3. XI. 15.

L., Ührchen und Manschettenknöpfe sind richtig und gesund angekommen.

Ich habe eine wahre Freude dran, wieder so anständige Dinge in der Hand

zu halten und zu tragen; deshalb laß ich mir auch den silbernen

Reitstock machen, -- ich hab es zu lange entbehrt, mich anständig tragen

zu können. Mein Urlaub scheint mir ziemlich sicher; das Regiment hat ihn

befürwortet, was, wenn nicht irgendwelche Befehle höheren Ortes kommen,

wie z. B. Sperre, für die Divisionsentscheidung maßgebend ist. Ich fahre

dann wohl entweder morgen abend ab Metz oder übermorgen, -- ich glaube

nicht, daß es länger dauert. Treffpunkt natürlich bei Maman, wenn ich

Dir keinen genauen Zug telegraphiere. Zum Schreiben fehlt mir jetzt

natürlich jede Stimmung, nachdem ich hoffen darf, Dir in ein paar Tagen

meine Liebe mündlich zu sagen!

Es ist nicht verwunderlich, daß Ihr mein »sehen der Musik und Literatur«

nicht ganz verstehen könnt; es ist vollkommen die einseitige

Eigentümlichkeit meiner malerischen Begabung, musikalisch und

literarisch natürlich ein Manko; ich halte es für ausgeschlossen

(jedenfalls für einen unglücklichen Fall), wenn jemand für alle

Kunstarten ein gleich _reines Art_verständnis hätte. Ich habe

literarisch lange daran gelitten, weil ich so oft meinte, Dichtung eben

als Dichter und literarisch werten und genießen zu können. Dabei blieb

ich immer Dilettant (wie Goethe großen Angedenkens in der Malerei!).

Erst jetzt beginne ich mich vor Literatur ebenso frei zu machen, als ich

es seit langem vor Musik bin. Ich _sehe_ alles, alles ist in meiner

Auffassung bildnerisch figuriert. Auch ethische Gedanken wie die Bibel

z. B. setzen sich bei mir nicht als Sozialismus oder Pantheismus ab,

sondern gehen in rein bildnerische, malerische Gedanken auf. Ich werde

daher z. B. Tolstoi nie ganz folgen können.

Nun, diesmal nicht _addio_, sondern auf baldiges Wiedersehen.

Nach dem letzten Urlaub.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 98 / 158 题