgendeine Maschine gäbe, die nicht schlechteste Imitation

vergangener Handarbeit des Menschen ist. Surrogat an dem der Geist

verhungert. Eisenbahn -- die platteste Plebejererfindung; Flugmaschine,

-- kann sie irgendwie dem Geiste dienen? Direkte Beförderung von A nach

B, Luftlinie. Das ist doch nichts besonders Geistreiches. Im Gegenteil

höchst plebejisch, so gefährlich zu eilen. Der einzige Witz unserer

gesamten modernen Technik ist offenbar der, uns vom Denken abzuhalten,

_Geist zu sparen_. Wer mit Geist und in Gedanken heute geht, wird wegen

Verkehrsstörung in Haft genommen oder überfahren. Es wird aber eine Zeit

kommen, in Bälde, da wird man unsre ganze Technik und Wissenschaft

grenzenlos langweilig finden; man wird sie _vollkommen liegen_ lassen,

ja vergessen; man wird gar keine Zeit dazu haben, weil man mit geistigen

Gütern handeln wird.

Aus den 100 Aphorismen: Das zweite Gesicht.

Geschrieben Anfang 1915 im Felde.

1.

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Jedes Ding hat seinen Mantel und Kern, Schein und Wesen, Maske und

Wahrheit. Daß wir nur den Mantel umtasten ohne zum Kern zu gelangen, daß

wir im Scheine leben, statt das Wesen der Dinge zu sehen, daß uns die

Maske der Dinge so blendet, daß wir die Wahrheit nicht finden können, --

was besagt das gegen die innere Bestimmtheit der Dinge?

9.

Vom ersten Moment des Kriegsausbruches an war mein ganzes Sinnen darauf

gerichtet, den Geist der Stunde aus ihrem tosenden Lärm zu lösen. Ich

verstopfte mein Ohr und suchte dem Kriegsgespenst in den Rücken zu

sehen. Alle Zeichen des Krieges stritten wider mich. Sein Gesicht

blendete mich, wohin ich mich wandte. Der Denker meidet das Gesicht der

Dinge, da sie niemals das sind, was sie scheinen.

Ich zweifelte nie, daß die Europäer durch diesen Krieg nicht das

erreichen, was sie wollen und sagen. Sie wollten ihn ja nicht einmal,

wie sie alle beteuern! Aber ein geheimes, ihrem Wissen und Willen

fremdes Wollen rauschte in ihrem Blute und brach aus »wider Willen«.

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15.

Die Weltgeschichte hat ihre immanenten, vor dem Menschenauge sorglich

verheimlichten Gesetze, die erst der prometheische Mensch des 19. und

20. Jahrhunderts zu enträtseln begann, als er mit seiner ehernen

Wissenschaft von den Gesetzen der Natur auf ihren Schleichwegen folgte.

Unser Wissen verfing sich am ersten in den Dingen, die unsrer

Menschlichkeit am fernsten lagen: man begann mit den Sternen und Zahlen,

um heute endlich die Wissensformel gegen den Menschen selbst zu kehren.

Alles, das Größte ist heute in den Anfängen.

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23.

Es ist immer noch besser mit aller Glut auf eine regenerative Wirkung

des Krieges zu bauen als in den Unkenruf der Pessimisten, der Ideenarmen

und Müden einzustimmen; denn auch nur wir allein, unser heller Wille

bestimmt das weiße Schicksal.

25.

Wir werden im 20. Jahrhundert zwischen fremden Gesichtern, neuen Bildern

und unerhörten Klängen leben.

Viele, die die innere Glut nicht haben, werden frieren und nichts fühlen

als eine Kühle und in die Ruinen ihrer Erinnerungen flüchten. Wehe den

Demagogen, die sie daraus hervorzerren wollen. Alles hat seine Zeit und

die Welt hat Zeit.

30.

Kunst ist nur selten da. In den langen Pausen der Geschichte, in denen

die Kunst fern ist, nennt man Anderes, Ähnliches, ach sehr Unähnliches,

Unmögliches Kunst. Vielleicht will es ein kleines Bedürfnis so. Aber wo

ein Bedürfnis, eine Nützlichkeit nach Kunst schreit, haben wir schon

keine Kunst mehr, keinen Willen zur Form mehr.

31.

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Traditionen sind eine schöne Sache; aber nur das Traditionen-schaffen,

nicht von Traditionen leben.

32.

Jeder Formbildner und Ordner des Lebens sucht das gute Fundament, den

Fels, auf dem er bauen kann. Dies Fundament fand er nur äußerst selten

in der Tradition; sie hat sich meist als trügerisch und nie als sehr

dauerhaft erwiesen. Die großen Gestalter suchen ihre Formen nicht im

Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten

Schwerpunkt ihrer Zeit. Nur über ihm können sie ihre Formen aufrichten.

