Ich habe eine merkwürdige Lektüre zufällig in die Hände bekommen, die
mich unsagbar tief berührt hat, gerade weil sie mich so ganz
überraschend und entgegen meinen bisherigen Anschauungen über
Missionswesen ergriffen hat: eine Biographie Livingstones! Ich bin ganz
erschüttert davon. Ich lege das Büchlein bei, (-- es gehört nicht mir,
schicke es mir darum baldmöglichst zurück). Es ist schriftstellerisch
ganz armselig, -- aber der Gegenstand, diese mystische Einfachheit des
wahren Genies, der durch das tiefste, furchtbarste Dunkel das Licht
seiner Idee trägt, ist so überwältigend, daß die Form einerlei wird. Ich
möchte kaum ein wissenschaftliches Buch über die Expedition Livingstones
lesen, -- allerdings wohl ein ausführlicheres als das vorliegende, vor
allem eines, das mehr persönliche Worte und Notizen Livingstones
enthielte; sieh Dich einmal im Buchhandel bei Lehmkuhl danach um, kauf
es und schenke es Maman von mir aus, -- später will ich es dann auch
lesen. Von der Lektüre dieses Büchleins aus bin ich Tolstoi, dem _wahren
Tolstoi_ wieder viel näher gekommen. Das ist Größe und »Poesie durch
sich«; die wenigen angeführten Worte Livingstones sind von einer so
klangvollen riesigen Erhabenheit, wie auf dem Grabstein das Wort von der
»offenen Wunde der Welt« oder die Worte S. 25, das ist ein Leben! da
kann man von einer That reden. _Wir alle faulenzen._ Man muß sich
_gänzlich opfern_; nicht: »sich an die Säule seiner Idee lehnen,« wie
ich mich letzthin, glaub ich, ausgedrückt habe, sondern sein Kreuz
tragen, an dem man für die Welt stirbt, -- dann nur könnte einst auf
unserem Grabstein die Mahnung an die Nachwelt stehen, für die man sich
geopfert: »Ihr seid teuer erkauft, -- werdet nicht der Menschen
Knechte.« (1. Corinth. 7, 23.)
Fortsetzung 22. V. 15.!
Inzwischen sind wir weit gereist; die neue Adresse ist wieder wie im
Herbst; siehe auf dem Kuvert; wir sind wieder in unserer alten Gegend
wie im Oktober-November, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber unter
ähnlichen Umständen. Es wird alles für mich immer traumhafter; wir
hatten zum Abzug aus E. die Wagen hochgeschmückt mit Blumen und trabten
nun so durch die gaffenden Dörfer wie ein Zug aus Dante's Inferno; ich
fühle dabei immer, daß eigentlich nur mein Körper reitet und ich ja ein
ganz anderes Leben lebe, ich weiß nur nicht genau _wo_; ich bin jetzt so
oft in solch einer Art Dämmerzustand, ähnlich wie im Traum, wenn man
merkt, daß man nur träumt und doch trotzdem weiterträumt. Dieses Gefühl
ist aber gänzlich unsentimental und unromantisch und noch weniger
selbstquälerisch; vielmehr wie eine Thatsache, daß man zeitweise das
Leben in mehreren Falten nebeneinander durchleben kann und die Einheit
von Lebensfunktionen nur sehr locker und fragwürdig ist. _Der Geist kann
unbedingt auch ohne Körper leben._ -- -- -- -- --