20. Februar 15.

L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß

schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich

habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die

Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja

natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind

zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen

Photographie von außen, Fenster _rechts_ der Türe, ich beilege, in dem

es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das

Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der

Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und

die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar

lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel

korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich

müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre

natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene

ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn _Du_ es

abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite

einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen

setzen könnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube,

das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern

-- _tant mieux_! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist,

sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht

mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das

Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können,

wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein,

das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und

nicht als »Literatur«. -- -- -- -- --

Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig,

neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige

Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach

einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, --

aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler

bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren

überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von

vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _muß_ es eben. Ich

schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu

reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich

überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der

Ergänzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder »Stoff«

zum Leben.

Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das

Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in

seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 37 / 158 题