L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum
letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in
dem Buche »die Wahrheit« oder wollen wir sagen: »eine große Wahrheit
liegt«. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die
»Allgemeinheit« fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine
ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch
sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch
ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde
selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der
ihm _niemand_ geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner
zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu
persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar
nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich
habe, um einen _Maßstab_ für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das
Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B.
einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.)
und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge
oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den
Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese
Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig
soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das »Reich
Gottes« merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch
mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten
ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen
andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber »die Welt
ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht«. Das ist nicht Mystizismus
von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko -- ich denke an die paar
ganz ernsten Sachen von »uns«), sondern das ist unser heiligstes
Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß
ihre Kunst »nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so
einen Kitzel bezahlen«, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an
sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den
_Ursachen_ der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem
Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir »verbildet« sind,
Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt
viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell
und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß »exklusive«
Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen
Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen
Sucher, durch das »Abstrakte« allgemein Gültiges, Einigendes
auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern,
_die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen
gewöhnt waren_, so rätselhaften Werken), -- das ist vielleicht eine
ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden
auf die Melodie von »stille Nacht, heilige Nacht« oder die rührenden
Volkslegenden und Märchen.
Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen
Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens
sein kann, und nicht das Resultat des »gesunden Menschenverstandes«, an
den Tolstoi immer wieder appelliert.
Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr,
unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S.
245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. (»Jede Melodie ist
frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer
gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur
Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich
usw.«) Oder: »nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die
Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?« Das gleiche ist von den
Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie
und nicht auf das _Was_. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch
mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir
_müssen_ es uns aber in _jedem_ Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke
wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und
fremde Arbeit beherrschen.
Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist
und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh
gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh
ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich
unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß
alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch
ist kein einmal _festgelegter Typus_, mit dem man so einheitlich und
über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung
und der _Rangordnung_, die die physikalische Natur in allen ihren
»Betrieben, Werkstätten« anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu
können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der
Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber
nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das
christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und
herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist
richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco,
Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in
ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese
Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei
Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit _gleichem_ Maßstab
mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten,
all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele
Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt
wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung
und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so
thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung.
Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin,
Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach
Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine
Spatzen anführen, -- _er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon_.
In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig
gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da
besonders das berühmte _cis_-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von
Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es
jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das
erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das
zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist
inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite
gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um
mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den
erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert,
Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so
hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das
Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch _krankhaft_ von seiner
Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen
Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit
aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der
_Gesundheit_ Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die
erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des
menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man
nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren _kann_ und _darf_
und _soll_.
_A propos_: ich bin Vizewachtmeister -- nichts anderes. Deine übrigen
Befürchtungen sind ganz grundlos. *** bat um äußersten Preis von gelber
Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich
unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es
mich für diesen Preis nur freuen.