7. u. 8. XII. 15.

L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest

verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen

diesmal »rechtzeitig« ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder »auf

Reisen« gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer

Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es

schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und

unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne führt, bin ich

sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden

wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.

Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare,

Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), -- so lies Fabre,

Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und

Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen

dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und

Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders),

Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen

Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als

Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge,

geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem

Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die

zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir

längst aus dem Kurs; es gibt höchstens »Gesetz-mäßigkeiten«; die

Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern

Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft

ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch

nur »Anschauung«. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und

immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man

der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein

will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der

Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im _Leben_

zeigen, _muß_ es ja. -- -- -- --

Gemütlich-Leiningen,

16. XII. 15.

L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die

uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens

schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen.

Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natürlich

unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen

Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird,

eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn

gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau.

_Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, --

denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich

Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen

stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum können wir zusammen gar nicht

über _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch

gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über

mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen

zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht,

bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für ***

chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene

bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, -- aber

für *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal:

man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts

Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft

bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen,

_Gültiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich

der Kunst geschehen und da heißt es: »wer es fassen kann, der fasse es«.

Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit

der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer

wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's

Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert

wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen

wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes

bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_,

der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag

ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch

bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden

Dingen, die er dann als »Ideen« in Kurs setzt. Man sollte viel weniger

reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können

ihre Stimme erheben und »reden«, -- die haben ihre Sprache für sich, die

prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche

Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit

der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen

das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne »_Tendenz_« gebraucht,

ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für

unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_.

Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das

unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, -- wie war

es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich

weiß wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine

Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir

keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals

wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir

ein: schick mir doch französisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und

ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80

Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.

Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Kälte nicht

ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem

Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, -- so Leute wissen

immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du

ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurückkomme,

würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein.

Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch

Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jäger; und setz

ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du

könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, -- da hätte

die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das

_Mutterschaf_ sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B.

wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und

schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)

Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen

Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am

Schluß geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern

seelig-glücklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im

Brahms auf mich, während ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung

habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie

zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte

Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Frz.

Straßburg 20/21. XII. 15.

L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als

Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster

wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist

recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von

Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in

Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und

träumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist

etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine

Großstadt versetzt zu werden; (-- München wirkt nicht so unmittelbar auf

mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein

bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit

spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft

auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen

Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz

infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch,

unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da.

All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich

ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre

dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten

Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut!

Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders

melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber

in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich

gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich

hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden;

aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf

dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur

kleinsten Kleinigkeit entschließen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes

schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken

und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die

Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Tröste wir uns beide!

Es wird schon wieder alles gut für uns!

Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich

wieder ein Wägelchen erwartet!

In Liebe

Dein

Fz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 112 / 158 题