L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest
verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen
diesmal »rechtzeitig« ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder »auf
Reisen« gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer
Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es
schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und
unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne führt, bin ich
sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden
wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.
Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare,
Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), -- so lies Fabre,
Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und
Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen
dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und
Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders),
Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen
Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als
Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge,
geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem
Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die
zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir
längst aus dem Kurs; es gibt höchstens »Gesetz-mäßigkeiten«; die
Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern
Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft
ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch
nur »Anschauung«. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und
immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man
der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein
will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der
Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im _Leben_
zeigen, _muß_ es ja. -- -- -- --
Gemütlich-Leiningen,
16. XII. 15.
L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die
uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens
schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen.
Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natürlich
unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen
Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird,
eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn
gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau.
_Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, --
denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich
Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen
stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum können wir zusammen gar nicht
über _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch
gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über
mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen
zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht,
bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für ***
chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene
bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, -- aber
für *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal:
man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts
Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft
bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen,
_Gültiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich
der Kunst geschehen und da heißt es: »wer es fassen kann, der fasse es«.
Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit
der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer
wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's
Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert
wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen
wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes
bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_,
der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag
ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch
bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden
Dingen, die er dann als »Ideen« in Kurs setzt. Man sollte viel weniger
reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können
ihre Stimme erheben und »reden«, -- die haben ihre Sprache für sich, die
prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche
Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit
der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen
das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne »_Tendenz_« gebraucht,
ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für
unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_.
Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das
unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, -- wie war
es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich
weiß wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine
Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir
keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals
wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir
ein: schick mir doch französisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und
ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80
Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.
Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Kälte nicht
ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem
Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, -- so Leute wissen
immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du
ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurückkomme,
würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein.
Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch
Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jäger; und setz
ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du
könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, -- da hätte
die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das
_Mutterschaf_ sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B.
wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und
schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)
Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen
Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am
Schluß geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern
seelig-glücklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im
Brahms auf mich, während ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung
habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie
zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte
Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Frz.
Straßburg 20/21. XII. 15.
L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als
Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster
wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist
recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von
Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in
Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und
träumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist
etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine
Großstadt versetzt zu werden; (-- München wirkt nicht so unmittelbar auf
mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein
bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit
spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft
auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen
Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz
infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch,
unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da.
All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich
ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre
dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten
Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut!
Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders
melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber
in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich
gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich
hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden;
aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf
dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur
kleinsten Kleinigkeit entschließen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes
schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken
und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die
Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich -- -- -- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Tröste wir uns beide!
Es wird schon wieder alles gut für uns!
Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich
wieder ein Wägelchen erwartet!
In Liebe
Dein
Fz.