18. IV. 15.

L., ich hab den Tolstoi jetzt vollständig (aber gewiß nicht zum

letztenmal) gelesen und habe genau wie Du das unbeirrbare Gefühl, daß in

dem Buche »die Wahrheit« oder wollen wir sagen: »eine große Wahrheit

liegt«. Sie für uns oder für die Allgemeinheit, wie ich die

»Allgemeinheit« fühle, aus diesem Buche herauszuschälen, ist eine

ungeheuer schwere und verantwortungsvolle Aufgabe, an der bis jetzt noch

sehr wenig geschehen ist. Das ist kein Vorwurf für Tolstoi; sein Buch

ist eine moralische Riesenleistung und es ist im Grunde

selbstverständlich, daß er als Einzelmensch bei dieser Arbeit, bei der

ihm _niemand_ geholfen hat und die er mit den einseitigen Kräften seiner

zufälligen Begabungen und Schwächen lösen mußte, einseitig und allzu

persönlich vorgegangen ist. Ein einzelner Mensch kann das Problem gar

nicht erschöpfend und allgemeingültig wie einen Codex festlegen. Ich

habe, um einen _Maßstab_ für die Tolstoi-Gedanken zu gewinnen, z. B. das

Evangelium Markus gelesen, der herbste der vier Evangelisten. Lies z. B.

einmal das 4. Kapitel! (Vers 12!) und das unheimliche 5. (Vers 30 usf.)

und 7. Kapitel (ab Vers 14 und Vers 24!). Es sind nicht einzelne Dinge

oder Einwendungen gegen Tolstoi, die ich damit vorbringen will, nur den

Maßstab der Qualität seiner Ideen; Tolstoi wirkt, nachdem man diese

Kapitel in ihrer atembeklemmenden Großartigkeit gelesen hat, merkwürdig

soziologisch, Weltverbesserer, Glücksschwärmer. Er sieht das »Reich

Gottes« merkwürdig friedlich-ackerbaulich, als Glücksstaat, an und noch

mehr als: anständigen Vernunftstaat. Tolstoi ist gegen Jesus gehalten

ein ganz schwacher Menschenkenner; er hat seinen Idealtyp und einen

andern kann er sich vernünftigerweise nicht vorstellen; aber »die Welt

ist tief; und tiefer als der Mensch gedacht«. Das ist nicht Mystizismus

von mir (oder Daumier oder Klee oder Archipenko -- ich denke an die paar

ganz ernsten Sachen von »uns«), sondern das ist unser heiligstes

Lebensgefühl. Es ist einfach thöricht, von solchen Menschen sagen, daß

ihre Kunst »nur um einiger weniger krankhafter Mäzene willen, die so

einen Kitzel bezahlen«, geschaffen wurde. Tolstoi verwechselt eine an

sich gewiß schädliche und unsittliche Begleiterscheinung mit den

_Ursachen_ der Dinge. Mit dieser Folgerung verdirbt er vieles in seinem

Buch. Etwas anderes ist es, wo er behauptet, daß wir »verbildet« sind,

Krankheits- und Dekadenzprodukte unsrer Zeit. Darüber denk ich jetzt

viel nach. Ich glaube, man darf diese Behauptung ebensowenig vorschnell

und stolz zurückweisen als sie leichtsinnig bejahen. Daß »exklusive«

Künstler wie Daumier, van Gogh und Hokusai sich in ihrem tiefen

Weltgefühl in Einigkeit begegnen oder z. B. der tiefe Hang der modernen

Sucher, durch das »Abstrakte« allgemein Gültiges, Einigendes

auszudrücken (denn diese Tendenz liegt unbedingt in unsern, den andern,

_die stets bisher den persönlichen Einzelfall in der Kunst zu suchen

gewöhnt waren_, so rätselhaften Werken), -- das ist vielleicht eine

ebenso wichtige und große Sache als die Einigung von Hunderttausenden

auf die Melodie von »stille Nacht, heilige Nacht« oder die rührenden

Volkslegenden und Märchen.

Ich dränge mein Gefühl hier gar nicht zu einer raschen und gründlichen

Entscheidung, die nur das Produkt eines Lebenswerkes und vollen Lebens

sein kann, und nicht das Resultat des »gesunden Menschenverstandes«, an

den Tolstoi immer wieder appelliert.

Andrerseits: so unendlich viel, was Tolstoi sagt, ist so unbedingt wahr,

unabweislich, daß man absolut nicht daran vorbeigehen kann. Z. B. S.

245-46 über die moderne Romanliteratur und Musik. (»Jede Melodie ist

frei und kann von allen verstanden werden; aber kaum ist sie mit einer

gewissen Melodie verbunden und durch sie verbaut, so wird sie nur

Menschen, die sich mit dieser Harmonie bekannt gemacht haben, zugänglich

usw.«) Oder: »nehmen sie bei den besten Romanen unsrer Zeit die

Einzelheiten fort und was bleibt dann übrig?« Das gleiche ist von den

Impressionisten zu sagen. Die allermeisten legen das Gewicht auf das Wie

und nicht auf das _Was_. Und bei uns Kubisten etc. ist das leider noch

mehr wahr, gewiß mehr wahr, als wir es uns eingestehen wollen. Wir

_müssen_ es uns aber in _jedem_ Fall offen eingestehen. Dieser Gedanke

wird mich von nun stets beim Arbeiten und beim Nachdenken über meine und

fremde Arbeit beherrschen.

