14. I. 16.

L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto

zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach

nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform

vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber

formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus

meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich

bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor

allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen

Wissenschaften, die sich zur »angewandten Wissenschaft« mißbrauchen

ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der

Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er

zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung

nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren,

umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.

Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des [Griechisch:

agôn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und

betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor

ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese

merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht »erklären«, aber

auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an,

seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren,

_Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des

Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der

christlichen Religion machten, -- das war auch »angewandte Religion«!)

Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der

demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der

Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr

der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen

Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen:

wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die

Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich

hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein,

»wo's fehlt«, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus,

und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei.

Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir

»verstanden« werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht

auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, -- nur so kann

man seiner Zeit oder einigen Seelen »vorangehen«.

Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser

Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen,

hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort

gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst

nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft

machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren

wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum

Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, -- insofern behältst Du

betreff *** wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu

Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch

verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in

unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt

wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr

_loszulösen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg

nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres

wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten

bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es

anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen

Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner

Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies

Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.

Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- köstlich!! Er ist das

schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte

des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte

Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther

berückend stark und klar.

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Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich

wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab

Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so

dringend bald wieder haben wolltest.

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Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 118 / 158 题