Das dunkle Wort Wahrheit erweckt in mir immer die physikalische

Vorstellung des Schwerpunktes. Die Wahrheit bewegt sich stets, wandelbar

wie der Schwerpunkt; sie ist immer irgendwo, nur niemals auf der

Oberfläche, niemals im Vordergrund.

Wahrheit ist auch nie Erfüllung, Realität, künstlerische Gestalt,

sondern das Primäre, der Gedanke, religionsgeschichtlich ausgedrückt:

das »Wissen um das Heil«, das stets der Gestalt, d. i. der Kunst und der

»Kultur« vorausgeht.

35.

Der Tag wird nicht mehr fern sein, an dem den Europäer, -- die wenigen

Europäer, die es erst geben wird, -- der große Schmerz seiner

Gestaltlosigkeit überfallen wird. Dann werden diese Gepeinigten ihre

Arme recken und Formsucher sein. Sie werden die neue Form nicht in der

Vergangenheit suchen, auch nicht im Außen, in der stilisierten Fassade

der Natur, sondern die Form von innen herausbauen nach ihrem neuen

Wissen, das die alte Weltfabel in Weltformel, die alte Weltanschauung in

Weltdurchschauung verwandelt hat.

Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen

Überzeugung sein; sie ist unsere Religion, unser Schwerpunkt, unsere

Wahrheit. Sie ist tief und schwer genug, um die größte Formgestaltung,

Formumgestaltung zu bringen, die die Welt erlebt hat.

38.

Wir stehen in einer viel zu erregten Zeit, wir selbst sind zu erregt, um

die Bedeutung der Werke messen zu können, die die Pioniere der neuen

Zeit bis heute geleistet haben. Wir suchen nur die feine Grenze zwischen

dem Gestern und Morgen. Sie ist kein gerader Strich, wie ihn die

Handlanger der Moderne mit skrupelloser Hurtigkeit ziehen wollen um ihre

Jenseitigkeit zu zeigen, -- wahrscheinlich, um sie nicht zu verpassen,

da sie die einzige Stütze ihrer leidigen Gegenwart bildet.

Die Linie und Grenze, die wir sehen, schlingt sich in geheimnisvollen

Kurven vielfach weit zurück in Vergangen- und Vergessenheit und noch

weiter vor in Fernen, die unserem trüben Auge entrückt sind.

Gerade die neuen Europäer müssen die Selbstbeherrschung üben, kein

Ärgernis zu nehmen an den Gräbern und Ruinen, zwischen denen sie leben

und noch lange leben werden. Der Mensch lebt immer zwischen Gräbern, und

an seiner Würde, mit der er sich zwischen ihnen bewegt, erkennen wir

seine Zukunftsart.

39.

Der schaffende Mensch ehrt die Vergangenheit dadurch, daß er sie ruhen

läßt und nicht von ihr lebt. Die Tragik unserer Väter ist es ja, daß sie

wie Alchimisten Gold machen wollten aus ehrwürdigem Staub. Sie verloren

ihr »Vermögen« dabei. Sie durchwühlten so viele Kulturen, daß ihnen das

naive Vermögen, eine eigene Kultur zu gestalten, verloren ging.

45.

Unser Geist ahnt heute schon, daß das Gewebe der Naturgesetze auch noch

ein Dahinter, eine größere Einheit verbirgt: die Gestalt des einen

Gesetzes statt der geheimnisvollen vielen, die heute für unser Auge die

»neue Buntheit der Welt« ausmachen.

Wir ahnen, daß das Gesetz der Schwerkraft immer ein Vordergrundsgesetz,

eine Prämisse und Konzession an unsre noch beschränkte Ausdrucks- und

Einsichtskraft ist; ebenso die Auseinanderlegung von Elementen- und

Energienlehre oder die getrennte Betrachtung der Schwingungsgesetze.

Wenn einmal für alle diese Gesetze Eine Formel gefunden sein wird, --

wir werden sie mit voller Sicherheit finden -- werden wir vielleicht das

dritte Gesicht haben.

55.

Unser uralter Wille, die trügerische Welt mit dem wahren Sein, dem

»Jenseits« zu vertauschen, kleidete früher dieses Jenseits künstlerisch

in die Formen der sichtbaren Welt. Heute träumen wir nicht mehr

eingeengt von den Dingen, sondern verneinen sie, da unser Wissen zu

jenem Leben vorgedrungen ist, das sie verbergen.

Gott kam einst in einer Krippe »zur Welt«. Heute steht sie leer. Wir

suchen die Formwerdung jenseits des heiligen Stalles in der visionären,

in gesetzlichen Formen sichtbar gewordenen Natur.

