25. V. 15.

L., Du schreibst in einem Deiner guten Briefe »man sollte um der Sache

willen, -- um sie zu retten, alles ablehnen, was nicht dazu gehört« und

daß ein solcher Standpunkt das Heil für mich wäre. Du hast sehr recht,

daher auch gegenwärtig die große Spaltung meines Wesens, die von dem

ungewöhnlichen Leben und den ungewöhnlichen Ereignissen bestimmt wird.

Ich lebe eigentlich drei Leben nebeneinander: das eine Leben des

Soldaten, das für mich vollkommen Traumhandlung ist und bei dem ich

beständig den sonderbarsten Ideenassoziationen und Erinnerungen

unterworfen bin, z. B. als ob ich bei den Legionen Cäsars stünde, -- das

ist kein Witz; ich bin auch durchaus nicht krank, -- ich »sehe« uns

plötzlich so, ganz genau, bis in alle Einzelheiten. So kommen mir auch

die Bewohner der Gegend durchaus als Verstorbene vor, als Schatten (nach

dem griechischen Hadesbild). Das sind gar keine _Erlebnisse_ mehr für

mich; ich _sehe_ mich ganz objektiv wie einen Fremden herumreiten,

sprechen usw.

Das zweite Leben ist schon eher »Erlebnis«, die Gedanken an Europa,

Tolstoi, August, Ried, Bücher, die ich lese, Zeitungen und die Gedanken

an die schon jetzt ganz sagenumsponnene Front der Riesenheere, die

Fliegerkämpfe, (deren wir jetzt täglich Zeugen sind), meine Briefe, --

in all dem steckt schon eine Wirklichkeit, in die ich wenigstens

zuweilen meine Nase stecke und in der ich mich zuweilen wach, auf beiden

Füßen und _anwesend_ fühle, obwohl ich nie das Bewußtsein dabei

verliere, daß dies alles für mich nicht _wesentlich_ ist, nur Wege,

Spaziergänge ohne Ziel, die man zur Erholung und »um sich zu fühlen« und

um nicht unthätig zu sein geht, um dann wieder zu sich nach Hause

zurückzukehren, in sein eigenes gänzlich unsichtbares »_Heim_«. Und das

ist das _dritte_ Leben: das unbewußte Wachsen und Gehen nach einem Ziel;

das Keimen der Kunst und des Schöpferischen, der Keim, den man nicht

vorwitzig berühren darf. _Alles_ andre wird für mich unwesentlich und

gleichgültig, wenn ich über dieses eigentliche innere Leben brüte; wie

der Vogel über seinem Ei, so sitze und brüte ich über diesem Leben, --

und was ich sonst thue und denke, gehört gar nicht wesentlich zu mir.

Der wahre Geist braucht gar keinen Körper zu seinem Leben, -- vielleicht

ist ein Körper seine äußerliche Bedingung (Incarnation), aber er ist nur

wenig abhängig von ihm, kann sich von ihm zeitweise und besonders in

seinen wichtigen, wesentlichen Stunden ganz von ihm trennen. Vielleicht

wird Dir nicht ganz klar, was ich mit diesen Ideen ausdrücken will, sie

sind ganz spontane Erkenntnis, -- im übrigen eine Erkenntnis, die durch

alle Religionen geht.

Diese Trennung ist keine _Bedingung_; in einem harmonischen Erdendasein

wird sie überhaupt kaum fühlbar, -- wenn ich nach Ried und zu Dir

zurückkehre und arbeiten darf, werden sich hoffentlich meine drei

Personen wieder hübsch eng zusammenschließen. Aber gegenwärtig laufen

sie einzeln!

Wie geht's mit dem Essen? Schmeckt es K. und ißt er auch ordentlich?

Über den Klavierbetrieb bin ich sehr glücklich. -- -- -- -- --

Du bist enttäuscht -- -- -- -- --, -- laß Dich davon nicht zu sehr in

Deiner _offenen_ Haltung beeinflussen. Dieses: sich geistig zurückziehen

und »vorsichtig sein« kann ich nicht gut finden. Man muß so lebendig

sein, immer wieder und immer noch einmal von vorn anfangen zu können,

auch im Leben und _nie_ etwas nachzutragen, (-- eine ganz unnötige Last,

die man da »nachträgt«). Ich lasse die Menschen nicht so schnell aus.

Schade, daß es mit der Obsternte dieses Jahr nicht so reichlich wird, --

wer weiß übrigens. Bei schwacher Blüte fällt nicht viel ab und

vielleicht trägt der eine und andere Baum doch mehr, als man denkt. Die

guten Schwälbchen sollen nur nisten; das bringt Glück. Auf Hanni werd

ich immer neugieriger. --

-- -- -- -- --

Nun gute Nacht!

Dein Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 58 / 158 题