L., nun sind die 100 Aphorismen geschrieben; es ging zum Schluß
schneller, als ich dachte; ich hatte einige ganz ruhige Nachmittage. Ich
habe sie flüchtig noch einmal überlesen und erschrak manchmal über die
Schwierigkeiten, die sie für den Leser bergen. Gedruckt werden sie ja
natürlich zugänglicher sein; ich arbeitete in meinem Quartier (sie sind
zu Vierfünftel in F. geschrieben in einem kleinen Zimmerchen, dessen
Photographie von außen, Fenster _rechts_ der Türe, ich beilege, in dem
es keinen Platz zu einem Tisch gab und also zum Schreiben nur das
Knie!), das Heft stammt noch aus H.! Laß Dir ja Zeit mit der
Reinschrift, daß sie Dich nicht anstrengt; das Ganze ist so gedrängt und
die einzelnen Gedanken meist so gedrungen, daß man schon jedes Wort klar
lesen muß, um hinter seinen ganzen Sinn zu kommen. Ob noch sehr viel
korrekturbedürftig ist, kann ich jetzt absolut nicht beurteilen; ich
müßte es in einer klaren Abschrift überlesen können. Das Schönste wäre
natürlich Schreibmaschine; aber das ist wahrscheinlich teuer und Helene
ist viel zu beschäftigt, als daß ich sie bitten könnte. Wenn _Du_ es
abschreibst, nimm immer Doppelbögen, die Du nur auf der Innenseite
einseitig (rechts) beschreibst, damit man links eventuell Korrekturen
setzen könnte, -- oder immer eine Zwischenzeile leer lassen; ich glaube,
das erste wäre besser. Vielleicht ist ja auch gar nicht viel zu ändern
-- _tant mieux_! In einer Herausgabe großer klarer Druck; ob es gut ist,
sie mit I und II zusammen oder allein zu bringen, ist mir jetzt nicht
mehr klar. Ich glaube ja, daß der Zusammenhang mit I und II das
Verständnis sehr erleichtern könnte. Du wirst es erst beurteilen können,
wenn Du es selbst abgeschrieben hast. Wieviel Menschen werden reif sein,
das Buch _ernst_, also als geistiges Tatsachenmaterial zu nehmen und
nicht als »Literatur«. -- -- -- -- --
Was wirst Du selbst zu den 100 sagen? Darauf bin ich sehr neugierig,
neugieriger, als auf den Zorn der Vielen auf Nr. 95-97 oder das eisige
Schweigen der Menge. Vielleicht wirst Du auch wieder das Verlangen nach
einem großen, weitausholenden Buche über all diese Probleme haben, --
aber bedenke, daß ich nicht Schriftsteller oder Gelehrter, sondern Maler
bin; ich würde es wahrscheinlich nie können, und muß es Berufeneren
überlassen. Man weiß ja zur Genüge, wer ich bin; der Leser wird sich von
vornherein auf diese Voraussetzung einstellen, oder _muß_ es eben. Ich
schreibe ja im Grunde nur, weil die Berufenen versagen und um sie zu
reizen und zu wecken und letzten, und besten Endes schreibe ich
überhaupt nur für mich, und was ich schreibe, bedarf notwendig der
Ergänzung durch meine ungemalten! -- Werke. Nun hast Du wieder »Stoff«
zum Leben.
Schreib bald alles, was Du denkst; ich korrespondiere gern über das
Einzelne, wenn Du es anregst. Aber erwähne den Aphorismus stets in
seiner vollen Form; ich hab hier keine Abschrift.