Unser heute noch latentes Wissen wird sich morgen in formbildnerische

Kraft wandeln.

70.

Auch die Wissenschaft ist nicht ein Ziel, sondern eine Art unseres

Geistes.

78.

An die Stelle des Naturgesetzes als Kunstmittel setzen wir heute das

religiöse Problem des neuen Inhalts. Die Kunst unsrer Epoche wird

zweifellos tiefliegende Analogien mit der Kunst längstvergangener,

primitiver Zeiten haben, freilich ohne die formalistische Annäherung an

diese, die heute manche Archaisten sinnlos erstreben. Ebenso zweifellos

wird unsrer Zeit eine andre Epoche kühler Reife folgen, die ihrerseits

wieder formale Kunstgesetze (Traditionen) aufstellen wird, im

Parallelismus des Geschehens, in sehr ferner, reifer, späteuropäischer

Zeit.

79.

Den Menschen graut vor Leichen und Moder, -- warum thut er so vertraut

und gutmütig verliebt mit totem, faulendem Geist? Noch nicht die

einfachsten Vorsichten und Reinlichkeitsvorschriften gegen Ansteckung

und Seuche im geistigen Leben sind uns bekannt; die medizinischen

Wissenschaften thuen gerade, als gäbe es nur »ihre« Bazillen.

80.

Das geistige Kopfleben kennt dieselben Ansteckungsherde und

Bazillenträger wie das Rumpfleben der physiologischen Welt, das nur das

Paradigma des Geistes ist.

Mit listiger Verschlagenheit redet man aber immer von der

Ansteckungsgefahr, die dem Neuen, Ungewohnten, der unbewohnten Zukunft

anhaften soll, ein vielgeglaubter Satz der zurückstehenden, murmelnden

Menge. Man frägt die Mediziner nicht einmal, wie unmöglich dieses sei

und wie gewiß sein Gegenteil.

Nur in Zerfallsprodukten, in der Zersetzung des Alten lauert dem Geist

Gefahr. Zwischen frischen, nackten, neuen Dingen ist noch kein Geist

verseucht und erkrankt.

Wer lebt heute zwischen frischen Dingen?

Was ist _Reinheit_?

82.

Ich sah das Bild, das in den Augen des Teichhuhns sich bricht, wenn es

untertaucht: die tausend Ringe, die jedes kleine Leben einfassen, das

Blau der flüsternden Himmel, das der See trinkt, das verzückte

Auftauchen an einem andern Ort, -- erkennt, meine Freunde, was Bilder

sind: das Auftauchen an einem andern Ort.

83.

Reinheit und Helle; befreit sie von der alten Fessel der Konsonanz.

Mit heißem Auge und feurigem Ohr durch die neuen Jagdgründe ziehen.

Das Aufblühen des Unbekannten.

85.

Im großen Krieg stand in irgend einer Stunde und Sekunde jedes Herz

einmal, ein kleines einzigesmal ganz still, um dann mit leisem neuen

Pochen wieder langsam aufzuhämmern der Zukunft entgegen.

Das war die heimliche Todesstunde der alten Zeit.

Was ist uns heute von allem, was in unserm Rücken liegt, noch heilig?

Niemand, niemand kann von nun an über die Blutlache des Krieges hinweg

nach rückwärts und aus dem Rückwärts leben.

87.

Ich fing einen einsamen Gedanken, der sich wie ein Falter auf meine

hohle Hand setzte: der Gedanke, daß schon einmal sehr frühe Menschen

gelebt haben, die in unserem zweiten Gesicht standen und das Abstrakte

liebten wie wir.

In unsern Völkermuseen hängt so manches Ding ganz verschwiegen und sieht

uns mit seltsamen Augen an.

Wie waren solche Erzeugnisse eines reinen Willens zum Abstrakten

möglich? Wie solche abstrakten Gedanken denkbar ohne unsre neuen

Möglichkeiten des abstrakten Denkens?

Unser europäischer Wille zur abstrakten Form ist ja nichts anderes als

unsre höchst bewußte, thatenheiße Erwiderung und Überwindung des

_sentimentalen Geistes_. Jener frühe Mensch aber war dem Sentimentalen

noch nicht begegnet, als er das Abstrakte liebte.

89.

So erscheint dem späten Denker das Abstrakte wieder als das natürliche

Sehen, als das primäre, intuitive Gesicht, das Sentimentale aber als

hysterische Erkrankung und Reduktion unsres geistigen Sehvermögens.

Alle hohen Völker und nicht zum wenigsten die Orientalen verfielen

alternd dieser Krankheit.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 146 / 158 题