Der einzige Künstler unsrer Tage im Sinne Tolstoischer Volkskunst ist

und bleibt natürlich Rousseau, wenngleich dem reinen Geist nach van Gogh

gewiß nicht weniger Anspruch auf diesen Ehrenthron hat. Aber van Gogh

ist ja mit wenigen Porträtausnahmen für die Menge gänzlich

unverständlich!! Warum? Meine Antwort ist: weil es nicht wahr ist, daß

alle Gefühle allen gemeinsam und verständlich sein müssen. Der Mensch

ist kein einmal _festgelegter Typus_, mit dem man so einheitlich und

über einen Leisten verfahren kann, sondern unterliegt ganz der Wandlung

und der _Rangordnung_, die die physikalische Natur in allen ihren

»Betrieben, Werkstätten« anwendet, um etwas zu fördern und um wachsen zu

können. Differenzierung und Absonderung scheint mir eher gerade der

Schlüssel der menschlichen Lebensenergie zu sein. Aber ich kann darüber

nicht mit so wenig Worten reden. Jedenfalls ist für mich das

christliche, das Jesus-Problem viel komplizierter, dunkler und

herzensschwerer wie Tolstoi es aufzufassen scheint. Rousseau ist

richtige christliche Volkskunst, Meister Bertram auch. Grünewald, Greco,

Delacroix wirken neben diesen sehr affektiert und unehrlich, und in

ihrem Aufwand von großen und kleinen Mitteln unnötig. Könnte diese

Unstimmigkeit des Nebeneinander nicht davon herrühren, daß man zwei

Welten mit ganz verschiedenen Maßverhältnissen mit _gleichem_ Maßstab

mißt? d. h. mit dem Tolstoi-Maßstab des Einen? Laß Dich nicht verleiten,

all diese Fragen zu einschichtig zu nehmen. Die Welt hat viele

Schichten. Der Mensch ist in der weiten Natur ebenso Übergangsprodukt

wie das Tier oder die Pflanze; wenn er die Liebe, gegenseitige Achtung

und Hilfe als größten einigenden Lebensgrundsatz allmählich annimmt, so

thut er das wahrscheinlich auch aus der inneren Not seiner Entwicklung.

Aus Michelangelo (den Tolstoi unbedingt verpönen muß), Hölderlin,

Beethoven, Cézanne, spricht eine unendliche Weltliebe, Drang nach

Verständigung; aber jeder hatte seinen Maßstab; der Adler kann keine

Spatzen anführen, -- _er fliegt ihnen mit drei Flügelschlägen davon_.

In manchem hat Tolstoi natürlich auch über die Großen gewiß richtig

gedacht; z. B. den späten Beethoven in gewissen Werken; mir schwebt da

besonders das berühmte _cis_-Moll-Quartett vor, das ich zweimal (von

Joachim und später glaube ich von den Böhmen) hörte. Mir wurde es

jedesmal langweilig, weil es mir ganz künstlich gemacht schien. Das

erstemal dachte ich natürlich, daß ich zu dumm bin, es aufzufassen; das

zweitemal schwor ich mir, es nicht ein drittesmal anzuhören; es ist

inhaltlich fad und in eine künstliche Stimmung und ungeheure Breite

gebracht. Jetzt würde ich es natürlich erst recht noch einmal hören, um

mein Urteil zu prüfen. Gänzlich unverständlich ist mir, wie man den

erotischen Einschlag in reinen Kunstwerken, wie dem Violinkonzert,

Kreuzersonate, 7. und 9. Symphonie, Michelangelo, die Griechen usw. so

hassen kann, wie Tolstoi es thut. Wie kommt er dazu, überall das

Geschlechtlich-Häßliche zu sehen? Das ist auch _krankhaft_ von seiner

Seite; am Ende traut er sich auch einmal nicht mehr durch einen

Blumengarten zu gehen. Gegen eine solche Auffassung wende ich mich mit

aller Leidenschaft. Dieser Punkt läßt mich sehr zweifeln an der

_Gesundheit_ Tolstoischen Denkens. Der erotische Witz sowohl wie die

erotische Erregbarkeit und Leidenschaft sind Grundelemente des

menschlichen Fühlens (gerade des einfachen, geraden Menschen), die man

nicht durch christliche Liebe zudecken oder abschnüren _kann_ und _darf_

und _soll_.

_A propos_: ich bin Vizewachtmeister -- nichts anderes. Deine übrigen

Befürchtungen sind ganz grundlos. *** bat um äußersten Preis von gelber

Kuh; ich schrieb ihm den Netto-Kriegspreis für mich: ..., gänzlich

unverbindlich für später. Wenn in diesen Zeiten jemand kauft, würde es

mich für diesen Preis nur freuen.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 51 / 158 题