L.,

Je gründlicher und öfter ich Deine letzten Briefe lese, desto zwingender

erscheint mir ihre innere künstlerische Logik. Ich streifte in den

Aphorismen die Wahrheit an allen Seiten, ohne jemals das »Eigentliche«,

Wesentliche zu sagen; sie bedeutet eine völlige Abkehr im Sinne des

Gleichnisses vom reichen Jüngling; erst wenn die ganz vollzogen ist,

kann man prüfen, ob die Gefühle, die überbleiben, wertvoll genug sind,

um auch den Anderen etwas zu bedeuten. Bei den allermeisten wird es

_nicht_ der Fall sein; ihre Bilder würden gänzlich reizlos oder besser

gesagt: sie würden aufhören, welche zu malen. Die Beschaulichkeit, die

reinliche Zurückhaltung, das Gewissen würde sie vom unreinen Produzieren

abhalten. Nach diesem edlen Maßstab gemessen bleibt von der gesamten

europäischen Kunst _äußerst wenig übrig_! Der entwicklungseitle Geist

der modernen Jahrhunderte war der Kunst, wie wir sie träumen, allzu

abhold. »Kunst ist nur ganz selten da«. Ich denke viel über meine eigene

Kunst nach. Der Instinkt hat mich im großen und ganzen auch bisher nicht

schlecht geleitet, wenn die Werke auch unrein waren; vor allem der

Instinkt, der mich von dem Lebensgefühl für den Menschen zu dem Gefühl

für das Animalische, den »reinen Tieren« wegleitete. Der unfromme

Mensch, der mich umgab, (vor allem der männliche) erregte meine wahren

Gefühle nicht, während das unberührte Lebensgefühl des Tieres alles Gute

in mir erklingen ließ. Und vom Tier weg leitete mich ein Instinkt zum

Abstrakten, das mich noch mehr erregte; zum zweiten Gesicht, das ganz

indisch-unzeitlich ist und in dem das Lebensgefühl ganz rein klingt. Ich

empfand schon _sehr_ früh den Menschen als »häßlich«; das Tier schien

mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel

gefühlswidriges und häßliches, so daß meine Darstellungen instinktiv,

aus einem inneren Zwang, immer schematischer, abstrakter wurden. Bäume,

Blumen, Erde, alles zeigte mir mit jedem Jahr mehr häßliche,

gefühlswidrige Seiten, bis mir erst jetzt plötzlich die Häßlichkeit der

Natur, ihre _Unreinheit_ voll zum Bewußtsein kam. Vielleicht hat unser

europäisches Auge die Welt vergiftet und entstellt; deswegen träume ich

ja von einem neuen Europa, -- aber lassen wir Europa aus dem Spiele;

Hauptsache ist _mein Gefühl_, mein _Gewissen_, wie Du sagst. Mein

Gewissen sagt mir, daß ich vor der Natur (im weitesten Sinn) vollkommen

richtig und zwingend fühle; und wenn ich nur von meinem Lebensgefühl

ausgehe, sie mich nicht mehr angeht und berührt wie die Kulissen eines

Theaters, mit der man eine Dichtung, drapiert. Die _Dichtung_ selbst

stammt aus ganz anderen Dichter- und Urgründen; und will ich sie

ausdrücken, so wie ich sie fühle, darf ich nicht mit Kulissen arbeiten,

sondern einen weltbildfernen reinen Ausdruck suchen. Ob es einen solchen

gibt? Ob er je rein gefunden wird in der Malerei? In der Musik ist er

gefunden worden, da hast du recht; aber wie schnell ist er wieder

verloren worden! »Nichts konnten wir _zwingen_ damit«, -- das wollte ich

sagen, die _relative Erfolglosigkeit_ jenes frühen Sieges wollte ich mit

jenem Satz ausdrücken. Kandinsky ist zweifellos jenem Ziel der Wahrheit

nah auf der Spur, -- darum liebe ich ihn so. Du magst ganz recht haben,

daß er als Mensch nicht rein und stark genug ist, sodaß seine Gefühle

nicht allgemein gültig sind, sondern nur sentimentale, sinnlich nervöse,

romantische Menschen angehen. Aber sein Streben ist wundervoll und voll

einsamer Größe. Du mußt aus dem Vorstehenden nicht schließen, daß ich

jetzt nach meinem alten Fehler wieder beständig über die mögliche,

abstrakte Form _nachdenke_; ich suche im Gegenteil sehr _gefühlsmäßig_

zu leben; mein äußerliches Interesse an der Welt ist sehr keusch und

kühl, sehr _durch_schauend, sodaß das _Interesse_ sich nicht in ihr

verfängt, und ich gegenwärtig eine Art negatives Leben führe, um dem

reinen Gefühl Raum zum Atmen und zur künstlerischen Entfaltung zu geben.

