L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto
zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach
nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform
vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber
formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus
meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich
bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor
allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen
Wissenschaften, die sich zur »angewandten Wissenschaft« mißbrauchen
ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der
Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er
zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung
nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren,
umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.
Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des [Griechisch:
agôn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und
betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor
ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese
merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht »erklären«, aber
auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an,
seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren,
_Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des
Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der
christlichen Religion machten, -- das war auch »angewandte Religion«!)
Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der
demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der
Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr
der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen
Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen:
wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die
Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich
hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein,
»wo's fehlt«, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus,
und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei.
Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir
»verstanden« werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht
auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, -- nur so kann
man seiner Zeit oder einigen Seelen »vorangehen«.
Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser
Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen,
hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort
gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst
nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft
machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren
wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum
Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, -- insofern behältst Du
betreff *** wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu
Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch
verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in
unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt
wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr
_loszulösen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg
nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres
wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten
bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es
anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen
Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner
Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies
Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.
Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- köstlich!! Er ist das
schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte
des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte
Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther
berückend stark und klar.
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Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich
wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab
Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so
dringend bald wieder haben wolltest.
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