Ich vertraue viel auf meinen Instinkt, auf das triebhafte Produzieren;

das kann ich erst wieder in Ried; aber dann wird es auch kommen; ich hab

oft das Gefühl, daß ich irgend etwas Geheimnisvolles, Glückliches in der

Tasche habe, das ich nicht ansehen darf; ich halte die Hand drauf und

befühle es zuweilen von außen. --

Was Du von K. erzählst, ist sehr hübsch.

-- -- --

Dein Frz. M.

13. 4. 15.

L., wenn ich Zeit finde, sehe ich mir hier immer die Gärten an, meist

sehr alte Anlagen von einem merkwürdig kühnen und dabei klugen,

besonnenen Stil; die Art der Weganlage ist einfach vorbildlich, läßt

sich aber natürlich nie nachbilden, da sie stets so vollkommen dem

jeweiligen Haus und Gelände angepaßt ist, daß man nie zwei gleiche oder

nur ähnliche Anlagen findet. Ich denke oft an Ried und wie wir das

Grundstück einmal gliedern wollen. Alles hängt natürlich davon ab, ob

wir die Nebenwiese bekommen oder nicht. Auch in der Beetanlage hab ich

sehr merkwürdige Sachen gesehen. Alles treibt jetzt schon heraus; es ist

ganz erregend, in einem solchen reichen alten Garten zu stehen, wo einen

der Frühling mit Millionen kleinen Augen ansieht. Ich bin noch mehr als

je in die Blumen und Blätter verliebt. Ich seh sie jetzt so anders an,

irgend ein Gefühl von Mitleid ist immer dabei, eine Art Mitwissertum;

man sieht sich einander an, stumm und mit der Geste: »wir verstehen uns

schon; die Wahrheit ist ganz wo anders; wir beide stammen alle von ihr

und kehren einst zu ihr zurück«. Mit Menschen kann man fast nie so

verkehren; da stoßen immer die Ichs aufeinander; am wenigsten vielleicht

noch bei Klee; -- -- -- -- --. K. scheint ja eher ein reiner Mensch zu

sein; aber ich muß erst etwas von seiner _eigenen_ Musik hören, auf die

ich furchtbar gespannt bin. Ich bin in meinem ganzen Wesen so sehr

produzierender Charakter (-- es steckt wie eine Krankheit in mir), daß

mir harmlose Güte im Leben wenig sagt. Vielleicht wenn ich älter und

ruhiger werde; mir wurde bei meinen Gedanken über K. so viel wohler, als

Du schriebst, daß er ganz produzierender Mensch sei und sich quält, --

dann geht es schon immer besser im gegenseitigen Verkehr. Ich werd ihn

sicher gern haben. Ja, einen Freund haben! Wieviel hab ich heimlich um

*** gelitten; daß mir dieser Charakter so entgleiten mußte! Mit

Kandinsky werde ich immer eine Art Männerfreundschaft halten, trotz

allem und allem; freilich: an eine Zusammenarbeit glaub ich auch nicht

mehr. Aber ich muß so viel an ihn denken. Ich weiß, daß dieser Mensch

innerlich fürchterlich leidet. Sein ganzes Wesen, vor allem, wenn ich

jetzt an ihn zurückdenke, verrät es. August's Tod ist eine unersetzliche

Lücke für mein Leben. Seine Kunst strahlt zwar nicht stark zu mir

herüber, -- aber der Mensch!! Er war meine »Erholung« im Jahr. Wenn er

da war, hatte man »Ferien«! Was wohl aus Lisbeth wird? -- -- -- -- --

Wenn nur *** glücklich wiederkehrt! Das Schicksal abenteuert wirklich

sehr bedenklich mit seinem teuren Menschenmaterial. Eine derartige

Sterbelust und Opferdrang hat doch die Menschheit noch nie erfaßt wie

heute. Die Disziplin ist ja nur die Organisation dieses Dranges, dieses

Herandrängens an den Tod. Die Verwundungen sind die Enttäuschungen: Das

Ich erwacht und bemerkt, daß es nichts gewonnen, aber seinen dummen

Finger oder Arm verloren hat. Das ist das Satyrspiel der großen

Tragödie. Aber die Toten sind unsagbar glücklich. Wenn aus diesem Krieg

kein Dichter und keine Musik hervorgeht, dann gibt es überhaupt keine

mehr. Du schüttelst sicher wieder den Kopf und meinst: ich fasle; aber

ich sag Dir: Du weißt nichts vom Krieg. Vielleicht ist es auch so, daß

ich ihn nicht anders sehen _will_ oder _kann_; beim Anblick dieses

Kämpfens und Sterbens geht es mir genau so, wie wenn ich die Natur

ansehe, in der es auch nicht anders zugeht; aber man fingert eben nicht

kurzsichtig an ihrem Bilde herum, sondern sieht ganz weit hinter nach

dem Geist, der das einzig Lebendige und Mögliche an dem allen ist.

Wir haben kolossal angestrengte Tage und Nächte hinter uns, aber es wird

hier nicht mehr lange dauern.

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Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 50 / 158 题